Inhaltsverzeichnis
Zeitschriftenveröffentlichung des Romans: Teile 1–3. Nummerierung und Absätze wurden nach der Quelle beibehalten.
1
Die Taiga umklammerte das Haus mit Frösten, nur das Viereck der Ofenklappe blieb, himbeerrote Hitze verströmend. Die Taiga rollte im Frühlingsrauschen der Bäche heran, im Vogelstimmengewirr. Schwappte im rosa Blühen des Sumpfporsts, brach durch die Fenster herein mit dem anschwellenden Brausen des Windes, der die zottigen Wipfel der Kiefern schaukelte und Gewitterwolken auftürmte. Sie erfüllten die Träume der Bewohner des Dorfes Namchai mit dem Grollen eines Regengusses, der zwischen den Gebirgszügen geboren war und unzählige Bäche zu schaumgekrönten Mähnen aufwarf.
»Fest und unerschütterlich steht unser Dorf Namchai«, dachten seine Bewohner. Und tatsächlich, als wäre das Dorf von selbst an den Ufern des reißenden, eigensinnigen Flusses Taschur gewachsen: Häuser hatten sich erhoben, Höfe und Gemüsegärten waren um sie gewachsen, ihre tief eingewachsenen Wurzeln tranken Quellwasser aus der Erde. An die nadelbewachsenen Flanken der Taigahöhen hatte sich das Dörfchen geschmiegt, die in der Ferne immer höher wurden, vom Blau der felsigen Gipfel des Gebirgskamms durchtränkt. Die Dorfbewohner schliefen ein zum Grollen der Regengüsse, zu den herbstlichen Schreien der südwärts ziehenden Vogelkarawanen, zum rasenden Ansturm der Winde und Schneestürme, mit denen die Wolfsrudel um die Wette heulten, die mit grauen Schwänzen den Schnee an den Dorfrändern fegten und das beunruhigte Bellen der Hunde aufscheuchten.
In fernen Zeiten stürzte der Fluss Taschur — der seinen Namen natürlich noch gar nicht hatte — von Felsen herab, wälzte gewaltige Steine und spannte dabei die knotigen Muskeln seiner Strömung. Noch hatte der Fluss nicht einmal sein heutiges Bett in den steinernen Grund gefressen. Und damals kamen Steppenmenschen an seine Ufer. Sie zogen auf der Suche nach neuen Ländern umher, flohen vor Unheil, von Fehden untereinander gepeinigt.
Felsklippen, undurchdringliche Taigawildnis waren denen ungewohnt, die in der freien Weite der Steppe geboren waren. Die Fröste grimmig, Stürme und eisige Winde jäh, die Mückenplage machte wahnsinnig, einmal eingesetzter Regen fiel endlos. Dafür die Jagd — immer mit Beute, Fische sprangen an den Stromschnellen, freigebig waren die Gaben des Waldes.
Doch bald begriffen die angekommenen Steppenleute: Sie waren hier keineswegs die Herren. Sondern bei jemandem zu Gast, allerdings. Deutliche Pfade fanden sich, halb eingestürzte Fanggruben, zerlegte Tiergerippe. Auf weiten Lichtungen waren Gras und Gebüsch vom Weiden zahmer Rentiere niedergedrückt. Feuerstellen schwärzten den Boden, braune Kreise waren eingedrückt, wo Behausungen gestanden hatten, Tote waren auf Bäumen bestattet, auf hoch errichteten Plattformen.
Obwohl man nicht allzu vielen Spuren begegnete, vieles war zugewachsen, vieles von selbst verschwunden. Nun, vielleicht hatte es irgendwelche Menschen gegeben, die waren eben irgendwohin weitergezogen. Die Sippenleute hatten andere Sorgen. Den Winter hatten sie kaum überlebt: Alles war hier anders, für Pferde und Vieh war das Gelände ungeeignet. Die Jäger gingen in die wilden Wälder, erklommen steile Pässe. Doch sie konnten sich nicht verständigen, einander nicht erzählen: Wer war an welchem Ort gewesen, was gab es dort? In welcher Richtung, wie lange brauchte man dorthin? Alles ringsum war ohne Namen.
Einige Sippenleute brachen zu einem langen Marsch auf: Sie mussten einen geeigneten Ort suchen, an dem man lange bleiben konnte. Viel Kraft verloren sie beim Umherirren in der abgelegenen Wildnis. Vorn schlugen die ausdauerndsten Jäger, einander ablösend, einen Weg durch das dichte Gestrüpp. Plötzlich hörten sie einen scharfen, dröhnenden Laut … Das Walddickicht antwortete mit fernem, in der Ferne verklingendem Echo. Das kam unerwartet, alle wurden unruhig! Bald traten sie auf eine baumlose Ödfläche hinaus. Ein Jäger, er war als Erster weit vorausgegangen, hielt eine Trommel in den Händen. Er hatte darauf geschlagen, gerade eben. Was für eine Trommel, warum hatte er darauf geschlagen?
Eine Trommel mit straff gespannter, dunkel gewordener Rentierhaut, über und über mit Zeichnungen bedeckt. Auf der Rückseite sieht man, wenn man ein Rändchen umbiegt, dass die Haut ursprünglich weiß ist. In der Mitte ist so etwas wie ein Pfeil aufgemalt — aber vielleicht auch ein Tannenbaum mit zwei Ästen. Darüber irgendein Vogel — sieht aus wie das Skelett eines Vogels mit ungelenk abgespreizten Flügeln. Darunter, zu beiden Seiten des Pfeil-Tannenbaums, zwei Menschlein. Aus Strichen zusammengesetzt, mit kleinen Kreisen als Köpfen. Zwei große, halb gekrümmte Fische umschlossen die Zeichnung. Rings um die Fische unverständliche Zeichen, als hätten winzige Vögel alles zertrampelt, dreizehige Spuren hinterlassen. Figuren lassen sich erkennen, die in einer Reihe am Rand entlangziehen. Pferd, Hirsch, Wildschwein, Schlange, Maus, Stier, Hahn, Hund …
— Ich bin weitergegangen, sagte der Jäger, dort steht eine Kiefer, die teilt sich in drei Stämme. Oben ist eine Plattform aus Stangen gebaut, eine Grabstätte. Darüber kreisten Milane, rissen an der Beute. Ein Milan nahm etwas weg, packte es und flog davon. Ich pfiff schrill, so wie ich in der Steppe meinen Renner herbeirufe — vor Schreck ließ er die Trommel fallen.
— Das ist eine Grabstätte, und dort eine Trommel, sagte ein alter, weiser Steppenmann. Ein Schamane ist da wohl mit seiner Schamanentrommel bestattet. Ein böses Zeichen. Die Trommel eines dahingegangenen Schamanen. Du hättest sie nicht aufheben sollen, und dann auch noch darauf schlagen … Rufst nur Unheil herbei!
— In der Steppe galten solche Gesetze, widersprach der Jäger. Aber hier — ist alles anders. Wir wissen nicht, was um uns ist, wo wir uns befinden. Was waren das für unbekannte Menschen hier? Wenn wir die alte Steppe hinter uns herschleppen, wie sollen wir uns am neuen Ort einleben?
Alle dachten, der weise Alte spricht wahr. Doch auch der Jäger hatte seine eigene Wahrheit. Er hatte sich den ganzen Weg vorn durchgehauen, wie viel Last hatte er getragen. Von Muskeln umwunden, sein Auge zielsicher, bei der Jagd unermüdlich. Mit seiner Frau würde er Nachkommen hinterlassen, die Sippe fortsetzen. Sollte man auf den geachteten Greis hören, den die weiten Wanderungen aber ausgezehrt hatten?
Alle waren müde, warfen die Bündel ab, ließen sich kraftlos fallen. Weiter unten murmelte ein Bach. Man müsste Wasser holen und Feuer machen, Tee aufkochen, Dörrfleisch essen. Niemand konnte sich von der Stelle rühren. Selbst die Gedanken waren müde, die Beklemmung vor dem maßlosen Wald zerriss sie mit Krallen.
Der Jäger hielt die Trommel fest, als wollte sie ihm jemand wegnehmen. Er nahm Maß, holte tief Luft … Und schlug mit der Handfläche zu! Schlug so — und andersherum. In der Trommel schienen die Berge ringsum lebendig zu werden, die ihnen Wellen von windbruchübersäten Höhen entgegenrollten. Die Stimme der Trommel war drohend und grollend, das Echo antwortete, rollte in Rufen davon. Den Sippenleuten fiel ein Stein vom Herzen! Als riefe jemand sie, die Ratlosen und Verängstigten, ohne Scheu weiterzugehen, die Steilhänge zu erklimmen, von oben die unerforschten Länder zu sehen.
Der Jäger fand in den Rhythmus, stampfte mit den Füßen, wiegte sich wie in einem Wind, den nur er spürte. In den grollenden Schlägen auf die gespannte Haut hörte man das Pfeifen der Pfeile, den Hufschlag tausendköpfiger Reiterheere auf den heißen Trommeln der Steppen, das Klirren der Schwerter in Schlachten und die Schreie der Sterbenden, den zuschlagenden Flug des Steinadlers, das Heulen der Wölfe im eisigen Kosmos der Nächte.
Die Steppenleute verloren ihre Angst vor dem Unbekannten, fassten Mut, Entschlossenheit kam auf. Und das Feuer loderte, und Tee tranken sie, und sie aßen, was da war. Sie begannen zu den Gipfeln des Gebirgskamms hinaufzusteigen, wo weißhäuptige Greise ewig ihre Pfeifen rauchen und sich in Nebelzotten hüllen.
In einer weiten Mulde sahen sie beinahe dunkelblaue Teppiche, das waren Heidelbeeren. Und sie nannten die Mulde — Heidelbeermulde. In einem anderen kleinen Tal gab es viele Rauschbeeren, alles schimmerte bläulich. Das würde — Rauschbeertal heißen. Die nächste Talsenke war ganz von Preiselbeeren bedeckt: leuchtend rot und reif. Preiselbeersenke, also. So merkten sie sich alles.
Als sie einen wilden Fluss durchwateten, wärmte sich auf einem Stein eine zusammengerollte Schlange. Offenbar auch ein Zeichen. Der Fluss fließt weiter, doch nun schon — als Schlange-Fluss. Über einem hohen Pass kreiste ein Adler. Über dem Adlerpass also. Sie stiegen hinab, dort breitete sich ein See aus, an seinen Ufern Kiefernwald. Wachsame Hirsche ästen auf einer Lichtung. Auf der Lichtung bei nicht einfach irgendeinem See, sondern nun beim Hirsch-See. Und wieder gingen sie bergauf, dort erwartete sie der Wildschwein-Pass: Alles war von Wildschweinspuren zertrampelt. Durch die Isubrahirsch-Schlucht, über den Hase-Bach und den Wolf-Windbruch gelangten sie zum reichen Bär-Wald.
Manchmal wurde ihnen unheimlich in der Abgeschiedenheit, unter den schwer überhängenden Felsen, die wie Wächter den Weg versperrten … Oder sie begannen zu streiten, einander zu beschimpfen: Sollten sie weitergehen, und wo war die richtige Richtung? Vielleicht besser haltmachen, umkehren?.. Dann schlugen sie die Trommel, ihr Rhythmus erklang im Gleichklang mit den Herzen. Die Ängste wichen, weit fortgeschleudert. Die Sippenleute stellten sich im Kreis auf, fassten einander an den Händen, gaben Kraft und Wärme weiter. Sie stampften und tänzelten im Takt und füllten sich mit der Hoffnung, dass sie auf keinen Fall zurückweichen durften.
Nun wussten sie, wo man Heidelbeeren sammeln konnte, in welcher Mulde. Wo vor dem Bergrücken, den sie Nussrücken genannt hatten, die Hänge mit hohen Zirbelkiefern lagen, reich an Zapfen. Wie man zum Schlange-Fluss kam, den Hirsch-See erreichte und Fische fing. Und ein Jäger konnte erzählen: Ich war an diesem und jenem Ort, dort gibt es gute Jagdgründe!
Es war nicht mehr so beängstigend, für lange fortzugehen, die Wildnis ringsum schreckte sie nicht mehr, sie war fast wie Verwandtschaft, denn sie hatte Namen. Und die Geister der freien Steppe fanden sich nach und nach zurecht, wurden am neuen Ort heimisch. Nein, sie wurden natürlich nicht verwandt mit den Schutzgeistern des Berg- und Taigalandes … Aber sie lebten nun als Nachbarn, wenn die Dinge schon so lagen.
Nach einiger Zeit begegneten die Steppenleute kupfergesichtigen Waldmenschen. Sie schienen aus dem Taigadickicht hervorzutreten, aus dem dichten Mückenjucken. Konnten sich aber auch in irgendein Tier verwandeln oder in ein unbegreifliches, Grauen einflößendes Wesen. Ebenso lautlos verschwanden sie. Die Sippenleute waren bestürzt, das konnte man wohl sagen! Doch als sie sich allmählich gewöhnt hatten, fanden sie sich damit ab. Ja, von irgendwoher waren sie aufgetaucht … Aber sie waren auch früher hier umhergezogen, man war ihren Spuren begegnet. Dennoch blieb die Sorge: Was, wenn sie plötzlich ihre Trommel zurückforderten? Oder angriffen, sie von ihrem Land vertrieben?!
Manchmal hängt ein Jäger, wenn er im Dickicht müde geworden ist, seinen Beutel an einen Aststummel, setzt sich zum Ausruhen, streckt die dröhnenden Beine aus. Plötzlich streift mit anschwellendem Sausen ein gefiederter Pfeil mit knöcherner Spitze vorbei! So geschickt, dass er genau den Aststummel abschneidet. Der Beutel fällt ihm geradewegs auf den Kopf! Der Jäger fährt hoch, Todesschweiß übergießt ihn. Das war’s, Bursche, jetzt bist du dran! Die Waffe im Anschlag — zur Verteidigung, das Messer gleich zur Hand, damit es griffbereit ist. So einfach gibt er sein Leben nicht her, da haben sie sich den Falschen ausgesucht! Doch die Zeit zieht sich hin … Vogelstimmen spielen ringsum, flinke Sonnenflecken laufen übers Laub. Was soll das, hat jemand sich einen Spaß erlaubt, seine Treffsicherheit zeigen wollen? Wo? — was taucht da auf? — wer schleicht da? Tatsächlich: ein Rascheln in den Zweigen, ein grauer Schatten huscht vorbei. Ein Wolf tritt hinter einem Baum hervor! Ganz auf der Hut, das Fell am Widerrist gesträubt. Und zwischen den Zähnen hat er ebenjenen gefiederten Pfeil. Für seinen Herrn aufgehoben? Ch-chek! — und mit zwei Sprüngen ist er im Dickicht, verschwunden, weg ist er. Doch war da nicht etwas zu hören … perlte es, schien es aus der Ferne zu kommen? — helles, melodisches Lachen.
So etwas ungefähr geschah. Im Allgemeinen aber zeigten die Waldbewohner kein Interesse. Sehen konnte man sie — und auch das sehr selten, von weitem, für einen einzigen Augenblick. Als spürten sie Bewegung, verließen sie ihre Lager schon lange vorher. Selbst wenn jemand in ihre Richtung ging oder erst daran dachte, dorthin zu gehen.
Ihre Gesichter waren rötlich, nach unten schmal zulaufend, wie Fuchsgesichter, die Augen schräg gestellt. Es waren Kinder des Waldes. Leichtfüßig, sodass kein Zweig, kein Ästchen knackte; sie sprachen dieselbe Sprache wie das Tiervolk, zwitscherten und ahmten die Vögel mit allerlei Stimmen nach. Mit ihren Rentierherden zogen sie im ewigen Kreis umher. Ihr Kreislauf — wie sie Weiden und Jagdplätze wechselten, in dieser oder jener Reihenfolge, nach so und so vielen Jahren neue aufsuchten — vollzog sich, als hätte jemand eine Feder in ihnen aufgezogen. Bei ihrem endlosen Wandern schienen diese Waldleute sich vom Gehen abzunutzen, immer kleiner und kleiner zu werden. Die Spirale ihrer kreisförmigen Wege, die sich immer weiter verengten, zog sich auf einen unbekannten Punkt zu, ganz in der Mitte. Hier und da blieben von ihnen Kerbzeichen an den Bäumen. Und die sind eingeschlagen — wenn man verfolgt, dass die einen früher, andere später und dritte noch später eingeschlagen wurden —, immer tiefer als die ursprüngliche Markierung. Als hätte ein Kind sein Händchen dagegen gedrückt und beim Fortgehen eine Spur hinterlassen. Oder vielleicht bei der Rückkehr in den ursprünglichen Schoß der großen Mutter Taiga? Doch solchen Kerben nachzugehen — das sollte man lieber lassen. Wer auf sie trifft und ihnen folgt — wird verschwinden, in der lichtlosen Wildnis zugrunde gehen.
Schwer hatten es die Sippenleute, zu überleben. Wenn die grimmigen Fröste sie umklammerten, litten sie ohne Vorräte Not. Es kam so weit, dass sie einmal, bei grausamem Nahrungsmangel, die Rentierhaut von der Trommel zogen … Sie kochten sie, gaben den Kindern Streifen zum Kauen, damit sie nicht vollends verhungerten. Die Tierfiguren, die großen Fische, der Pfeil und die Menschlein, der Vogel darüber … wenn sie auch die eingefallenen Bäuche zerschnitten, so schnitten sie sich doch auch ins Gedächtnis ein, mit dem bitteren Hauch des Unheils — mit Rentierhauch und Taigahauch. Doch sie schnitten sich nur einem einzigen Jungen ein, der überlebte.
Weit wurden die Steppenleute auseinandergetrieben, stark dezimiert. Seuchenjahre, Missernten. Oder Brände durch Gewitter … Dann verschwand das Wild, floh möglichst weit vor dem Feuer. Viele Sippenleute zogen fort, auf der Suche nach irgendeinem Leben, wenn sie sich nur ernähren konnten. Und denen, die keine andere Wahl hatten … Denen blieb nur, zu Taigamenschen wiedergeboren zu werden. Ihr Blut wurde zu Preiselbeer-, Rauschbeer- und Heidelbeerblut, floss schneller — um die Wette mit den in den Schluchten brodelnden Flüsschen.
Doch an ihre Steppe erinnerten sie sich. Als wäre die Steppe mit ihren duftenden Gräsern, ihrer Himmelsweite, dem darin gleitenden Steinadler in einem Birkenrindenkästchen bewahrt. Und wenn man die Kräuter ausschüttet und anzündet … Dann kringeln sich Märchen und Überlieferungen empor, alte Legenden: den Kindern und Enkeln zur Freude, den Alten zum Frieden. Und dann kehrten die Taigamenschen in ihre alte Steppenurheimat zurück — als Steinadler im Flug, in Träumen — wie im Wachen.
Andere Fallensteller kamen, aus anderer Sippe und anderem Stamm. Sie bauten Hütten, mit Rinde gedeckt, zimmerten Vorratsspeicher auf Pfählen, richteten Räucher- und Trockenstätten ein, gruben für die erste Zeit Erdhütten aus und zimmerten dann auch Winterhäuser. Glückspilze waren unter ihnen und Glücklose und solche, die Kummer geschmeckt hatten. Sie beteten wohl zum Väterchen Baumstumpf und zum Mütterchen Birke. Obwohl sie auf demselben Baumstumpf auch einem eigenen Gefährten den Kopf abschlagen konnten, wenn zwischen ihnen etwas schiefgegangen war. Oder an einem Birkenast einen Strick zurechtmachen, in die Schlinge schlüpfen. Lieber sich die Kehle zuschnüren, als an der herandrängenden Schwermut zu ersticken … Und die — ist noch maßloser als diese ganze verfluchte Taiga ringsum! Solche Bräuche herrschten unter ihnen. Manchmal wussten sie weder um ihre Verwandtschaft noch ihren eigenen Namen, ehrten Vater und Mutter nicht und brachen Gottes Gebot.
Viele waren aus der Katorga entflohen. Bis in die Knochen, ausgekühlt von eisigen Weiten, hatte sie sich eingefressen. Aber dem einen war sie doch ein Fluch gewesen, dem anderen anstelle der leiblichen Mutter. Und nach langen Jahren, die mit den Fußketten der Schneestürme verklungen waren, gab es manchmal keinen Ort und keinen Menschen, zu dem man hätte zurückkehren können. Andere hatten sich um der Freiheit willen freikaufen müssen, mit bräunlichem, unscheinbar aussehendem gediegenem Gold. Aus einem Beutelchen, sicher an der Brust verborgen neben dem verblassten, doch seiner Kraft nicht beraubten Brustkreuz, war es in die geheime Schatulle des Polizeiverwalters dieser abgelegenen, von Gottes Welt verstoßenen Landstriche gewandert.
Und manchem begann das Blut heiß in den Adern zu spielen unter dem Zauberblick einer Schönen. War es ein Taigablick, ein See- oder ein Steppenblick? Die dunkle Nacht in ihren Augen sog ihn hinein … Und ferne Lichtblicke in Wolken, die Gewitter verheißen, und ein braunes Pferd und ein falbes strecken sich Seite an Seite über die Gräser. Hufschlag hallt im pochenden Herzen wider! Der entgegenfliegende Wermutwind, bitterer goldener Blütenstaub, der sich auf die Haut gelegt hat, herübergetragen von den in der Sonne verbrannten Bannern, die der zurückweichende August zurückließ …
Blutadern, die von den Flüssen der grenzenlosen russischen Ebenen herkamen, verschmolzen mit den vielen Strömen, die über Steine rasen, an Stromschnellen brodeln und als von Gischt ergraute Wasserfälle von Steilhängen stürzen. So wuchs das Herz an diesem kleinen Winkel fest, der zu etwas Maßlosem geworden war, das selbst im ganzen Herzen keinen Platz fand.
Bei den verschiedenen Zugewanderten, die hier sesshaft wurden, war das bisschen Gold auf verschiedene Weise gewonnen worden, auf verschiedenen Wegen hatte sich der kostbare, in Blut und Schweiß gewaschene Sand angesammelt. Doch das Gerücht kam auf, als lägen in diesen Gegenden überall an Flüssen und Bächen Goldklumpen herum. Wer hatte das vielleicht aus Dummheit oder im Suff ausgeplaudert? Oder böswillig Lügenmärchen verbreitet, um auf eine falsche Fährte zu locken?.. So konnte es gewesen sein und auch anders. Wahrscheinlicher aber — die Geschäftemacher, die mit Kapitalien hantieren, hatten ihre Hand im Spiel. Bei ihnen fließt das Kapital durch Unternehmen, Gesellschaften, Wertpapiere. Das Geld der Aktionäre locken sie ihnen für etwas ab, das in Zukunft Gewinn verspricht. Nun, ob es den verspricht oder nicht, lässt sich schwer vorhersagen. Der Plan dieser Geschäftemacher war, das Geld auf verschiedene angeblich angelaufene gewinnbringende Geschäfte zu verschmieren. Und selbst einen fetten Batzen dabei einzustreichen.
Nun, irgendwie war es so — Genossenschaften von Goldwäschern, die in verschiedenen Gegenden Sibiriens nach Gold umhergestreift waren, kamen hierher, zogen in die Taiga. Ihre Erkundung war organisiert, anhand von Proben verfolgten sie die goldführende Ader. Und andere tauchten auf — bloß so Goldsucher, die einen aus Not, die anderen durch ihre Lebensumstände. Doch zu Haufen taten sie sich zusammen, wanderten ebenfalls los, ihr Glück zu versuchen. Dann kamen irgendwelche ganz und gar aus ihrer Bahn Gerissenen nach, die wenig vom Goldgewinnen verstanden. Und diese wie jene, sie alle beobachteten die, die Verbrechen im Dunkeln planten. Wascht ihr nur euer Gold, hieß das. Und wenn ihr es dann zurücktragt, werden wir auf euch warten!
So kamen an die Ufer des Taschur die Strebsamen und die Herumgetriebenen, Menschen eben. Sie kamen an die Ufer, und von dort, wo Furten durch den Fluss führten, stiegen sie auf ausgetretenen Reitpfaden hinauf, über die Pässe. Hinter dem Gebirgskamm öffneten sich die Handflächen der Täler, durch sie wanden sich die Lebenslinien der Flüsse. Unberechenbar wanden sie sich, denn der eine fand vielleicht an fernen Ufern seine Beute, für einen anderen aber wurden sie ganz und gar fern, von ihnen gab es kein Zurück — dort blieben sie. Später fand man ihre Erdhütten … Eine halb eingestürzte Höhle im Hang, eingesackte Stämme übereinandergeworfen, Weidenröschen hatten alles in rosa Blüten gehüllt, als vergössen sie Tränen über der letzten Zuflucht eines namenlosen Landstreichers. Und auch Schürfschächte — überwachsene Grubenlöcher. Der rostige Schnabel einer Spitzhacke auf dem Grund, Trümmer einer verbogenen Schubkarre, manchmal Menschenknochen, abgenagt und von Tieren verschleppt. Hier und da liegen auch Schädel. Einer in einem Erdloch verborgen, einer unter einen Wurzelteller gerollt, einer schaut unter gemustertem Farn hervor. Manche haben mitten in der Stirn ein Einschussloch, manche sind zur Hälfte von Schrot weggerissen: offenbar aus nächster Nähe geschossen. Oder im Scheitel ein Spalt von einem Beil, einer Spitzhacke oder Schaufel. Oder ein Schädel allein auf einem Baumstumpf, als wäre er jemandem zur Warnung zurückgelassen. Der Kopf war abgeschlagen worden, das Gerippe lag irgendwo in der Nähe verstreut. Manchmal ein Strick mit Schlinge an einem Ast, darunter das Skelett — abgestürzt. Vielleicht hatte einer sich aus maßloser Schwermut selbst erhängt. Vielleicht hatten die Komplizen nachgeholfen, irgendwie war ihnen der Unglückliche nicht recht gewesen.
