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Inhaltsverzeichnis

In der Zeitschrift sind die Abschnitte durch Sternchen getrennt und tragen keine Titel. Die folgenden Bezeichnungen sind den ersten Zeilen des Textes entnommen.

  1. Der bekannte amerikanische Herzchirurg, Doktor Mehmed Oz, hat mit seinem Skalpell Tausende kostbare Schatullen…
  2. Als die letzte Schulglocke bei der Abschlussfeier für meine Klassenkameraden als Signal zur Erstürmung der…
  3. Im Auftrag einer Firma, bei der ich eine Zeit lang nebenher arbeitete, sollte ich ein Porträt des…
  4. Als der Herr den Baikal malte (und Er ist zweifellos ein Künstler), verwendete Er eine satte, dichte (sogenannte…
  5. Zu Sowjetzeiten weideten die Künstler aus der Abteilung für technische Ästhetik des Werks »PolimerDetal« am Rand…
  6. Ende der Achtziger hatte ich in meiner Heimatstadt Ulan-Ude, im hergerichteten Keller eines Wohnhauses — meine…
  7. Meine Reisen an den Baikal lassen sich beim besten Willen nicht als »Gesundheitswanderungen« bezeichnen. Mag sein…
  8. In früheren Zeiten war das Werk »PolimerDetal« am Rand von Sozgorod im Moskauer Umland sehr reich. In seinem…
  9. »Irgendwie bist du seltsam. Nicht wie die anderen«, sagte meine Literaturlehrerin zu mir auf dem Gipfel eines…
  10. Mitten im Sommer reisen Marina und ich durch die grenzenlose Oka-Aue und beobachten die Spuren des einst hier…

* * *

Der bekannte amerikanische Herzchirurg, Doktor Mehmed Oz, hat mit seinem Skalpell Tausende kostbare Schatullen geöffnet: die Herzen seiner Patienten. Was ein Herzchirurg tut, hat etwas Mystisches! Wenn man über die aufgerissene körperliche Hülle hinausblickt, in den offenen Kosmos des menschlichen Herzens… kann man dort die Seele erblicken? Oder Gott? Den Fürsten der Finsternis? Die Tafeln der Vergangenheit? Zeichen des Kommenden?

Nun, man weiß nicht, welche Abgründe sich diesem Mehmed aufgetan haben. Doch er wurde zum glühenden Prediger einer gesunden Lebensweise und gewann ein riesiges Publikum. Sein Wort wird wie eine von oben geschenkte Offenbarung verehrt. Was predigt er seiner frisch bekehrten Herde?

»Gehen Sie so viel wie möglich zu Fuß«, beschwört uns der Doktor.

Das ist, gelinde gesagt, seltsam! Schon die Entwicklung der Zivilisation auf technokratischem Weg und der fortschrittliche Ingenieursgeist, der immer komfortablere Autos erschafft, von denen Jahr für Jahr mehr produziert werden, formen im Bewusstsein der Mehrheit eine unumstößliche Wahrheit: Man muss so wenig wie möglich zu Fuß gehen! Oder überhaupt nicht. Kann man etwa irgendeinem Autobesitzer – selbst wenn er eine durchgerostete Klapperkiste fährt – sein liebstes Spielzeug wegnehmen? Und wie soll man jemanden, der im Schweiße seines Angesichts arbeitet, sich alles versagt, Schulden macht, Kredite aufnimmt, um sich endlich das ersehnte »Schwalbchen« zu kaufen, davon überzeugen, seine Lebenszeit nicht mit allerlei Unsinn zu vergeuden?

Das war der ehrwürdige Sergius, der »die Gewohnheit hatte, zu Fuß zu gehen«. Heutzutage fährt auch der Geistliche durch das Tor der Lawra, lenkt mit der linken Hand einen luxuriösen »Benz« und bekreuzigt sich mit der rechten.

Und was es heute für Kinderwagen gibt – richtige Mondfahrzeuge! Darin rollen sie den Knirps bis zum großen Supermarkt – und dort gibt es einen besonderen Einkaufswagen. Sie verfrachten das Kind hinein, werfen einen Haufen Dosen und Packungen dazu. Dann fahren sie alles wieder zum Parkplatz und laden den Inhalt in die Blechbüchse auf Rädern um. Die Zeit vergeht, das Kindlein wächst heran und setzt sich ans Steuer. Es rollt durchs Leben wie durch ein großes Kaufhaus, wählt aus den Regalen mal dieses Produkt, mal jenes. (Man kann sich leicht denken, wohin auch dieses Kind schließlich aus der Blechkiste umgeladen wird… In eine hölzerne. Auf einen unbefristeten Parkplatz.)

Wer im Leben etwas erreicht hat, besitzt selbstverständlich ein Auto, und sogar mehr als eins. Was soll man erst von denen sagen, denen Eisenbahnen, Jachten und Flugzeuge gehören? Wer wird denn plötzlich, aus heiterem Himmel, anfangen, »so viel wie möglich zu Fuß zu gehen«?! (Wenn nicht – toi, toi, toi, natürlich! – unter Bewachung bei Spaziergängen im Gefängnishof?) Seine Angehörigen werden einen solchen freiwilligen Neubekehrten zur Lebensweise des Fußgängers nicht verstehen. Freunde und Bekannte werden sich abwenden. Die Gesellschaft wird ihn einfach abstoßen, ihn ächten.

Seltsame Einfälle hat dieser amerikanische Doktor! Was sind seine Aufrufe wert, an wen richten sie sich? Das ist wie eine Sandburg am Meeresstrand. Die Winde der Zeit, die Brandung der unerbittlichen Wirklichkeit werden keine Spur von seinen Hirngespinsten übrig lassen!

Ich zum Beispiel gehe zu Fuß zur Arbeit: von meinem Haltepunkt Starodatschnaja bis nach Stroiperlit. Und von der Arbeit auch zurück. Insgesamt etwa zehn Kilometer. Aber ich arbeite ja auch als Dekorationsmaler im Kulturpalast »Impuls« (am Rand des bei Moskau gelegenen Sozgorod). Mein Gehalt ist winzig. Und wenn jemand bei der Arbeit auf mich wartet, dann ist das Olga Jurjewna Kulakowa. Ein halbes Jahr lang überwacht sie das Eintreffen der Mitarbeiter um 10 Uhr und hält die Uhrzeit in einem Buch fest. Und im nächsten halben Jahr kommen alle, wann es ihnen beliebt.

Alle sechs Monate haben wir einen neuen Direktor. Das Kulturamt von Sozgorod wechselt sie nach dem Schema aus: böser Direktor – guter Direktor. In den entsprechenden Zeiträumen werden die Zügel angezogen, und dann lässt man sie völlig schleifen.

Der Zuschauerraum im Palast ist hervorragend ausgestattet, er fasst 600 Zuschauer. Die Bühne besitzt eine gut durchdachte Maschinerie und sogar eine Drehscheibe! Eine ungeheuer leistungsstarke Lichtanlage, eine moderne Tonanlage, Kinotechnik. Aber niemand braucht das alles, und es steht ungenutzt herum.

Irgendwo las ich von wunderbaren Musikern aus einer kleinen Stadt in Deutschland, die ihre Instrumente aus Gemüse herstellen. Vor jedem Konzert schnitzen sie aus Kürbissen, Melonen, Zucchini, Gurken… na ja, und noch irgendetwas… »Gemüseinstrumente«. Darauf spielen sie klassische Werke. Bach, Mozart, Beethoven. Sie sind auf Tourneen um die ganze Welt gereist, haben einen Haufen Geld verdient, ihr Auftrittsplan ist auf Jahre hinaus ausgebucht. Erstaunlich! Unsere Musiker im Palast können nicht einmal auf gewöhnlichen Domras, Balalaikas, Ziehharmonikas oder irgendeinem Tamburin spielen. Niemand lädt sie irgendwohin ein, sie sehen ärmlich aus, das Publikum spendet ihrer Kunst keinen Beifall.

In der Mittagspause gehe ich in den Laden, kaufe Salat, Kohl, Gurken – natürlich für mein Mittagessen. (Denn gleich nach dem Gehen setzt der amerikanische Doktor die gesunde Ernährung an die zweite Stelle. Er beschwört einen geradezu, wie ein Kaninchen ausschließlich grünes Kraut zu mümmeln!) Im Laden kann man an einem besonderen Ständer das kostenlose Blättchen »Beschäftigungsanzeiger« mitnehmen. Darin stehen Hunderte Stellenanzeigen mit verlockenden Gehältern, die die Arbeitgeber anbieten. Und nun, könnte man sagen

Das Stimmengewirr verstummte. Ich trat auf die Bretter,

das heißt, ich trat auf die Vorbühne unseres Palasts. In meinen Händen hielt ich dieses Blättchen. Irgendwo da oben kroch jemand herum, an die Deckenkonstruktion geklammert, an der eine Menge Scheinwerfer befestigt ist, ausgestreckt wie eine riesige Spinne. Das ist ja Oleg Kasanin, unser Tontechniker! Er schraubte eine Glühbirne in einen Scheinwerfer. Wie er da hinaufgekommen war, ist unbegreiflich!

»Na so was«, dachte ich, »schraubt eine Glühbirne ein. Dabei kann man den Anzeigen zufolge mit einem völlig staubfreien Jöbchen ordentlich verdienen.«

— He, Oleg! — rief ich ihm zu. — Bist du das da?

— Na, ich… wer denn sonst… — antwortete der Tontechniker.

— Schraubst du eine Glühbirne ein? — fragte ich ihn.

— Ja… versuch du mal, die hier reinzuschrauben… — Er nieste vom Staub ohrenbetäubend.

Sachen gibt’s! Dabei hatten wir noch vor Kurzem Spezialisten im Personalbestand des Palasts, die für die Bühnenmaschinerie, das Licht und die Kinotechnik zuständig waren. Inzwischen wurden die einen wegrationalisiert, die anderen rausgeworfen, wieder andere gingen von selbst. Für alle muss Oleg allein schuften (in diesem Fall: niesen). Zum Glück kann er Englisch, liest aus dem Stegreif Anleitungen zu jeder beliebigen Technik und kann alles anschließen und reparieren.

— Hör mal, du kannst doch ganz ordentlich Englisch runterrattern? — setzte ich mein Verhör fort.

— Na ja, im Großen und Ganzen… wenn’s was zu übersetzen gibt… Aber im Sprechen habe ich schon lange keine Übung mehr. Wahrscheinlich habe ich einiges vergessen, — antwortete Oleg.

— Das macht nichts, das hast du schnell wieder aufgefrischt! Sieh mal, hier im Stellenblatt steht, auf der Insel Kreta werden Reiseleiter mit Dolmetscherkenntnissen gesucht. Gehalt zwei Riesen in Dollar, Verpflegung, Unterkunft und Flug frei.

— Ich will auf keine Insel Kreta! Was soll ich da?

»Er will nicht auf die Insel Kreta!«, empörte ich mich insgeheim. »Azurblaues Meer, orangefarbene Sonne, goldener Strand. Touristinnen aus aller Welt.«

Und ich rief ihm zu: — Du solltest lieber eine Glühbirne reinschrauben… bei irgendwelchen Skandinavierinnen und Schwedinnen!

* * *

Als die letzte Schulglocke bei der Abschlussfeier für meine Klassenkameraden als Signal zur Erstürmung der Hochschulgipfel ertönte, erklärte ich meinen Eltern plötzlich, ich würde nach Kuibyschew zu meiner Großmutter fahren und mich dort an der Kunstschule bewerben. Aber was hieß hier Kuibyschew, was hieß hier Kunstschule? Ich träumte doch davon, nach Moskau zu kommen, mich ins Literaturinstitut durchzuschlagen. Ich hatte damals bereits »Die wilden Lieder meines Volkes« geschrieben und dachte, die Türen der literarischen Penaten würden sich vor mir öffnen, ich würde mit diesen »Liedern« unter die gesegneten Gewölbe treten und die Leier klimpern lassen. Offenbar übertönte dieses Geklimper (in meinen Träumen) die fürsorglichen Warnungen meiner Angehörigen, aber auch meiner Lehrer und Freunde, dass mich in allernächster Zeit die grünen, mit roten Sternen versehenen Tore des Kreiswehrkommissariats erwarteten. Und die führen keineswegs in PARADIESISCHE Gefilde, ganz im Gegenteil! An diesen Toren kommst du auch auf der krummsten Ziege nicht vorbei. Mit oder ohne Leier.

Und wo waren die zwei Jahre Berufserfahrung, die man für die Aufnahme brauchte? Wo die Empfehlungen eines Künstlerverbands, die Veröffentlichungen in der Presse, die Geleitbriefe älterer Schriftstellerkollegen und der Startschein ins Leben vom Stadtkomitee des Komsomol? Wie kleinlich und unwesentlich mir das alles erschien.

Und da sitzen mein Freund Oldrel (er wollte nach Anapa zu seinen Verwandten fahren) und ich in einem leeren Waggon des Zuges »Ulan-Ude – Moskau«. Unsere ehemaligen Klassenkameraden – wir waren bis zur 8. Klasse zusammen zur Schule gegangen, dann wechselten sie auf die Eisenbahnfachschule, wo sie jeden Sommer als Teil einer Studentenbrigade als Schaffner arbeiteten – waren gerade mit diesem Zug aus der Hauptstadt zurückgekehrt. Sie hatten versprochen, uns aus Freundschaft nach Moskau mitzunehmen (damit wir das Geld sparen konnten, das uns die Eltern für die Fahrkarten gegeben hatten). Dieses Gespräch lag etwa drei Wochen zurück, und damals klang alles aufs Beste! Doch seither waren die Jungs ohne Ablösung gefahren und träumten davon, diesmal eine Ruhepause zu bekommen. »Was macht das für euch für einen Unterschied«, sagten sie. »In einer Woche fahren wir ganz bestimmt, dann nehmen wir euch liebend gern mit!«

Die Nacht war von Signallichtern bunt gefärbt, vom Himmel herab verkündeten Fahrdienstleiter ihre Botschaften, auf fernen Ästen der weitverzweigten Bahnhofskrone, wohin die Rangierlok den Zug geschleppt hatte, klopften Reparaturarbeiter mit eisernen Schnäbelchen. Im Dienstwagen, hieß es, empfange der Zugchef dringende Depeschen aus Moskau. Davon hing mein Schicksal ab! Würden unsere Freunde in dieser Nacht auf Fahrt gehen oder nicht?! Ich hoffte auf irgendeine äußere Macht… Sollte sich doch alles von allein entscheiden!

Unterdessen fachten beunruhigende Funken aus dem Dienstwagen die Flamme widersprüchlicher Gerüchte an. Die Jungs löschten sie mit Moskauer Wodka, schenkten auch uns ein und bewirteten uns mit Moskauer Wurst und Moskauer Brot.

Das Echo des Räderklapperns irrte umher, unter dem Boden summten die Schienensaiten weiter, die Vorhänge zitterten im ruhelosen Wind der transsibirischen Magistralen, der, wie man gern glauben wollte, Veränderungen zum Besseren herantrug. Ein weiterer Bote kam und verkündete etwas Schreckliches (für mich aber Hoffnungsvolles): »Es ist niemand in Reserve. Macht euch bereit, Brüder, ohne Ablösung zu fahren!« Wir sangen mit der damals populären Maryla Rodowicz:

Steig in irgendeinen Zug, sei wie der Wind

und kümmere dich nicht um die Fahrkarte,

halte ein grünes Blättchen in deiner Hand,

die Vergangenheit holt dich nicht mehr ein.

Da hast du dein grünes Blättchen! Es ist längst Morgen – das Räderklappern in unseren Träumen ist wirklich! Und die Landschaften, die am Fenster vorbeifliegen… Alles war unerwartet geschehen. In der Stunde vor Sonnenaufgang hatte sich der Zug wie im Märchen von einem Provinzfrosch in eine Moskauer Zarentochter verwandelt. Im wörtlichen Sinne gestaltete die »Hand Moskaus« mein Schicksal!

Wie oft habe ich mich später, verstrickt in ein Knäuel aufdringlicher und unlösbarer Probleme, davon überzeugt: Irgendwo in den Tiefen des Eisenbahnministeriums – und heute auch der RŽD als dessen direkter Rechtsnachfolgerin – gibt es… vielleicht eine alte Zigeunerin in bunten Tüchern, die mit braunen, von schweren Ringen besetzten Fingern ein Kartenspiel mischt? Einen tibetischen Mönch, der sich dem Strom überlassen hat und im »Buch der Wandlungen« blättert? Den dressierten Papagei irgendeines fahrenden Zirkusartisten, der aus einem Hut, zwischen abgegriffenen Münzen unbekannter Länder und verschwundener Völker, ein zusammengerolltes Fahrkärtchen zieht? Irgendjemand spielte doch die Karte des bevorstehenden Weges aus – ob dieser nun glücklich verlief oder nicht –, und dabei vollzog sich eine wunderbare Erneuerung, sobald man die Hand nach Rettung zum Fahrkartenschalter ausstreckte!

Zum Herumsitzen blieb keine Zeit, denn man hatte uns als »Söhne des Regiments« in die Brigade aufgenommen. Wir wurden verpflegt und eingekleidet. Wir stolzierten in den weißen Dienstjacken umher und trugen Tabletts mit Tee in Gläsern mit Glashaltern durch den Zug. Alles war von unglaublichen Dimensionen erfüllt, von kosmischer Weite! Der Wechsel der Zeitzonen, das Vorüberhuschen der Gesichter ständig wechselnder Fahrgäste, Ankünfte und Abfahrten, kosmische Stationen und kleine Haltepunkte der großen Milchstraße der Transsib. Selbst auf den Glashaltern glänzte silbern die erhabene Silhouette eines Sputniks, der den Spasski-Turm des Kremls umrundet hatte und zu den Sternen aufstieg. Rotwangige Kellnerinnen aus dem Speisewagen brachten glänzende, zu richtigen »Solarbatterien« aufeinandergestapelte Essensbehälter – mit feurigem Borschtsch, Kartoffelpüree und Frikadellen als Hauptgericht. Und der Moskauer Senf in Tuben, »wie bei den Kosmonauten«, und die Packung »Kosmos«-Zigaretten in einem geheimnisvollen Dunkelblau? Und wenn wir Mädchen kennenlernten, konnten wir die ganze Nacht Musikaufnahmen hören: die litauische Gruppe »Zodiak«, die französische »Space«.

Von der BAM kamen Komsomolzen, die dort Pionierarbeit geleistet hatten. Das brachte einen Geist der Eroberung gewaltiger Räume mit sich, der Verbundenheit mit einer mächtigen Kraft, der Flüsse und Taigaweiten untertan waren und, wozu kleinlich sein, auch die kosmischen Fernen! Alle BAM-Leute trugen die gleichen Jeansanzüge, aus irgendeinem Grund japanische (hatte man die etwa auf dem XVIII. Kongress des Leninschen Kommunistischen Jugendverbands ausgegeben?). Unverzichtbare Attribute: eine Leuchtpistole, ein ewenkisches Jagdmesser am Gürtel, ein weitverzweigtes Rentiergeweih. All diese Jungs tranken sehr viel. (Es gab irgendeine geheime Anweisung, die heldenhafte Jugend in nichts einzuschränken, deshalb verkaufte man ihnen den Wodka kistenweise und zum dreifachen Preis.)

Wir saßen im Schaffnerabteil und »tranken Tee«. Zwei Flaschen Wodka und vier Flaschen der damals modischen, gerade erst aufgekommenen »Fanta« gossen wir in eine große emaillierte Teekanne. Falls jemand hereinschaute, gab es nichts Besonderes zu sehen, die Werktätigen der stählernen Magistralen ruhten sich aus. Die Teekanne auf dem Tisch, ein bernsteinfarbenes Getränk in den Gläsern, Teelöffel, Zitronenscheiben.

Oldrel hatte längst von meinen »Liedern« gehört – so etwas spricht sich herum! – und mich mehrmals gebeten, sie ihm zu lesen zu geben. Ich händigte ihm das legendäre Manuskript aus. Mein Freund vertiefte sich in die Lektüre. Und da ist Nowosibirsk, wir stehen etwa 30 Minuten. Auf dem Nachbargleis ein Zug in Gegenrichtung, »Moskau – Wladiwostok«. Plötzlich sehe ich, dass Oldrel sich seltsam benimmt… Er ging ganz entrückt an mir vorbei, mit einem seligen Lächeln, »dirigierte« albern mit den Händen, als summte er in sich hinein eine Melodie, die nur er hören konnte. Das machte mich stutzig. Als er dann aber ganz ruhig, als wäre es selbstverständlich, in den Wladiwostoker Waggon stieg, wusste ich nicht mehr, was ich denken sollte! Und wir fahren schon ab!! Vielleicht bin ich verrückt geworden, und mein Kamerad handelt durchaus vernünftig?! Von wegen! Ich schoss zurück, sah »meine« Fahrgäste, die mir in dieser Zeit vertraut geworden waren… Sie stiegen in aller Ruhe vollends in unseren, den richtigen Waggon ein!

Der Zug »Moskau – Wladiwostok« fährt an, gleich wird er Oldrel ans Ende der Welt entführen!

Ich stürzte los, sprang in den Gegenwelt-Waggon. Und was sehe ich? Er sitzt dort mit den Schaffnern, als wäre nichts gewesen! Genau die gleichen weißen Jacken, eine große emaillierte Teekanne auf dem Tisch. Die Eisenbahnbrüder haben ihm schon »Tee« eingeschenkt. Ein Glas im Glashalter, ein Teelöffel, eine Zitronenscheibe… Alles wie bei uns! Bist du denn übergeschnappt?! Ich packte ihn am Kragen und zerrte ihn zum Ausgang. Wir sprangen während der Fahrt ab, holten unseren Zug ein – nach Moskau, Gott sei Dank! – und schafften es gerade noch, auf das Trittbrett des letzten abfahrenden Waggons zu springen.

Später fragte ich meinen Freund: »Warum bist du, Oldrel, in den falschen Zug gestiegen, hast beschlossen, in die Gegenrichtung zu fahren? Welche Vergangenheit war dir auf den Fersen, wovor wolltest du fliehen?«

Darauf antwortete er schlicht: »Hab allerhand Scheiß gelesen.«

Ein Vierteljahrhundert verging. Natürlich durchlief ich die harte Schule der Armee. Danach war es wie in Wyssozkis Lied von der »reinen Wahrheit« (wenn man den Text ein wenig abändert): »… irrte lange umher, war krank, brauchte Geld«. Nach qualvollen Versuchen wurde ich in die Höheren Literaturkurse (am Gorki-Literaturinstitut) aufgenommen und schloss sie ab. Ich schrieb zwei Bücher, sie wurden von einem der größten Verlage der Hauptstadt herausgegeben. Doch auch heute sagen sich viele nach der Lektüre genauso von mir los oder laufen davon oder begehen andere, nicht immer angemessene Handlungen.

Plötzlich trugen mir die Winde meiner Heimat einen Ruf aus Ulan-Ude zu!

Das Kulturministerium Burjatiens meldete sich und lud mich zum traditionellen Buchsalon ein. (Übrigens zum 15. Ich hörte zum ersten Mal davon. Ebenso davon, dass ich in den letzten 10 Jahren der einzige Mensch aus Burjatien war, dessen Bücher in Moskau erschienen waren.) Das Angebot des Kulturministeriums traf mich mitten ins Herz! Bis dahin hatte sich das Gesicht von Mutter Burjatien (ich meine natürlich das offizielle Gesicht) mir, ihrem verlorenen Sohn, gegenüber nie zu einem zärtlichen Lächeln erhellt, und

als mein Karren bergab raste,

war ich da gelassen?

(Mir fiel das Lied von Dmitri Rewjakin ein, dem Frontmann der Gruppe »Kalinow Most«.) Sofort stopfte ich 60 meiner Bücher in den Rucksack, nachdem ich sie im Internetbuchhandel gekauft hatte. Gebe Gott, dass ich in meiner »Taiga-, Seen- und Steppenheimat« 60 liebe Leser finde!

Ich flog von Moskau aus über die verschneiten Weiten Sibiriens, sah in den wogenden Tiefen goldene Streufelder von Lichtern… Tscheljabinsk, Nowosibirsk, Krasnojarsk, Irkutsk. »Und was ist mit den Lesern in diesen sibirischen Städten?«, dachte ich. »Jenseits des Urals gibt es doch kein einziges meiner Bücher. Weder in den Buchhandlungen noch in den Bibliotheken. Nur Internetmonitore flimmern in der Nacht. Werden wir wirklich

auf Bildschirmen aus blauem Eis verbrennen,

wie Baschlatschow prophetisch sang?