Wohin führte es sie auf diesem Weg, war ihnen dieses Schicksal vorherbestimmt, und erfüllten sie einen Willen, der aus Gottes Gnade gegeben war? Aber sie hatten doch nicht nur alles aufgegeben, um in Wohlstand zu leben?.. Manchen rief auch jenes Gefühl auf die gefährliche Wanderschaft, das dem Fliegen gleicht, der Befreiung von irdischer Last und Streit. Wenn man im Wachen erfuhr, was man ohnehin schon gewusst zu haben schien: im Traum gesehen, im Blut geschrieben, im Herzrhythmus. Dass hinter den blauen Gipfeln wieder blaue Gipfel liegen und der Horizont weitergerückt ist. Und der Taigaozean atmet unter dir, wogt in Wellen. Braune steinige Geröllfelder, dunkle Bestände von Krummholz. Schwarze Windungen der Seitentäler, mit denen der Saum des Taigamantels bestickt ist. Diese ganze Kraft — die ganze maßlose Weite! Die Abschiedsstrahlen der untergehenden Sonne werden die honigfarbenen Kiefernstämme purpurn und golden entzünden und wie leuchtende rote Eichhörnchen zu den zottigen, im Wind brausenden Kronen hinauflaufen. Eine schmerzliche Trauer wird kommen, eine unstillbare Schwermut … Dass all dies ein kurzer Augenblick ist, den die alles verschlingende Finsternis der anbrechenden Nacht auffressen wird. Und die wird man vielleicht nicht überleben, nicht wieder aus ihr herausschwimmen.
Wer sah in seinem letzten Augenblick genau dieses Bild? Und nicht den unheilvollen gelblichen Widerschein im zusammengekniffenen Blick eines hünenhaften Sträflings, der mit dem Beil aufgelauert hatte und unvermutet hinter einem Baum hervortrat, nicht die besessenen Fünkchen, die in den Augen des Gefährten aufspielten, der plötzlich aus nächster Nähe den schwarzen Abgrund seines Gewehrlaufs auf einen richtete?
Doch wie es auch gewesen sein mochte, vom Ufer des Taschur aus wurde das jahrhundertealte Unland immer tiefer in die Taiga hinein gerodet. Unter Beilen und Sägen fielen kupferstämmige Mastkiefern. Balkenkranz um Balkenkranz wurden diese »Masten« zum Grundstock fester Blockhäuser aufgeschichtet. Und da schwammen Häuser im Nebel, im grauen Frostschleier. Rauch kräuselte sich aus den Schornsteinen, Fenster begannen zu glimmen, eine Schlittenkufe kreischte, eine Wagenachse knarrte.
Anfangs hatte der Erste, der, des Landstreicherlebens müde, sich entschloss, ein richtiges Haus hinzustellen, wohl gedacht: »Da is ja ringsum gleich die Taiga. Wenn was is, mach ich mich auf die Flucht. Versteck mich in den Schluchten und Talsenken. Gewehr is da, Ladungen gibt’s. Netze flechten wir, Fallen stellen wir. Wird schon, wir gehn nich unter.«
Für die Jäger und Fallensteller war es bequemer, über die Pässe zu steigen, auf der Jagd nach Wild noch weiter zu gehen. Die Goldsucher durchkämmten die Flüsse und Flüsschen von oben bis unten. Doch die goldene Glücksader blitzte, wie das ersehnte Fischlein, das Wünsche erfüllt, nur mit zauberhaftem Schimmer auf. Versteckte sich vor den Menschen, als hätte es sie nie gegeben.
Aber dennoch … Manchmal, wenn der Herbst heranschleicht, die Himbeerblätter rot erglühen und die schmalen Blätter kreiselnd von den Weiden fallen, wenn die weißen Birken beim Einschlafen gelbe Fünfkopekenstücke aus Laub zur Erde fallen lassen … Dann fliegen in den Morgenstunden Gänsekarawanen mit unruhigen Abschiedsrufen nach Süden. Und irgendwo fern über dem Bergrücken schwingen sie sich auf, verlieren für eine Weile ihre Keilformation. Doch sie fliegen in schwankendem Halbkreis weiter und werden allmählich zu einem geisterhaften, mit dem Auge kaum noch erkennbaren Spinnfaden. Und ein Bewohner Namchais schaut zum Himmel, und ihm zieht sich das Herz zusammen, unbegreiflich warum. Etwas lockt ihn … sich auf und davon zu machen, etwa? Da ist doch die Taiga — gleich hinter dem Gemüsegarten! Ein ewiger Ruf, wer weiß wohin, wozu? — dafür gibt es nicht einmal einen Namen. Nur jener graue Spinnfaden wird sich auf die Haare senken — bei dem einen vorerst unbemerkt, und ein anderer wird sich zu den vielen seinesgleichen gesellen.
2
Seit Zokto denken konnte, war alles ringsum — Taiga. Die Taiga aus dem dichten Fell eines großen Hundes, in dessen warme Flanke er sich schmiegt und den er auf allen vieren mit aller Kraft wegzuschieben versucht. Doch er schläft ein … Und ebenso erwacht er an der Flanke des schwarzen, zottigen Berges, der schlummernden Tschara. Und da tanzt sie, bereift, mit festgefrorenen Eiszapfen, vor ihm. Wirft sich mit allen Pfoten auf ihn, stößt ihn um, weiß nicht, wie sie ihre Freude ausdrücken soll. Der kleine Zokto, eingemummt und ungelenk, ist in den Hof hinausgekullert. Rosa Nebel eines frühen Frostmorgens. Er schleppt seiner geliebten Hündin ein Eimerchen mit warmer Suppe. Oder — der schwarze Berg eines Pferdes, das seufzt, als würde es gleich die ganze Luft in sich einsaugen! Der Berg neigt sich zu seiner Handfläche, auf der ein Kanten Roggenbrot liegt.
Die Taiga der zu Blech gefrorenen Wäsche, die die Mutter aus dem Frost hereingebracht und zum Auftauen beim Ofen auf einen Haufen geworfen hat. Die Taiga der kalten, bereiften Läufe eines Gewehrs, das sich im Vorraum wärmt und säuerlichen Pulvergeruch verströmt. Die Taiga eingedrückter Mulden im Schnee, Spurenschleifen unbekannter Wesen, die nachts gekommen waren. In ihnen irgendeine Botschaft, ungelesen, ungewusst, aber … Darin verborgene Freude, dass du gleich, gleich erfahren wirst, was mit flüchtigen, weit ausschwingenden Zeichen ins weiße, funkelnde Blendlicht des Traums gebracht wurde.
Seine beiden Schwestern, wie die Taiga. Ihr helles Kreischen — und Spritzer, für einen Augenblick als sinkender Glanz in der Luft hängend. Zokto hat sie am Brunnen aus einer Kelle mit eiskaltem Wasser übergossen. Sie jagen ihm nach, sind ihm auf den Fersen, um ihn mit Ruten zu verhauen. Doch aus irgendeinem Grund weiß er, dass sie ihn niemals einholen werden, dass dies immer weiter und weiter dauern wird … Einen ganzen langen heißen Sommer. Stängel peitschen gegen die Beine, Sand sticht, heißer Wind versengt den Körper.
Laute, heiße, so kunterbunte Menschen-Taiga. Es waren Menschen-Feste. Auf dem schneeweißen Tischtuch prangen die runden Pasteten mit gebräunter Kruste, duftendes gekochtes Fleisch, Lagen von Stroganina, Berge von Preiselbeeren. Die Menschen stoßen beim Tanzen schwere Hu-Rufe aus, die Frauen kreischen auf. Irgendein Lied von ihnen schlägt hell gegen die Ecken, prallt vom Geschirrglanz ab, von den blank geputzten Flanken des schnaufenden Samowars.
Oder sein älterer Bruder Bulat, ebenfalls riesig. Mit ihm bahnt er sich einen Weg durch Weidengestrüpp, durch einen wogenden Schilfwald, die Beine versinken bis zu den Knien im warmen Teig des zähen Schlamms, die Angelruten, die sie sich geschnitten haben, verfangen sich in Ästen, die den Glanz des ganz nahen Flusses durchkreuzen, man hört das Plätschern seines Wassers, das gleichmäßige Brausen der Strömung.
Da gehen sie, er und sein Bruder, einen Pfad entlang, der gleitet, sich durch die Gräser schlängelt. Er führt hinab durch ein Seitental, und wo er den Hang hinaufsteigt, umgeht er Felsblöcke unmittelbar am Bach, die herabgerollt sind und das Bett versperrt haben. Großvater Schambal führt sie in den Schlund der Schlucht, in den berauschenden, herben Duft eines Aufgusses aus Kräutern und Laub. Der gegenüberliegende Hang wird immer steiler, rückt näher, der Himmelsstreifen verengt sich, die Kiefernwipfel schließen sich. In dieser Schlucht ist ein Wasserfall, darunter — heiße Quellen. Zähe Sträucher überwuchern den Pfad, drücken ihn unter sich nieder, verwirren ihn im Dickicht. Unten springt federnd der Bach, spritzt über Steine, klingt mit vielerlei Stimmen; das Brausen des Wassers schwillt an, vom Echo zurückgeworfen.
Je tiefer sie kamen, desto schwerer fiel das Atmen, von Kopf bis Fuß klebte der Schweiß an ihnen. Sie sprangen über Steine, kletterten über umgestürzte Stämme. Viele waren abgebrochen oder wie mit einem Schnitt abgesplittert, vom Blitzschlag verkohlt. Vorübergezogene Stürme hatten Verhaue aufgetürmt. Felszähne mit rosa und violetten Adern. Auf den steilen Stirnen der Steine, die den Weg versperren, klebt dicht das Moos. Insektensummen, Rascheln und Seufzen, das Zittern des Laubs von einem vorübergehuschten und wieder erstorbenen Windhauch. Das unablässige, bannende Reden des Bachs, silbriges Gekräusel an den Stromschnellen, Wasserfenster — Vertiefungen, Schalen, von Granitrippen umschlossen. In ihren Spiegelbildern hatten sie die ganze Welt der Schlucht aufgenommen …
Dass der Wasserfall nahe war, verriet das immer stärker werdende Brausen. Rinnsale mit glänzenden Reflexen wickelten sich wie schwarzsilberne Bänder ab und beschleunigten ihren Lauf. Sie kamen an die Engstelle: Der Strom stürzte von einem Felsgesims, zerschlug sich an den Felsstufen. Unten kochte unter den Strahlen ein Strudelkessel und bildete einen kleinen See. Den kleinen See kann man sich als Auge eines Drachen vorstellen, der seine Windungen aus Geröllhalden und freiliegendem Fels geschlungen hat. Der Drache bewacht die Tiefen der Schlucht und verschlingt das Gedächtnis dessen, der in sein Auge blickt, über dem sich ein Regenbogenschleier aus Gischt bricht.
Sie stiegen durch unwegsames Dickicht hinab und hielten sich an vorstehenden Wurzeln, dünnen Birken- und Espenstämmchen fest. Unten, von Gestrüpp umfangen — mehrere steinerne Schalen; ringsum schlossen sich Felsblöcke dicht zusammen, an denen unten gräuliche Ablagerungen klebten. In einer Schale war das Wasser warm, in einer anderen etwas heißer, in der nächsten — so heiß, dass man es kaum aushielt. Auf einer kleinen Lichtung konnte man sehen, dass hier einmal Leute gerastet hatten, sie hebt sich ab. An manchen Stellen ist das Gras irgendwie niedergetreten, und Bäumchen und Äste von großen Bäumen sind abgehauen, in der Mitte sieht man noch den schwarzen Kreis einer Feuerstelle. Dort, wo Wasser austritt, liegen kurze Stangen — bemoost, beinahe ganz von lauwarmem Schlamm überzogen. In einer Schale zündeten sie Großvaters Kräutermischung gegen die Mücken an: Die waren auch schon zur Stelle und begannen sie zu plagen. Großvater suchte sich einen bequemen Platz, an dem es sich gut sitzen ließ. Er badete die Füße im heißen Wasser und grunzte nur hin und wieder.
— Wie bist du denn das erste Mal hergekommen, zu der Quelle? Wusstest du, dass sie hier ist? Oder sind andere Leute hierhergegangen … Die haben es dir gesagt, ja? — fragte Bulat.
— Na, wie ich hergekommen bin, — Großvater lässt sich Zeit mit der Antwort. Man muss warten, bis er den Tabak in die Pfeife gedrückt hat und, ohne sie schon anzuzünden, daran zu ziehen beginnt, wobei er irgendeinen ganz eigenen Geschmack verspürt. — So sind wir damals nach und nach mit Großvater Jumschan hergekommen, weiß ich noch. Ich war so wie ihr. Na, vielleicht ein bisschen älter. Wir haben hier auch gejagt, in dieser Gegend. Damals waren viele unterwegs. Großvater Duschei, Großvater Ludup auch. Dem einen schmerzen die Beine, der andere hat sich das Kreuz verkühlt, alle haben sie dieselbe Plage. Lange her, damals waren wir oft hier. Sitzt man eine Weile im heißen Wasser, dann lässt es nach.
— Und wer war als Erster hier, hat der … Ist der zufällig auf diese Quellen gestoßen? Und hat es dann den anderen erzählt?
— Vielleicht war es so … Wer der Erste war, wer nicht der Erste, wie soll man das sagen? Hier waren ja anfangs Leute. Waldmenschen. Solche unauffälligen.
»Na«, stellt sich Zokto vor, »das waren wohl die, die leicht auftraten, lautlos im Dickicht erschienen und verschwanden. Und sie sprachen die Sprache der Tiere. Ihre Gesichter waren wie Fuchsgesichter. Wenn sie auf die Jagd gingen, stieg auch ein Milan über ihnen auf — er sah alles. Wo ein Isubrahirsch auf den Hang hinausgetreten war, wo ein Wolfsrudel die Rehe eingekreist hatte, die auf der Weide umherzogen. Wie man über die Pässe gelangt, einen Pfad bahnt, zu den Hirschen hinaufsteigt, denn die Waldmenschen zogen mit ihnen im ewigen Kreis umher. In den großen Kreis gingen immer kleinere Kreise ein. Und anfangs selbst für den Blick des Milans unüberschaubar, verengten sie sich zu kreisenden Pfaden, liefen in einem Punkt zusammen. So wurde das Waldvolk mitsamt den Hirschen in einen Trichter hineingezogen, in eine Erdhöhle unter den Wurzeln einer hundertjährigen Zirbelkiefer. Ihr Vater — der Waldkönig — wartete dort auf sie.«
— Bei denen hängen doch die Toten auf den Bäumen! — wirft Zokto seine Bemerkung ein. — Die haben ihre Toten auf den Bäumen bestattet!
— Ach, Junge, so was! … Wann das gewesen ist, daran kann sich keiner mehr erinnern! Ja, sie haben sie bestattet. Aber an solchen, an unheilvollen Orten, also … Böse Orte sind das, ganz böse. Da geht man besser nicht einmal in die Nähe. Das Pferd scheut dort, geht nicht weiter, stemmt sich einfach hin, reißt am Zügel. Die Hunde ducken sich richtig hin, heulen los, drängen sich aneinander. Schlechte Orte. Also ist das von diesen Waldleuten, dort, wo sie ihre Plattform haben, so ein Zeichen. Dass man in diese Richtung nicht gehen darf, es könnte etwas Böses geschehen. Und diese Waldleute, die sind den Menschen nicht unmittelbar entgegengetreten. Das brauchen sie nicht. Aber allerlei Hinweise haben sie hinterlassen.
Bulat möchte die Frage jedoch anders wenden:
— Also klettern ihre Toten von oben herunter! Von dort, wo sie hängen, auf der Kiefer. Und los, hinter den Leuten her. Darum sind die Orte schlecht.
— Äääh, na, das … Nein, so nun auch nicht, nein, — Großvater Schambal findet auch diese Wendung interessant, da gibt es etwas zu überlegen. — Sie haben alles nach ihren Bräuchen gemacht. Und warum die Orte böse sind … Na, böse eben. Von sich aus.
— Aber trotzdem, — lässt Bulat nicht locker, — laufen dann andere Tote herum. Die nicht bestattet sind. Die in der Taiga verschollen sind oder liegen gelassen wurden oder sonst irgendwie.
— Wie sollen die denn herumlaufen? — wundert sich Großvater.
— Sie hängen sich an die Leute und treiben allerlei Unfug, richten Schaden an. Diese Chinesen zum Beispiel, die man umgebracht und danach verbrannt hat, die kommen, heißt es, nachts ans Feuer … Man kann sie von Lebenden nicht unterscheiden!
— Na, du tischst einem was auf, da kommt man selbst auf einer krummen Stute nicht drum herum! … Von was für Chinesen redest du denn? Von denen, die Schnaps geschmuggelt haben?
— Ja, die haben Gold geschluckt, und dann hat man sie umgebracht und zu Asche verbrannt, um den Goldsand herauszuholen.
— Na, Chinesen … Viel Volk hat sich herumgetrieben, einer soll da wissen, von welcher Art und welchem Stamm die waren. Hier allerdings … Hat der Tod auch andere ereilt, und sie blieben liegen. Haben sich gegenseitig totgeschossen, mal die Weißen, mal die Roten, mal Sträflinge, von welcher Sorte, das weiß keiner. Es gibt solche Orte, da fürchtet man sich hineinzugehen. Vielleicht irrt da ja einer ruhelos herum …
— Und dass hier die Quelle ist, haben auch die … na, die Waldleute gezeigt? — Zokto interessiert es doch mehr, etwas über die früheren Waldmenschen zu erfahren.
— Hm … — Großvater Schambal beeilt sich nicht mit der Antwort, er muss gründlich nachdenken, sich an etwas Eigenes erinnern, aus der Vergangenheit. Er wickelt die Beine ein, um noch sitzen zu bleiben, damit die Wärme »die Knochen durchknetet«. Allerdings wird es Zeit, Holz zu sammeln, ein Feuer anzuzünden, Tee aufzukochen. Dann etwas zu essen zuzubereiten, das Nachtlager herzurichten, bald wird es ja dunkel. Er gibt den Jungen Anweisungen, nun macht euch mal ein bisschen flinker ans Werk! Doch die Frage vergisst er nicht, hat sie für später aufgehoben:
— Ja, — gerade ist ihm die Antwort gekommen, — hier irgendwo hatte Großvater Jumschan … Ja, das war wohl bei ihm … Jetzt weiß ich schon nicht mehr, wie es wirklich war? Irgendwo hat er einen Waldgeist versteckt, der lebt sozusagen hier. Na, was heißt lebt. Bewacht alles eben. So ein Chondrogor, so nennt man ihn.
— Hier gibt es einen Waldgeist? … Er ist sogar irgendwie lebendig, ja? Kann man ihn sehen? — sowohl Zokto als auch Bulat spüren, dass ein echtes Geheimnis ganz nahe ist, sich irgendwo hinter den Bäumen versteckt.
— Nein, na … wie lebendig? So kann man das wohl nicht sagen. Aus so einem Stück Holz geschnitzt, Stöckchen drangemacht, wie ein Menschlein, sieht ihm ähnlich. Jumschan hat ihn da vielleicht irgendwo in einem Baumloch gelassen. Weiß ich nicht, würde ihn jetzt auch nicht finden, allerdings. Und woher er gekommen ist, na … War wohl immer hier, vielleicht haben ihn die früheren Menschen hinterlassen. Großvater hat über ihm Sprüche gesprochen, über dem Chondrogor, wenn ihm etwas wehtat, dann erzählte er ihm alles, so einen Waldzauber gibt es. Danach geht alles auf den Chondrogor über. Und Gaben hat er ihm gebracht: ein bisschen Tabak gibt er ihm, Reis oder sonst etwas. So waren sie gewissermaßen befreundet.
Na ja, natürlich … Natürlich waren sie befreundet! Und Schambal ist in Wahrheit genauso mit ihm befreundet, er weiß genau, wo der Chondrogor wohnt, denn er ist ja selbst von dort, aus dem dichten Geflecht der Zweige, aus der abendlichen Dunkelheit, sobald die nur dichter wird, kommt er zu ihm heraus.
Wenn Zokto mit Großvater unterwegs war, ob allein oder mit dem Bruder, war es immer so, dass man sich nur irgendwie bis zur Dämmerung hielt — und gleich fiel die Müdigkeit über einen her, warf einen im Gehen in den Schlaf. Man kann nicht widerstehen, sie zerrt einen gleich fort. Doch wenn man im Halbschlaf ein Auge öffnet, kann man sehen, dass Großvater Schambal nicht allein am Feuer sitzt, sondern jemand neben ihm … Riesig, ganz aus Rauchschwaden, aus Feuerfunken und Widerschein, aus Schatten, die sich im Reigen drehen, tanzen — bald weglaufen, bald sich dicht zu einem Haufen drängen. Das ist der aus dem Wald. Er ist herausgekommen, hat sich ans Feuer gesetzt, um sich auch zu wärmen, über irgendetwas mit Großvater zu reden, ein Pfeifchen zu rauchen. Sehr groß ist dieses wogende Wesen — verflochten aus dicken, dunklen Stämmen, zusammengehalten von den Sehnen der Flüsse und Bäche, von Muskeln durchwölbt wie von steilen Berghängen. Man hört ihr Gespräch: Die Kohlen knistern, der Rauch zischt und umwindet die Zweige, und die Wipfel der großen Bäume rauschen, beteiligen sich an der Unterhaltung, und irgendwo murmelt der nahe Fluss, spielt an den Stromschnellen.
So durchtränkt diese Kraft — die Kraft des riesigen Waldwesens — Großvater, er trägt sie mit sich, oder … Vielleicht ist es sogar so, dass dieser hiesige Chondrogor einen jüngeren Bruder hat. Irgendeinen Verwandten jedenfalls. Denn einmal nahm Schambal ihn mit — auf den Gedanken hatte ihn ein altes Männchen gebracht, das er gerettet hatte —, und der jüngere Chondrogor half ihm, als sich drei … oder nein, sogar fünf wilde Wolfshunde auf ihn stürzten, heißt es! Großvater brach ihnen einem nach dem anderen das Genick, einfach so, mit bloßen Händen. Riss die blutbildenden Adern am Hals entzwei, trank das Blut. Dabei wurde er selbst mit jedem Mal wilder und wilder. Großvater Schambal erzählte es, als hätte er das gar nicht selbst getan, sondern als wäre jemand hinter seinem Rücken hervorgetreten — und hätte diese Hunde zerrissen. Nur war das eine solche Raserei, dass er nicht mehr weiß, wie alles geschah, als wäre er geblendet gewesen.
Das war natürlich vor langer Zeit geschehen, damals war er ein verwegener Bursche. Und entführte … das heißt, stahl seine Tujana dem reichen Gombo vor der Nase weg! Die Hochzeit war schon im Gange, mit diesem Reichen, dem man Tujana gegen ihren Willen zur Frau gab. Die Verwandten waren angereist, der Hof voll, alles so, wie es vor einer Hochzeit ist. Da setzte Schambal auf einem braunen Renner über den Zaun, brach herein, griff sich das Mädchen — und sie jagten schneller als der Wind in die Steppe davon! Bis zum Anstieg ins Gebirge ritten sie, dann mussten sie bachaufwärts über die Steine fort. An einem entfernten, verabredeten Ort wartete schon Schambals Freund. Den Braunen jagten sie fort, und los ging es zu Fuß bergauf.
Die Kerle, die bei dem Reichen im Dienst standen, stürzten hinter ihnen her. Gleich wird die Verfolgung sie einholen! Aber dort kommt man nicht besonders schnell voran, kann nicht hindurchgaloppieren. Man setzte riesige Hunde auf ihre Spur. Schambal blieb allein zurück … Und brach dem mongolischen Wolfshund, der sie eingeholt hatte, das Genick! So einem, groß wie ein Kalb, wild. Dann noch einem und einem weiteren. Und so — allen.
Diese Kerle von der Verfolgung erschraken sich zu Tode! Sie dachten, der Teufel der Nacht selbst — Chare — sei in den Burschen gefahren! Nee, Junge. Kratzten sich die Rüben und dachten: Chare, allerdings! Da muss man nach Hause fliehen. Sprangen voller Angst auf die Pferde, quietschten, johlten, wirbelten wie schwarzer, bodennaher Treibschnee herum und jagten in vollem Galopp von dem unheilvollen Ort davon.