Sollte man nicht über die technische Möglichkeit nachdenken, in Flugzeugen eine Luke zum ›Bücherabwurf‹ einzubauen? Damit man ihnen, den sibirischen Bücherfreunden, die in den endlosen Weiten eingeschneit sind, von vorbeifliegenden Linienmaschinen Pakete mit Büchern abwerfen könnte?

…Und nur der eisige Wind heulte zur Antwort, versuchte mich am frühen Morgen auf dem Flughafen von Ulan-Ude mit eiserner Krallenpranke umzuwerfen. Doch ich blieb auf den Beinen, wurde nicht fortgetragen, verschwand nicht als Sandkorn im Strom des Seins, dank meiner Bücher im bleischweren Rucksack.

Man holte mich ab, fuhr mich hin, wärmte mich auf. Alles verlief ohne steifes Amtsgehabe, »wie zu Hause«. Dank meinen Freunden, ohne die dieses Fest undenkbar gewesen wäre!

Und wieder eisiger Wind, früher Morgen, das Flugzeug nach Moskau.

Ich hatte alle Bücher verteilt, verschenkt, mit Widmungen zur Erinnerung versehen. Aber war mein Rucksack leer geworden? Ich gehe, schleppe unter eisigen Böen einen bleischweren Köcher auf dem Rücken. Darin – 60 Pfeile. Ihre Spitzen sind mit Stahl von besonderer transbaikalischer Härtung ummantelt, innen – die niemals erkaltende Glut der Herzen meiner Landsleute… Das Rauschen der Taiga, der Gesang der Steppengräser, das strenge Schweigen der Berge, das Dröhnen der Baikalwellen. Ich mache es mir im Sessel bequem, werfe durch das Bullauge einen Abschiedsblick auf die blauen Fernen, die mich rufen, mir keine Ruhe lassen, neue Reisen und Entdeckungen versprechen. Denn jeden Sommer komme ich in meine Heimat, nach Burjatien, nach Ulan-Ude; breche zu einer Wanderung dorthin auf, wo sich jenseits des Waldes das riesenhafte Herz des Baikals ausbreitet. Seine Nervenbahnen sind Sternenstrahlen, die seit Millionen Jahren die Tiefen durchdringen; es pulsiert bald in heißen, bald in eisigen Strömen; Leben und Tod werden in den Weiten Ostsibiriens von seinem universalen Rhythmus im Gleichgewicht gehalten. Über ihm entstehen Luftwirbel, die einen Wetterwechsel bringen, von ihm gehen Energielinien aus, die ein mächtiges Anziehungsfeld erzeugen. Das Weltverständnis derer, die an seinen Ufern geboren sind, ist von seinem magnetischen Einfluss geformt. Das Bewusstsein der Menschen am Baikal steckt in der Matrjoschka des Waldes. Die Matrjoschka des Waldes – in den Steppenweiten. Die Matrjoschka der Steppenweiten – in den Bergfernen. Die Matrjoschka der Bergfernen – in der Sphäre des Heiligen Meeres. Und weiter – in der Hülle des Himmels. In den Kosmos.

…Noch lebt die Erinnerung an sagenhafte Zeiten, als die Menschen die Sprache des Heiligen Meeres verstanden. Im leisen Plätschern der Wellen erkannten sie die Warnung vor einem herannahenden Sturm. Sie kannten die lebensspendenden Arterien in den Tiefen, in denen das silberne Blut der Fischschwärme strömt. Sie spürten das Reifen der Beeren-, Nuss- und sonstigen Gabenfülle in der Taiga. Und das Heranwachsen des tierischen Nachwuchses bis zu dem Zeitpunkt, an dem er nach dem Gesetz der Jagd (das in jenen sagenhaften Zeiten dem göttlichen gleichkam) zur Nahrung erbeutet werden durfte. In schwarzen, geteerten Char iusowka-Booten ruderten die Menschen vom See Tag und Nacht; die Taigamänner zogen den ganzen kurzen Wintertag hindurch Skispuren, verfolgten Wild in den wilden kahlen Hochlagen; die Jäger und Sammler schleppten sich mit viele Pud schweren Nusssäcken völlig erschöpft den Behausungen entgegen. Und sie dankten dem Alten für die Beute, flüsterten uralte Worte… Mit dem Widerschein des Feuers, das sie in frostiger Nacht gerettet und gewärmt hatte, mit der Steifheit des erkaltenden, eben erst abgezogenen Fells, mit dem Bernstein der Rogenperlen im aufgeschlitzten Fischbauch, mit dem säuerlichen Geruch aus dem rauchigen Bauch der Winterhütte, die sich irgendwo an die Flanke eines Tälchens schmiegte, in die Erde eingewachsen, niedergedrückt von den Weidenröschenblüten auf ihrem Dach aus gespaltenen Holzschindeln.

Wo sind sie, diese Worte? Harz verschließt die Wunden der Wegmarkierungskerben in der Baumhaut, Gräser heilen die schwarzen Brandwunden der Feuerstellen, ungestümes Unterholz verbirgt die braunen Narben der Pfade, als hätte es sie nie gegeben. Zu Spinnweben dünnt das Rohleder der Schlingen aus, Netze vermodern, Rost frisst die Fangeisen, Totholz verschüttet die eingefallenen Fanggruben. Das Pergament wird brüchig, die Schriftrolle zerfällt, zu Staub zerreibt sich die Karte mit den bekenntnishaften Zeichen jener, die einen einsamen Flug im Kosmos des Waldes durchlebt haben.

…Doch nun bist du allein. Das Rauschen der Brandung schwillt an, das gelbe Mondauge wacht ohne zu blinzeln, die Bergwächter sind in Schweigen erstarrt, der Taigaabgrund hat sich aufgetan. Das aufdringliche Gerede des Baches spinnt den Faden einer Totenrede von denen, die von umstürzenden dürren Stämmen der Angst erschlagen, von Lawinen des Unglaubens fortgerissen wurden, in eisigen Flüssen der Willenlosigkeit ertranken. Und nun schleichen jene Dahingegangenen als ewige Wandergeister umher. Manchmal setzen sie sich an dein Feuer, um sich zu wärmen. Dann wehe dir, Einsamer, der du im Wald übernachtest!

…Unruhig schlägt ein unbekannter Nachtvogel mit den Flügeln, fliegt als flatterndes schwarzes Tuch immer wieder über deinen Kopf hinweg – und bleibt doch unsichtbar. Und du spürst, wie The Doors knarren, sich einen Spalt öffnen und das Grauen der unermesslichen Nacht hereinlassen. Und die Worte kommen. Ein halb zusammenhangloses Lallen, eine Art Gebet in der Sprache der Tiere und Vögel.

Sind das etwa nicht »Die wilden Lieder meines Volkes«?

Doch da heulten die Turbinen des Flugzeugs auf!

Und Rewjakin »heulte auf« in den Kopfhörern meines Players,

ich kehre mit leichtem Gepäck und einem Vorrat an Pfeilen

zurück in die Keller.

* * *

Im Auftrag einer Firma, bei der ich eine Zeit lang nebenher arbeitete, sollte ich ein Porträt des durchschnittlichen Russen »zeichnen«. Die Firma untersuchte den russischen Markt für Haushaltsgeräte. Es galt, eine riesige Informationsmenge zu ordnen: todlangweilige statistische Berichte und dazu noch übersetzte Artikel von ausländischen Websites.

Nachdem ich die Informationen zusammengefasst und hier und da etwas redigiert hatte, kam ich zu dem Schluss, dass der durchschnittliche Russe auf Grundlage seines durchschnittlichen Einkommens eine Waschmaschine der mittleren Preisklasse für 10 Tausend Rubel kauft. (Alle Preise sind für eine glatte Rechnung frei angesetzt.) Jetzt sind seine durchschnittliche Bettwäsche und seine ebenso durchschnittliche Kleidung im Durchschnitt immer sauber. So und so viel gewonnene Zeit widmet der glückliche Besitzer des Waschaggregats dieser oder jener Freizeitbeschäftigung.

Doch nach einer Weile bemerkt er plötzlich, dass er dicker wird. Der Blutdruck macht ihm zu schaffen, Atemnot tritt auf, das Herz zwickt und so weiter. Was ist denn geschehen? Der Russe geht zu den Ärzten. Untersuchungen, Labortests, Sprechstunden. So oder so wird er 5 Tausend Rubel bezahlen müssen, weitere 5 Tausend für Medikamente, macht insgesamt 10 Tausend. Vielleicht bessert sich seine Gesundheit, doch dann… Jemand sagt ihm (oder er kommt selbst darauf), dass es an der bewegungsarmen Lebensweise liegt, an der falschen Ernährung, an der fehlenden körperlichen Belastung. Ausgezeichnet! Unser Russe geht los und meldet sich im Fitnessclub an. (Noch einmal 10 Tausend futsch.) Er schindet sich an den Geräten in einem Saal, der eine Plastikkiste mit klimatisierter Luft darstellt, von elektromagnetischer Strahlung durchzogen. Im Großen und Ganzen ist vorerst alles gut.

Ich analysierte die Übersetzungen aus dem Ausland weiter… Erstaunliche Dinge kamen zutage! Es stellte sich heraus, dass es auf der Welt einen Menschen gibt, der für sämtliche Erfindungen, ingenieurtechnischen und technischen Neuerungen im Bereich der Waschmaschinen sowie für ihre Herstellung und Vermarktung verantwortlich ist. Mithilfe von Finanzinstrumenten sind sein Einfluss und seine mittelbare Präsenz in jeder weltweit produzierten Waschmaschine unbestreitbar. (Über diesen Guru des Waschmaschinengeschäfts ist wenig bekannt. Um Verwechslungen zu vermeiden, nennen wir ihn Mister Alfa.)

Also, Mister Alfa, einer der reichsten Menschen des Planeten, lebt in einem bescheidenen Bergchalet irgendwo in einem entlegenen Kanton der Schweiz und besitzt keine Waschmaschine. Gewöhnlich kommt gegen Ende der Woche Marta aus dem Tal herauf, in dem das Dorf liegt, und bringt Haferflocken, Gemüse, Brot. Und die Wechselwäsche wäscht sie auch, denn ein bisschen Hausarbeit ist für das rotwangige Alpenmädchen keine Last. (Ob die beiden irgendeine Beziehung verbindet oder nicht… All das ist Nahrung für journalistische Mutmaßungen. Jedenfalls strahlt Mister Alfa – ein kleiner, braungesichtiger, lächelnder Japaner, von dessen Alter sich sagen lässt, dass er über vierzig, aber unter achtzig ist – auf den Aufnahmen eines Journalisten, der bei ihm zu Gast war, männliche Selbstsicherheit und Zufriedenheit mit dem Leben aus.)

Es ist ziemlich schwierig, etwas über ihn zu erfahren, nicht weil alles verschlüsselt wäre. Für die Medien ist er uninteressant. Er gibt keine Interviews, wurde nicht auf politischen oder gesellschaftlichen Partys gesichtet, pflegt keine Freundschaft mit den Mächtigen dieser Welt. Da tritt er morgens nach einem Schneefall im Skianzug mit einer Schaufel in den Hof und räumt den Weg frei. Da macht er Gymnastik. Kocht Haferbrei. Sitzt in einem kleinen Zimmer am Tisch, im Fenster sind verschneite Hänge zu sehen, vor ihm liegt ein gewöhnliches Geschäftshauptbuch, er schreibt etwas. Er geht mit Skistöcken auf Bergstraßen und Pfaden spazieren: der gesundheitsfördernde Stil des sogenannten nordischen (oder skandinavischen) Gehens. Er kommt zurück. Schält ein paar Kartoffeln, eine Zwiebel und eine Möhre für die Suppe. Liest unter der Lampe die antiken griechischen Philosophen.

Bei der weiteren Bearbeitung des Materials stieß ich auch auf Informationen über einen gewissen Mister Beta. Er entscheidet alle Fragen der Entwicklung der Medizin auf der Welt. Seine Investitionen erzeugen Kraftlinien, die den hochgeistigen Theoretiker im Silicon Valley mit einem Freiwilligen im afrikanischen Hinterland verbinden, der schwarze Kinder impft, und mit einem abgehetzten Allgemeinarzt in einer russischen Bezirkspoliklinik. Überall werden entweder Geräte eingesetzt, die in Fabriken und Laboren entstanden sind, deren Eigentümer er in diesem oder jenem Umfang ist, oder diese Geräte wurden nach seinen Technologien, Patenten und Entwicklungen hergestellt. Auf einer unbekannten Insel im Pazifik streift der Mister am Rand der Brandung entlang, sammelt mit den Eingeborenen nahrhafte Meerestiere. Woher sollte in seiner Palmhütte eine Waschmaschine kommen? Er selbst hat sich noch nie an Ärzte gewandt. Frische Luft, die Gaben des Meeres, Schwimmen und lange Spaziergänge erhalten ihm seine Munterkeit und ausgezeichnete Gesundheit.

Und hier die dritte Gestalt, über die sich etwas in Erfahrung bringen ließ, = das ist Mister Gama. Auf ihm ruht die Verantwortung für die Herstellung sämtlicher Medikamente auf der Welt. Wie sich herausstellte, verbringt er die meiste Zeit in einem entlegenen Dorf in Lappland. Die einheimischen Jäger nehmen ihn manchmal mit… Obwohl er zum Anschleichen an Wild nicht taugt, zu auffällig hebt sich sein afroamerikanisches Äußeres vom schneeweißen Hintergrund ab. Das Gesicht kann man mit etwas Weißem einschmieren, aber wie soll man die zwei Meter große Gestalt tarnen? (Die Jäger äußern sich missbilligend: »U-u, so ein elend langer Lulatsch! Der sollte in der Nationalmannschaft Basketball spielen!«) Dabei kommt er mit den Skiern ganz gut zurecht, läuft Dutzende Kilometer, um Fangeisen und Fallen zu kontrollieren, zieht vom frühen Dämmerlicht bis zur Dunkelheit seine Spur durch unberührten Schnee. Dafür ist es hinterher herrlich, sich in der Sauna aufzuwärmen! Auch er hat keine Waschmaschine, kein Arzt hat sich je an seinem kräftigen, muskulösen Körper vergriffen, sein ganzes Leben lang hat er keine einzige Tablette genommen.

Und wie geht es Mister Delta? Sein Kapital steckt in der weltweiten Fitnessindustrie. Damit wirkt er auf alles ein, was mit Werbung für diese Branche, der Herstellung von Trainingsgeräten, Kleidung und Schuhen, Nahrung, der Entwicklung von Methoden und der Eröffnung neuer Fitnesszentren zu tun hat. Seine Person und seine Tätigkeit bleiben fremder Aufmerksamkeit verborgen, auf einer alten Ranch irgendwo in den grenzenlosen Prärien Wyomings. Er hat ein paar Kühe, stellt selbst Käse her und ist sehr stolz darauf. Sich um die Kühe kümmern, Wasser tragen, Holz hacken, Gras mähen – das ist seiner Meinung nach das beste Training. Morgens macht er ein paar leichte Lockerungsübungen, springt ein paarmal über den Zaun, zieht sich am Querbalken des Tores hoch und gießt sich ein paar Eimer eiskaltes Brunnenwasser über.

…Wenn Mister Alfa mit seiner Marta vollkommen glücklich ist (was man natürlich nur vermuten kann), so ist Mister Beta mit einer lachlustigen Insulanerin befreundet. Sie räumt die Hütte auf, bereitet den gefangenen Fisch zu, wäscht die Wäsche im Bach – schlägt sie mit einem hölzernen Wäschebleuel auf den Steinen – und singt die Lieder ihres Volkes. Wenn ihr weißer Herr irgendwohin verreist und dann zurückkehrt, schenkt er ihr Glasperlen oder eine Haarspange, manchmal einen ganzen Haufen bunter Röcke. Alle Frauen im Dorf beneiden dieses Mädchen.

Und auch Gama schwitzt nicht allein. In Gesellschaft einer prachtvollen Lappländerin kommt er aus der Sauna (übrigens mit einem Beutel sauberer Wäsche, die die Nordländerin nebenbei gewaschen hat). Beide tragen Fellanoraks, glitzernder Reif säumt die Pelzbesätze ihrer Kapuzen und hebt die Schwärze des Männergesichts, die Röte des Frauengesichts schön hervor. Vor ihnen liegt ein wunderbarer Abend am lodernden Kamin, Glühwein, Aufnahmen klassischer Opern.

Zur selben Zeit liegt der Mister aus Wyoming auf dem Heuboden in einem Haufen duftender Kräuter und schaut durch die Ritzen im Dach zu den nahen Sternen. Den Kopf auf seine Schulter gelegt, das schwarze Haar wie Seide ausgebreitet, träumt die freie Tochter der Prärie glückliche Träume. Und bei ihnen ist alles gut, alles gewaschen, sie müssen nicht zu Ärzten gehen, Tabletten schlucken, dieses bescheuerte Fitnesszeug machen.

Marina und ich leben seit vielen Jahren in einem Künstlerheim bei Moskau, wir haben keine Waschmaschine, es gibt schlicht keinen Platz dafür. Unsere Tätigkeit ist der breiten Öffentlichkeit ebenso wenig bekannt, und deshalb stehen uns die einfachen Freuden offen. Brot, Wein, Pilzjagd, Spaziergänge und Skiwanderungen, das Dampfbad. Der Stille Ozean unserer Liebe trägt uns plötzlich vom tropischen Grün der Inseln zu den funkelnden Alpengipfeln, dann wieder hauchen uns verschneite Weiten eisiges Schweigen entgegen oder blühende Prärien wehen uns ihren Duft zu…

Ob der Herr des Waschmaschinengeschäfts uns das nun übel nimmt oder nicht, wir können ihm nicht einmal 10 Tausend unserer verdienten Rubelchen geben. Und da Handwäsche eine körperliche Belastung bietet, die mit ein paar Stunden Radfahren oder einer Stunde Schwimmen vergleichbar ist, gehen dem Medizinmann und dem Medikamentenmann je 5 Tausend durch die Lappen, dem Fitnessveranstalter 10 Tausend. Mit dem gesparten Geld fahren wir ans Schwarze Meer (in die Gegend von Sotschi), verbringen auf einer seit Sowjetzeiten dahinsterbenden Ferienbasis einen Honighalbmond – 15 Tage wunderbaren Urlaubs.

…Man sagt, Russland habe schlechte Straßen. Gut, dass sie schlecht sind! Darin liegt die Rettung für die unberührten Winkel der russischen Natur – ganz allgemein gesprochen – und für die geschützten Orte bei Moskau im Besonderen. Denn ihre, der Natur, motorisierten »Liebhaber« kommen dort nicht hin. Noch gibt es, Gott sei Dank, Schlaglöcher und Bodenwellen, sumpfige Niederungen, Windbruch, undurchdringliche Wildnis… Da hat der Fußgänger aus dem Moskauer Umland Platz, sich auszutoben!

Bevor wir irgendwohin aufbrechen, studieren wir Karten, suchen nach Berichten gleichgesinnter Wanderer, falls jemand in den wunderbaren Fernen gewesen ist und eine Routenbeschreibung im Internet hinterlassen hat.

Vor Kurzem entdeckten wir einen herrlichen See. Um dorthin zu gelangen, fuhren wir mit der Vorortbahn, mit dem Linienbus und gingen zu Fuß. Die Zugänge zum See sind versumpft, wir stießen auf moosige Bültenfelder, nachgebende Mooröden. Wir irrten einige Stunden umher und gelangten schließlich in das dunkle Nadelholzdickicht, das die Ufer säumt. Es war ein heißer Tag, die silbrige Fläche des Sees lag reglos da und schien zugleich zu atmen, sandte schwankende leuchtende Säulen aus. Einige Angler verharrten in schwarzen Gummibooten, in die Landschaft eingezeichnet. Überall, näher am Wasser, Schilf und hohe Gräser. Im Dickicht hatten uns die Mücken beinahe aufgefressen, doch vor uns zeigte sich eine weit ins Wasser ragende Landzunge, und darauf eine helle Birkeninsel.

Wir bahnten uns den Weg dorthin durch mannshohe Gräser, es herrschte ein unvorstellbarer Lärm, man konnte taub davon werden! Unbekannte Vögelchen durchdrangen alles mit ihrem Zirpen, unter unseren Füßen schossen quakend Frösche davon, entschlüpfende Eidechsen raschelten, von einem Wurzelstock plumpste ein Otter ins Wasser, eine Ente schnatterte und rief ihre Brut zusammen… Irgendein Seeungeheuer mit seinem Schwanz – oder waren es vielleicht Blasen, die vom Grund aufstiegen? –, jedenfalls klatschte irgendetwas mehrmals dröhnend aufs Wasser. Die Gräser vibrierten wie ein ganzer Wald silbriger Antennen, eine summende Mückenkugel rollte hinter uns her, der Wind trieb kleine Wellen über den See. Graureiher schlugen in den leuchtenden Säulen mit den Flügeln und hoben die irdische Schwere der Laute in die offene Weite.

Wir brachen einfach zwischen den hellen Birken zusammen, lagen da und blickten auf die in die Höhe strebenden Stämme, auf das Geflecht der schwankenden Äste, das erregte Laub der Kronen, die sich in einem endlosen Reigen drehten und Wolkenmützen anprobierten…

Aber darüber auch nur zu reden ist lächerlich!

Einmal fiel mir ein Büchlein mit dem Titel »Ich bin Amateurfilmer« in die Hände, es war 1969 erschienen. Darin heißt es, bevor er an einem Film arbeite, müsse jeder Amateurfilmer einen Eid ablegen. Erstens: niemals und unter keinen Umständen Baumstämme von unten filmen, die perspektivisch zusammenlaufen, und wie die Sonne durch sie hindurchscheint und all das dem romantisch gestimmten Helden gewissermaßen »vor den Augen kreist«. Zweitens: wie die Heldin glücklich zwischen Birken (oder anderen mehrjährigen Anpflanzungen) umherläuft und der Held ihr nachläuft und so weiter. Schon damals, im fernen Jahr 69, galt das als Muster eines abgeschmackten Klischees!

Ich bin ja gar kein Amateurfilmer. Und so lag ich im Gras, die Hände hinter dem Kopf verschränkt. Aber ich hatte das seltsame Gefühl, als hätte jemand in mir… (vielleicht irgendein »Chronist«? er hat es offenbar eilig, die allerbesten, durchdringendsten Augenblicke des Sommers für immer im Gedächtnis festzuhalten)… plötzlich eine »Filmkamera« gepackt — eine gedachte natürlich — und begonnen, diese Birken von unten abzukurbeln! Und was ist mit dem Eid, dass das abgeschmackt ist und all so was?

Und wieder, wieder dieser Reigen schneeweißer, kreisender Stämme! Und ein Graureiher fliegt auf, zieht einen Wassersaum hinter sich her, der von den Flügeln fällt. Und wir laufen glücklich und so banal zwischen den Birken umher. Holen einander ein, fallen ins Gras.

* * *

Als der Herr den Baikal malte (und Er ist zweifellos ein Künstler), verwendete Er eine satte, dichte (sogenannte pastose) Maltechnik.

Erstaunlich, dass Wladimir Nikolajewitsch seine Bilder in genau diesem Stil malt. Seit fast vierzig Jahren arbeitet er als Dekorationsmaler im Kulturpalast des Werks »PolimerDetal« (dem heutigen »Impuls«) am Rand von Sozgorod bei Moskau, und seine Freizeit widmet er dem künstlerischen Schaffen. Mit Farbe spart Wladimir Nikolajewitsch nicht. Drückt beinahe eine ganze Tube aus und zack, zack! — mit dem Malmesser… Mal so, mal anders! Noch eine Tube und noch eine. Strontiumgelb, Kadmium, Kobalt, Ultramarin, Lasurblau, Mars. Jeder Strich ist so großzügig (wie Wladimir Nikolajewitschs Seele), dass die Bilder zottig wirken; die Struktur der Leinwände — wie gesträubtes »Fell«, die rauen Flanken irgendwelcher fantastischen Einhörner, die endlos dahinstürmen… dahinstürmen, offenbar in Wladimir Nikolajewitschs Träumen. Strontiumgelb, kadmiumrot, kobaltviolett.

Kürzlich malte er ein Bild, auf dem ich am Baikal bin: Ich hocke am Brandungssaum und nehme einen Fisch aus. Wladimir Nikolajewitsch selbst war nie am Baikal, er malte nach meinen Erzählungen und betrachtete dazu zehntausend Fotografien, die ich bei meinen allsommerlichen Wanderungen am Baikal gemacht habe. Ehrlich gesagt wird wohl kaum jemand darauf kommen, dass dort ausgerechnet ich dargestellt bin… Na ja, da sitzt irgendein zottiger Kerl am Ufer, lächelt — und zerlegt ein Meeresungeheuer. (Mit den Ausmaßen des Fisches hat Wladimir Nikolajewitsch eindeutig übertrieben.)