Schambal und Großmutter Tujana liefen damals zusammen fort. Mit Tujana — einer jungen Schönheit zu jener Zeit, natürlich. Seitdem leben sie lange und glücklich.
Wie viele Steilhänge, verbrannte, von Windbruch verhaute Wälder, steinige Hochflächen sie mit Großvater Schambal durchklettert haben … Versuch mal, diesen Pilz aufzuspüren! Tschoidop — ein Baumpilz — wächst an Birken. Wie Tschaga, aber man kann ihn an den Wülsten oben unterscheiden, und seine Kappe ist heller, etwa sandfarben. Birken gibt es in der Taiga eher in den Waldfluren, längs der Flüsse, näher an sumpfigen Stellen und auf den Kämmen der Bergrücken, an offenen sonnigen Hängen.
Immer gingen sie mit einem der Brüder, mit den Neffen zusammen, als ganze Schar. Sammelten Bärlauch, Farn, dann wurden die Beeren reif, füllten sich die Zapfen. Mit Großvater Stepan, Großvater Makar, Onkel Dorscho waren sie auf der Jagd, die hatten Spürsinn fürs Wild und Erfahrung, mit ihnen ist man nicht verloren. Großvater Timofejew dagegen, Onkel Galsan, Onkel Daschinima — das waren leidenschaftliche Fischer, die ließen nur das Fischen gelten.
Zum Abend richten sie das kleine Lager ordentlich ein, für die Nacht ist alles bereit. Oder sie drängen sich in eine Winterhütte, Platz ist für alle. Zokto und sein Bruder oder einer der Jungen sind dann so erschöpft, wenn sie nur noch bis zur Pritsche kommen! Die Männer aber, die wollen am Feuer sitzen, beim brausenden Öfchen. Fangen beim Tee Gespräche an: Einen Kessel nach dem anderen schaffen sie gerade noch aufzubrühen. Die Stimmen rollen dahin wie das unablässige Reden des Taigaflusses, den sie oft zum Nachbarn haben, der nicht weit entfernt an den Stromschnellen brodelt. Ein Jagderlebnis, das jemandem widerfahren ist, zieht gleich ein anderes hinter sich her. Und dann reihen sich auch die Fischergeschichten auf die Angelschnur der gemächlichen Erzählung. Und — als schillerten sie, spielten in der Sonne, verströmten Fluss-, Unterwasser- und Schlammgeruch, wie eben erst gefangene Fische.
Vieles war ihnen auf der Jagd, beim Fischen widerfahren. Die Taiga ist manchmal gnädig, manchmal aber schlimmer als eine böse Stiefmutter. Auf den einen hetzt sie einen erbosten Braunbären, der nicht in Winterruhe ist, den anderen lässt sie anfrieren, einen zerrt sie unter das Eis, einen lässt sie sich verirren, treibt ihn wochenlang umher, lässt ihn nicht aus ihren zähen Armen.
Darum kannte Zokto auch seinen eigenen Vater, Sajan, kaum. Auf ihn und seinen Gefährten war in den Bergen eine Lawine niedergegangen. »Vom Schnee erdrückt«, wie man sagte.
Sajan schleppte sich beim Fischen an den Seen wie beim Sammeln von Beeren und Zapfen mit pudschweren Rückentragsäcken ab. Er erlegte Zobel und Eichhörnchen, ging mit Gefährten auch auf den braunen Riesen. Doch dann änderte sich alles, und ganz andere Ordnungen galten. Man begann, den Jägern einen Plan vorzugeben: So viel von dem und dem bis zu jenem Termin abliefern. Die Beschaffungs- und Jagdstelle gab ihn vor. Die Jäger stapften los, an Händen und Füßen vom Plan umstrickt. Das Taigaleben ist ein Streifenacker: hier nichts, dort Überfluss. Schwer ist es vorherzusagen, in irgendeinen Plan hineinzustopfen. Doch den zugereisten Leuten in Chromlederstiefeln und Reithosen, mit einem Nagant an der Seite, die sich auf einmal als Befehlshaber aufspielten, widerspricht man besser nicht. Im Nu landest du dort, wo irgendein Makar von ihnen nicht einmal seine Kälber hingetrieben hat.
Wenn Vater aus der Taiga zurückkam, brachte er Bulat und dem kleinen Zokto immer Geschenke mit. Jedem etwas anderes: mal ein Geschenk »vom Hasen«, mal »vom Fuchs«, mal »vom Eichhörnchen«. Der Hase zum Beispiel schenkte ihnen immer eine Speckscheibe, ganz voller Brotkrümel, mit einer eingedrückten, platt darauf liegenden Brotschnitte. Der Fuchs ließ ihnen einfach irgendeinen halb zerbröckelten Zwieback zukommen. Vom Eichhörnchen bekamen sie zuweilen einen harzigen Zapfen, manchmal auch ein paar Stückchen Zucker.
Die Taigagefährten gingen gern mit ihm auf die Jagd. Sie würden immer mit Beute heimkommen: Sajan, sagten sie, zieht das Glück an! Er besaß eine Gabe — jede Tierfährte entwirrte er, aus vielen gleichen Seitentälern wählte er das, in dem sie nicht vom Weg abkommen würden. Übergänge über Flüsse fand er nach Gespür, dort konnten sie sicher durchwaten. Und wo man dem Wild auflauern, einen Ansitz einrichten musste, damit es gewiss gelang. Vielen heilte er ihre Krankheit, als zöge er sie mit den Händen heraus — er bewegte nur die Handflächen über der kranken Stelle. Heilkräuter und Arzneien kannte er, was wogegen hilft.
Einmal zogen sie, mehrere Jäger, in ferne Waldfluren jenseits des Bergrückens auf die Jagd. Bis zum Frühjahr blieben sie draußen auf Beutezug. Dann liefen Vater und sein Freund los, um die fernen Jagdbezirke zu besichtigen. In den Bergen, irgendwo bei einer Skiabfahrt, schnitten sie eine Schicht des schon frühlingshaft unsicheren Schnees an. Mit einem Donnern riss die Lawine ab. Begrub sie sofort, vor ihr gibt es keine Rettung. Unten, unter jenem unheilvollen Berg, liegt ein zugefrorener See. Ihre Körper, unter die viele Pud schwere Schneelast gezerrt — der halbe Berg war da heruntergekommen —, wurden aufs Eis hinausgetragen. Die Männer wurden unruhig, als sie einen, zwei Tage fortblieben. Wo waren sie hin? Sie liefen suchen. Die Skispur bricht ab. Sie sahen diese totenbleiche Zunge, die sich auf den See hinausgestreckt hatte. Ein fortgeschleuderter Ski oder ein Sack war zu sehen, sie fingen an zu graben. Vater, hieß es, hatte die Lawine um so viel, eine Saschen, die Spannweite der Arme eines erwachsenen Mannes, nicht bis zum freien Eis getragen. Offenbar war er noch gekrochen, hatte versucht, sich zu retten, und war so erstarrt, mit vorgestreckter, zur Faust geballter Hand. Und in der Faust, als man sie öffnete, ein harziger Zapfen. Gleichsam ein letzter Gruß vom Eichhörnchen.
Noch gar nicht so lange war es her, dass Bandenrudel durch die entlegenen Täler der Taiga streiften. Mal eine wilde Hundertschaft, mal eine schwarze Abteilung. Partisanen von weißer Farbe und von roter, und wer weiß wer sonst, es war nicht auseinanderzuhalten. Räuberten alle gleichermaßen. Und wenn einer auf den anderen stieß oder sie ihn absichtlich aufspürten, ihm im Hinterhalt auflauerten, dann brachten sie einander um. Verwüsteten die Winterhütten, brannten Lager und einsame Gehöfte nieder. Fanden sie die Verstecke, plünderten sie die Vorräte der Jäger.
Allerlei war im Boldyn-Tal geschehen, am Makar-Bach, am Sultim-See. Und am Gunsun-Stein hatte sich etwas zugetragen, auf Stepantschiks Gehöft, in Garmajews Winterhütte. Und dann noch der Schogdo-Pass, die Tschultim-Quellen. Einst hatten diese Menschen: Boldyn, Makar, Sultim, Gunsun — Winterhütten gezimmert, Laubhütten aufgestellt, kleine Schuppen gebaut, Salzlecken angelegt und heimliche Ansitze fürs Wild versteckt. Von ihnen blieben schwarze Flecken der Feuerstellen zurück, jetzt beinahe zugewachsen, blieben Kerben in den Stämmen, die sie geschlagen hatten, die einen weiterführen, den Pfad nicht verloren gehen lassen. Bäumchen haben sie gefällt, wo ein Übergang über den Bach gelegt ist, Holzscheite gesägt und die in einer Steinschale sprudelnde Quelle freigeräumt, ringsum mit Stützen eingefasst. Vielleicht hallen auch der Nachklang ihrer Schüsse und das helle Klopfen ihrer Äxte noch als fernes, verirrtes Echo wider?
Die Namen, die sich von ihren Namen eingebürgert haben, kennen nur die, die in diesen Gegenden ihrem Erwerb nachgehen. Wie sollte man sie nicht aufzählen, nicht im Gedächtnis erneuern? Sonst werden sie doch ganz ausgelöscht, gehen verloren, wachsen zu, verschwinden. Und die anderen Menschen … Woher sollen sie wissen, wohin sie gehen müssen, wo diese Täler, Bäche, Waldfluren, Seen sind?
Manchmal versteht man nicht, von wem die Rede ist? Denn Garma, Boldyn, Sodnom, Schogdo, Sultim, Sunda, Gunsun — die haben Brüder und Neffen. Tanten, Onkel. Und Kinder haben sie. Und die Kinder, längst erwachsen, haben eigene Kinder. Zokto zum Beispiel kannte die wirklichen Garmajews, Boldyns, Sodnoms, Sultims gut, keine irgendwelchen, die vor hundert Jahren gelebt hatten. Wie viele seiner Jungenfreunde waren unter ihnen?
Und dann werden auch noch Sachen im Kreis herum weitergegeben. Bei einem sind die Jungen groß geworden, Kleider und Schuhe zu klein. Da hast du, Zoktocha, eine gute Hose! Oder: Hier hast du einen Pelzwams! Und wie warm der ist! Der Wams gehörte noch Sunda selbst. Nicht dem, der längst gestorben ist, sondern seinem Sohn also. Oder einem Bruder-Neffen, oder sonst jemandem. Die Filzstiefel — von Schogdo. Vom Urenkel jenes Schogdo, nach dem es diesen Pass gibt.
Viel Gutes und Haltbares war von den Goldsuchern zurückgeblieben, man hatte mit ihnen getauscht. Arbeitskluft, wattierte Jacken, schwere Cabanjacken, Hosen und Jacken aus »Teufelshaut« liegen bei vielen Dorfbewohnern in den Truhen versteckt. Später tauchten Militäruniformen auf. Man tauschte sie und brachte sie mit. Sogar ganz neue, als wären sie aus den Lagern gestohlen. Von welchen Armeen, wem hatten sie gehört? Keiner weiß es, alles ist durcheinandergeraten.
So kam Zokto nach und nach zu seiner Taiga-Ausrüstung. Damit er draußen beim Jagen und Sammeln alles Eigene hatte. Eine warme Kamelhaardecke, ein Stück Segeltuch gegen den Regen, einen festen Sack mit bequemen Trageriemen. Auch ein Beilchen schaffte er sich an. Und Messer schenkten ihm die alten Waldmenschen. Die Messer waren mit ihren Besitzern alt geworden, alle ganz abgeschliffen. Doch zuverlässig, handlich, griffig. Gib auch du auf sie acht, kleiner Zokto. Was kann einem in der Taiga nicht alles widerfahren, und sie — sind gleich da, immer zur Hand. Bei keiner Arbeit lassen sie dich im Stich, werden dir helfen.
… Zokto versteckt sich unter der Bärenfelldecke. Sicher ist es darunter, keine Angst, keiner kommt an ihn heran. Es gibt auch noch eine Hirschfelldecke, ein Wolfsfell, einen Hasenfellumhang. Unter jedem von ihnen sind die Träume anders, selbst die Gespräche hört man auf verschiedene Weise.
Manchmal aber kann es einem vorkommen, als wäre man an einem Lagerplatz eingeschlafen, beim nächtlichen Feuer oder in dieser oder jener Winterhütte, und wacht auf — ein ganz anderes Lager, eine andere Hütte, andere Jäger oder Fischer führen Gespräche. Ebenso dampft es über den Teebechern, und Rauch kräuselt sich aus den Pfeifen. Da war der Anfang irgendeiner Geschichte … Sie hatte sich mit einem Faden an jenen früheren Ort gebunden. Und nun hat sie sich hierhergezogen …
— Einmal sind wir da, Junge, die Ulsycha hinaufgestiegen …
— Den Fluss also? Wo ist das — die Waldflur Ulsycha?
— Ja, genau so ist es.
Die Waldflur Ulsycha heißt deshalb so, weil dort, am Oberlauf der Ulsycha — der Fluss heißt auch Ulsycha —, Großvater Ulsy eine kleine Winterhütte hatte. Großvater hielt sich lange dort auf. Die Winterhütte ist vielleicht verschwunden … Oder jemand hat in jener Gegend seine eigene, andere Winterhütte aufgestellt, doch an den Namen des Großvaters erinnert man sich in dieser Waldflur bis heute. Großvater Ulsy — das ist Sajans Vater, also ist er Zoktos und Bulats Großvater. Und Schambal — der Großvater vonseiten ihrer Mutter Ajun.
Von Ulsy erzählte man, er habe den Leuten allerlei Krankheiten durch Besprechen geheilt. Und sogar einen Wolf habe er besprochen, damit der ihn rette. Der Wolf zog Ulsy damals aus der Taiga, als er sich das Bein gebrochen hatte und nicht gehen konnte. Aber das sind wohl Erfindungen.
Wenn jemanden Zahnschmerzen plagten oder ein kleines Kind sich die Seele aus dem Leib schrie oder eine Frau nach der Geburt litt — mal an Fieber, mal an Wassersucht —, dann kamen sie zu ihm. Er fing zu murmeln an, als unterhielte er sich mit jemand Unsichtbarem. Schrie plötzlich los, schimpfte, fuchtelte mit den Armen! Stampfte mit den Füßen, wenn sich die Krankheit festgesetzt hatte und sich nicht austreiben ließ.
Einmal heilte Ulsy einen reichen Goldunternehmer. Machte ihm irgendeine Weissagung … oder bewahrte vielleicht dessen Tochter — die Tochter war zu ihm gekommen — vor einem Unglück. Zum Dank schenkte ihm der Unternehmer ein Gewehr, ein belgisches. Noch nie gesehen in dieser Gegend, »Olenberi« nannten sie es.
Da war auch noch eine Sache, die alten Leute erzählten davon, lange, lange her war es natürlich … Ulsy ging am Ufer entlang, ein Fluss ist dort, steiniges Geröll, Vorwinter, alles mit Reif überweht. Sein Fuß rutschte zwischen die Steine, er begann von hoch oben zu stürzen, und das Bein wurde ihm verdreht, bis zum Brechen. Weder drehen noch herausziehen ließ es sich. Ein Felsbrocken klemmte es ein, und wenn er daran zog — stellte sich der Knochen quer. Gewehr und Sack hatte es weit fortgeschleudert. Die Kleidung war nass und vereiste sofort im Wind. Nichts war zu machen. Er machte sich aufs Sterben gefasst. Doch da schleppte sich ein Wolf zu ihm. Schon ganz alt, war seinem Rudel nicht mehr nachgekommen, hatte den Anschluss verloren. Legte sich neben ihn, schaut, ein Grauen war das. Wenn aber der Tod herantritt, dann redet man sogar mit einem Felsbrocken. Ulsy bat den Wolf, ihm einen Ast zu bringen. Einen dicken, abgebrochenen Ast. Den Stein musste man anheben, irgendwie wegdrücken. Der Wolf überlegte … was, sagte er sich, soll man schon machen? Sterben muss man sowieso. Brachte den Ast, schleppte ihn im Maul heran. Ulsy befreite sein Bein. Dann krochen sie weiter, er und dieser Wolf. Drückten sich aneinander, wärmten sich.
Das war Großvater nicht einfach so zugestoßen. Eine schwarze Schamanin hatte ihn verhext, sich den Augenblick ausgesucht. Obwohl Ulsy all das wusste und aufpasste: Er sprach Wald-, Vogel-, Tier- und Laubzauber, schlug Haken hin und her, um sie auf eine falsche Fährte zu locken, räucherte sich zum Schutz vor bösem Unheil ein. Aber auf alles kann man nicht achten, und er verlor seine Sicht. Als hätte ihn jemand auf den Felsbrocken gestoßen, so stürzte er.
… Die alte Radschan, die Schamanin, steht an einem Ende des Dorfes und schaut aufmerksam in die fernen Steppen. »Der Fluss«, denkt die Schamanin. Sie sieht einen fernen roten Fluss. »Der Fluss ist Anfang und Ende, Grund und Höhe. Und die Vögel zwitschern im Dickicht, und Regen gießt vom Himmel, und die Sonne scheint. Und es riecht nach Feuchtigkeit und Frische. Am Ufer liegen scharfe Steine und Treibholz, im Wasser spiegeln sich braune Felsen. Auf dem Grund des Flusses stehen Krieger-Tschingisiden, Wächter des verschwundenen Imperiums. Aus dem roten Fluss ist ein roter Säugling ans Ufer gekrochen.«
Radschan beginnt auf die Trommel einzuschlagen, über die das Fell eines schwarzen Ziegenbocks gespannt ist. Verwandelt sich — in den Herbst, glüht im Himbeerlaub auf, lässt gelbe Fünfkopekenstücke von Blättern fallen, ruft mit dem unruhigen Schrei der nach Süden ziehenden Gänsekarawanen. Langsam verlieren sich die Vögel, werden zu einem durchsichtigen Spinnfädchen. Und diese Spinnfädchen — eines zum anderen — senken sich wohl schon seit hundert Jahren auf den Kopf der Alten.
Und Zokto — einmal war es so —, als sie mit Großvater auf den Pass gestiegen waren, mussten sie vom Sattel aus auf dem Kamm weiter hinauf. Kahle Steine ragten wie Fangzähne auf, mit Schnee überweht. Böiger Wind, unten Felsstirnen, von denen Eiszungen hinabliefen. Da geriet Zokto plötzlich ins Schwanken … als hätte ihn der Wind gestoßen. Er rutschte auf einem Felsbrocken aus, der schwere Sack riss ihn herum. Er flog — weiß nicht mehr wie. Ein Schlag auf den Kopf: als wäre er ins Innere einer Schamanentrommel geraten. Jemand schlug mit aller Kraft mit dem Schlägel darauf, so dröhnte es ihm in den Ohren. Wo er gegen Steine prallte, wo es ihn hochschleuderte — und er rutschte übers Eis. Es gelang ihm, sich festzuhaken, er riss das Messer heraus. Die Klinge klemmte sich in einen Spalt, er hielt sich. Mit Mühe zog Großvater ihn heraus. Zuerst konnte er nicht gehen, alles war wie zerschlagen.
Ihm war schwindlig — und weißes, blendendes Licht. Ein Schlag! Alles drehte sich vor den Augen. In der Nase klatschte es — blutige Nässe unter der Nase. Dann auf einmal, jäh, wie riesig, nicht seine, eine fremde — die Hand mit dem Messer. So deutlich sieht er die Hand, den Messergriff. Sie sind von unglaublicher Größe! Jedes Eissplitterchen, Blutspritzer, Steinkrümel. Schlägt, schlägt mit dem Messer. Trifft in Watte. Weiße Watte. Alles verlangsamt. Der Traum dauert an. Eine Furche von der Klinge. Eisfunken blendeten ihn. Zerstachen ihm das Gesicht.
Danach kamen er und Großvater lange nicht wieder zu sich. Zokto war übel, ihm schwindelte. Aber wenn man »ein klein wenig schamanert«, wenn man dies und das sieht … Da steckt etwas anderes dahinter, nicht einfach so ist das alles geschehen.
Zokto wurde damals ganz schwach, Krankheiten hängten sich an ihn. Man musste die alte Dagba rufen, damit sie mit dem Unheil fertigwurde. Dagba sagte, man solle einen eben erst gefangenen Fisch bringen. Sie rieb ihn am ganzen Körper mit dem Fisch ab. Den Fisch warf man in den Fluss, und dann ging es ihm besser.
Dagba steht da, das Gesicht dem Gebirgskamm zugewandt. Schaut auf die schneebedeckten kahlen Gipfel, die das Blau widerspiegeln, auf die dunklen Einbrüche der Seitentäler, das leuchtende Grün an den Hängen des Vorgebirges. Ihr Gesicht ist aus Kiefernborke, mit kupfernen Lichtflecken. Sie schlägt die Trommel, die mit der Haut eines weißen Hirsches bespannt ist. Und es rollt dahin im Rauschen eines Baches, erklingt im Stimmengewirr der Vögel, spritzt auf im Rosa des Sumpfporsts, hängt drohend als Gewitterwolke herab, brüllt in den rollenden Schauern eines Wolkenbruchs.
Aber nein … Das ist wohl noch nicht alles. Irgendwo mitten in Namchai tritt am Morgen aus seiner hundertjährigen, aus hundertjährigem Lärchenholz gezimmerten Hütte der alte Judin, selbst auch hundertjährig. In seiner Obhut ist eine wundersame Ikone, deren Bild kaum noch durchscheint. Der Alte hebt die Ikone, bekreuzigt alles Offenbare und Verborgene nach allen vier Himmelsrichtungen. Spricht ein Gebet und sagt: »Gott sei Dank! Gott sei Dank für alles!« Der heilige Bären-Nikola auf der Ikone, in uralten Zeiten gemalt, blickt wohl von oben auf die verstreuten Häuschen am reißenden Fluss. Nun denn, Gott ist barmherzig. Möge das Leben friedlich weiterglimmen.
»… Was denn für ein Gewehr, was denn für ein ›Olenberi‹? Wer hat sich das ausgedacht?«, sagte der alte Judin, als er einmal ins Erzählen kam. »Kommt das vielleicht von Wallenberg? Dieser Unternehmer hieß Wallenberg. Sagen sie seinetwegen so zu dem Gewehr? Das Gewehr wird wohl von ihm stammen.«
… Dieser Wallenberg trieb sich hier herum. Als die Goldsuche losging, strömten sie in Scharen herbei, diese Geschäftemacher. Alle hatten irgendwelche ›Kompagnien‹, ›Jesellschaften‹. Überlegten — sollten sie ein Bergwerk anlegen oder bloß Goldsucherartels ausrüsten? Dieser Berg, der Wallenberg, machte krumme Geschäfte. Den einen Artelleuten gab er soundsoviel Geld, anderen für genau dasselbe unvergleichlich mehr. Damit sie gegeneinander erbittert wurden, sich gegenseitig an die Kehle gingen. Dann verschuldeten sie sich alle, die Arbeiter. Verstrickt, verschuldet, wohin sollst du da? Also wieder zum Suchen anheuern.
Zu ihm, zu diesem Berg, kam seine Tochter. Warum kam sie? Sie war so eine … 2* Na, wie man eben sagt, nicht von dieser Welt. Wollte irgendetwas ergründen. Die ›Fackel des Wissens‹ tragen, so ungefähr. Ich schreibe die Geschichte auf, sagt sie! Dann wird ein Buch daraus, in den Hauptstädten. Alle werden es lesen. Aber was für eine Geschichte? Na gut. Wallenbergs Verwalter, Timofejew, Timocha also. Der überredet einen Alten oder wen auch immer. Ich geb dir Wein! Was du über die Waldbräuche weißt, das erzähl mal, sagt er. Für Wein? … Da erzählt dir jeder alles Mögliche, schenk nur nach.
… Und der alte Ulsy — ja, den kannte man. Eine Art Heiler. War lahm, verkrüppelt. Besprach Krankheiten, machte Vorhersagen. Das Unglück, die Gebrechen der Leute, allzu viel davon kannst du dir nicht aufladen, darin liegt auch Gefahr. Verschwand für lange Zeit in der Taiga, irgendwo dort oben am Oberlauf, in einem abgelegenen Landstrich. Aber damals war er gerade da. Timofejew hatte sich vielleicht irgendwie mit ihm angefreundet. Erzähl doch mal der Wallenberg-Tochter die Geschichte. Ulsy erzählte ihr etwas.
Aber dann sagt Ulsy zu Timocha: Nachts kommen die Galgenvögel zu euch, wollen das Haus anzünden. Soundso hat sie bestochen, ein Bandit treibt sich hier herum. Es war nicht so, dass dem Alten dieser Pfeffersack leidgetan hätte … Aber die Tochter? So außergewöhnlich, wie ein weißes Kerzchen, geradezu durchsichtig. Eine unschuldige Seele. Wofür soll sie umkommen?