Wenn ich zehntausend Aufnahmen gemacht habe, dann hat Wladimir Nikolajewitsch wahrscheinlich mehrere Hunderttausend Bilder gemalt. Er hat Diplome und Urkunden über die Teilnahme an Ausstellungen, seine Arbeiten stehen in Katalogen, über ihn erscheinen Artikel in Zeitungen. Er bringt frisch gemalte Leinwände in die örtliche Galerie, zur Zweigstelle des Künstlerverbands, stellt sie in einem Kunstsalon zum Verkauf aus… Und sitzt dann bei uns in der Werkstatt (ich arbeite ebenfalls im Kulturpalast, laut Stellenplan stehen uns zwei Dekorationsmaler zu), döst, schläft gewissermaßen. Der größte Teil seiner Werke aber lagert in den »Depots« (in Wirklichkeit im Luftschutzbunker unter dem Kulturpalast). Deshalb kann man den Schutzraum gar nicht mehr betreten (geschweige denn, dass sich jemand darin retten könnte, falls, Gott bewahre, etwas geschieht).

Hauptsächlich stellt er die Natur des Moskauer Umlands dar… Die wilde Frühjahrsflut und die sommerliche Kräutervielfalt, das Purpur herbstlicher Alleen, verschneite Haine und Wäldchen. (»Einhörner« gibt es auf seinen Bildern natürlich keine. Das ist etwas Unterschwelliges, gewissermaßen der Hintergrund seines Schaffens. Bemerken — und darüber sprechen — lässt sich das nur bei einer sehr eingehenden und parteiischen Betrachtung sowohl der Werke des Künstlers, versteht sich, als auch insgesamt aller Lebensumstände, jenes Kosmos, der die schöpferische Persönlichkeit geformt hat.) Hat er ein weiteres Bild gemalt, setzt er sich davor und schläft friedlich ein. Dann wacht er plötzlich auf, blickt mit einem Auge scharf hin… greift nach dem Malmesser… Bessert etwas aus, nimmt Überflüssiges weg. Oder übermalt eine Stelle — zack, zack! — verändert etwas, erneuert das Bild der Welt.

Zack, zack! Mal so, mal anders!! — rief, denke ich, der Herr aus, als Er über die ganze Himmelsleinwand über dem Baikal einen kadmiumfarbenen Sonnenuntergang zog, den Kontrast mit Strontiumgelb betonte, die Wasserfläche mit Berliner Blau sättigte, die Wälder mit Smaragdgrün und die Steilhänge und Felsen mit Marsbraun. Zum ersten Mal gesehen, verblüfft das Bild des Baikal… durch seine Unaufgeräumtheit? seine Zottigkeit? Als wäre alles eben erst, vor deinen Augen, gemalt worden. Und die Bewegung, der Lauf irgendwelcher unbekannten Wesen ist angehalten; sie sind erstarrt, halten den Atem an, werden aber gleich losstürzen, davonjagen — das Bild der Welt verändern, sobald man nur einen Augenblick abgelenkt ist.

Jeden Urlaub fahre ich an die Ufer des Baikal, breche zu einer weiteren Wanderung auf. Und bemerke… (davor kann man doch unmöglich die Augen verschließen), wie die Menschlein, umgestiegen auf mächtige Geländewagen, auf superschnelle Motorboote, bewaffnet mit Mehrladerwaffen, engmaschigen Netzen, elektronischen Angeln, immer weiter vordringen, an zuvor unzugängliche und deshalb ursprünglich gebliebene Orte. Ich sage »Menschlein« — denn was können sie schon erschaffen?

Tote, vergiftete, verbrannte Erde hinter ihnen. Müllberge, aus Fässern ausgelaufenes Schweröl, schwarze, zusammengeschmolzene Reifen. Eine Müllkippe.

Manchmal sehe ich förmlich dieses Bild: Mit starken Motoren in die geschützte Wildnis vorgedrungen, fällt eine Gesellschaft aus dem Geländewagen — kriecht vom Motorboot ans Ufer. Die Seelen der Menschen sind hingerissen von den Schönheiten, die sich vor ihnen entfalten! Kaum vorstellbar all die Farbtöne, die auf den Tafeln des Himmels, des Meeres, der Wälder offenbart sind. Doch die Menschlein… »Na, los, trag raus! Fangen wir wohl an«… — kommandiert der Wortführer, der alles unablässig im Auge behält. Und sie tragen Säcke heraus. Das Glas von Wodkaflaschen, den Kunststoff großer Bierflaschen, das Blech leerer Dosen, Papierfetzen, den widerlichen Schimmel des Einweggeschirrs…

Verstreuen es um sich herum. Brennen mit dem Napalm ihrer Lagerfeuer alles Lebendige nieder. Fällen die Bäume.

Und schwer, schwer fällt es ihnen doch, wie jeder menschlichen Seele, solch Schändliches zu tun! Aber sie machen mit letzter Kraft weiter, betäuben sich mit Wodka, damit sie sich nur ja nicht an das Getane erinnern. Na, fertig, alles vollgeschissen oder was? Vollgeschissen. Uff-f… Müde, leer steigen sie in ihr technisches Fortbewegungsmittel. Und schon haben sie sich verdrückt, sind verdampft, im bläulichen Benzinauspuff zerflossen.

Ich weiß, irgendwann wird der Künstler die Brauen zusammenziehen, etwas Unstimmiges im Bild bemerken, in seinen Bart hineinlächeln und — so wie Wladimir Nikolajewitsch es tut — den orangefarbenen Fleck meines Zeltes irgendwo am Ufer, unter einem Berg, wegwischen, den Funken des kleinen Lagerfeuers daneben auslöschen… Wird die Stelle mit reinem Strontiumgelb leicht berühren und den Sandstreifen an der Brandung erneuern. Und ich werde verschwinden.

Vielleicht aber wird Er einen scharfen Blick darauf werfen … zack, zack! – und die ganze Menschheit übermalen, die sich wie ein grauer, widerwärtiger Schimmel unter den herrlichen Sonnenuntergängen, an den klaren Wassern, zwischen den rauschenden Wäldern ausgebreitet hat.

Hm, Wladimir Nikolajewitsch… Wird das Bild im Keller unter dem Kulturpalast verstecken. Und wieder eindösen, friedlich schnaufend.

Manchmal sehe ich ihn an und flüstere hastig… »Herr, Herr! Rette uns, Wladimir Nikolajewitsch…«.

* * *

Zu Sowjetzeiten weideten die Künstler aus der Abteilung für technische Ästhetik des Werks »PolimerDetal« am Rand von Sozgorod bei Moskau gern auf den üppigen Fluren des werkseigenen Kulturpalasts. (Und in diese Abteilung hatten sich an die dreißig Künstler gedrängt. Je großformatiger die Sichtagitation, die sie zu den Volksfeiertagen schufen, desto mehr bekamen sie neben ihrem Grundgehalt über gesondert abgerechnete Arbeitsaufträge.) Mit Beginn der Perestroika hatten nicht bloß die Künstler, sondern schon die Hälfte der Arbeiter in der eingegangenen Produktion nichts mehr zu tun. Und für den Unterhalt des Kulturpalasts war kein Geld da. Man übergab ihn Sozgorod und benannte ihn in »Impuls« um.

Als ich dort als Dekorationsmaler anfing, bekam ich die Aufgabe, in Grafikprogrammen Entwürfe für neumodische Banner anzufertigen. Die Direktorin hatte sich in den Kopf gesetzt, diese Banner — riesige Vinylbahnen — in einer Werbeagentur drucken zu lassen. Und damit die Fassade des Kulturpalasts zu schmücken. (Alles aber, was die »PolimerDetal«-Künstler über viele Jahre geschaffen hatten, sei »Plunder, der auf den Müll gehört«. Das war die Generallinie.) Doch die alten Schautafeln waren echte Werke der Dekorationskunst. Und was für eine »veraltete Ideologie« steckte in ihnen? Das ganz gewöhnliche Neujahrsfest, der 8. März, der Tag des Sieges, der Internationale Kindertag. Gewichtig, bedeutsam, plastisch — sie füllten das Lager für große Bühnenbilder.

Und der Bannerentwurf?

Dieses bloß virtuelle Phantom kann man zehnmal unter verschiedenen Namen bei den Werbeleuten »sozusagen bestellen«, sie werden es »sozusagen drucken«. Danach »sozusagen montieren«, worauf es — durchaus real, muss man sagen — abgeschrieben wird. Und die Gelder, die man für dieses Vorhaben bereitstellt, verwandeln sich geschickt in Baumaterialien. Die Direktorin, hieß es, baue gerade ihr Haus in einer vornehmen Siedlung bei Moskau fertig. Nach einiger Zeit bekam sie ein Signal »von oben«; das Projekt mit dem »Vinylabgrund« wurde still und leise eingestellt. Mit den wenigen Bahnen, die man tatsächlich hergestellt hatte, deckt man die Bühne ab. Im Frühjahr, wenn der Schnee schmilzt, und im Sommer, wenn es regnet. Das Dach ist ja undicht wie ein Sieb!

ich ging dazu über, Plakate und Flugblätter für die Feste und Konzerte im Kulturpalast zu gestalten. Mit bunten Dazibao wird die ganze Umgebung zugekleistert, werden die Hauseingänge überschwemmt, die Briefkästen vollgestopft. Das erzeugt die Illusion, bei uns brodele alles vor stürmischem Massenkulturleben. In Wirklichkeit gibt es so wenige Veranstaltungen wie Katzentränen.

Und ebenso dürftig wie Katzentränen ist mein Gehalt. Ich muss von Auftraggeber zu Auftraggeber laufen, jede Arbeit annehmen. Und abends und an den Wochenenden sitze ich in der Werkstatt am Computer, bearbeite Fotografien… Tausende Fotografien… Die ich mitbringe, wenn ich jeden Sommer zu Expeditionen an die Ufer des Baikal aufbreche, in die rauen und schwer zugänglichen Gebiete der Baikalregion. An den Hängen des Chamar-Daban, in den Ausläufern des Ostsajan, am Fuß des Bargusingebirges, auf der Halbinsel Swjatoi Nos — suche ich nach »Steinhieroglyphen«. Von ihnen erfuhr ich auf meiner ersten allein unternommenen Wanderung auf Swjatoi Nos. Richtiger wäre es, diese »Wanderung« — ohne jeden Plan und jede Vorbereitung — eine Flucht vor den Lebensproblemen zu nennen, die mich damals in die Enge getrieben hatten. Meine Route setzte sich aus Anglergeschichten darüber zusammen, dass irgendwo ein fantastischer Fang auf einen warte… Einer nahm mich auf einem Lastwagen mit, ein anderer in einem Motorboot. Regentage brachen an, ans Angeln war überhaupt nicht mehr zu denken! Ich geriet in die Steinlabyrinthe des unteren Teils des Swjatoi-Nos-Gebirges, der zum südlichen Ende der Halbinsel hin abfällt. Und plötzlich empfing ich unter sehr seltsamen Umständen einen Notruf: Es fügte sich so, dass ich über Funk mit einem verunglückten, tödlich verletzten chinesischen Drachenflieger sprach. Mühsam suchte er nach russischen Sätzen, seine Stimme verlor sich im Meer der Störungen. Das Gebiet, in das es den unglücklichen Piloten verschlagen hatte — ein plötzlicher Windstoß hatte seinen Hängegleiter gegen die Felsen geschleudert und zerschellen lassen —, war wildes Hochgebirge irgendwo im mittleren Teil des Gebirgszugs. Das Unwetter tobte; ich hatte weder Vorräte noch Ausrüstung noch Wandererfahrung. Davon zu reden, dass ich mich in dieser Lage irgendwohin hätte aufmachen sollen, um irgendjemanden zu retten — ist einfach sinnlos.

Wer war dieser Chinese, was tat er dort, wie war er dorthin geraten? An wen hätte ich mich wenden können?… An den Rettungsdienst? An die Miliz? (Es war, muss man sagen, Mitte der 90er. Damals verschwanden auch unsere eigenen Leute am helllichten Tag mitten in der Stadt.) Ich erzählte alles einem Kameraden, er war beim Innenministerium. Mein Freund riet mir, mir das aus dem Kopf zu schlagen und möglichst schnell zu vergessen. Die große Schar der Volksrepublik China hatte offenbar »den Verlust« eines ihrer »Kämpfer nicht bemerkt«. Bei den Behörden war keine Vermisstenanzeige aus diesem Gebiet eingegangen (erst recht keine über einen Staatsbürger eines fremden Landes).

Das ganze folgende Jahr ließ etwas Beunruhigendes meine Seele nicht los, wühlte die Fantasie des Forschers auf. Es drängte zum Handeln, zur Suche. Ich studierte Literatur über den Baikal, über die Halbinsel — alles, was sich auftreiben ließ —, dazu Karten und Wanderberichte. Im Sommerurlaub fuhr ich an die Ufer von Swjatoi Nos, stieg auf den Gebirgskamm und durchquerte das menschenleere Bergland. War das, was ich entdecken konnte, die Absturzstelle? Ich fand etwas wie einen »Flugschreiber«… In einem Beutel aus schwarzem Kunststoff lagen etwa zehn Fotoskizzen, darauf die Lage der steinernen »Hieroglyphen«. Während er über die steinernen »Seiten« flog — über die Hochebene des Swjatoi-Nos-Gebirges —, hatte der Chinese Aufnahmen aus der Vogelperspektive gemacht, in der Hoffnung, uralte Botschaften festzuhalten. Unbekannt, von wem, zu welchem Zweck, an wen gerichtet?

Und nun fotografiere ich bei der Erforschung der auf den Skizzen bezeichneten Orte die rätselhaften »Zeichen« von den umliegenden Anhöhen aus, oder ich klettere auf hohe Bäume, oder ich baue aus Stangen ein riesiges »Dreibein«, oder ich benutze einen Heliumballon und eine automatische Kamera.

Bei der Bearbeitung der Baikalaufnahmen wandle ich sie in Vektorgrafiken um. Es entsteht so etwas wie eine »Konturzeichnung«. Das ist die »Draufsicht« auf ein Gelände, auf dem meine Steine liegen: wissenschaftlich gesprochen, »rituelle oder navigatorische Anlagen landschaftlichen Typs«. Nach der Bearbeitung in der ersten Etappe ist das Material bereit, an ein Institut für Weltraumforschung weitergegeben zu werden (in Koroljow bei Moskau). Die Miete einer leistungsstarken Rechenmaschine — ist eine kommerzielle Dienstleistung (kostet unglaubliches Geld). Doch es gibt keine andere Möglichkeit, rechnerisch zu ermitteln und herauszufiltern, was nicht zum zufälligen Spiel der Naturkräfte gehört. Worin sich aber die schöpferische Tätigkeit derer erkennen lässt, die die Chronik einer untergegangenen Zivilisation hinterlassen haben — oder ein gewisses Navigationssystem, geschaffen für jene (oder von jenen), die die Erde besucht haben / besuchen werden. Die vom Institut erhaltenen Angaben — sind noch nicht alles, sie sind, kann man sagen, eine Handlungsanleitung. Man muss auch eine korrekte Beschreibung des Fundes anfertigen — und anhand bestimmter, in der Anordnung der Steine verborgener »Wegweiser« — eine Richtung festlegen, vorab ein neues Gebiet untersuchen, in dem sich die Suche in der nächsten Saison am ehesten fortsetzen lässt.

Und dann noch die Hauptarbeit im Kulturpalast. Und dann noch die externen Auftraggeber, der Satz ihrer Finanzwälzer, ihrer sterbenslangweiligen Kataloge.

Der Arbeitscomputer im Kulturpalast ist von früh bis spät ausgelastet. Und eines Tages hielt er nicht mehr durch, ging kaputt. Der Bildschirm schwarz, der Rechner tot, kein Lebenszeichen. Ich meldete es der Wirtschaftsleiterin Krasnowa. Zehnmal schärfte sie mir ein, nichts anzurühren, nicht zu versuchen, die Siegel zu öffnen, schließlich stehe er noch unter Garantie, Fachleute würden kommen und ihn in Ordnung bringen. Na, bitte! Auf ihre Anweisung schleppte ich die Geräte in den Vortragsraum. Brachte meinen Laptop mit, spielte die gesicherten Daten auf und arbeitete weiter.

Natürlich hatte der Computer keinerlei Garantie mehr. Dafür hatte die Wirtschaftsleiterin ein Interesse daran, nach irgendwelchen ausgeklügelten Konstruktionen Geld für die Reparatur von irgendetwas zu überweisen. So wurde bei uns schließlich alles, vom Austausch der Sanitäranlagen bis zur Dachabdichtung, von irgendwelchen dubiosen »Hau-ruck-Trupps!« erledigt, die man aus den Weiten des Großen Bulbostan zusammengetrommelt hatte. Und je billiger sie ihre Arbeit machten, darf man wohl annehmen, desto teurer waren offensichtlich die Goldschmuckstücke und Pelzmäntel, die Isolda Krasnowa ständig wechselte. Aber was sie trieb, war mir egal. Unterdessen hatte es niemand eilig, meine Technik zu reparieren und zurückzubringen!

Mehrere Wochen vergingen. Als ich eines Tages zur Arbeit kam, sagte der Wachmann, die »Kämpfer der unsichtbaren Front sind eingetroffen; vielleicht reparieren sie ja deinen Computer«. In seinen Worten lag bittere Ironie.

Ich ging meinen Angelegenheiten nach, behielt aber die Bemerkung des Wachmanns im Kopf, irgendetwas daran hatte mich gepackt. Als ich fertig war, beschloss ich nachzusehen, was dort vor sich ging. Stieg zum Vortragsraum hinauf, schaute hinein.

Was ich sah, löste einen regelrechten kulturologischen Schock aus! Auf zusammengeschobenen Tischen lag irgendein »Hyperboloid des Marschalls Kim Tschir Yn«… (Mir fiel ein Nachrichtenfoto ein, auf dem der nordkoreanische Führer irgendeinen »geheimen X-Strahlen-Emitter« inspiziert.) Also ein Pappzylinder — etwa zwei Meter lang und einen Meter im Durchmesser —, mit silbernem Klebeband umwickelt. Gleich daneben wickelten zwei frischgebackene »Fachleute« in blauen Arbeitsuniformen mit reflektierenden Aufnähern Kabel ab und zogen dicke (einen halben Meter im Durchmesser messende) »Rohre« aus gewelltem Kunststoff heran. (Wenn man zu beschreiben versucht, was sie da taten, dann »schlossen« sie im technischen Sinne gewissermaßen Kabel und gewellte »Rohre« an den »Hyperboloid« an… Darin befanden sich, wie man annehmen konnte, irgendwelche »Vorrichtungen«.) Ringsum war alles mit Geräten vollgestellt, die an die Mischpulte von Tontechnikern erinnerten; in der Ecke lagen Seilrollen, lange Stangen mit Eisenspitzen, Werkzeugkisten, ausziehbare Leitern auf einem Haufen…

Vielleicht wurde bei uns etwas Interessantes vorbereitet? Der Auftritt einer aufwendigen technischen Show, eines Illusionstheaters, Motorradrennen im Inneren einer riesigen durchsichtigen Kugel?

Mit mir hatte das selbstverständlich nichts zu tun. Ich zuckte die Achseln, wollte schon wieder umkehren.

Aber warum hatten sie meinen Rechner und meinen Monitor aus den Kartons geholt?

Unterdessen hatte einer der Arbeiter die Rückwand des Rechners abgenommen und schraubte, nachdem er ein mordsmäßig dickes Kabel herangezogen hatte, dieses im Gehäuse fest. Er fuhrwerkte mit dem Schraubenzieher herum — dass es nur so krachte! Gleich daneben ein gewellter »Schlauch« — offenbar bereitgelegt, um auch ihn anzuschließen. Wo, wie? An die Festplatte etwa?! Die Ruhe und Sicherheit, die wahre Professionalität dieses Meisters des Schraubenzieherhandwerks ließen keinen Zweifel daran, dass dies für ihn zum Alltag gehörte: nichts Besonderes, so musste es sein.

Vor meinen Augen wird mein Computer zugerichtet! Was immer er auch taugen mochte, ich hatte daran gearbeitet, meine Dateien waren darauf gespeichert!! He, Brüder Elektroniker, was geht hier vor?!

Wie sich herausstellte, waren diese »Meister« also »Computer-Baumkletterer«. Gleb war der Ältere, ging auf die fünfzig zu, und auch Ales war wohl schon über dreißig. Sie selbst kamen aus Weißrussland, arbeiteten in Moskau bei einer Firma, hatten eine Arbeitserlaubnis und eine Registrierung, alles ganz gesetzmäßig.

Aber was für »Baumkletterer« denn?! Von solchen »Computerleuten« hatte ich noch nie gehört!

Gleb und Ales — an die Mitglieder des in der UdSSR berühmten (und auch heute nicht vergessenen) Ensembles »Pesnjary« erinnerten sie allenfalls durch ihre recht malerischen Schnurrbärte, aber genau so, »Pesnjary«, nennt man die Leute, die aus Weißrussland zum Geldverdienen kommen —, also, diese »Pesnjary« hielten mich für jemand anderen… Vermuteten wohl, ich sei ein Vertreter der kontrollierenden (und strafenden) Behörden. Sie antworteten nicht direkt, wurden nervös, verwiesen mich an ihre Firma, ich solle dort anrufen, wenn ich Fragen hätte. Ständig beriefen sie sich auf Arbeitsaufträge, Lizenzen. »Wir haben doch einen Werkauftrag«, wiederholten sie immer und immer wieder. »Und eine Zulassung haben wir auch, und eine technische Aufgabenstellung. Von Ihnen ist alles bargeldlos bezahlt. Was soll denn das?«.

Darum geht es mir doch nicht, slawische Brüder! Auf was für »Bäumen« wollt ihr »herumklettern«? Im Computer etwa? (Es gibt natürlich den Begriff »Computerbaum«. Aber das betrifft die Registratur der Systemordner. Wie kann man auf »Bäumen herumklettern«? Ob auf der Festplatte, in der Registratur oder sonst irgendwo, von mir aus.) Und wie wollt ihr da hineinkommen? Durch den USB-Anschluss hineinkriechen? Mit euren Seilen, Stangen, Leitern? Mit der Gartenspritze… (»Benzinbetrieben, als Rückentragegerät«, wie Ales aus irgendeinem Grund äußerst ausführlich zu erklären begann.)

Diesmal hatte Isolda Krasnowa selbst es übertrieben! Wo hatte sie nur diese letzten (oder vielleicht auch nicht letzten) »weißrussischen Partisanen« aufgetrieben?!

Gleb beharrte hartnäckig darauf, dass »…wir dort sauber machen, das Überflüssige entfernen. Wenn da ein Virus ist, wir haben doch Schädlingsbekämpfungsmittel… aber wie kommt ihr IN den Computer… ganz normal kommen wir rein. Wie üblich. Hier ist der Adapter«.

— Dieses Papprohr?!

— Was heißt hier Rohr? — mischte sich der technisch fortgeschrittenere Ales in den Wortwechsel ein. — Das Magnetfeld im Adapter und die Frequenz des Beschleunigungsfeldes sind zeitlich konstant, doch die Resonanzbedingung bleibt während des Beschleunigungsvorgangs durch die Änderung des Beschleunigungsvielfachen g erhalten.

Was ist das?! Weißrussische Wissenschaftler haben etwas entdeckt, das das wissenschaftliche Weltbild auf den Kopf stellt? Doch die Internetgemeinde weiß von nichts. Das Nobelkomitee verharrt in wohlwollender Ahnungslosigkeit. Still döst das Silicon Valley. Und warum laufen wir noch immer nicht kopfüber auf der Erde herum?

— Das ist bei euch wohl ein BAK? (Ich meinte natürlich den Großen Hadronen-Collider. Ich war richtig versucht, boshaft zu werden und ihn den Weißrussischen Hadronen-Collider zu nennen.)

Ales straffte sich, spannte sich wie eine Feder, die Knöchel seiner fest geballten Fäuste wurden weiß.

— Du willst uns wohl dumm anmachen, was?

Weswegen sollte ich euch »dumm anmachen«, Jungs?!