Timocha wusste nicht, sollte er es glauben oder nicht? Na gut. Für die betreffende Nacht stellte er seine Arbeiter mit Gewehren auf, versteckte sie als Wache. Dann, in der tiefsten Finsternis, schleichen diese Galgenvögel heran. Hatten schon alles mit Petroleum bespritzt. Da kamen die Arbeiter zu sich und gaben eine Salve ab! Die anderen schossen zurück. Eine Schießerei ging los. Man schoss die Galgenvögel an und fesselte sie.
Diesen Wallen-Dings-Berg packte die Wut. Stürzte heraus, riss das belgische Gewehr von der Wand. Wer will mich hier abfackeln, schreit er? Timocha sagt, so und so liegen die Dinge. Der Pfeffersack ließ den Alten holen. Und der sagte ihm noch etwas voraus. Daraufhin sprang Berg auf, sie ließen ihr Hab und Gut liegen, alles, was da war. Und gleich darauf war er mit seiner Tochter auf und davon, spurlos verschwunden.
Dem Alten aber hatte er vorher den Belgier geschenkt. Und dieses Gewehr, sagte er, kann dir keiner auch nur wegnehmen! Das kann man nur aus vollem Herzen verschenken. Denn die belgischen Meister aus der Stadt Lüttich haben da ein Geheimnis eingebaut. Wenn einer es dir gegen deinen Willen nimmt, dann tötet das Gewehr den Übeltäter von selbst. Und lädt sich von selbst wieder nach. Und schießt alle Angehörigen dieses Langfingers tot. Nimm es, hüte es!
So ein Gewehr kostete ein ganzes Vermögen. Später gelangte es zu Großvater Schambal.
… Die Bande Kraschennikows wurde von den roten Partisanen nach Strich und Faden gejagt. Den weißgardistischen Kern hatten sie zusammengeschossen, nur Banditengesindel war übrig. Sie hatten vor, in die mongolischen Steppen durchzubrechen. Aber dorthin hatte man ihnen alle Wege abgeschnitten. Die Übriggebliebenen zogen sich hinter den Roten Fluss zurück. Wollten sich in den Gebirgskämmen verstecken. Zogen den Taschur hinauf. Ein beschwerlicher Weg, aber sie kannten die Gegend nicht, gingen aufs Geratewohl. Kamen gerade auf die Überschwemmungswiesen in der Flussaue heraus. Dort, auf den Heuwiesen — das ist weit vom Dorf entfernt — waren russische Männer und Frauen. Hatten ein Lager aufgeschlagen, rechten das Heu zusammen. Die Banditen brauchten Pferde, um zu entkommen. Schwärmten ringsum aus — wie eine Schlinge warfen sie sich um sie, zogen sie zu. Die Hunde rissen sich los, stürzten sich auf sie — wurden sofort niedergemacht. Die Galgenvögel trieben die Pferde fort, griffen nach den Frauen, wilde Kerle waren das. Die Männer — einer zur Heugabel, einer zur Axt, und einer holte sein Gewehr. Die Banditen schossen, andere hieben sie nieder.
Großvater Schambal und auch Großvater Makar, Großvater Stepan waren zufällig dort. Kamen von den Quellen. Unterwegs läuft ihnen eine Frau entgegen, die Kleider ganz aufgerissen, wie von Sinnen … Dort wird gemordet! Stepan galoppierte ins Dorf, Hilfe holen. Schambal und Makar beschlossen, dass die Banditen so oder so über den Fluss fliehen mussten. Und wenn, dann an einer bestimmten Stelle: Dort sieht man die Furt deutlich, und am anderen Ufer ist ein Pfad ausgetreten, der hinaufführt. Sie nahmen den direkten Weg, legten sich in den Hinterhalt.
Genau! … Diese Galgenvögel, sieben waren es, zogen alle in den Fluss, führten Pferde, schleppten Habseligkeiten. Ihr Ataman tauchte auf, tänzelte auf seinem Pferd. Schambal nahm ihn aufs Korn, fing ihn mit dem belgischen Gewehr über Kimme und Korn ein. Aber wie sollte er zum ersten Mal einen Menschen töten? Doch der hatte kein Gesicht, war ganz schwarz. Rauchige Zotteln wanden sich von ihm weg. Aber nicht nur das … Dort, wo der Kopf war, zeichnete sich plötzlich so etwas wie ein heller, sogar goldener Strich ab — der zog die Kugel an. Der Teufel kippte herunter, nur die Stiefel blitzten noch aus dem Wasser, als die Strömung ihn mitriss. Da half auch Makar von seiner Seite nach. Die Teufel fuhren hin und her, schossen mit ihren Gewehren nach rechts und links. Die Pferde reißen sich von den Zügeln los, rutschen auf den Felsbrocken aus, die Strudel drehen sie herum. Manche Banditen wurden ins tiefe Wasser gerissen, ertranken. Die Toten wurden teils an die Steine gespült, teils blieben sie in den aufgetürmten Verklausungen hängen.
Was war danach zu tun? Die Russen holten ihre Leute, begruben sie heimlich. Aber mit diesen … Nein, sagten sie, dieses Antichristengezücht dürften sie auf keinen Fall anrühren. Macht selbst damit, was ihr wollt.
Da ging es ohne die Schamanin, die alte Dagba, nicht. Sie murmelte dort auf ihre Weise herum. Und sagt: Holt sie alle heraus, die Toten. So liegen lassen ist Sünde. Man suchte die Leichen, wo wer herumlag. Schleppte alle in eine gottverlassene Schlucht. Warf alles hinein. Nichts dürft ihr von ihnen nehmen, nicht einmal eine einzige Patrone! Dabei waren dort Waffen in zerbrochenen Kisten. Und Patronen und Ausrüstung. Auch noch feste Militärkisten, aber die öffnete man nicht einmal. Eure Gewehre, sagt Dagba, mit denen ihr sie getötet habt, werft auch hinein! Schambal wollte sich um keinen Preis von seinem ›Olenberi‹ trennen. Hatte sogar Tränen in den Augen! Aber wie willst du Dagba widersprechen? … Sie braucht dich nur anzufunkeln, schon verschluckst du dich.
Und er warf es hinein, und Makar warf seines auch hinein. Sie schütteten alles zu, deckten es zu, begruben es in der Wildnis. Die Alte räucherte dort alles im Kreis mit Vergessensgras ein. Stampfte, tanzte, schlug mit dem Schlegel auf die Trommel. Ein regelrechter Wirbel erhob sich! Sie blies, spuckte. Alle vergaßen den verfluchten Ort. Wie aus dem Gedächtnis geschlagen, keiner erinnert sich. Wo war das, was? … Die Leute vom uralten Glauben ließen den Jägern durch den alten Judin Geld zukommen, still, unter vier Augen. Für Gewehre, für alles. Aber sie schärften ihnen ein, den Mund zu halten. Und — das war alles. Nie wieder wurde irgendwo ein Gespräch darüber angefangen.
… Wenn Zokto frühmorgens aus dem Haus lief, konnte er bis zum Abend ohne Unterlass weiterlaufen. Bei allen musste er vorbeischauen, nach allen sehen. Ihn überholend, sauste die treue Tschara mit hellem Gebell dahin. Die Nachbarhunde gerieten sofort in Aufruhr, stürzten hinterher. Da musste er aus Leibeskräften zulegen! Aber es ging alles gut. Er lief hierhin und dorthin. Mit dem Wind um die Wette. Nach links lief er — zu den Brüdern, den Jungen, nach rechts — zu den Schwestern, den kleinen Schelmen. Und geradeaus, ohne abzubiegen — zu den Großvätern und Großmüttern, zu den Tanten und Onkeln.
Die Häuser im Dorf hatten sich stellenweise dichter aneinandergedrängt, andernorts standen sie weiter auseinander, verteilten sich über die Hügelrücken: Dort hatte man sich später angesiedelt. Zokto lief, lief — und konnte sogar beim alten Judin ankommen. Dessen Hütte war düster, aus hundertjährigem Lärchenholz gezimmert, die Balken an den Ecken bündig verzahnt. Und er selbst war hundert Jahre alt, nicht weniger. Ein Stück entfernt standen ebensolche Hütten: fest gebaut, von Wirtschaftsgebäuden umwachsen. Wie auch die Männer, die sich dort für sich niedergelassen hatten: mit großen Familien, mit weitläufigen Höfen. Männer — bis zu den Augen von Bärten überwuchert. Sie bewahren den Glauben. Einen dunklen Glauben haben sie, in Holzklötzen geborgen und moosbewachsen, mit Quellwasser getränkt. Alt-or-tho-dox. Der alte Judin bewahrt die heilige Ikone. Dort tritt der heilige Nikola, in uralten Zeiten gemalt, aus dem Dunkel der Jahrhunderte hervor.
Aber wie soll man sagen … Nicht dass dieser Alte für Zokto so interessant gewesen wäre. Man musste doch unbedingt den Kater besuchen, der vielleicht auch irgendein entfernter Verwandter dieses Judin war. Ein gewaltiges Katervieh! Ein Bärenfell hatte er, einen Riesenschwanz — wie der Arm eines kräftigen Mannes. Die Schnurrhaare stehen ab, daran könnte man sich die Handfläche durchstechen. Als der kleine Zokto jünger war, brauchte er sich nur vor ihn zu hocken — schon waren sie auf gleicher Höhe. Der Kater fing mit tiefer Stimme an zu brummen, als fragte er: »Gib mir Fisch, sag ich! Was haste mitgebracht, du Heidenjoch?«
Beim alten Judin — wie auch bei ihnen allen, den altorthodoxen Russen — kam es nicht vor, dass man sich mit jemandem gemeinmachte, jemanden willkommen hieß. Aber zu Großvater Schambal war der Alte etwas milder. Manchmal setzten sie sich auf die Erdanschüttung an der Hauswand, besprachen ihre Angelegenheiten. Redeten über bestimmte Namen — einen Bach etwa oder einen Pass. Warum nennt man dieses Tal Boldyn-Tal? Der alte Judin aber weiß, es heißt Unter-dem-Fels-Tal, so nennt man es bei ihnen. Oder reden sie über verschiedene Orte? Dann verstehen sie wohl, wovon die Rede ist. Auch die Quellen besprachen sie: Wo lässt sich der Rücken, wo lassen sich die Knie heilsam richten, und wie kommt man zu dieser oder jener? Judin schien Großvater dankbar dafür, dass er mit den Banditen Schluss gemacht hatte. Offen sagte er das allerdings nicht, und auch seinen Kummer verbarg er …
»Denn reif ist die Ernte! … Und schon hat der Schnitter seine Mittagssichel erhoben …«
Wenn der Alte mit seiner tiefen Stimme losgrollt.
Da steht einem schier das Herz still.
»Die Zeit ist gekommen, das Haupt vor dem Schnitter zu neigen! Denn du bist eine Ähre auf Gottes Auen!«
Dort auf den Heuwiesen war seine Enkelin gewesen, ein junges Mädchen von achtzehn Jahren. Die Galgenvögel hatten sie in den Wald gezerrt, und was sie ihr angetan hatten, es war entsetzlich. Sogar auf ihr Kreuz hatten sie danach so eingehauen, dass es tief in die Brust drang. Eingedrückt war es, aber nicht zerbrochen.
Für den kleinen Zokto war es mit seinen eigenen, seinen Jungeninteressen doch besser, sich mit dem Kater zu ›unterhalten‹. Er kam zu ihm gelaufen. Natürlich nicht mit leeren Händen. Mal brachte er in Klettenblätter gewickelte kleine Barsche, mal Lenoks, mal sonst irgendwelche kleinen Fische. Seine Tschara lief nie bis an die Gartenpforte, da fielen ihr gleich unaufschiebbare Hundeangelegenheiten ein! Der Riesenkater tauchte ja sofort wie aus dem Nichts auf und rieb sich an den Beinen seines Herrn.
Dem Kater begegnete Zokto mit Ehrfurcht. Denn wahrscheinlich ist er der Waldkönig, dachte er über ihn. Großvater Schambal hatte die alte Sage vom Hirschvolk erzählt. Und vom Waldkönig, der sie zu sich gelockt hatte.
Aber die alte Radschan hatte nichts vergessen, vor ihr konnte man nichts verbergen. Sie grub den Schädel des weißgardistischen Anführers aus. Wusch die Knöchelchen für ihre geheime Zauberei. Und im Schädel, genau mitten in der Stirn — ein durchgehendes Einschussloch.
Die Zeiten begannen sich zu ändern, langsam natürlich, aber irgendwie so … Und alles — zum Schlechteren. Banden streiften umher, mal diese, mal jene. Die Zwangsablieferung von Lebensmitteln kam wie aus dem Nichts über sie. Man begann eine Kolchose einzurichten. Dann einen Jagdbetrieb. Alle wurden aufgeschrieben, und was jeder besaß. Zusammenschluss-Auseinanderschluss. Und dann … Sogar die Menschen im Dorf gerieten auseinander, der Zusammenhalt ging ihnen verloren. Früher war es vorgekommen, dass eine ausgelassene Sauferei von einem Dorfende zum anderen zu wandern begann. Dem einen war ein Unglück widerfahren — da hatten sie getrunken, dem anderen etwas Erfreuliches — da hatten sie auch einen gehoben. Aber das spielte keine Rolle, alle zog der trunkene Strudel hinein. Die einen zogen durchs Dorf und die anderen auch. Und schon stießen sie Stirn an Stirn zusammen, ein Funke flammte auf, los ging das Kräftemessen mit den Fäusten. Wer also die härteren Fäuste hatte oder den härteren Schädel oder ein größeres sonstiges Werkzeug. Aber dann verschwand sogar die Sauferei irgendwohin. Es treibt die Dorfbewohner und ihre Höfe und Häuser immer weiter auseinander. Manchmal ist es, als spürte man es von fern … noch nicht einmal Rauch … Aber etwas Beunruhigendes wehte heran. Es hatte schon begonnen, irgendwo war es. Das Feuer begann zu knistern, verstreute Funken über das Totholz. Das schrecklichste Unheil in der Taiga!
Beschaffungs-Jagd-Kontor. Ein Soll für die Jagdbeute. Los, irgendeinen zum Kulaken erklären und enteignen. Zugezogene, fremde Leute tauchen auf. Alles müssen sie auf ihre Weise einrichten. Allerlei Depeschen, Anordnungen, Listen gehen an den obersten Chef dieser Gegend. Kommen gerade bis an den Fluss, der das Vorgebirge von den beginnenden Ebenen trennt. Und dort — gibt es einen Übergang, gibt es keinen? Noch ist das Eis nicht fest, oder es bricht gleich auf. Vom Frühjahrshochwasser oder von den letzten Regenfällen ist das Wasser gestiegen. Das Wasser ist gefallen. Die abgeschickten Papiere sind inzwischen beim Warten am Ufer versauert. Alles hat sich schon verändert. Der Chef bekommt sie, liest. Aber wann war das schon, zu welcher Zeit? Worüber soll er einen Bescheid verfügen?
Ein neuer Chef trifft ein, mit seinen Handlangern, aber alle wirken, als seien sie nicht recht bei Trost. Hat man vielleicht eigens solche ausgesucht, um sie möglichst weit weg zu verbannen? Sie ziehen los, wie es bei ihnen allen üblich ist, irgendetwas zu inventarisieren. Und nachzuzählen und in Listen einzutragen. Und aus irgendeinem Grund tauchen sie bei der alten Radschan auf. Dabei ist sie oft schon dann schwer aufzutreiben, wenn man aus freien Stücken zu ihr will.
»Wir sind gekommen, um bei dir alles aufzunehmen!«
»Was soll das? Welcher Teufel?«
»Deine Wirtschaft nehmen wir auf!«
»Was denn für ’ne Wirtschaft? Da sind doch Männer genug, nehmt bei denen auf.«
»Äh … Willst du Witze machen, Alte?«
»Was für Witze? Da, ’n lahmer Hahn und ’ne Katze ohne Schwanz. Was wollt ihr aufnehmen?«
»Na, na! Und was ist das da bei dir?«
»Das ist mein Kästchen für Kräutchen.«
»Wa-a-as … Das ist ja ein Schädel! Warum ist der hier?«
»Ich schau da mal rein, in das Löchlein, ja …«
Im Schädel ein Einschussloch mitten in der Stirn, hinten der Hinterhauptknochen weggerissen, wo die Kugel austrat.
Sie schaut ihn an. Und siehe da, bald ist der angereiste Chef hinüber, die bleiche Schwäche hat sich an ihn gehängt. Aus, sie schicken ihn irgendwohin. Ein anderer findet sich nicht für den Posten. Oder man hat überhaupt vergessen, wo es so einen Winkel gibt, von dem man nicht einmal weiß, ob er auf der Bezirkskarte eingezeichnet ist oder nicht? Oder ist dort — eine Hirschhaut, ein weißer Fleck? Oder ein schwarzer, aus Ziegenfell?
Der Schlaf fällt über Zokto her, hüllt ihn in den zottigen Pelz bemooster Waldfluren, drückt ihn nieder mit der schweren Tatze der holprigen Bergausläufer, die sie den lieben langen Tag durchstreift haben. Und ihm erscheint diese riesige — sie hat nicht einmal Ränder! — steinige, taigabewachsene Handfläche. Über sie ziehen sich all diese Täler, Bäche rinnen, Pässe wölben sich. Grimmige Felsen ziehen die Brauen zusammen, und irgendwo schmiegen sich Winterhütten hin, sprudeln Quellen. Birkenhaine sind von Grün und Licht erfüllt, mal weit voneinander entfernt, mal dicht beieinander. Er und Großvater Schambal gehen von einem Hain zum anderen.
Manchmal vergehen zwei Jahre, ehe sie wieder an einen früheren Ort zurückkehren. Der Tschoidop-Pilz ist in dieser Zeit gerade herangewachsen, hat sich an die Stämme geheftet, man kann ihn ernten. Ihr früherer Lagerplatz, vor zwei Jahren angelegt — die Spur des Feuers, das Hüttchen, das der kleine Zokto selbst mit Nadelzweigen gedeckt hat. Nur alles zugewachsen. Und wieder … Zwei Winter, zwei Sommer sind verklungen. Steile Hänge, verbrannte Wälder voller Windbruch, steinige Hochflächen. Wieder sind sie dort angekommen. Eine Lichtung nicht weit vom Bach, die Feuerstelle, das Hüttchen. Wie viel sie in dieser Zeit gejagt, wie viel sie erbeutet haben. Und auch die gut eingeschossene ›Tosowka‹ ist Zokto gleichsam angewachsen, hat sich an ihn geschmiegt mit ihrem brünierten Lauf, mit Waffenfett und Pulvergeruch.
Sein Bruder Bulat aber sagte, diese Orte, wo man den Pilz ernten kann, zögen sich wie ein breiter Streifen von Westen nach Osten. Dort sei der Drache geflogen und habe seine feurigen Funken verstreut. Aus diesen Funken wachse der Tschoidop-Pilz.
Was denn für ein Drache? Hat er das vielleicht geträumt?
Nein! Schon Großvater Tschultum hat davon erzählt. Und Tschultum hatte es von Großvater Garma gehört. Und Großvater Garma hatte es ein alter Lama erzählt. Der war aus Tibet gekommen. Dorthin war der Drache geflogen und dort zerschellt. Alles brannte durch ihn. Sogar viele Jahre waren es, die es brannte. Rauch stieg bis zum Himmel. Nur Felsberge blieben danach übrig.
Der Tschoidop-Pilz haftet etwa in Kopfhöhe, manchmal höher. Manchmal ähnelt er dem Gesicht eines alten Mannes. So eines alten Männchens … Ein altes Gesichtchen, ganz voller Falten, zerknittert. Sieht man sich die Bruchstelle an, sind innen dunkelrote oder rosige Äderchen.
Wenn sie den Pilz gesammelt haben, muss er verlesen, aufgeteilt werden. Zum Antrocknen ausbreiten, damit der Wind darüberstreicht. Aber was für ein Windchen, das muss man erst erwischen. Mal brennt die Sonne zu heiß, mal hat sie sich versteckt, mal ziehen Wolken auf. Da kann der Pilz Kopfschmerzen kriegen!
»Was denkst du dir denn, kleiner Zokto?«, fängt Großvater sogar an zu schimpfen. »Wenn man dich in der prallen Sonne ausbreitet, wie fängt dann dein Kopf an, vor Hitze zu lodern? Eben! Alles verschwimmt dir vor den Augen, du bist wie abgebrüht. Und der Pilz, was ist mit dem? Hat der für dich etwa keinen Kopf?«
Na, einen Kopf, natürlich, ja. Er versteht es auch, sich geschickt zu verstecken und zu verbergen.
Und dann gibt es noch den Pilzkönig. Er ist das Oberhaupt aller anderen Pilze, sie sind ihm untertan.
Der Regen setzt ein, nichts lässt sich vor dem Nieseln schützen. Sie stopften alles hinein, wie es war, mussten es möglichst schnell hinaustragen. Es fängt an zu verderben, schimmelt, dann kannst du es wegwerfen. Mit bis obenhin vollen Säcken schleppten sie sich auf den Märschen ab, unter der Last brachen sie fast zusammen, wurden ganz krumm gebeugt.
… Als der Drache flog, sprangen die Hirschmenschen von ihm herunter. Damals waren sie natürlich noch keine Hirschmenschen. Sondern einfach Menschen aus einem fliegenden eisernen Boot.
»Du, Bulat, hast wohl beim Schlafen Ofendunst abgekriegt! Gibt’s denn so was? Menschen aus einem eisernen Boot … Was du dir alles ausdenkst!«
»Du hast doch gepennt wie ein Toter! Großvater Olso hat aber erzählt, dass sie hier heruntergefallen sind, mitten in die Taiga. Und anfingen zu erfrieren, es war ja Winter. Aber sie hatten so ein Ding. Magnet heißt das. Hast du’s bei Großvater Makar gesehen? Der hat so eins, damit magnetisiert er die Läufe. Und bei Onkel Galsan in der Motoren- und Traktorenwerkstatt gibt’s auch eins. Wenn man Eisenspäne auf Papier streut und dann von unten mit einem Magneten drüberfährt. Die Späne sammeln sich alle beim Magneten und ziehen hinter ihm her, wohin man ihn auch führt. Und genauso kamen die Hirsche von allen Seiten zu diesen Menschen. Legten sich um sie herum und wärmten sie mit ihrer Wärme. Die Menschen umarmten die Hirsche — und sie wurden ihre besten Freunde. Verstanden, wie es war?«
Na gut. So war es wohl.
… Los, du bist jetzt ein Wolfshund!
Bulat ist wohl übergeschnappt. Schon wieder seine Spiele!
»Stürz dich auf mich! … Ich mach so einen Griff mit dir und verdreh dir den Hals! Wie Großvater Schambal fünf Wolfshunden den Hals umgedreht hat, als sie ihn verfolgten!«
»Lass doch Grom sich auf dich stürzen wie ein Wolfshund. Versuch dem mal den Hals umzudrehen!«
»Was, haste Schiss?«
»Wer, ich hab Schiss? …«
Zokto stürzt sich im Frontalangriff auf seinen Bruder.
… Bulat hat ihn derart durch den Schnee gewälzt, dass er ihn in einen Schneemann verwandelt hat. Nur Grom hat seine Freude daran, saust herum, wirbelt Schneestürme auf. Aber der haut einen ja mit einem einzigen Satz um! Mit dem legt man sich besser nicht an. Doch mit dem kleinen Zokto … Mit dem machst du, was du willst.
Aber da kommt natürlich Mama Ajun und legt den Arm um ihn. »Schon gut, Zoktoscha, gräm dich nicht!« Er sitzt eine Weile da, dann lässt er sich ihr in den Schoß fallen, schmiegt sich an. Und auch Bulatka treibt sich noch eine Weile irgendwo herum und kommt dann heran. »Warum ärgerst du deinen kleinen Bruder, Bulat? Das darfst du nicht!« Auch Bulat lässt sich fallen, schmiegt sich an sie. Großmutter Tujana ist gekommen, sie hat Fladen gebraten. »Kommt alle Tee trinken!« Auch Großmutter hat alle umarmt. Wie Hirschkühe wärmen sie mit ihrer Wärme die kleinen Menschen, den kleinen Zokto und Bulatka, die von einem fernen, eisigen und leblosen Stern gefallen sind, und beschützen sie vor allem.
… Zokto erinnerte sich, wie er mit Onkel Galsan weit in die Steppe hinausgefahren war. Der hatte eine Motoren- und Traktorenwerkstatt und den berühmten, über den ganzen Aimak ratternden Traktor ›Roter Recke‹. Mit dem Traktor kamen sie auch zu den Seen, fuhren in dämmrige Senken hinab, aufgescheuchte Reiher flogen ihnen entgegen und schüttelten silbrige Sprühfransen von den Flügeln. Der See schimmerte rötlich wie Kupfer, wie eine sehr große, alte und matte Münze. Zokto lag mit ausgebreiteten Armen auf dem Wasser. Am Himmel vor Sonnenuntergang waren weißliche Strähnen ausgespannt, und vereinzelt schwebten Seeadler mit ausgebreiteten Schwingen. Ein Milan zog einen verlangsamten Halbkreis. Kann man das Rauschen der Schwingen am Himmel hören, das Rauschen, wenn große Vögel über die Luftströme gleiten?