…Ich hatte mir doch nur vorgestellt, wie sie in den Computer klettern. Was würden sie darin tun? Mit ihren groben Schuhen auf meinen Dateien herumtrampeln, in den Fotografien wühlen, E-Mails aufbrechen? Wie sollte ich (und sollte ich überhaupt?)… mich dem widersetzen? Ihnen klarmachen, dass das die Grenzen der Vernunft überschreitet? Mich mit den Fäusten auf sie stürzen? Das hieße also, das Geschehen anzuerkennen? An diesem wahnsinnigen, wer weiß von wem und wozu erfundenen Treiben teilzunehmen?!

Und wenn man sich die (in diesem Zusammenhang zutreffende) Bemerkung des Wachmanns ins Gedächtnis ruft… Wen nennt man »Kämpfer der unsichtbaren Front«? Kundschafter, Saboteure; alle, die geheime Informationen herausfischen. Was, wenn mich jemand einer lückenlosen Überwachung unterziehen wollte? Meine Seele, meine Dateien, Fotografien, meine Post auf links drehen? Nein, auf was für Gedanken man kommt! Völliger Schwachsinn!! Jederzeit, wenn ich nicht in der Werkstatt bin, falls jemand hereinkommt und den Computer einschaltet — bitte schön, sieh nach und such heraus, was du willst.

Die Post zu überprüfen… Das schafft jeder Hacker. (Und muss dafür kein »Baumkletterer« sein!) Aber was steht darin außer dem ganz Gewöhnlichen, Alltäglichen? Ja, ich hatte mit den Jungs vom Klub »Geopoisk« in Nowosibirsk korrespondiert. Sie schickten mir Methoden zur Untersuchung meiner »Hieroglyphen«. Im Briefwechsel musste ich von dem »schwarzen Beutel« mit den Fotoskizzen erzählen, den ich an der Stelle gefunden hatte, an der vermutlich der Pilot abgestürzt war. Seine ferne Stimme, die durch das Knattern und die Entladungen der Funkstörungen gedrungen war, wurde zum Ausgangspunkt meiner Reisen. Mehr als zehn Jahre sind schon vergangen.

Ich mache mich reisefertig, packe den Rucksack… Was könnte einen mehr erregen als die Vorahnung des Weges — gefährlicher Abenteuer, unerwarteter Begegnungen —, heraufbeschworen vom Lagerfeuergeruch der rauchdurchtränkten Sachen. Früher Morgen, riesige Felsblöcke, die Weite des Baikal, ein Schwimmer auf der leicht seufzenden Welle. Der Posaunenruf des Baikal hat mich gerufen, ein spielender Lichtstrahl im grünlichen Kristall der Tiefen, Orgelpfeifen im mächtigen Atem der Winde, der Duft sonnenerwärmter Taigamulden, das Glänzen aufragender Gipfel. Das ist die Route meines Lebens — und bestimmte Zeichen, die ich zu erraten versuche, um die vorgegebene Richtung nicht zu verlieren. Biegungen, mühsame Aufstiege, steile Abstiege auf diesem Pfad… Eine Verkettung von Umständen hat mich in den »Impuls« geführt. Ich bearbeite Tausende Fotografien, lasse »Konturzeichnungen« anfertigen — und klebe riesige »Felder« meiner Steine zusammen und breite sie auf der Bühne aus. Manchmal, wenn ich gewissermaßen über ihnen »dahingleite«, spüre ich eine geheimnisvolle Verbindung… Mit einer gewissen »Projektion« der Wolken? Mit dem Himmel über dem Baikal?

Aus meinen unwillkürlichen Gedanken holte Glebs Stimme mich in die Wirklichkeit zurück.

— Hör mal, wohnst du in Moskau? — fragte er mit betonter »Freundlichkeit«.

— Im Moskauer Umland, — stellte ich richtig.

— Eben! Wenn du aber in Weißrussland leben würdest, hätte dir Batka mit seinem eisernen Stiefel so eine Beschleunigung in den Arsch verpasst, dass du ohne all diese Kreisbeschleuniger

nicht bloß durch ein Papprohr in den Computer geklettert wärst,

sondern wie eine Fliege genau dorthin geflogen wärst, wo du hinsollst, verstanden?

Wir zum Beispiel können alles, was du willst! Wir haben solche Erfindungen! Wenn man uns sagt, wir sollen das Abwassersystem des Weißen Hauses knacken und uns daran anschließen — dann knacken wir es! Und dringen in die Präsidentenschüssel ein, kriechen Barack Obama mit Taschenlampen in den Arsch! Wenn eure Montrealer Gedankenhurerei nicht wäre, hätten wir uns zur eisernen Faust der Union zusammengeschlossen. Auf jede NATO und WTO würden wir bloß spucken und sie dann zerreiben!

Na gut, meine Freunde! Lassen wir das geopolitische Geknatter! Man hat euch geschickt, um den Computer in Ordnung zu bringen — und von uns ist obendrein alles »bargeldlos bezahlt« —, also repariert ihn. Und ich ging meinen Angelegenheiten nach und dachte traurig darüber nach, dass an diesen Weißrussen mit ihrem Papprohr weder etwas Komisches noch etwas Seltsames war. Und was haben wir es denn besser… Wie sich durchschlagen, woher das Geld für die Expeditionen nehmen, für die Forschungen? Jeden Sommer, mit Beginn der Urlaubszeit, heben die schmarotzenden Oligarchen — ihre Fangarme umschlingen die stählernen Arterien ebenso wie die Flügel unserer Heimat — die Preise für Zug und Flugzeug an. Wie Wij seine eisernen Augenlider! Das ist eine besondere Schikane in Russland, wo die Räume weit und unübersehbar sind, wo der russische Mensch — stets auf der Suche nach einer Antwort auf die ewigen Fragen — die großen Romane aufschlägt. »Krieg und Frieden«, »Die Brüder Karamasow«, Leonows »Der Dieb«. Und sie sind ja gerade dazu geschaffen, sie ohne Hast zu lesen, vier Tage lang, bei Tee und dem Räderklappern eines offenen Liegewagens von Moskau bis zum Baikal; mit den benachbarten Mitreisenden Seiten und einzelne Kapitel zu besprechen; auch die des Lebens, des Schicksals, des Seins. Sollen die russischen Menschen — Nachfahren großer Entdecker, Fortsetzer des Werks derer, die Sibirien erschlossen und den Weg ins All gebahnt haben — wirklich zu Hause sitzen, ohne Reisen bleiben? (Was die Reisebüros anbieten, kann man doch nicht als Eroberung der Räume betrachten: Erholung in Ferienreservaten, Besichtigung fliegenbesetzter »Sehenswürdigkeiten«?) Wohin soll sich ein Russe wenden?! Im Institut für Weltraumforschung, in der Computerfirma, wo neue Programme installiert werden, bei den Lieferanten von Ausrüstung für Luftbildaufnahmen — kaum ist man zu ihnen aufgebrochen, noch nicht einmal angekommen —, da sind die Preise schon umgeschrieben! Alles ist dreimal so teuer geworden. Hauptsache, man bereichert sich an dir — jetzt, in dieser Minute!

Ich schufte von früh bis spät. Marina unterrichtet an drei verschiedenen Stellen, kommt gegen Abend nach Hause. Aber was können wir uns leisten? Das verdiente Geld werfen wir in irgendeinen Abgrund.

Und wie verbringen wir gemeinsam Urlaub? Bevor ich in die Wildnis am Baikal aufbreche, fahren wir an die Schwarzmeerküste, in eine Ferienanlage unweit von Sotschi. Seit der Zeit vor der Perestroika hat sich dort nichts verändert, die Zeit steht beinahe still, in der honigartigen Zähflüssigkeit der Tage verbringen wir unseren Urlaub, der sich doppelt so lange hinzieht. In den gewittrigen Vorbergen, über denen die Seelen verschwundener Bergbewohner schweben, träumen wir davon, die Heimstatt der Heiligen Bytcha zu finden. Dieses Heiligtum — einen steinernen Adler mit Augen aus Edelsteinen, mit goldenem Schnabel, mit Flügeln und Klauen in Silber — verehrten die Ubychen, die hier lebten. Den wenigen bis in unsere Tage überlieferten Sagen nach »erhob« sich die Heilige Bytcha in alten Zeiten zu Sommerbeginn und »flog« auf die Hochgebirgsweiden. Im Herbst aber kehrte sie an ihren Platz im heiligen Wald zurück. Das ist doch irgendein »Flugobjekt«! Woher kam es, von wem und wozu war es »programmiert«? Wir erkunden die Schluchten der Flüsse Osokai, Chodschibse, Beranda, Detljaschka, Buu. Manchmal stoßen wir auf verheilte Narben von Viehtriften, auf denen die Herden zu den Bergweiden zogen. Zuweilen sind an mächtigen Baumstämmen Kerben zu sehen….Etwas wie Markierungen — »Leuchtfeuer«, die von einem zum anderen »Richtungen« vorgeben, aber nirgendwohin führen und bald verschwinden. Manchmal hat man das seltsame Gefühl, die Punkte und Striche dieses Chiffretexts könnten plötzlich doch eine Botschaft offenbaren und einen tief in den Wald zu irgendeinem Mittelpunkt führen, von dem sie ausgesandt worden war.

Doch das Herz des gebirgigen Ubychien bleibt uns verschlossen und wahrt sein Schweigen.

* * *

Ende der Achtziger hatte ich in meiner Heimatstadt Ulan-Ude, im hergerichteten Keller eines Wohnhauses — meine Werkstatt. Sie lag tatsächlich in der Leninstraße — und ich lebte ja praktisch ununterbrochen darin —, und deshalb haute es mich, genau wie den lyrischen Helden des bekannten Liedes von Fjodor Tschistjakow (Gruppe »Nol«), entsprechend von Zeit zu Zeit um. Aber das nur nebenbei.

Die wahrhaftige Echtheit einer Werkstatt ist durch drei Aspekte bedingt (ausgedrückt im Prinzip Analogia Trinitatis), ähnlich wie Grundton, Terz und Quinte den »Kern« aller tonalen Strukturen bilden. Doch in diesem Fall sind es

Auftraggeber,

Freunde

und Mädchen.

Der Dekorationsmaler stellt mit dem Auftraggeber ein seelisches Gleichgewicht her. Vom Ewigen Blauen Himmel in der Seele des Künstlers hängt das Wohlergehen des Auftraggebers ab. Und umgekehrt. Die alten Chinesen sagten, ein Kunstwerk werde die Jahrhunderte überdauern, wenn es unvollendet bleibe. Deshalb ließ ich, wenn ich einen Auftrag ausführte — irgendeine Außenwerbung anfertigte —, im Endstadium ein Detail gewissermaßen meisterhaft unausgeführt. Natürlich konnten nicht alle darin einen in die Zukunft gerichteten Vektor erkennen. Die einen lehnten es rundweg ab, meine Konzeption anzunehmen — und zahlten gar nichts für die geleistete Arbeit. Andere… nun, vielleicht gaben sie die Hälfte dessen, was vereinbart worden war.

Das macht nichts! Denn um den Künstler zu unterstützen, kommen ja die Freunde. Sie haben immer etwas dabei, das das Blut erhitzt und die Seele erfreut. »Richtig machst du das, Bruder«, sagen sie. »Alles ist vergänglich in dieser Welt. Nur die Kunst ist ewig. Trinken wir.«

Und die Mädchen kommen einfach deshalb, weil auf den Winter immer der Frühling folgt, auf die Zeit des üppigen Blühens — der leuchtende Sommer.

Ein Mädchen fragte mich: »Wie viele Inseln gibt es an dieser Stelle, wo die unzähligen Flussarme der Uda, die sich zwischen den Schlammablagerungen verzweigen, dem mächtigen Stamm der Selenga zuströmen?« Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte! Diese Frage — inmitten der großen und kleinen und ganz winzigen Inseln, die gleichsam von oben, vom burjatischen Himmel, mit großzügiger Hand ausgestreut waren — erinnerte mich an ein Zitat aus Sascha Sokolows Werk »Palisandria«: »Nicht zu vergessen auch das Land des siegreichen Nirwana. Dort spricht ein Regentropfen, wenn er die Oberfläche einer Pfütze erreicht, deutlich nicht ›plopp‹, sondern ›Zen‹. Dort sind alle Enden und Anfänge. Dort ist Gnade. Nur wenn Sie versuchen, ihrer teilhaftig zu werden, fragen Sie keinen Passanten:

wie spät oder welches Jahrhundert es ist,

ob er gesehen hat, wie der Fluss fließt

oder das Quadrat von Malewitsch?«.