Zokto las gleichsam die braun gewordenen Seiten der Steppenhügel … Wie konnte er lesen? Ebenso wie der alte Lama die Gebete las, sich ein wenig wiegend, als stünde er im Wind. Sie kamen in den kleinen Dugan, der ganz von Sonnenpfeilen durchdrungen war. Die Angeln der schiefen Tür knarrten, die Glöckchen zitterten — so dünn und kläglich, als fürchteten sie, gleich könnte ihnen das Herz zerreißen. Der Sonnenwald wogte und verschob seine durchsichtigen Blätter aus Staubkörnchen, die in der Luft schwebten. In diesen Blättern kräuselte sich der Rauch, der aus einem kupfernen Schälchen mit entzündetem Räucherwerk aufstieg, floss hinein wie Milch in Tee, stieg zu den gelblichen Rollbildern mit den Antlitzen der irgendwo dort oben gleichsam schwebenden Gottheiten auf.
Zokto lauschte der Schlange der Stille, die im Kreis umherkroch, als würgte sie mit straffen Windungen alles ab. Von ihrer braunen und grauen Haut strömte Hitze. Und irgendein feines gläsernes Klirren. Als bräche diese Bewegung den Glanz der Glasperlen, die die Schlangenhaut mit einem wunderlichen Muster schmückten. Hinein flochten sich das Fiedeln unsichtbarer Sänger an den Graswurzeln, die zirpenden Sprünge der Heuschrecken, das tiefe Brummen der Käfer, die zitternden Federzüge der Libellen. Wenn man Kräuter pflückte, sie in den Händen zerrieb, den bitteren, Erinnerungen weckenden Geruch einatmete — war nicht das Herz der Steppe selbst in diesem pflanzlichen und erdigen, mit Asche vermischten Staub? So rochen doch auch die Hände seiner Mutter. Und Großmutter — die ganze große Großmutter — roch wie die Steppe! Von seinen beiden Schwestern wehte dieser Wermutduft herüber. Von seinem Bruder Bulat … ja, etwas bis zum Schmerz Vertrautes. So sehr, dass es einem das Herz zusammenschnürte.
Auch tiefer in die Taiga gingen sie: Da gibt es eine Winterhütte und noch eine, in denen man lange bleiben kann. Zu ihnen kommen auch Großvater Stepan und Großvater Makar und die Brüder Chandarow und Onkel Dorscho. So waren sie in den kleinen Winterhütten unter sich. Alle schon alte Männer, nicht mehr gesund genug, um die Beute ins Kontor zu bringen. Aber Schlingen legen sie aus, Fallen stellen sie auf, richten Schlagfallen her, spannen die Fangeisen. Zokto wird bei ihnen klug und verständig, schult Auge und Hand. Die Füße schlägt er sich natürlich auch wund. Auf Skiern über die Hügel hinauf und hinab schindet er sich bis zur Besinnungslosigkeit. Kaum beginnt der Wintertag — schon rollt er zum Untergang hinter die Bergkuppen. Was sie bei Tageslicht noch ablaufen können, dann zurück, rasch in die Wärme. Wenn jemand in der Hütte ist, brummt auch der Ofen, der Tee kocht auf, Wasser und Holz sind da, das Essen ist zubereitet, das war immer so verlässlich.
Schläft Zokto oder schläft er nicht? … Er hört, wie der dreifach gedrehte, verschlungene Faden der Erzählung sich entspinnt.
»Habt ihr denn die Hirschmenschen im Wald gesehen, seid ihr auf sie gestoßen?«
»Nee, wir selbst haben sie nicht gesehen. Die sind so, Bürschchen: Selbst wenn sie am Feuer sitzen, sich wärmen, dann — husch! — und weg sind sie. Schnell verschwunden. Ganz unmerklich sind die.«
»Ach, was wollt ihr mit den Leuten. Aber ihre Mädchen, heißt es … Die spielen und tollen vielleicht herum! Unter Wasserfällen, in stillen Buchten baden sie. So süß und klein, dunkelhäutig, wie mit Gold übergossen. Sobald ein Jäger sie sieht, ist es um ihn geschehen. Verloren!«
»Ach was. Alles bloß Gerede. Wer hat sie wirklich gesehen? Und in der Taiga umkommen, dazu braucht’s wohl keinen Verstand. In die falsche Richtung losgestürmt, verirrt. Da ist er erfroren oder verhungert.«
»Nee. Es kommt vor, dass sie einen anlocken. Ja. Wer so ein Mädchen gekostet und sich mit ihr vergnügt hat, der vergisst alles. Bleibt dort.«
»Was, das Gedächtnis ist dann völlig weg?«
»Ja. Die haben solche Wurzeln, die kennen sich aus. Brauen einen Trank daraus und betäuben einen damit. Da fängt der Jäger an, weiß der Himmel was zu sehen! Wenn du davon kostest, dann hast du allerlei Erscheinungen.«
»Na schön, Erscheinungen! Fliegenpilze sammeln die Alten doch auch, die sich auskennen. Nimm mal einen Löffel von dem Aufguss … Danach findest du dich selber nicht mehr!«
»Ist aber vorgekommen. Man erzählt’s doch. Die spielen einen Mann so um den Verstand, dass er aus dem Zauber nicht mehr herauskommt. Und schon ist er verloren. So ein Unglück, Bürschchen.«
… Auch Großmutter Tujana schärfte Zokto oft, wenn sie aufbrechen wollten, ein, auf den ›alten Elch‹ aufzupassen. Er solle ihm ins Gewissen reden, ihn die Feldflasche nicht gleich so heftig leeren lassen. »Dass ihn bloß die Fieberhexe nicht wieder hineinzieht, nicht zu sich zu Besuch lockt!«
Na, also … Die Fieberhexe — das ist so etwas … Das ist etwas ganz anderes.
»Einmal war er ja verschwunden, irrte weiß Gott wo in der Taiga herum. Hat sich wohl mit ihr vergnügt … Mit der Fieberhexe!« Es war einmal vorgekommen, dass Zokto mitgehört hatte, wie Großmutter Tujana sich im Zorn bei Großmutter Radna beklagte. Und noch allerlei Einzelheiten. Diese ›Fieberhexe‹ konnte offenbar jedem den Kopf verdrehen!
Der Sommer war vergangen, und der Herbst klingt. Klammkalte Winde hatten die Lärchen gelb versengt, die Ebereschen mit purpurnen Funken entzündet. Schon drückte nachts der Frost, presste die Balkenwände zusammen, bis sie knackten. Wolfsartige Schneestürme heulten auf, Schnee rückte dicht heran, verschüttete alles. In klaren Nächten zittern die Sterne flimmernd wie zottige Strahlenkugeln, beleuchten gespenstisch das Dickicht — hier mit bläulichem Schimmer, dort mit violett abgründigen Vertiefungen —, umwunden von Schneewehen auf Zweigen und Nadelpranken. Selbst die Luft ist dick, das Licht verdünnt die Finsternis nur notdürftig. Da merkt man gar nicht, wie das graublasse Morgengrauen vom Abendrot abgelöst wird, mit rosigen Lichtblitzen auf den Schneeschichten, mit dem tiefen Blau der länger gewordenen Schatten.
Vielleicht sind da Jäger zusammengekommen, reden miteinander … Oder brodelt das Flüsschen über den Stromschnellen, rauscht der Wind, wiegen die himmelhohen Kiefern ihre zottigen Köpfe?
Doch wenn man darüber nachdenkt, ist es bloß ein kleiner Kreis aus Feuer, und gut ist es, wenn die Balkenwände der Hütte ihn abschirmen. Die Taiga kann die Hütte ohne Weiteres zerdrücken, auf das Feuer treten, mit einem Windstoß die Decke wegblasen, die Glut zertreten. Die eines jeden Lebens, ganz gleich wessen. Was den Taigamenschen schon alles widerfahren war. Manche hatten mit Mühe überlebt, andere nicht. Was ist das schon für sie?
Vielleicht treten vorn lauter Verwandtenbäume hervor, die Zokto kennt. Die Verwandten dieser Verwandten kennt er auch. Brüder und Schwestern, Neffen und Nichten. Und andere Verwandte haben sich weiter hinten verborgen, sind in der dichten Taiga kaum auszumachen. Und fast gar nicht sieht man jene, die vor sehr langer Zeit gelebt haben. Vielleicht huscht dort sein Großvater Ulsy hinter den Stämmen vorbei? Wenn aber Großvater Schambal seinen Urgroßvater kennt, dann steht Schambals Urgroßvater wohl noch hinter Ulsy.
Weiter hinten, in der Tiefe, werden heimlich die Waldmenschen vorübergehen, ohne einen Grashalm niederzudrücken, ohne ein Ästchen knacken zu lassen, ohne einen Zweig abzubrechen. Doch weiß man überhaupt, ob es sie gibt? Na gut, soll es sie geben.
Hinter den Waldmenschen — Gespenster. Sie werden vorüberschweben, gewoben aus Nebelsträhnen über den Sümpfen, aus den wandelbaren Schatten vor dem Abend.
Und ganz weit weg, noch tiefer? Dort sprudelt in der Schwärze eine Quelle hervor. Aus ihr geht die Schwärze hervor. Die Quelle ist unter der Erde, durch die Tiefen hindurch, mit dem Himmel verbunden. Das Himmelsgewölbe tränkt die Taiga durch unsichtbare Flussbetten mit dichtem und undurchdringlichem, bannendem Schweigen.
Und es gibt nichts — kein Symbol, nichts dergleichen, das begrenzt ist, irgendwelche Schranken hat und zugleich die Unermesslichkeit des Geschehens in sich fasst. Dessen, was kein Zufall ist, was durch unsichtbare Fäden mit dem Himmelsgewölbe verbunden ist, mit dem Kreislauf der Taiga. In der allerursprünglichsten Schwärze, von wo aus sich die Taiga mit Schrecken und Unermesslichkeit füllt, kommen manchmal mehrere Punkte zusammen, leuchten im Dunkeln. Liegt irgendeine Ordnung darin, können sie etwas erklären? Das sind die Wölfe, die in mondlosen Nächten dorthin kommen, um sich an Schwärze sattzutrinken. Sie setzen sich hin, fegen mit den Schwänzen um sich — und blicken auf. Ihre Augen sind gelb. Sie kommen in der Schwärze als bannende Signale zusammen.
Es kam vor, wenn er mit dem Großvater in die Taiga ging und sie den Pfad betraten, dass sie einfach nicht schnell vorankamen. Man musste sich erst gewöhnen, einlaufen. Die Rucksäcke waren falsch gepackt, dort klapperte etwas, hier schlug etwas gegen den Rücken. Und die Kleidung passte nicht. Und irgendwie hatten sie kein Glück.
Natürlich nahmen sie auch Grom mit. Der preschte gleich über Hänge und Windbrüche davon, wohin ihn sein Eifer und seine Witterung nach Getier trieben. Irgendwo hallte Bellen wider, immer weiter weg, verstummte ganz. Dann aber brach er aus dem Dickicht hervor, die Zunge hing seitlich heraus, die Flanken gingen vom Keuchen schnell auf und ab. »Die plagen sich hier ab …«, sagte sein Hundeblick. »Ich hab schon die ganze Gegend durchstöbert, ein Eichhörnchen auf eine Kiefer gejagt und ihm da oben zugesetzt, sämtliche Streifenhörnchen verscheucht, eine Hasenspur aufgenommen, aber irgendwie hab ich kein Glück.«
Sie zogen auch mit einem Pferd los, der Nachbar lieh es ihnen, so konnten sie mehr Vorräte mitnehmen. Das Pferd Pakel, das einst den stolzen Namen Fakel getragen hatte, war vereinfacht und zu einem unverständlichen, aber auf Wanderungen unermüdlichen Pakel degradiert worden. Wenn der Großvater stehen blieb, warteten sie alle — Pakel ruhte sich aus, Grom war auf die Seite gefallen, und Zokto konnte verschnaufen, schleppte er doch eine Rückentrage oder einen Sack auf dem Rücken, dazu das Gewehr und die Munition.
Der Großvater geht immer auf der Hut, auch wenn der Pfad vertraut und oft begangen ist. Unterwegs eine Weggabelung, ein auffälliger Stein, ein Baum abseits der anderen, ein Übergang auf Steinen über einen Bach. Man muss warten … Er setzt sich, schlägt mit dem Feuerstahl Funken, lässt den Mooszunder einen Rauchfaden ziehen, zündet sein Pfeifchen an. Lauscht, wer welche Vorzeichen verkündet und wozu. Diesen unsichtbaren Wahrsagern muss man eine Handvoll weißen Reis hinterlassen, ein Stück Zucker, eine Prise Tabak. Ein Fädchen aus auffälligen Zeichen zieht sich hinter ihnen her, bindet sie an die helle Welt, die zurückbleibt. Vor ihnen — eine beängstigende Unendlichkeit. Die Waldbewohner schauen von dort her — sie sind auf der Hut, sehen sie — und warnen alle ihre Verwandten und Bekannten, nicht näher zu kommen.
Der Großvater macht sich daran, Fladen zu braten. Knetet den Teig, nimmt ein wenig davon ab und mischt es nur mit Salz. Dann rollt er aus dem salzigen Teig kleine Scheiben, Ärmchen und Beinchen und formt einen Kopf. Das sind so etwas wie kleine Menschen, Chaidaps. Eins, zwei! — und mit einem Stöckchen sticht er Löcher hinein. Punkte in mehreren Reihen oder im Kreis. Die Chaidaps wärmen sich am Feuer, werden fest. Wenn der Großvater manchmal nicht schläft, weil ihm die Knie schmerzen und das Kreuz wehtut, spricht er mit ihnen. Singt etwas Langes, Gedehntes vor sich hin — als drehe er einen Faden, ziehe ihn irgendwo aus der Vergangenheit hervor. Zoktos Schlaf wird fortgetragen, er öffnet ein Auge ein wenig. Der Großvater sitzt da und wiegt sich, als würde etwas ihn schaukeln.
Die Chaidaps ziehen mit ihnen auf die Reise. An irgendwelchen besonderen Stellen lassen sie sie zurück. Sie passen hinter ihnen auf sie auf. Verschwinden, nichts bleibt von ihnen übrig. Vögel und Waldgetier tragen sie auseinander, im Regen, in der Feuchtigkeit, unter der Sonne lösen sie sich auf.
Allerdings … Vielleicht folgt ihnen jemand? Einen Chaidap — happs! — aufgefressen. Einen, dann den nächsten.
Einmal gingen sie weit fort, arbeiteten sich flussaufwärts vor, durch eine Schlucht. Dort war schon ein anderes Flüsschen, die Uakitka, ihr alleroberster Lauf. Sie schlugen ihr Nachtlager auf. Am Morgen gingen sie im Flussbett weiter, es war zwischen Felsklippen eingezwängt, dichtes Unterholz floss aus den Seitentälern herab. Und plötzlich — geradezu vor ihnen emporgewachsen! Ein Pilzchen, ein Moospilzchen. Ein Chinese. Bo Han. Einen schmalen Pfad entlang, dort hatte er eine Lichtung, eine Erdhütte eingerichtet.
Zokto wunderte sich aus irgendeinem Grund nicht. Als müsste er hier sein, als wäre dies genau sein Platz. Sehr alt, dürr, wie eine glatt geschliffene Wurzel, bräunlich, schaute unter dem Hut hervor. Offenbar hatte er auf sie gewartet. Er musste also irgendwelche besonderen Augen und Ohren haben. Ein Hündchen rollte ihnen vor die Füße, wie eine zottige Mütze. Bald kam ein Rabe angeflogen. Ließ sich nieder, sträubte die Federn, schielte mit einem Auge herüber, sehr unzufrieden. Er war hier der Herr — mit dieser Miene begann er umherzuschreiten.
Bei Bochan war der Tee aufgebrüht, sie setzten sich gleich hin und tranken Tee. Die Alten rauchten ihre Pfeifchen. Der Rauch wand und verschlang sich, so begannen sie einander zu verstehen. Die Augen des Großvaters blitzten, seine Brauen schnellten hoch, ein Lächeln huschte auf, wie sich Kreise auf dem Wasser ausbreiten. Der Chinese stellte ebenso — mit Händen, Lächeln, Augen, Brauen — eine Antwort dar. Fügte noch hinzu: Tyr-dyr! Der Großvater schmunzelte, zuckte mit den Schultern. Tezk-tezk, sagte er. Eine Vogelsprache, die nur sie beide verstanden.
Sie hatten dem Chinesen Salz, Mehl, Patronen, Tee und Tabak gebracht. Auch Zokto hatte eine Menge geschleppt, war völlig erledigt. Bochan gab ihnen im Tausch so etwas wie bräunliche Klumpen. Reichte sie behutsam hinüber, sie waren in Bastmatte eingeschlagen. Der Großvater nahm sie ebenso behutsam, verbarg sie im Sack.
Der Chinese fing an, Fladen zu braten, fing er an. Und, Zokto sah hin, in mehrere Fladen stach er — eins, zwei — mit einem Stöckchen Löcher, Punkte, mal in einer Reihe, mal einzeln. Nach einiger Zeit trug er sie beiseite, legte sie auf einen Stein. Sprach etwas auf sie ein, rezitierte etwas über ihnen.
Auch danach kamen sie noch zu Bochan, alles blieb wie zuvor. Der Frühling begann zu grünen, oder der Sommer hatte alles mit heißem Atem umfangen, manchmal schlug auch der Herbstwind das vergilbte Laub herunter. Vielleicht fragte Zokto den Großvater ebenso: Zyk-zyk-zyk? Mit Augen, Lächeln, Händen. Und der Großvater antwortete: Tyr-dyr — tyr-dyr. In der Sprache der Berge und der Taiga, der Flüsse und der Seen. Zokto verstand alles. Der Chinese sammelte Bergharz, deshalb tauschten sie. Dieses Harz brachte Schambal nach Hause, Großmutter Tujana nahm es an sich. Und gab es dem alten Chandar. Über Chandar würde es dann zur Schamanin Dagba gelangen.
Gut, dass dieser alte Mann dort zwischen den Steinen am Oberlauf steht. Das ist sehr weit weg. Hinter Großvater Ulsy, hinter Schambals Urgroßvater. Die Waldmenschen hat man dann schon hinter sich. Die Gespenster werden vorüberschweben. Und er ganz am Ende. Oder am Anfang? … Je nachdem, wie man es betrachtet. Dieser alte Mann hat sich sein Leben richtig eingerichtet. Sein Leben ist harmonisch, im Einklang mit der Natur. Er klettert auf die Gipfel der Felsklippen, kratzt aus Felsspalten, von Vorsprüngen der Steilwände Bergharz hervor. Oder vielleicht bringt es ihm der abgerichtete Rabe?
Und warum sollte er nicht in den Bächen ringsum Goldstaub waschen? Wenn kostbare Jade dabei herauskommt, auch nicht schlecht. Vielleicht die Chinesen … Was denn für Chinesen? … Jene längst verbrannten Spiritusträger, deren Asche gesiebt und in alle Winde gestreut wurde? Nun, gleichgültig. Der Wind dreht sich, hebt einen Wirbel aus Staub der Toten empor — gleich webt sich ein graues Gespenst aus der Asche. Zu Diensten bereit. Alle Pfade sind vertraut, es schwingt sich auf — unsichtbar, in Wirbeln — und trägt ein Päckchen im Nu ins Reich der Mitte. Mit Goldstaub oder mit Goldklumpen, mit Jade.
Hinter Bochan, in den Steinen, wo die Uakitka entspringt, und noch höher — die Quelle der Schwärze. Sie plätschert, ergießt sich und nährt die ganze Taiga. Auf dem Bauch des Alten brennen gelbe Punkte, leuchten im Dunkeln. Und wenn er verschwindet, ganz und gar verschwindet? Das rauschende Flüsschen, undurchdringliches Dickicht, oben ein Blockfeld, ferne gezackte kahle Gipfel — werden ihn zudecken. Mit der Zunge auflecken. Verschlingen. Nur die gelben Punkte bleiben übrig, Wolfsaugen. Daneben wird das zottige Hündchen sitzen, der Rabe sich missmutig aufplustern.
Unsagbar lange flogen durch die kosmische Leere jene, die im allerletzten Augenblick vor dem Zusammenstoß von dem in Brand geratenen eisernen Boot abgesprungen waren. Sie fielen mitten in die Taiga. Beinahe wären sie erfroren, doch sie zogen die Hirsche magnetisch an, von überall kamen sie zusammen. Die Angeflogenen umarmten sie und weinten. Lange hatten sie einander nicht gesehen, nun waren sie endlich wieder beisammen.
Zokto lief den Pfad entlang, und — als wäre er in der Mitte der Drehung. Ringsum huschen kupferleibige Kiefern vorbei, Sonnenflecken gleiten über das Unterholz. Das Laub flimmert, wechselt zwischen dunkelgrünem und hell leuchtendem Schimmern. Der Wind hat hier lange, vereinzelte Wolkenfedern über den Himmel auseinandergetrieben, dort zu einem Haufen zusammengeballt, zu Federkissen.
Der Pfad, dachte Zokto, war gleich als Pfad zur Welt gekommen. Nach und nach gewachsen, hatte sich über Flüsse und Bäche, an Hängen entlang, durch Schluchten gezogen. War zu steilen Pässen hinaufgestiegen, hatte ferne Bergkämme erklommen. Er hatte Kinder bekommen: Kleine Pfade zweigten von der Pfadmutter ab. Liefen über ihre eigenen Hügelrücken und Hänge, wurden dort heimisch. Diesen Pfad, und nun seine Kinder und Enkel, hatten also viele Taigamenschen, die früher gewesen waren, durch ihr Gehen großgezogen, ausgetreten. Wie viele waren im Laufe der langen Zeit darüber gegangen? Der Pfad war sogar alt geworden. Von dicken Wurzeln wie von hervorgetretenen Adern durchflochten, ausgetreten und ausgeschart bis auf das Steingeröll.
Davor hatte es geregnet, sodass sie mit dem Großvater lange im Lager festgesessen hatten. Graues Gewölk hing tief, der Regen schien nachzulassen, legte aber gleich wieder mit aller Kraft los. Alles hing einem schon zum Hals heraus, auch der Vorrat ging zur Neige. Zokto lief ins Dorf, man musste doch einmal auf andere Gedanken kommen. Wenn er nur bald nach Hause käme!
Am Morgen waren Wolken aufgezogen, doch sie hatten nachgegeben, der Wind war mit ihnen fertiggeworden, hatte sie vertrieben. Es wurde fröhlicher. Fast einen ganzen Tag musste er gehen, er war früh aufgestanden, bis zum Abend würde er das Dorf erreichen. Der Pfad führt auf und ab durch die Vorberge, die bald flacher werden und sich in niedrigen Anhöhen hinziehen.
In der Niederung plätscherte hell ein Flüsschen: Das war wohl die Bolonewka. Und von oben eine graue, bemooste Zunge aus Blockgestein, der Strom drängt unter den Steinen hervor. Dort, weiter oben, stürzt der Reschitichinski-Bach als Wasserfall herab, und da sind die Quellen, bei denen er mit dem Großvater gewesen war. Aber das war lange her.
Zokto, vom Taigaleben wie vom Großvater belehrt, ging auf der Hut, versuchte, alles wahrzunehmen. Doch da war nichts Besonderes, keine frisch abgebrochenen Zweige, keine auffälligen Spuren. Vielleicht verkündete jemand irgendwelche Vorzeichen … Aber waren sie in den Stimmen der Waldbewohner zu hören oder nicht? Ein Zittern im Laub, die Wipfel der Kiefern rauschen. Vögelchen erheben ihr Gezwitscher auf der einen Seite, auf der anderen. Als würde der Wind es abreißen, forttragen und irgendwo in den Zweigen verfangen lassen. Der leitende Faden des Pfades lief vor ihm her, rief ihn rasch nach Hause.
Unten rauscht ein Bach über die Steine, bricht sich durch das Gestrüpp Bahn. Er hat keinen Namen, niemand hat ihn irgendwie benannt. Ein Übergang über Steine — hier kann man hinübersteigen, dort hinüberspringen. Als er hinabgestiegen und an den Bach herangetreten war, da … Er war nach dem Regen allerdings stark angeschwollen, wild geworden, viele Steine waren verschwunden, das Ufer überschwemmt. Lange Stängel liefen hinab, schwankten in der Strömung, tief hängende Zweige griffen nach den Wasserstrahlen. Mit einem Sack auf dem Rücken lässt es sich nicht viel herumspringen.
Vor dem Übergang eine kleine Lichtung, eine Feuerstelle ist da: alt, schon fast zugewachsen. Er hob einen Ast auf, gerade, fest, an einem Ende angebrannt. Den konnte er als Stab gebrauchen, als Stütze, um auf den Steinen Halt zu finden. Um das angebrannte Ende für die Hand zurechtzumachen, holte er das Beilchen hervor, behieb es mit ein paar Schlägen. Irgendwo hatte er ein Stück Kohle oder einen Steinsplitter getroffen … Etwas flog davon — schlug ihm ins Auge!
Es stach scharf, als hätte sich eine Kralle hineingebohrt! Sie wühlte sich umher, begann unter dem Lid zu reißen. Zokto fuhr regelrecht zurück! … Fuchtelte mit den Armen und fuhr sich gleich mit der Pranke übers Auge — diesen Dreck herausholen! Die Hand war schmutzig, voller Ruß und Qualmstaub. Es wurde noch schlimmer, Tränen traten hervor, er sah nichts, bekam den Krümel nicht zu fassen, er hatte sich festgebohrt. Und herausblinzeln ließ er sich auch nicht … Ein beißender schwarzer Fleck verhüllte die helle Welt.
Er watete rasch ins Wasser, rutschte auf den Steinen. Schöpfte mit der hohlen Hand aus der schnellen Strömung, doch da hatte sich Sand hineingemischt. Trat weiter, hockte sich hin, spritzte eisige, stechende Tropfen ins Gesicht. Im Wasser konnte er allerdings nicht ewig sitzen, er ging zurück, packte einen Zweig, um hinaufzusteigen. Die Wurzeln der Kiefer waren ausgewaschen, lagen bloß. Irgendwo wich er zurück, glitt ab — schlug gegen etwas und sackte gleich zusammen. Der Schmerz schwankte, rollte in den Hinterkopf. Flecken wirbelten, das Flimmern des Laubs, das Schillern … Eine Zeit lang verschwand alles.
Doch er schien wieder zu sich zu kommen. Schmerz rechts, im Auge. Irgendetwas saß noch immer darin, reizte es. Das linke Auge blinzelte er frei, von den Tränen war alles verschwommen, im Nebel. Gleichzeitig spürte er … Irgendeine Bewegung? Warmen Atem. Einen Geruch. Und — etwas wie ein Klingeln … Das Gefiedel unsichtbarer Sänger an den Graswurzeln, die zirpenden Sprünge der Heuschrecken, das bassige Brummen der Käfer, die zitternden Federstriche der Libellen. Den leicht bitteren Geruch von Wind und Wermut, wie wenn man Kräuter pflückt, zwischen den Handflächen zerreibt. So riecht das Haar der Steppenmädchen. Die Flecken liefen auseinander — flossen zusammen. Das war doch eine Gestalt, jemand hatte sich vor ihn gehockt.
Dunkles Haar fiel in Strähnen auseinander. Ein Mädchen! Gleich blieb er gewissermaßen hängen … Wenn auch nur mit dem Blick eines Auges, aber … Fast wäre er auch auf diesem Auge blind geworden! Eine dunkle, glänzende Mulde zwischen den Brüsten, und sie zeichneten sich unter dem Pelzumhang ab. Und eine Brust würde gleich neugierig herausspringen, sich zeigen! Die Knie so nah, gespreizt, Sonnenreflexe auf den Rundungen von der Farbe dunkler Bronze. Das Mädchen rückte näher — neigte sich zu ihm … Nein, das war doch ein Traum. Ein Traum natürlich, dachte Zokto. Na gut, soll er nicht enden. Ihre leicht lächelnden Lippen. Sie lächelte!
Sie nahm mit warmen Waldhandflächen sein Gesicht, zog es zu sich, und nur ein Zünglein blitzte auf! Leckte, zog den Krümel mit der Zungenspitze magnetisch an, holte ihn aus dem Auge. Gleich sah er alles … Das Rauschen des Waldes kehrte sofort zurück, umfing ihn. Sonnenflecken in einem Strom. Aber wo war sie, dieses Mädchen? Helles Lachen rollte dahin und spielte, sich entfernend, mit silbernen Münzen im zitternden Laub. Er saß da, an den Stamm gelehnt. Und nur ein fünffingriger Ebereschenzweig war ihm auf die Brust geworfen. Ein paar leuchtend rote Beeren. Die Erinnerung an etwas Vorübergehuschtes, Unerfülltes, das diese Beeren in sich aufgenommen hatten. Der Himmel mit den eilenden Wolken, gleitende Lichtreflexe auf kupferleibigen Kiefern, Sonnenflecken auf dem Laub, das Plätschern der Flussströmung. All das schien ein Geheimnis zu bewahren. Etwas Verborgenes, Unausgesprochenes.
3
Zokto erinnerte sich auch an den Geruch von Benzin und heißem Maschinenöl. Der knurrende Traktor, auf dem er mit Onkel Galsan fährt. Der Onkel hat die Arbeit, eine große schwarze Ziffernscheibe sicher im Uhrzeigersinn und gegen den Uhrzeigersinn zu drehen. Das Lenkrad — das Rad der Zeit, das die Räder des Traktors lenkt. Die Zeit dreht sich so und so, nach rechts und links in den eingeölten mächtigen Handflächen mit ihren Brandpunkten und Rußsprenkeln. Und ein kleines Rädchen der Zeit hat er am Handgelenk, von einem Riemen festgehalten, und dort läuft immer ein Zeiger, läuft im Kreis, wie verzaubert.
Der Kasten des Anhängers scheppert, der ›Rote Recke‹ hüllt sich in Abgase. Zu seiner Unterstützung raucht der Onkel eine Papirossa, bläulicher Rauch wird nach hinten fortgetragen. Die Maschine rammt mit der Stirn herabhängende Zweige, taucht in die Löcher des ausgewaschenen Weges. Von den Zweigen rieselt Laub, ein Getrommel großer Tautropfen, sie springen klingend auf und zerstieben in glänzende Kügelchen … Diese Kügelchen — Kugellager, wie Galsan sie hat — sind Kostbarkeiten, in Eisenkästen in seiner Werkstatt verborgen. Der Onkel kann bei sich alles Mögliche machen, sogar ein Klappmesser! Und jeden beliebigen Blinker und allerlei Angelgerät. Aber nur, wenn man ihm hilft, im Winter Schnee zu schaufeln, im Sommer das wuchernde Unkraut im Hof seiner Werkstatt zu mähen.
Der ›Rote Recke‹ zog Baumstämme und Heuschober und Fässer mit Treibstoff. Mit Rauchwölkchen aus dem Auspuff verband er entlegene Hirtenlager, Holzschläge tief in der Taiga, Heuwiesen in den Flussauen miteinander. Sie fuhren ins Aimakzentrum, holten benötigte Ladung ab. Und die Leute baten, dies hinzubringen, jenes mitzubringen, jeder, was er brauchte.
Einmal fuhren sie irgendwo weit weg. Der Traktor brummte satt, fraß den Weg, verschlang ihn kilometerweise. Die Fahrspur war mal gut zu sehen, mal verschwand sie, verbarg sich unter hochgewachsenem Gras. Die endlose Steppe zeigte sich von der einen Seite, dann von der anderen, denn der Onkel drehte das Lenkrad … Der ferne Horizont dachte gar nicht daran, näher zu kommen. Zokto schlief ein und wachte auf und schaukelte immer noch genauso auf dem Sitz. Der Traktor dröhnte, Onkel Galsan war reglos, nur die Papirossa qualmte zwischen den fest zusammengepressten Lippen.
Immer dichter rückten ringsum die welken und versengten, braunen und fuchsroten Mähnen stachliger Rispen heran, in denen sich trockene Steppenläuferkugeln verfangen hatten. Eine lange Zunge bräunlichen Staubs zog sich hinter ihnen her, hob sich dann als Wolke empor, die sie einholte, sie mit grauen, hin und her huschenden Strähnen bedeckte, die alles ringsum überwebten. Über dem Traktor, dort, wo der Traktorist seinen Sitz hatte, flatterte ein Segel aus Plane auf vier Eisenröhrchen, schützte aber überhaupt nicht vor der Sonne, vor dem bitteren Staub.
Der Onkel war natürlich auch ein Recke. Doch als er als Halbwüchsiger auf dem Holzschlag gearbeitet, seinem Vater und seinen Brüdern geholfen hatte, hatte ein umstürzender Baum sein Bein eingeklemmt, übel zugerichtet. Irgendwie hatten sie das Bein gerettet, seitdem ging er schwankend, hinkte. Nun, und ein ›roter‹ Recke war er auch manchmal. Sein Gesicht wurde rot, die Nase aber purpurn, von Äderchen durchzogen. Weil, wie Großmutter Radna sagte, »das Fläschchen ihn einfach nicht in Ruhe lässt«. Wenn man der Großmutter glaubte, konnte das Fläschchen Galsan geschickt ein Bein stellen, sodass er zu Boden stürzte, ihn mit aller Kraft irgendwo in einen Graben stoßen, ihm ein gewaltiges Veilchen unters Auge setzen. Ja, die Fläschchen tauchten auf, wenn Maschinenführer, Fahrer und überhaupt alle, die Technik auf ihrem Hof hatten, oft beim Onkel in der Werkstatt vorbeischauten. Fahrzeuge und Maschinen gingen kaputt, man musste bei der Reparatur helfen. Denn er war der beste Traktorist im Aimak. Der beste und der einzige, weil es auch den ›Roten Recken‹ nur ein einziges Mal gab für all die Steppenrücken, Heumahdgebiete und Holzschläge.
Um sich der schläfrigen Benommenheit nicht zu ergeben, stimmte Galsan manchmal ein langes, gedehntes Lied an, versuchte, das Motorengeknatter zu übertönen. Jedes Mal erfand er andere Wörter und fügte sie ein, je nach Wetter oder seiner Stimmung. Das Lied schallte über die Steppenweiten … »Wie fröhliche Kälber tollten wir über die Frühlingswiese! Du bist meine zitternde Ricke, und ich bin dein Guran mit Geweih! Du bist meine Isubrahirschkuh im herbstlichen Birkenhain, und ich bin dein Isubrahirsch in den Strahlen der untergehenden Sonne! Ich bin dein starker Hengst, du bist meine junge Stute! …« Sogar neugierige Tarbagane streckten manchmal die Köpfe aus ihren Bauen, erstarrten mit betend gefalteten Pfötchen, ganz versunken im Zuhören.
Der Onkel ließ ja manchmal auch Zokto lenken! Er drehte das Lenkrad, und die Steppe begann ringsum einen endlosen Jochor zu tanzen … Ihm wurde schwindlig! Kaum spürte der Traktor die Schwäche der unerfahrenen Hände, bockte er gleich gewandt auf, schnaubte missmutig und bog von selbst zur Seite ab, suchte tiefe Gräben. Selbst der Weg, eben noch glatt, bäumte sich plötzlich auf oder brach in einen Abgrund ab. »Äh, nein, Bürschchen, mach keinen Unsinn!« Der Onkel griff gleich wieder nach dem Lenkrad, bändigte das eiserne Pferd. Und gleich lag der Weg wie ein Tischtuch unter den Rädern. Diese Angst und Wonne vergisst man natürlich nicht, und vergleichen lassen sie sich mit nichts!
Der ›Recke‹ wurde von Zeit zu Zeit zu heiß, kochte, verbranntes Öl brannte in den Augen. Der Onkel kroch in die brodelnden Eingeweide, zauberte mit Schraubenschlüsseln und wüsten Flüchen. Um dem launischen Motor eine Verschnaufpause zu gönnen, suchten sie Schutz im Schatten, tranken Tee und dösten.
An manchen Stellen hob sich die Steppe, als atmete sie ein, als sog ihre unermessliche Brust den Himmel über sich ein, und dann zog sich langsam und gedehnt das Ausatmen hin. Dieses Heben und Senken war fast unmerklich, nur der Traktor begann tiefer zu dröhnen, beschleunigte den Herzschlag seines Motors.
»Wir sind irgendwie falsch gefahren«, Galsan erhob sich ein wenig und musterte die Ferne unter der vorgehaltenen Hand, »hier scheint es kürzer, hier kann man abkürzen … Da müsste die alte Straße sein.«
»Was … fahren wir falsch? Und wohin fahren wir?« Zokto hatte nicht gerade Angst bekommen, aber wenn sie sich verirrt hatten, würden sie hierbleiben, mitten in der Steppe.
»Nee, nichts weiter. Da ist ein altes ausgetrocknetes Flussbett. Der Weg kreuzt es irgendwo. Aber dort, weiter hinten. Wir sind wohl noch nicht weit genug.«
Lange rüttelten sie durch das steinige Flussbett, umfuhren ausgebleichtes Treibholz, drehten in Sandverwehungen durch. Kletterten einen bröckelnden Hang hinauf, drangen wieder in die Steppe vor. Und plötzlich in der Ferne, auf einer sanften Steppenwelle — irgendein grauer Strich, ein Zeichen, ein seltsam aufragender Stein. Es sah aus wie eine steinerne, zur Seite geneigte Puppe oder ein großer Säugling, der in eine graue, ganz mit ausgeschlagenen Kerben übersäte Decke gewickelt und aus unerfindlichem Grund an einem menschenleeren Ort aufrecht hingestellt worden war. Als sie näher heranfuhren — war es so etwas wie ein steinernes Götzenbild. Bewachte die Steppe, stand hier mutterseelenallein auf der ganzen Erde.
Der Onkel stellte ungewöhnlich abrupt, als wären sie auf ein unsichtbares Hindernis gestoßen, die Maschine ab. Der ›Recke‹ knurrte sogar missmutig. Er stieg aus, lockerte das Bein, auf dem er hinkte, strich über die heiße Flanke seines eisernen Pferdes. Lange stand er da, schaute sich um. Holte aus Gewohnheit die Papirossaschachtel hervor, klopfte mit einer Papirossa darauf. Doch gleich hielt er sich zurück, steckte die Schachtel weg.
»Da, siehst du, was das für eine Sache ist«, der Onkel war offenbar ratlos oder über irgendetwas bekümmert. »Und ich dachte, das wäre so etwas wie eine Erfindung. Na, dass die Leute einfach so reden, ihre Zungen wetzen. Über diesen Stein.«
»Und was sagen die Leute … Warum reden sie über diesen Stein?« Auch Zokto wurde unbehaglich in diesem einsamen, entlegenen Winkel der Steppe. Anstelle der Augenhöhlen hatte das Steinbild deutlich erkennbare Vertiefungen, als wären sie von Kinderhändchen eingedrückt worden. Doch wenn man genauer hinsah, war dort alles von Löchern zerbröckelt, überall war es davon übersät, mal dicht beieinander, mal verstreut. Dazu Absplitterungen, Furchen tiefer Kratzer. Viele waren zernagt, verwittert. Es sah aus, als hätten alle Dämonen der Nacht mit ihren Krallen daran gerissen.
»Ja, überhaupt … dürfte er eigentlich gar nicht hier sein. Denn dann müsste ja auch der alte Dazan irgendwo in der Nähe sein. Aber man sagt, dass man diesen Stein an verschiedenen Orten antrifft. Er selbst, na … Geht von einem Ort zum anderen. Bewegt sich gewissermaßen fort.«
Bewegt sich fort? Und wo waren dann die Spuren, eine Schleifspur — oder was? Man sah doch, dass der Stein fest in die Erde eingewachsen war, unten ringsum von angewehten Steppenläuferdornen, Stängeln und Rispen umgeben.
»Ich weiß nicht, nur wenige finden ihn … Begegnen ihm in der Steppe. Man sagt, der alte Lama Chanda habe sich in Stein verwandelt. So eine Geschichte«, der Onkel verstummte und kaute auf einem trockenen Hälmchen.
Auch der Traktor verstummte, hörte auf zu schnaufen. Ohne ihn wurden sie gleich kleiner, verwandelten sich in Grashälmchen unter dem weißlichen Himmel, gleichsam im Zentrum eines Zifferblatts, und ringsum das gewölbte, glühende Uhrglas der Ebene in zitterndem, schwankendem Dunst. Als kleines Kreuz schwebte im Zenit ein Seeadler, ein zweiter erschien und ein dritter, doch dann blieb er wieder allein, vielleicht lösten sie einander so ab und beobachteten, was vorging. Die Stille hüllte sie in dichten Filz. Allerdings war dieser Filz wie eine stachlige Decke mit Rascheln, Knacken, dem juckenden Klingeln davonschnellender Heuschrecken, auffliegender Libellen, tief brummender Käfer ausgestopft. Dazu versuchten riesige Bremsen, mit voller Wucht aufzuplatschen, zielten auf Hals oder Arm, wollten ihre blutsaugenden Stachel hineinbohren, man kam kaum mit dem Verscheuchen nach. Nicht der geringste Windhauch schien zu wehen, doch plötzlich erschienen Windschlänglein und glitten vorbei, drehten Staubwirbel auf.
»Nein, aber warum dann, Onkel … Das heißt doch, dass …« Zokto konnte es kaum erwarten, seine Frage zu stellen.
»Schon gut, kleiner Zokto. Schweigen wir ein bisschen«, unterbrach ihn Galsan, »ich erzähl’s dir später. Lassen wir hier etwas zurück. Und fahren wir langsam weiter.«
Er klopfte seine Taschen ab, holte ein paar Streichhölzer aus der Schachtel, zwei Papirossy, eine irgendwo liegen gebliebene Münze. Und Zokto hatte nicht einmal Taschen an der Hose! Einen Flicken hatte er allerdings. Der taugte auch als Tasche. Darin, unter dem Flicken, waren glänzende Kugellagerkugeln versteckt. Ein Schatz von Onkel Galsan. Die glänzenden Kugeln rollten im Gras auseinander. In ihnen spiegelte sich der graue, schweigsame Stein, der mit seinen blinden Augenhöhlen zu schauen schien. Und es war, als zögen sich unsichtbare Fäden von ihm zu einem oder zwei, zu drei Seeadlern. Die Vögel spiegelten sich, hielten die Reihenfolge ihres Erscheinens und Verblassens, ihres Verschwindens am Himmel ein. Auch die Heuschrecken lenkte hier jemand, die tief brummenden Käfer, die auftauchenden und vergehenden Staubschlänglein.
Und da war auch schon ein Rabe zur Stelle. Kam angeflogen, klopfte sich mit den Flügeln ab. Ganz bestimmt klaut er gleich die Streichhölzer, streicht eins an der rauen Flanke des Steins an, zündet sich eine Belomor an. 3* Wird auf und ab gehen und nachdenken, dabei rauchen. Wenn sie dreihundert Jahre leben, haben sie ja einiges, woran sie sich erinnern können. Da schielte er schon mit seinem schwarzen Auge herüber, das wie ein Knöpfchen glänzte. Oder hatte er es bereits auf seine Kugeln abgesehen? Die Kugellagerkugeln waren dahin, die bekam man nicht zurück.
Endlich erwachte der Traktor zum Leben, knatterte erfreut. Und wieder verschwanden sie in der Steppe. Irgendwo am Hang blitzte manchmal ein ausgebleichtes Gerippe auf, auch einmal der Schädel einer Kropfgazelle. Wölfe trieben hier in klirrenden Winternächten ihr Unwesen, das waren ihre Jagdreviere. Früher aber waren Weißgardistenbanden durch die Steppe gejagt. Über ganz Sibirien von Einheiten der Roten Armee geschlagen, flohen sie in die Mongolei. Dann hatte man sie hier auseinandergetrieben. Aber vielleicht rostete irgendwo in einer abgelegenen Mulde, verborgen unter Unkraut und bitterem Wermut, ein verbogenes Maxim-Maschinengewehr. Die Winde hatten es mit Sand zugeweht, Ziesel hatten Gänge und Baue gegraben, versteckten sich unter dem Schutzschild in den Einschusslöchern vor Milanen und Seeadlern, die am Himmel kreisten und scharf nach Beute spähten. Vielleicht konnte man auch ein Gewehr finden und einen echten Kavalleriesäbel. Zokto hatte allerdings noch nie etwas gefunden. Höchstens ein, zwei Dutzend Patronenhülsen waren ihm untergekommen, braun angelaufen, im Gras verstreut. Vielleicht hatte sich da einer verzweifelt gewehrt und geschossen? Wie viele Menschen hatten auf diesen Hängen und Hügelrücken ihr Leben gelassen – unsere Leute und Feinde. Wenn man sie nicht anständig begraben hatte, waren sie zu Gespenstern geworden und wanderten nachts umher.
Manchmal lag da, weiß der Himmel woher, als wäre er unmittelbar vom Himmel gefallen, ein Haufen Steine, oder sie waren aufgeschichtet, einer auf dem anderen. Doch sie waren nur so verwittert, hatten sich in Schichten gespalten. Auf irgendeinem Stein oder Steinstapel ließ sich immer ein Rabe nieder. Schwarz, mit grauen Schimmern. Vielleicht war es ein und derselbe, der ihnen folgte, von Ort zu Ort flog? Oder waren es doch verschiedene, jeder gab die Nachricht über sie weiter, meldete seinem Nachbarn: Da fahren solche und solche auf einem schnaufenden Knatterding.
Der Rabe, dachte Zokto, kann von oben alles sehen, ihm entgeht nichts. Er weiß sogar, wo nicht bloß eine rostige Maxim liegt, sondern wo geheime Verstecke angelegt sind. Dort sind nagelneue Gewehre und Patronen in Ölpapier in langen grünen Kisten verborgen. Selbst Onkel hat solche Kisten in der Werkstatt. Armeekisten sind das natürlich, aber … Nein, keine von den Weißgardisten. Darin werden allerlei nützliche Ersatzteile aufbewahrt. Und ihren zusammengeraubten Reichtum hatten die Weißgardisten ebenfalls versteckt, sie konnten ihn ja nicht auf dem Buckel weiterschleppen, wo sie immer weniger und weniger wurden.
Der Rabe hatte es gesehen und wusste bestimmt, wo dieser Ort lag … Spitze Wiese nannte man ihn. Dort hatten Rotarmisten Hinterhalte gelegt und die weißen Banditen gleich in ganzen Rudeln hineingetrieben. Alle waren sie ins »Dolchfeuer« geraten, hieß es. Mit Maschinengewehren hatten sie alle niedergemäht!
»Onkel, du, Onkel«, Zokto wollte es gern wissen, »weißt du denn, wo diese … diese Spitze Wiese ist?«
»Hm, wo die ist …« Der Traktor schnaufte gleichmäßig bläuliche Abgase aus, und auch Onkel paffte nachdenklich den Rauch seiner Papirossa aus. »Das ist weit weg, weißt du. Da drübenhin, so ungefähr, wenn man geradeaus fährt, näher an den Bergen. Da ist die Goljanowka. So ein Flüsschen, die Goljanka. Na, und noch weiter. Ein Landstrich ist das, Spitze Wiese. Was willst du denn damit?«
Der ferne Horizont war erstarrt, stand still, zitterte gleichsam im Dunst. Selbst der Sekundenzeiger auf Onkels Uhr war stehen geblieben, lief nirgendwohin. Überhitzt, eingeschlafen.
»Dort war doch so eine Abteilung … Eine Rotarmistenabteilung. Gegen die Banditen waren die. Und wie sie da alle niedergemäht haben!«
»Ja. Viele haben sie umgelegt. Die Einheimischen machen einen Bogen von mehr als zehn Kilometern um diese Stelle. Haben Angst.«
Wie eine heiße Platte drückte die Hitze herab, manchmal schossen plötzlich Strähnen von Sandwirbeln hoch, drehten Kugeln von Steppenrollern, trockenen Disteln und abgerissenen, verdorrten Gräsern in einen Trichter. Oder sie fuhren in durchsichtige Würfel aus Wermutduft hinein, dicht und reglos stand er genau an dieser Stelle. Weiter vorn verschwand der Wermutaufguss, verflüchtigte sich. Und irgendwo wieder dieser Glasdeckel, unter dem sich der betäubende Duft verdichtet hatte.
»Da sind Gespenster, ja? Gibt es da Gespenster?«
»Nein, was für Gespenster. Ein schlechter Ort. Es ist nicht gut, dort zu sein. Wer hat dir das denn erzählt?«
»Na, Bulatka vielleicht. Und ihm die größeren Jungs. Viele erzählen das.«
»Das gab es, diese Abteilung. Erbarmungslos waren die. Gesindel, im Grunde. Eine Frau führte bei ihnen das Regiment, eine Rotarmistin … oder wie nennt man die? Eine Kommissarin. Keine Russin war sie und keine Burjatin, weiß der Teufel was. Vielleicht auch gar kein Weib – ein Teufel in Lederhosen! Schwarze Lederjacke, Stiefel, voller Riemen, eine Mauser an der Seite.«
»Ah, ich weiß. Das ist die Schwarze Kommissarin, ja?« Zokto konnte es kaum erwarten, auch sein Wissen beizusteuern. »Großvater hat doch davon erzählt. Die haben den alten Dazan geplündert, stimmt’s? Und hinterher niedergebrannt.«
»Zuerst haben sie den Dazan geschlossen. Alle Rotarmisten, alle richtigen Reiter waren irgendwie aus der Abteilung verschwunden. Nur noch Banditen trieben ihr Unwesen. Die bekamen einen Befehl, los, alle Wirtschaften erfassen, das Vieh zählen, wer wie viel hat. Eigentlich eine gute Sache, die Sowjetmacht wird helfen und all so was. Aber von wegen! Sie nahmen wahllos allen etwas weg, den Reichen wie den Armen. Brachten die Menschen so weit, dass sie verhungerten. Wer nicht einverstanden war, bekam zwei Stunden zum Packen – und dann auf die Fuhrwerke. Wie Steppenroller rollten die Menschen ins Ungewisse.«
»Aber sie, die Schwarze Kommissarin, ist doch später verrückt geworden«, warf Zokto seine Bemerkung ein.
»Nun hör aber auf, Unsinn zu schwatzen. Wie eine Verrückte war sie, das ja. Sie durfte ja alles, berauschte sich an ihrer Macht. Dann kam für sie wieder ein Papier mit einem ›revolutionären Siegel‹. Alle Klöster und Dazane schließen, die Lamas in die Verbannung und in die Gefängnisse. Sie jagten zum alten Dazan, wo der alte Lama Chanda diente. Alle kannten den alten Chanda, alle gingen zu ihm, er schlichtete jeden Streit. Sie wollten Chanda packen, aber die Steppenleute, die dort waren, traten für ihn ein. Die Teufel fingen an herumzuwirbeln wie in der Bratpfanne. Sie waren ja nur etwa zehn, aber die Leute – viele! Doch zurückweichen durften sie nicht, sie packten Chanda schließlich doch. Wickelten ihn in einen Sack, warfen ihn auf die Kruppe eines Rappen. Brachen wie ein Wirbelsturm los und galoppierten weg.«
»Boah! Und was geschah dann, Onkel?«
»Sie jagten dahin … Aber da war Wind, Sand wirbelte alles ein. Nichts zu sehen. Dann schauten sie, und Chanda war weg. Irgendwo war der Sack mit ihm heruntergefallen. Sie zurück, fingen an zu suchen. Da sahen sie den Sack, aber er stand aufrecht, als wäre er in die Erde gesteckt. Kein Sack war das – ein Stein. Lama Chanda hatte sich in Stein verwandelt! Sie erschraken so, dass sie auf ihn schossen. Eben diesen Stein, hast du ihn dort gesehen? Ganz durchlöchert haben sie ihn, das sind die Spuren der Kugeln.«
»Donnerwetter! Dann sind wir ja gerade …«
»Na, ich weiß nicht, kleiner Zokto. Die Leute erzählen das eben. Dann nahm es noch diese Wendung … Auf die Schüsse hin tauchte die Bande eines Atamans auf, Ratnikow hieß er. Was ist los, was für eine Schießerei? Das ist doch diese Kommissarin – und ihre Handlanger! Peng-peng! Sie fingen an, sie von weitem abzuknallen. In der Bande waren gerade noch fünf Mann, die letzten Überlebenden. Na, jetzt geht gleich ein Gefecht los, dachten sie. Aber von wegen, denen waren ja die Patronen ausgegangen. Auf den steinernen Chanda hatten sie alle verschossen. Sie nahmen Reißaus, aber man schoss sie herunter.«
»Und die Schwarze Kommissarin also …«
»Diese Kommissarin … Die banden sie mit einem Lasso an einen wilden mongolischen Gaul, und dann pfiffen sie und zogen ihm eins mit der Nagaika über! Der raste wie blöde in die Steppe. So schleuderte es sie über die Erde, dass ihr der Leib bis zu den Beinen abgeschürft wurde. Nur die Beine fand man später noch, ans Lasso gebunden. So erzählen es die Leute in der Steppe.«
In alten Zeiten war der Pfad nur vom wachsamen Wild niedergetreten gewesen, dann vom ersten kühnen Jäger begangen, von den folgenden Generationen von Beutejägern verbreitert und ausgetreten worden. Er verband gleichsam die markanten Kiefernstämme, an denen die fast zugewachsenen, tief in den harzigen Leib eingewachsenen Kerben den hinterlassenen Abdrücken menschlicher Handflächen glichen, die die richtige Richtung wiesen. Manche abgestorbenen Stämme, müde geworden, den bösen Winden zu trotzen, waren gestürzt und kreuzten die ausgetretene Naht, die Wald- und Bergfernen durchzog.
Der Frühlingslärm in der Taiga wurde mit jedem Tag vielstimmiger. Die klammen Winde legten sich, es kam der Umschwung zum warmen Atem der sonnengewärmten Hänge, zum harzigen Duft in den Stämmen und Nadelzweigen. Die Bäche gewannen an Kraft, unterhöhlten unbarmherzig den Eispanzer der Flüsse. Spechte verkündeten mit raschem Klopfen den Taigabewohnern, dass es Zeit sei aufzuwachen, und die lärmenden Eichelhäher hielten morgens Appell – waren alle da, hatten alle den eisigen Winter überlebt? Die Schneekappen sanken zusammen, von Strahlen zerstochen, sogen sich mit Feuchtigkeit voll, wurden poriggrauen Scheiben durchnässten Brotes ähnlich. Schärfer zeichneten sich die Schatten ab, malten blassblaue Streifenfluren über die Hügelrücken.
Unermüdlich stieg der Pfad aufwärts, erstürmte die Steilhänge mit den flach ausgestreckten steinernen Zungen der Blockhalden. Hinter ihnen blieb das Unterholz aus Espen und Birken auf den Brandflächen zurück. Der Pass wölbte seinen Buckel, ragte drohend vor ihnen auf unter den sich beulenden Wolken. Mal schien er ganz nah, mal rückte er nach irgendeinem seltsamen Gesetz der Perspektive, das die Entfernungen in den Bergen verändert, so weit fort, dass man glaubte, ihn nie erreichen zu können. Der Sattel des Passes war abgeflacht, voller steiniger, kahl gewordener Ebenen. Der Wind wurde stärker, beulte und trieb unruhige Wolken vor sich her.
Zokto schleppte einen Wandersack und das Gewehr, hielt die Axt bereit. Immer wieder mussten sie zurück und einen Umweg um undurchdringlich umgestürzte Bäume machen, mit klingenden Hieben knorrig abgespreizte Äste abschlagen. Der Pfad war alt geworden, seit er den Menschen nicht mehr diente … Nur wenige gingen hier entlang. Eine bergige Gegend, mit gezackten Kämmen, die weite Ebenen in steinerne Arme schlossen. Einst waren Jäger auf diesem Pfad über den Bergrücken und noch weiter gegangen – in die Landstriche, in die Wildnis, wo die Flussbetten verborgen lagen. Unzählige namenlose Wasserläufe eilten die Schluchten hinab – große und kleine, schäumend an den Stromschnellen, als Wasserfälle von Steilhängen abstürzend.
Auch verruchtes Volk – entlaufene Zuchthäusler – war auf dem Pfad gegangen. Großvater Schambal erzählte von einem entflohenen Sträfling, der in den wilden Ausläufern und Schluchten umherirrte. Der war auf die Goldene Ader gestoßen. Hinter der stürzenden Wand eines Wasserfalls war sie verborgen. Goldklumpen von der Größe eines Hühnereis übersäten die Felswand. Er nahm so viel Gold mit, wie er konnte, und kehrte zu den Menschen zurück. Kaufte sich bei den Behörden frei, lebte in Reichtum. Dann kam er noch einige Male zu seinem geheimen Wasserfall und holte Goldklumpen. Von dem Ort, wo die Ader lag, erzählte er seinen beiden Söhnen, als er in die andere Welt hinüberging. Die Söhne ritten hin, fanden die Ader, holten Gold. Sie machten sich auch ein zweites Mal auf, doch irgendwo, als sie auf unsicherem Eis einen Fluss überquerten, brachen beide mit ihren Pferden ein, wurden in die reißende Strömung gezogen, kamen nicht mehr heraus. So ging dieser Ort verloren, niemand weiß mehr, wo er ist.
Ja, einmal hatte Zokto sich selbst eine Goldwaschpfanne verschafft, ganz verrostet und verbeult, am Ufer eines Baches hatte er sie gefunden. Bat den Großvater, ihm zu zeigen, wie man den Sand wusch. Schöpfen musste man, die Pfanne kreisen lassen, den Schlamm nach und nach herausspülen. Stand eine Weile in der eisigen Strömung … Sehr lange hielt er nicht durch. Die Beine schmerzten, im Kreuz tat es weh. Von oben brannte es, von unten schlug ihm die Kälte entgegen, dass ihm der Atem stockte. Riesige Bremsen und Mückenungeheuer saßen überall auf ihm. Nur ein paar glitzernde Dinger fand er, auf dem Boden der Pfanne. Doch das war abgesplitterter Quarz, Glimmerhäutchen. Nein, zum Teufel mit dem Gold! Großvater lachte nur und paffte sein Pfeifchen. Was hattest du denn gedacht, kleiner Zokto? Dass dir gleich die Goldklumpen entgegenpurzeln, was!
Und wie schwer es erst Großvater Schambal hatte, der hinter ihm ging. In den dunklen Schluchten war der Pfad teils von harter Schneekruste bedeckt, teils, auf den Hügelrücken, schmatzte Schneebrei. Da konnte man die weichen Lederstiefel unmöglich trocken halten!
Und Grom … Der treue Grom war nicht bei ihnen. Ohne ihn kehrten sie zurück.
Ihn hatte ein Bär zerrissen, der sich nicht rechtzeitig zum Winterschlaf niedergelegt hatte und umherstreifte. Auch Großvater Schargal hatte er mit seiner irrsinnigen Kraft herumgeschleudert, dass … Wäre Zokto nur eine Minute später gekommen, hätte er ihn totgedrückt.
Fetzen der Wattjacke, im Nu vom Blut des aufgerissenen Unterarms durchtränkt, flogen in alle Richtungen. Grom hatte sich in den Schenkeln des Bären verbissen – in den »Hosen«, wie die Jäger sagten. Wütendes Brüllen, blitzende Fangzähne, Fellbüschel. Das Todeskarussell begann sich zu drehen!
»Was musste der Bär denn hierherlatschen?« Großvater Schambal hatte jetzt etwas zum Grübeln. Von allen Seiten beräucherte er gleichsam mit seinem tabakgefüllten Pfeifchen den schlimmen Zusammenstoß mit diesem umherstreifenden Bären, der sie beinahe beide totgeschlagen hätte.
»Was musste der hierherlatschen!«
Der zottige Tod war Großvater Schambal ganz dicht auf den Leib gerückt. Vielleicht hatte der Alte seine gewohnte Umsicht und Wachsamkeit verloren, als er im windbruchverhauenen Dickicht die erste Spur durch den Schnee bahnte … Hatte den Augenblick verpasst, die Doppelflinte von der Schulter zu reißen. Oder Grom hatte das Tier zu nahe herangelassen, irgendetwas hatte ihn abgelenkt. Vielleicht ein flinkes Eichhörnchen, dem er hinterherjagte? Und selbst Zokto war in diesem Augenblick zurückgeblieben, er ging langsamer, zog an Strängen die Schleife hinter sich her. Am Hang war er aufgehalten worden, auf einer Unterlage aus ledrigen Bergenienblättern ins Rutschen geraten.
Der braune Koloss schlug mit seiner gewaltigen Pranke zu, erwischte den Großvater mit den riesigen Krallen. Fetzen flogen von der Wattjacke, den Jäger schleuderte es rücklings zu Boden. Und der rasende Grom, der sich in den Hosen des Bären verbissen hatte, und das Todeskarussell. Zokto ließ alles fallen, stürzte los, kam heran. Sog diese ausgefrorene blasse Gallerte der zähen Luft in sich ein, in der die Substanz des nahenden Todes verstreut war. Wie oft hatte er sich in Gedanken ausgemalt, wie geschickt er, sollte solch ein Unglück plötzlich geschehen, die Hähne seiner sechsundsechziger »TOS« spannen, Patronen vom Kaliber zwölf in die Läufe schieben würde. Doch seine Hände waren wie taub. Die Finger erstarrten, krumm gespreizt. Als wären es gar nicht seine Finger – sondern völlig fremde.
Blendwerk, Starre – und ebenso augenblicklich war alles verschwunden, klärte sich vor seinen Augen. Er riss den Lauf hoch – flammender Glanz schien sich ganz langsam, ganz langsam von der Mündung fortzuziehen. In den schwarzen Bereich, in den Kopf, zwischen die vor Bosheit aufgeblitzten Augen. Doch der Bärenkoloss schlug noch einmal mit der Pranke um sich, während er sich weiter in den Todeskrämpfen wand. Grom konnte nicht ausweichen, jaulte nur kurz auf, flog mit aufgerissenem Bauch davon.
Dem Großvater hatte es »das ganze Innere arg zerschlagen«, als er kopfüber gegen Wurzeln und Felsbrocken am Hang gepoltert war. Es lag ja noch nicht so viel Schnee, noch keine ordentliche Decke. Gut, dass er die wärmende Kurzjacke unter die Wattjacke gezogen hatte, bis auf den Knochen hatte es ihn nicht aufgerissen, bloß die Haut aufgeschlitzt. Irgendwie kam der Großvater nicht wieder auf die Beine. Dabei »schamante er ein bisschen«: rührte in einer kleinen Schale schwarzes Harz an, mischte es mit Tiergalle, bröselte geriebene Weidenrinde hinein, gab alkoholischen Wegerichaufguss dazu. Einen ganzen Vorrat lebensspendender Wurzeln und Kräuter hatte er außerdem gesammelt, getrocknet, in Säckchen unter den Balken gestopft und aufgehängt. Die aufgerissene Schulter hatten sie behandelt, zugeklebt, mit dieser schwarzen Schmiere bestrichen, verbunden. Sah ganz ordentlich aus. Die Wunde war rot angelaufen, dann aber glättete sie sich, wurde rosig.
Zokto hatte gleich voller Sorge gedacht, sie müssten zurück, zum Arzt müssten sie, bis zur Sanitätsstelle durchkommen. Aber das sollte einer dem Großvater sagen! Er würde gar nicht erst zuhören. Andererseits reichte die Kraft nicht, jetzt hinauszugelangen, wo der tiefe Schnee lag. Und davon, dass er sich »das Innere« angeschlagen hatte, schien er noch dazu ganz dunkel geworden zu sein. Sogar mürrisch war er geworden, wortkarg. Trank nur schwarzen Tee, Becher um Becher, mit dem Sud seiner Kräuter und Wurzeln. Hüllte sich in Pfeifenrauch. Schlief in seinen kurzen Schafpelz gewickelt auf einer duftenden Unterlage aus trockenen Sommerkräutern, wärmte die alten Knochen am Feuer. Eisige Flussüberquerungen, kalte Nachtlager – im ärgsten Frost wie im Regen – hatten seine Gelenke zermürbt, seinen sehnigen Körper ausgedörrt und verkrümmt.
»Was war denn das, kleiner Zokto, ist der Bärenkerl meinetwegen gekommen, was? Mein Tod etwa, oder was?«
Auf alle erdenkliche Weise durchdachte der Großvater diesen Vorfall, »hirnte« so und so darüber herum.
»Was grübelst du dir da zusammen, Großvater? Ein umherstreifender Bär ist eben ein umherstreifender Bär. Ist ausgehungert oder von irgendwas krank geworden. Dort, wo er war, konnten durch Blitzschlag Waldbrände ausgebrochen sein. Missernte. Keine Zapfen, keine Beeren. Onkel Gatap hat mir viel davon erzählt, er ist ja Berufsjäger. Und Onkel Mischa, wie oft war der früher draußen, hat Bären in ihren Höhlen gejagt. Kommt vor, dass ein Dicktatzer mit einem anderen Streit anfängt, was für Fehden die sich um ihre Futterreviere liefern. Auf Leben und Tod kämpfen sie! Und der, der kräftiger war, hat den hier vermöbelt, aus der Höhle verjagt. Dann ist der losgezogen, wütend und ganz von Sinnen.«
Obwohl … war er denn von Sinnen gewesen? Nach den Spuren zu urteilen, die Zokto erst später las, als er an den Hängen dieses große, von Zeichen übersäte Buch durchwanderte, war es ein äußerst heimliches, sich verbergendes Tier gewesen, das sich vorgenommen hatte, den Jäger zu töten. Man konnte erahnen, dass der Bär lange an einer Stelle reglos verharrt, gewittert hatte, als spüre er eine Welle oder ein Signal, das von ihnen ausging? Die Punktlinie der Fährte hatte die Unruhe seines anfangs ziellosen Umherstreifens eingeprägt. Er zog Kreise, verengte die Schlingen, die sich unerbittlich um ein Menschenleben zusammenzogen. Es war ein Wesen, in das die ganze bislang verborgene, tierhafte und grausame Kraft übergegangen war. Sie versteckt sich nicht, warum sollte sie sich verbergen? Sie ist dort, pulsiert und reift heran. In tiefen Abgründen, im gestürzten Windbruch, in den knorrigen Pranken entwurzelter Bäume, unter überhängenden Felszähnen.
… Man kann sie spüren, wenn das Murmeln des zwischen Steinen schlagenden Baches anschwillt, das gelbe Mondauge unblinzelnd wacht, die Bergwächter schweigend erstarrt sind. Wenn der Abgrund der Taiga sich auftut. Du hörst, wie sich der Faden der Totenklage spinnt über die von stürzenden toten Stämmen der Angst Erschlagenen, über die von Lawinen des Unglaubens Fortgerissenen, über die in eisigen Flüssen der Willenlosigkeit Ertrunkenen. Und nun schleichen sie, die Dahingegangenen, als ewige Wandergeister umher. Manchmal setzen sie sich auch an dein nächtliches Feuerchen, um sich zu wärmen … Dann wehe dir, Einsamer, der du im Wald übernachtest!
Diese Kraft bricht in einem Augenblick hervor, verwandelt das braune Wesen in eine erbarmungslose Tötungsmaschine. Sie treibt es an, das aufzuspüren, einzuholen und zu fressen, was sich bewegt und Wärme ausströmt. Unterdrückt alle beunruhigenden Gerüche von Waffen, Rauch und Hund, die zuvor ein Gefühl der Gefahr hervorgerufen hatten.
Ende Dezember hatten sie von der Kuljomnaja aufbrechen wollen, doch nun saßen sie fest, wo sollten sie hin? Alles lastete auf Zokto – Holz und Wasser in der Winterhütte, etwas zu essen. Und den Großvater versorgen, und die Fallen ablaufen, und wenn er zwei, drei Eichhörnchen geschossen hatte, konnte er sie auch nicht einfach liegen lassen. Kurz war der Wintertag, eben schaute die Morgensonne hervor, man hatte sich noch gar nicht recht freuen können, da rollte sie schon hinter den Kamm. Hinter den Hügelrücken, aus den Gründen der Schluchten sickerte Dunkelheit hervor.
Ein Glück, dass sie schon im Sommer zur Winterhütte gekommen waren, der Vorrat war beizeiten angelegt. Man würde sich Sorgen um sie machen, wo waren sie abgeblieben? Und so war vielleicht eine Woche vergangen, da kamen, Gott sei Dank, die beiden Brüder Chaidapow angelaufen. Auf Skiern waren sie schnell durchgekommen, in zwei Etappen.
»Wir dachten, ihr seid da an der Podkamenka. Alles haben wir abgesucht, keine Spur von euch. Dann sind wir zur Rechten Labanka gestapft. Aber da war niemand, längst weg wart ihr, die Spuren schon zugeschneit.«
»Ja, Junge, so hat’s mich zusammengeschlagen«, seufzte Großvater Schambal. »Der umherstreifende Bär ist wie verrückt über uns hergefallen. Und Gromka hat er zerrissen, schade um den guten Hund! Hat’s nicht überlebt, so viel Blut ist ausgelaufen. Gut, dass der kleine Zokto flink war, hat den Bärenkerl aus nächster Nähe umgelegt!«
»Du bist ja ein richtiger Kerl!« Anerkennend stießen die Brüder Zokto mit aller Kraft gegen die Schulter … ob er wohl standhielt? »Und dort haben auch Großmutter Tujana und Tante Damba Alarm geschlagen, wo bleiben die Jäger? Deine Schwestern, Zokto, haben einen Aufstand gemacht. Kamen zu uns gelaufen. Wir haben uns dann, Junge, ruckzuck fertiggemacht. Ganz in Schweiß, sind zur Podkamenka losgesaust!«
Die Brüder sahen sich die Wunde an, wie sie zugewachsen war. Aber was sollten sie sagen, was waren sie schon für Heilkundige? Eigentlich müsste man den Großvater fortschaffen, wenigstens auf der Schleife und auf Skiern. Doch sich durch solchen Schnee zu quälen – wer wusste, ob das besser wäre. Womöglich würde auch noch strenger Frost einsetzen, schon jetzt zog es nachts gewaltig an.
»Hätt der kleine Zokto nur ein bisschen länger gebraucht, hätt mich der Bärenkerl totgedrückt!« Der Großvater ächzte und stöhnte nur. »Weiß nicht, so sagt man … Wer vierzig Bären erlegt hat – dann ist Schluss, dann hör auf. Denn der nächste, der einundvierzigste – das ist der Untergang, kannst du sagen. Irgendwas passiert auf jeden Fall, und der Jäger ist verloren. Seinetwegen kommt dann der Bärenkerl. Da gibt’s keine Rettung!«
»Ach komm, Großvater«, die Brüder hatten sich gerade eben an den Tisch gequetscht, in der Hütte konnte man sich kaum umdrehen, alle schlürften zusammen Tee. »Du hast doch keine vierzig erlegt … Wo willst du vierzig hernehmen? Früher, in uralten Zeiten war das so.«
»So ist es schon, Junge«, stimmte der Großvater zu. »Aber an die zwanzig hab ich in meinem Leben doch geschossen! Nur so, allein gegen einen Bären, bin ich allerdings nie losgezogen. Immer mit Kameraden, mit erfahrenen Jägern. Aber Grom hat er sich trotzdem geholt … Vielleicht eine Warnung für mich? Du kommst als Nächster zu uns, du alter Teufel!«
»Gott bewahre, unke nicht, Schambal! Allerlei kann passieren, und wem wie viel Zeit zugemessen ist … Darüber hat doch diese Fellfratze nicht zu richten!«
Gut, so beschlossen sie es nach reiflicher Überlegung. Wozu den Großvater jetzt aufscheuchen. Sollte er sich erholen, sich gesund liegen. Bis zum Frühling würden sie sich durchschlagen. Mehl war da, Patronen, Tee, Tabak. Und wenn etwas war, würden sie herbeikommen oder jemanden schicken.
Zokto zog dem Bärenkerl das Fell ab, schabte es aus, ließ es durchfrieren. Der Großvater wickelte sich darin ein und schlief. Die Bärengalle bereiteten sie auf, schmolzen Fett aus. Er rieb dem Großvater den Rücken ein und knetete ihn durch, trat mit nackten Fersen darauf herum. Nachts drückte der Frost immer stärker, presste die Blockwände zusammen, bis sie knackten, Schnee fiel, umstellte sie dicht, schüttete sie zu, brauste in Stürmen heran. In klaren Nächten zitterten die Sterne schwankend wie zottige Strahlenkugeln, beleuchteten gespenstisch das schwarze Dickicht, dessen abgründige Tiefen hier blau, dort violett waren und dessen Äste und Nadelzweige Schneeverwehungen umwanden. Als würde die Luft dick – und als verdickte sich auch das Tageslicht, würde langsam, löste die graublasse Morgendämmerung mit einem scheinbar gleich darauf einsetzenden Sonnenuntergang ab, mit rosigen Lichtblitzen auf den Schneeschichten, mit dem tiefen Blau der länger gewordenen Schatten.
»Ich erzähl dir, kleiner Zokto, wie ich mir meine Tujana geraubt hab«, sagte der Großvater eines Abends, nachdem er Tee getrunken und sein Pfeifchen angezündet hatte. »Und drei Wolfshunde zusammengeschlagen. Oder wie viele die Leute sagen … Fünf etwa? Aber sieh einer an, meine Gesundheit ist kümmerlich geworden. Da kratzt man ab, und hinterher dichten sie einem irgendwas an. Besser, du weißt es. Also. Dass ich sie totgeschlagen hab, daran erinnere ich mich überhaupt nicht. Wie war das? Eine Sünde hab ich auf meine Seele geladen …«
Und Zokto machte es sich bequem, richtete sich aufs Zuhören ein. Allerdings war das schon unverständlich, wenn Großvater so zu erzählen anfing … Wie konnte er sich an nichts erinnern, gab es denn so etwas?
»… Und als wäre ich das gar nicht gewesen. Ein altes Männlein aber, das hat mir einen Gachan zur Hilfe geschickt. Von diesem alten Männlein muss ich zuerst erzählen.«
Zuerst, ja. Diese Banditen, die Sträflingsbrut, die sich bei Gombo einschmeichelte, nahmen unsere Verfolgung auf. Wir mussten hinauf, am Bach entlang, bis zum Gehöft, dort wartete ein Kamerad. Er hatte Vorräte, alles. Von dort wären wir in die Berge geflohen, und einen Ort zum Verstecken gab es auch. Doch als die uns verfolgten, gerieten sie in unwegsames Gelände. Büsche, Felsbrocken, schwer für die Pferde. Da ließen sie die Hunde los, sie sollten uns hetzen. Zum Glück nicht alle auf einmal. Und da kam dieser Gachan hervor. Ich ließ ihn vor mir heraus. Wo kam er her? Also. Ein altes Männlein hatte mir das geraten. Sagte, der Gachan soll mit dir gehen. Wenn es nötig ist, lass ihn heraus. Fürchte nichts.
Dieses alte Männlein war wie vom Himmel gefallen aufgetaucht. So recht kann ich’s selbst nicht sagen. Aber der Reihe nach. Ich wusste damals ja nicht, wie ich mit dem Unglück fertigwerden sollte. Mit Tujana und mir war alles in Gang gekommen. Aber sie, weißt du, sollte zwangsweise verheiratet werden. Wer hätte sie damals nach ihrem Willen gefragt, ob sie wollte oder nicht? Und ich hatte schon alles aufgegeben, die Hände sinken lassen. Mit einer Peitsche schlägst du keinen Axtrücken durch. Was konnte ich schon? Ein Knecht, ein Habenichts, keinen Groschen in der Tasche. Und ich rannte damals herum, verdingte mich, über die Hügelrücken der Steppe, von einem Ende zum anderen, hütete Schafe. Tag und Nacht, nichts kriegst du mehr mit. Einen Gaul hatte ich, aber den schonte ich, also rannte man. Einen Hund noch, Borogoschka. Und eine kleine Hütte, Stangen mit Filz umwickelt, so lebte ich. Für Onkel Zybyk arbeitete ich als Knecht. Deine Großmutter bedenkt ihn immer noch mit bösen Worten. Aber was war der schon für ein Onkel Zybyk für mich? Nicht einmal ein entfernter Verwandter war er, sondern weiß der Teufel wer. Wollte von uns nichts wissen, ekelte sich. Na, was soll man das durchkauen? Längst Gras drübergewachsen.
So laufe ich eines Tages, und oben auf einem Hügel — noch so ein Häufchen. Frischer Pulverschnee war gefallen, hatte alles bestäubt. Aus dem Häufchen, unterm Schnee hervor, flattern irgendwelche Zotteln oder was. Was ist denn das? Bin hingelaufen, da liegt ein altes Männlein. Einfach so, auf der nackten Erde. Liegt wohl im Sterben. Hab ihn gerüttelt, scheint noch zu leben. Schaut sich mit trübem Blick um. Was für ein Gotteswandersmann, wo ist der hier hergekommen? Ein verschlissenes Felljäckchen, ein Lappen auf dem Kopf, an den Füßen auch irgendwelche Fellfetzen. Keine Wege hier, nichts, kein Mensch kommt vorbei. Hab ihn aufgehoben, ordentlich geschüttelt. Als wäre er wieder zu sich gekommen. Mich, flüstert er, hat ein Chulgur oder so … Irgendein Chulgur hätte ihn mit den Krallen gepackt. In den Krallen fortgetragen also. Aber offenbar bin ich noch nicht dran, sagt er, das alte Männlein. Drum hat er mich aus den Krallen fallen lassen. So etwas murmelt er. Na, nu mal halblang, Junge! Wer hat dich da getragen, was für ein Chulgur-Mulgur soll das sein! Kannst das Männlein doch nicht einfach zum Sterben liegen lassen. Hab ihn mir huckepack aufgeladen, bin mit ihm losgelaufen, wenigstens bis zur kleinen Hütte. Hab ihn hingeschleppt, selbst ganz in Schweiß gebadet. Suppe hatte ich, eine fette. Die Feuerstelle war gleich drinnen. Hab das Feuer kräftiger gemacht, die Suppe gewärmt. Zwieback eingeweicht. Hier, sag ich, iss. Soll man ja nicht gleich vollstopfen, heißt es, wenn einer gehungert hat. Hab Tee gekocht. Davon hat er auch eine Schale getrunken. Schaffelle lagen da, hab ihn schön warm zugedeckt. Selbst gegessen und getrunken, dann sind wir eingeschlafen.
Und früh am Morgen wieder … Der Wind hatte meine Schäfchen über die ganze Steppe verstreut! Also los, diesen wolligen Mistviechern hinterher, sie zusammentreiben. War fix und fertig! Abends kam ich zurück, sitzt das alte Männlein da, schon etwas munterer. Bastelt mit irgendwelchen Stöckchen herum. Hier, sagt er, Schambalka. Was ist das? Ein Gachan, sagt er, für dich. Hatte ich ihm meinen Namen gesagt — oder nicht? Wieso Schambalka, woher weiß er das? Gibt mir so ein Püppchen. Ein ganz gewöhnliches Stöckchen, hier im Reisig gefunden. Unten dran mit grobem Zwirn noch zwei Stöckchen, das sind die Beinchen, festgewickelt. Und an den Schultern — zwei Ärmchen. Der Kopf dicker mit Zwirn umwickelt. So ein Menschlein, schwärzlich, gruselig. Nee, sag ich, Alter, wozu verdrehst du mir den Kopf? Wenn du willst, iss was, trink Tee, leg dich schlafen. Sonst geh deiner Wege. Nein, sagt er, der Gachan ist noch nicht fertig, man muss ein Stück aus dem Buch über ihm vorlesen! Gib nicht auf, fährt er fort, was du mit deiner Tujana vorhast. Wir … Vorhaben?! Ich glotzte ihn an. Bloß einen Gaul hast du nicht. Geh und bitte Onkel Zybyk um den schwarzen Renner. Den gibt er dir.
Was meinst du, kleiner Zokto? Hab ich mich da gewundert oder was? Nein. Irgendwie war mir so … Na, ganz einfach. Alles klar. Und wirklich, dachte ich plötzlich, warum sollte ich Onkel Zybyk nicht um den schwarzen Renner bitten. Und weißt du, was das für ein Renner war? Der beste in der ganzen Steppe! Mein altes Männlein aber holte eine mehrfach zusammengefaltete Bastmatte aus dem Gewand. Drinnen so etwas wie ein Fetzchen Papier. Aber offenbar sehr kostbar für ihn. Und er fing an, von diesem Papier irgendwas herunterzulesen. Gebete wahrscheinlich. Gesänge. Immer dasselbe. Bu-bu-bu und bu-bu-bu — so liest er. Und wiegt sich hin und her, und wird irgendwie … Wie Nebel. Man meint, durch ihn hindurchsehen zu können. Ein angenehmer Duft ging von ihm aus, wie Räucherwerk. Im Dazan glimmt so etwas in einer kleinen Schale. Mir wurde wohl, ganz ruhig. Schläfrig. Und am Morgen — das alte Männlein fort. Eine Spur zog sich über den Schnee. Na gut, denke ich. Und hab getan, was er mir geraten hatte. Nun, du weißt, was danach kam. Ja! Schläfst du etwa, kleiner Zokto? Na, bist müde geworden, Junge. Schlaf nur.
»Weißt du noch, wie du mich gesehen hast?« Sesegma lachte, sie lagen auf der Hügelkuppe. Es schien, als könnten sie sich gleich nicht mehr halten, würden in den Himmel fallen … Die Wolken würden ihnen ihre zottigen Rücken hinhalten. Der Atem der heißen Erde, der uralte Kehlgesang des Windes. Mit ausgebreiteten Armen würden sie über die Federgrasmähnen fliegen, die aus dem Tal heraufliefen, das sich im Hitzeflimmern erstreckte, im Dunst bräunlichen Staubs.
»Na und … Ich hab dich gesehen!« Zokto überlegte, wie er es sagen sollte.
»Na, hab ich dich eben gesehen. War auch nichts so Besonderes dabei.«
Oder: »Ha! — Gesehen. Als wär das was noch nie Dagewesenes!«
Der Windstoß legte sich, doch die Bewegung hielt an, das Rascheln der Gräser und das Zirpen der Heuschrecken. Oder kamen dieses Rascheln und dieser Glanz vom unerbittlichen Kreisen irgendeiner durchsichtigen Schlange, die sie endlos umkroch und Hitze von ihren gläsernen Schuppen strömen ließ.
Jedenfalls war es zufällig geschehen … Als er Sesegma gesehen hatte.
»Wie ein Kauz!« Sie lachte aus vollem Hals. Glühende Flecken auf ihren Wangenknochen, verschmitzte Funken, die unter den Wimpern aufblitzten. Die Langsamkeit der Bewegungen, die den Atem der Steppe gleichsam fortsetzten — den auffahrenden Wind und die unvermittelt eintretende Stille —, sie streicht die Strähnen ihres gelösten Haars zurück.
»Wie ein Kauz hast du auf dem Ast gesessen — und plumps!«
Ja, einmal … Aber wozu sich an diesen Vorfall erinnern? Das Dickicht am Fluss, er schlug sich mit der Angel hindurch. Dichter Nebel am frühen Morgen. Er kam an seine Stelle, wo sich ein dicker Ast einer weit ausladenden Ulme über das stille Wasser streckte. Machte es sich wie immer bequem, warf die Schnur aus. Und plötzlich, etwas weiter weg, hinter den Weiden … Zwei seltsame Gestalten. In irgendetwas Unbestimmbares gehüllt, als hätten sie sich aus dem Nebel verdichtet. Die eine offenbar … Ja, eine steinalte Großmutter. Ist das nicht die Alte, die Schamanin Dagba? Sie blies, spuckte, hantierte herum — und ein Feuerchen begann zu rauchen. Sie goss etwas aus einer Schale ins Feuer, warf Kräuterbüschel hinein. Aber wer stand neben ihr? Geschmeidig, wohlgestaltet, schlank … Sesegma! Die Enkelin des alten Sultim.
Was hatten sie dort vor? In den Händen der Alten ein Schlegel und etwas Klingendes, gleichmäßig schlägt sie auf diesen … Teller? Oder ist es eine Schamanentrommel? Ruft, stößt Schreie aus — bald scharfes Gekrächz, bald langgezogenes Geheul. Na gut, die Alte treibt da ihren Schamanenzauber … Aber wozu ist Sesegma bei ihr? Die alte Dagba sprach auf sie ein, nickte eindringlich mit dem Kopf, als hackte sie mit dem Schnabel, einem Raubvogel gleich. Das Mädchen streifte sein dunkles Gewand ab, die Alte schöpfte Wasser, übergoss sie von Kopf bis Fuß. Nackt, blendend schön. Begann zu murmeln, zu gurgeln.
Der Rauch wurde wie von selbst dichter, weiße Schwaden breiteten sich über dem Wasser aus. Zu Zokto drang ein bitterer Geruch, wie er manchmal über Sumpfgräsern aufsteigt. Die Nacktheit des Mädchens, hervorgehoben von einer Kaskade schwarzen Haars mit dem Schillern eines Rabenflügels, ist für den Jungen unerträglich … Ihm wurde ganz schwindlig! Er verlor das Gleichgewicht, plumpste vom Ast ins stille Wasser. Die halbblinde Großmutter hielt ihn natürlich für einen »bösen Geist«! Den sie gerade »austrieb«. Und nun hatte sie ihn »ausgetrieben« — da habt ihr’s, seht nur her! Sie schrie ihn wütend an, fuchtelte mit den Armen. Sesegma war wie weggeweht, sie warf sich ihr dunkles Gewand über. Doch kaum bedeckt, erkannte sie, was für ein Junge da herumstrampelte … Dazu hatte er sich auch noch selbst an seinem Haken verfangen, sich in der Angelschnur verheddert! Eine Hand vors Gesicht geschlagen, krümmte sie sich fast vor Lachen. Musste es bloß vor der alten Dagba verbergen.
»Also war das die alte Dagba? Was hat sie mit dir gemacht, was habt ihr da getrieben, Schamanenzauber?«
»Ja«, lächelte Sesegma …
Und in ihren Augen war es wie ein tiefer stiller Flusswinkel, in dem er seit damals noch immer herumstrampelt.
»… die alte Dagba, natürlich. Aber zugleich war sie es auch nicht. Sie vollzog einen Ritus. Nahm dem Mädchen die Kraft. Wie soll ich das … Nicht sie selbst, sondern ein Vogel, der herbeifliegt und sich in Dagba verwandelt. Er braucht Kraft, dieser Vogel. Die Kraft der jungen Mädchen aus dem Dorf Namchai.«
Zokto wollte etwas Lustiges einwerfen. Na, ein schöner Vogel! Wenn die überhaupt fliegt, dann mehr schlecht als recht. Diese Großmutter Dagba ist doch schon hundert! Nein, was heißt hundert? Er erinnerte sich doch an diese Alte, seit er ein ganz kleiner Junge war, und schon damals war sie uralt gewesen. Ihr Gesicht wie ein nachgedunkeltes Brett mit Holzmaserung, voller Falten und kleiner Risse. Die Hände wie Zweige.
»Also dieser Vogel von dir … Na, Großmutter Dagba — meinetwegen. Wenn die zu ihrer Freundin fliegt, zu Tante Radschana … Da neigt sich die Sonne schon zum Untergang, und sie humpelt immer noch. Schlurft so die Straße entlang.«
»Im Dorf mag sie ja schlurfen. Aber kaum ist sie draußen, schon ist jede Spur von ihr verschwunden. Wie viele verschiedene Heilkräuter sie in ihrem Häuschen hat, wo kommen die her? Sammelt sie alle selbst. Mit Tante Radschana verschwindet sie in den Wiesen, im Wald. Sogar den Tschoidop-Pilz bringen sie mit, den haben sie. Und wie schwer der zu finden ist!«
Ja, der Tschoidop-Pilz. Den kann man in den unwegsamsten und vermoostesten Wildniswinkeln finden und an steilen Felsen.
»Diese Kraft«, Seseg wurde ernst, »ist die Fähigkeit zu fliegen. Sie ist wie ganz auf den Grund eines Mädchenherzens gegossen. Und sie löst sich im Blut auf, läuft durch ihre Adern, ruft ins Unbekannte. Doch ein gewöhnliches Mädchen braucht sie nicht, im gewöhnlichen Leben.«
Kann man diese Kraft berühren, dachte Zokto. Sie spüren? Dieses honigfarbene Leuchten, das die Weidenbiegung des Halses umfließt. Den dunklen Tempel der Schultern und die glänzende Mulde zwischen zwei sanft verzauberten Hügeln, die fließenden Windungen der Arme. Die tiefgründige Dämmerung der Augen, den Lauf der schwarzen Reiterei der Brauen, die Nasenflügel, die wie die Federn eines abgeschossenen Pfeils beben. Und die Lippen, gekrümmt wie ein Nomadenbogen, und die hochgeworfene pechschwarze Mähne des Haars …
»Der Vogel nimmt diese Kraft und schenkt dafür den jungen Mädchen des Dorfes Namchai blendende Schönheit. Eine solche hat keine in der ganzen Steppe. Er kommt vom alten Lama Chanda hergeflogen, der sich an einem niemandem bekannten Ort in einen grauen Stein verwandelt hat. Er braucht Kraft, um das Wissen zu bewahren, das auf einem Fetzen steht, der vom Buch übrig geblieben ist.«
Sie ritten bis zum Fluss, stiegen ab, die Pferde drängten zum Wasser. Leicht wiegten sich Schilf und hohe Gräser im Wind. Dunkles Grün in der Ferne, doch unmittelbar vor ihnen, am Ufer — die Durchsichtigkeit von Glas, das den Widerschein des Sandes am Grund brach, hier rötlich, dort grau, wie Asche. Nebeldunst wand sich zu Zöpfen, verflocht sich mit dem tiefen Schatten des herangerückten Traubenkirschen- und Weidendickichts, das sich in seinem Spiegelbild verlor. Der Geruch salziger Kräuter, von Fell und Schweiß. Weich und schläfrig plätscherte ein Fisch. »Komm, keine Angst«, sagte Zokto, und sie zog den weißbeinigen Fuchs mutig am langen Zügel, einen Augenblick atemlos von dem kalten Wasser, das sie anstieß. Bald schwammen sie, hielten sich an den Pferdemähnen fest, wie zwei große, einträchtige Fische in den Strahlen der Morgensonne.
»Und meinst du, es gibt so einen Teil … oder wie heißt das? Einen Fetzen vielleicht, vom Buch?«, fragte Zokto. »Den man bewahren muss?«
»Ja, ich habe ihn gelesen. Aber da sind nicht eigentlich Buchstaben. Sondern Zeichen. Punkte, viele Punkte. Und Striche, und Kreise, und Dreiecke. Man könnte sagen, Vogelspuren. Vögel beschreiben manchmal den Schnee oder den Sand ganz, ganz fein. Hast du das gesehen? Aber man versteht sofort, wovon es handelt.«
Sie durchwateten noch zwei Flussarme, ritten in dichtes Grün hinein, durchdrungen vom fröhlichen Wechselruf der Vögel. Schlugen sich durch mannshohe Gräser, ein unvorstellbarer Lärm lag in der Luft. Unbekannte Vögelchen erfüllten alles mit ihrem Gezwitscher, unter den Füßen schossen quakend Frösche davon. Davonhuschende Eidechsen raschelten, von einem Wurzelstock platschte ein Otter ins Wasser, eine Ente schnatterte und rief ihre Brut zusammen. Irgendein Wasserungeheuer schlug mit seinem Schwanz mehrmals dröhnend aufs Wasser. Die Gräser vibrierten wie ein ganzer Wald silbriger Antennen, ein summender Mückenschwarm rollte als Kugel hinter ihnen her, der Wind trieb silbrige Kräusel über den Fluss, der sie von allen Seiten umgab und durch das Dickicht schimmerte. Graureiher schlugen mit den Flügeln in lichttragenden Säulen, hoben die Erdenschwere der Laute hinauf in die offene Weite.
Sie fielen ins Gras, lagen und sahen auf die emporstrebenden Stämme, auf das Flechtwerk schwankender Äste, das bewegte Laub, auf die Kronen, die in endlosem Reigen kreisten und Wolkenmützen anprobierten.
»Ach, ja. Irgendwie …« Zokto dachte nach, versuchte sich zu erinnern. »Mein Großvater Schambal hat doch erzählt, dass er diesen Lama gesehen hat. Er ist ihm erschienen. Obwohl, nein … Großvater hat wohl ein altes Männlein gerettet. Das war wahrscheinlich eben der Lama Chanda. Denn er hatte auch so einen Fetzen bei sich versteckt, der ihm sehr wichtig war. Davon hat er Gebete gelesen.«
Die Sandzunge lief spitz stromaufwärts zu. Sie gingen ins Wasser, warfen sich hinein, zerschlugen die Sonnenblitze, die bunten tanzenden Untertassen der Spiegelungen. Schwammen über das Zittern der Wasserpflanzen, über Sandkämme hinweg. Die ganze Sandzunge war bemalt, beschrieben mit den dreiblättrigen Spuren der Graureiher, die hier umhergewatet waren und gejagt hatten. Die Reiher selbst, unzufrieden mit ihrem Eindringen, waren weiter weg gezogen, drängten sich auf einer herausragenden kleinen Insel. Das Rauschen des Flusses übertönte ihr aufgeregtes Gegurgel. Sesegma ging über den Sand, hob die Knie hoch, ahmte die langbeinigen Vögel nach. Bog sich, führte die Flügelarme nach hinten. Gleich fliegt sie davon!
Zokto las irgendwelche seltsamen Zeichen im Sand. Dreiecke, Punkte, Striche, gekrümmte und gerade Linien. Goldene Abdrücke, purpurne Widerscheine, das silbrige Gekräusel der raschen Strömung. Jede Spur, die das Mädchen im Sand hinterlässt — ein Buchstabe. Aus der Kette der Spuren sind Wörter gefügt, sie laufen zu einer ganzen Zeile zusammen. Einer, einer zweiten, einer dritten. Sesegma lief über die Sandzunge und prägte Schriftzeichen ein. Zoktos Blutgefäßsystem verflocht sich mit den blauen Adern aller Flüsse, ihre höhere Kraft vereinte Schilf und Gräser, Nebeldunst, Traubenkirschen- und Weidendickicht, Vögel, davonschießende Frösche, das Flügelbeben der Reiher.
»Ja, ich habe ihn gelesen«, sagte Selmeg, »den Ausschnitt aus diesem Buch. Dort sind geheime Zufluchten, wo zottige Gespenster sterben, wo lichte Götter geboren werden und ein feierlicher Chor erklingt. Flügel berühren das Wasser, Fische plätschern, Tiere kommen hervor, um an der Tränke den Mond zu schlecken. All das sind Akkorde, Zusammenklänge, die fröstelnde Haut an den Hüften der Badenden vor dem Morgengrauen, das düstere blecherne Gekräusel vor dem Regen, der marsianische Widerschein des Sonnenuntergangs. Die Spiegelung von Sternen, von Karawanen der Zugvögel, von verschwundenen uralten und mächtigen Wesen, ein Signalfeuer am anderen Ufer. Wind, der Magnetismus der Heimat, Vibration, ein Beben, das einen von Kopf bis Fuß erschüttert. Das tiefe Dröhnen der Unterwasserströmungen, die Bewegung uralter geheimnisvoller Fische in der Tiefe. Die Sonne brennt, Flügel blitzen auf, Tiere schlecken den Mond. Und Sandbänke, stille Buchten, geheime Lagunen mit schlammigem Grund … Darin wachsen Säulen schwankenden Lichts als Sonnenstämme empor — man verirrt sich zwischen ihnen, ist man erst eingetaucht, vom dicken Ast eines Baumes über dem stillen Wasser geglitten wie vom Haken des scheidenden Sommers. Mit einem Mal umarmst du die durchwärmten Biegungen, die Windungen, das geheimnisvolle Delta des Flusses, das Weidendickicht, wo nackte Füße Spuren auf der Sandbank hinterlassen haben. Das Sprungbrett erzittert, eine in den Himmel ausgeworfene Angelschnur zieht den Stern eines silbern funkelnden Fisches herauf. Die taufeuchten Wiesen nehmen die Reigentänze auf, das Feuer und die Lieder der Dörfler, die leiser werdend in Kreisen durch das hohe Gras ziehen. Und Stille wird einkehren, und eine Libelle wird sich auf das blecherne Sternchen setzen, das die schiefe Bretterpyramide über dem Hügelchen krönt, wo ein Aufklärer begraben liegt.«
Die Sandzunge endete, versank im Wasser. Ganz an ihrem Ende spazierte ein Rabe über den Sand. Schwarz, mit aufblitzendem Grau. Und anstelle der Augen hatte er … Das sind ja glänzende Kugellager! Darin spiegelt sich ein grauer schweigsamer Stein mit blinden, von Einschusslöchern ausgeschlagenen Augenhöhlen. Auch die Seeadler spiegelten sich darin — einer, zwei, drei —, die kreisen und den Rhythmus des ewigen, seit Anbeginn der Zeiten vorgegebenen Kreislaufs einhalten. Der Rabe schlug mit einem Flügel … Er ruft, man soll ihm folgen, man muss ihm nachgehen.
Zokto durchquerte den Flussarm teils schwimmend, teils watend. Ein glitschiger Pfad, der sich durch die Gräser schlängelte. Und wieder, wohin man auch blickt, flache Steppe mit welken und versengten, braunen und fuchsroten Mähnen stachligen Grases. Er trat in durchsichtige Würfel aus Wermutduft, dicht und unbeweglich. Ging weiter, und der Wermutaufguss verschwand, zerstreute sich. Wie eine heiße Platte drückte die Hitze, der ferne Horizont dachte nicht daran, näher zu kommen. Zokto verwandelte sich in einen Grashalm unter dem weißlichen Himmel. Als kleine Kreuze schwebten die Seeadler im Zenit. Dicht wie Filz hüllte ihn die Stille ein. Rascheln, Knistern, das juckende Schwirren der Heuschrecken, aufflatternder Libellen, bassig brummender Käfer. Der Weg war bald gut zu erkennen, bald verschwand er, verbarg sich unter den hochgewachsenen Gräsern.
Er kam in einen kleinen Dugan, ganz durchdrungen von Sonnenpfeilen, von rasch hindurchgleitenden Schlänglein des Lufthauchs. Der alte Lama Chanda las Gebete, wiegte sich leicht, wie im Wind. Die Angeln der schiefen Tür knarrten, unter der Decke schlugen Fledermausflügel, Glöckchen zitterten — so fein und kläglich, als fürchteten sie, ihr Herz könnte jeden Augenblick aussetzen. Neugierige Spinnchen ließen sich an Lichtseilen herab, Gras spross aus dem Boden, der Sonnenwald wogte und veränderte die Stellung durchsichtiger Blätter, die in der Luft hingen. In die Myriaden Staubkörnchen, die in den Lichtebenen tanzten, ergoss sich milchig der lockige Rauch, der aus einem Kupferschälchen zu den hölzernen Gesichtern der Götter mit ihrer abblätternden Vergoldung aufstieg, die aus spinnwebverhangenen Ecken friedvoll herabblickten.
»Wir schreiben das Jahr neunzehnhunderteinundvierzig«, sagte der Lama. »Und du wirst in den Krieg ziehen, Zokto. Dort wirst du eine Frau sehen. Schwarz und gekreuzigt. Nimm sie vom Kreuz und begrabe sie. Vom Kreuz aber nimm einen Querbalken und verbrenne ihn. Damit Kohle daraus wird.«
»Gut.« Zokto neigte den Kopf, legte die Handflächen vor der Brust zusammen. »Ich werde tun, was Ihr gesagt habt.«





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