— Die Inseln wurden von einem Landschaftsarchitekten geschaffen, — sagte ich. — Er war es, der den Schwimmbagger ins Delta der Uda schickte und ihm einen Weg vorzeichnete, der ein großmaßstäbliches Modell der zenbuddhistischen Esoterik entstehen lässt, die an sich das Vorhandensein irgendeines Weges verneint und vorschreibt, unbewusst und spontan den karmischen Bestimmungen zu folgen.

Ich erzählte ihr, wie aus Höhen, entrückt allem Nichtigen, wo unberührtes Zeichenpapier in absolutem Weiß erstrahlt, wo die Bleistiftminen so schwarz sind, dass sie nur mit der Schwärze des Schattens verglichen werden können, den uralte Felsen unter dem Glanz eisigen Azurs werfen — also, aus diesen Höhen überblickte der Landschaftsarchitekt den »Plan von Ulan-Ude«. Und er fertigte die Zeichnung an, fasste den Umriss der Stadt mit akzentuierenden Linien in die harmonischen Proportionen eines Siebenecks; nachdem er den Betrachtungspunkt bestimmt hatte, empfand er eine einfachen Sterblichen unzugängliche, bezaubernde Konsonanz des koordinierten Systems mit geometrischen Perspektiven, die sich über die Grenzen des begrenzten Raumes hinaus erstreckten.

— Erinnerst du dich, wie unser Stadtstrand früher war? — fragte ich. — Der Halbkreis des Damms im Flussbett der Uda bildete etwas wie eine »Meerenge«, an deren rechtem Ufer der Liegeplatz für Motorboote und Barkassen lag, die so herrlich blaue Rauchwölkchen auspufften. Und weiter hinten war der Strand unserer Kindheit bunt von den Schirmen der Eisverkäuferinnen, klang von Kinderstimmen, pulsierte in prallen Schlägen gegen den Volleyball, klapperte mit den Dominosteinen der Rentner, bellte mit den blechernen Schalltrichtern der Rettungsschwimmer im Bass, die den Liebhabern aktiver Erholung auf dem Wasser zuriefen, nicht über die Bojen hinauszuschwimmen.

— Nein, das habe ich schon nicht mehr erlebt, — antwortete das Mädchen traurig.

— Ja, jetzt ist dort eine vermüllte Brache, die »Meerenge« ist zum Sumpf geworden. Ich weiß nicht, was geschehen ist… Hat die schnelle Strömung Sandmassen fortgetragen, haben sich die Flussbetten verändert? Dann wurden die Inseln geschaffen. Insgesamt sind es 35. Weißt du, warum? Die Zahlen 3 und 5 sind grundlegend in der chinesischen Numerologie, die Japan zusammen mit dem Buddhismus übernommen hat.

— Was haben chinesische Numerologie, Japan und Buddhismus damit zu tun? — wunderte sie sich.

— Damit, dass… Mit einem Wort, von welchem Punkt aus man die Inseln auch betrachtet, es sind immer 34. Eine Insel bleibt unsichtbar, sie ist hinter den anderen verborgen. Wir befinden uns gerade auf ihr und sind deshalb für die anderen unsichtbar!

Sie sah mich erstaunt an.

— Hast du denn als Kind nicht das Buch »Der fünfzehnte Stein von Ryoanji« von unserem Auslandsjournalisten Zwetkow gelesen?

— Nein.

Was für Mädchen es heutzutage gibt! Lesen keine interessanten Bücher, erinnern sich nicht daran, wie wunderbar der Stadtstrand in Wirklichkeit war!

Ich musste einen lehrreichen Exkurs in den Steingarten des Ryoanji-Tempels unternehmen, der Hauptsehenswürdigkeit der japanischen Stadt Kyoto. Dort liegen auf einer mit weißem Sand bedeckten Fläche 15 schwarze, unbearbeitete Felsbrocken so angeordnet, dass die Betrachtenden gleichzeitig nur 14 davon sehen können, aus welchem Winkel sie auch schauen. Die Zen-Buddhisten betrachteten diese geheimnisvolle Harmonie als die unergründliche Natur des Seins, und demjenigen, der durch lange Meditationen und die richtige Ausrichtung des Bewusstseins Erleuchtung erlangte, offenbarte sich die chronologische Gesetzmäßigkeit der Zeit.

— Der Schwimmbagger irrte mehrere Jahre lang wie ein Geschoss mit verlagertem Schwerpunkt durch die blauen Arterien der Uda, — setzte ich meine Erzählung fort. — Er schaufelte Megatonnen von Steinen und Sand vom Grund, häufte Sandhügel auf. Die einen flach, die anderen in Gestalt vulkanischer Kegel, erheben sie sich über die Flusswindungen, umgeben bald von den Tiefen, bald vom Flachwasser des Weltalls — und »gleiten« gleichsam wolkengleich in ruhiger, langsamer Bewegung dahin, versetzen das Bewusstsein der Stadtbewohner in einen Zustand friedvoller Ruhe… Und keineswegs in nichtige Gedanken darüber, dass das Aufspülen der »Inseln« es jemandem ermöglichte, nicht wenig Geld aus dem Stadthaushalt herauszuholen, es aufzuspülen und reinzuwaschen, es auf Nimmerwiedersehen in die blauen Fernen ziehen zu lassen.

Wir lagen mit dem Mädchen auf einer solchen Insel. Irgendwo jenseits unseres Sonnensystems spulte ein fernes Tonbandgerät eintönige Wogen ab. Die Strömung des Flusses und der Wind trugen silberne Nachklänge heran… »a!-a!-a!«….Wir waren wie im Inneren eines riesigen Radios! Das Glänzen des dolchartigen Wassers, das in den gemusterten, versilberten und niellierten Weidenscheiden der Ufer dahinglitt, die blendende Sonne, die den Zenit erreicht hatte und dort geblieben war, mit Strahlennägeln festgenagelt, schufen ein Spiel der Spiegelungen. Die Inseln gerieten in Resonanz, verstärkten die Funkstörungen, die der Wind über die Flussarme trieb. Und das endlose »a!-a!-a!« vom Tonbandgerät schwamm als kindlicher Gummiball an uns vorbei, bemalt wie eine Wassermelone… Das war ja Tanja Bulanowa, die irgendeinen »Ataman« fragte… Von wegen, »sag mir die Wahrheit! wozu brauchst du meine Liebe?!« Plötzlich trat Stille ein, dauerte einen Augenblick. Und aus irgendwelchen Höhen, in den Hals der durchsichtigen Hülle, in die wir eingeschlossen waren, aus dem oberen Gefäß der unsichtbaren Sanduhr über uns — stürzten lawinenartig die Schwünge der Möwen, das Plätschern der Wasserströme, das Zischen der Kiesel, federnd springendes Hundegebell, Kindergeschrei…

»Wenn wir auf unserer Insel ›unsichtbar‹ sind«, bemerkte meine Begleiterin, »warum glotzt uns dann immer wieder dieser Kerl da an, der Nachbarinsulaner? Außerdem sonnt er sich dort anscheinend ganz ohne Unterhose!«

Aber das ging nun doch zu weit… Immer achten diese Mädchen auf alles andere als auf das, worauf es ankommt! Ich richtete mich ein wenig auf und erspähte neben mir einen gewichtigen Stein, um ihn diesem Liebhaber von Luft- und Sonnenbädern a naturel in den Garten zu werfen, falls er sich als solcher erweisen sollte.

Der Flussarm zwischen unserer und der benachbarten Insel ist etwa fünf Meter breit. Ja, auch mir war dort irgendein seltsamer Mensch aufgefallen, der immer wieder kurz auftauchte. Mal erschien er über dem Sandkegel, mal seitlich davon. Schwarz gebräunt wie ein verkohltes Holzscheit. Was dieser Robinson (allein, ohne Freitag) dort trieb, war unklar. Bald sah ich ihn. Einen Lendenschurz irgendeiner Art trug er immerhin. Er hockte sich an seinem Ufer hin und rief, ob wir wohl was zu rauchen hätten, Leute? Hatten wir, und ich sagte, er solle zu uns herüberwaten, guten Tabak musste man ja nicht im wörtlichen Sinne in den Wind werfen.

Der Kerl war von der Sonne durchgebraten, Wind und Wasser hatten seine Haut gegerbt, er sah aus wie ein derber, zusammengeschrumpfter Schuh. Um die dreißig, den Bratapfel seiner Glatze bedeckte ein albernes Tüchlein mit Knoten an den Ecken. Unter dem Arm hielt er etwas wie ein »Ridikül« aus Segeltuch eingeklemmt, darin klapperte etwas Eisernes. Ich hielt ihn für einen gestandenen einheimischen Angler (was durchaus nahelag) und fragte ihn nach dem Angeln… Aber er speiste mich mit allgemeinen Floskeln ab, wusste nichts Interessantes. Dann kamen wir ins Gespräch, und es stellte sich heraus, dass sich hier, auf seiner Insel, eine »Nudistenkolonie« befand. Sie, etwa zehn bis fünfzehn Männer und Frauen, sonnten sich hier nackt und predigten die vollkommene Verschmelzung mit der Natur und den Verzicht auf die Konventionen der Zivilisation.

Gerade damals, in den Achtzigern, strömten alle möglichen Lehren, Sekten, Prediger zu uns. Die einen murmelten Mantras, die anderen liefen barfuß durch den Schnee, wieder andere ernährten sich von Rohkost, verknoteten sich zu Yogaknoten, züchteten Teepilze und tranken ausschließlich Teepilz und sahen darin ein Allheilmittel, die Rettung (oder das Vergessen?) in diesen seltsam und plötzlich veränderten Zeiten. Aber Nudisten? Unter burjatischem Himmel, inmitten der Strömung der Steppenflüsse, unter dem bitterlichen Wind, der von den mongolischen Ebenen den Geruch versengter Gräser herübertrug… Na, das war doch irgendwie absurd. War das hier etwa die französische Riviera?! Doch das Wenige, was dieser Adept eines gewissen »neuen« (und höchst zweifelhaften) irdischen Edens erzählte, klang hart und bitter.

Ja, anfangs fühlten sich die Liebhaber des Sonnenbadens und Schwimmens im Naturzustand auf der entlegenen Insel prächtig und störten niemanden. Die Zahl ihrer Anhänger wuchs. Unterdessen aber trat das örtliche Gesindel als eifriger Verfechter der öffentlichen Sittlichkeit auf! Seine Rudel kreisten umher, lachten kehlig und grinsten schmierig. Doch das ließ sich noch ertragen. Dann fingen sie an, sie offen anzupöbeln oder jene abzupassen, die abends über die Uferpromenade zurückgingen. Natürlich blieben nach einer solchen »Bearbeitung« (wenn man, Gott sei Dank, nicht erst im Krankenhaus landete) nur wenige Anhänger einer derart extremen Erholung.

— Sie sind zu uns auf die Insel vorgedrungen, — erzählte der neue Bekannte. — Wir haben uns gewehrt, jeder mit dem, was er hatte. Eisenstangen, Knüppel, zerbrochene Flaschen, alles kam zum Einsatz. Na, wir haben gekämpft und gekämpft… Wie soll man da noch in der Sonne liegen und baden oder Volleyball spielen?

— Hat euch die Miliz denn überhaupt nicht beschützt? — fragte das Mädchen.

— Na klar, die Miliz! — Der Nudist winkte ergeben ab. — Die kommen, gucken sich um. Wer völlig fertig daliegt, wird in die Kiste geladen, und dann alle miteinander in den Affenkäfig. Hinterher heißt es, Bürger ohne Unterhosen gingen sie nichts an, die würden ja selbst die öffentliche Ordnung stören.

Die Hitze ließ allmählich nach, vom Wasser zog Kühle herauf, die Sonne neigte sich langsam dem Untergang zu. Ich dachte daran, dass, wenn purpurne Reflexe zum Abschied die Kuppeln der vierunddreißig Inseln vergoldeten, eine, unsichtbare, im Schatten bleiben würde — verborgen, in der Wirklichkeit nicht offenbart. Auf ihren Gipfel würde ein wahrer Held steigen, mit einem Schwung der Eisenstange in seiner muskulösen Hand die Grenzen der hellenischen Welt umreißen. Ausgeburten der Finsternis würden von allen Seiten auf ihn eindringen — in den Kreis des Lichts.

— Zwei Freunde von mir wollten noch kommen… — Der Insulaner blickte sich besorgt um. — Aber sie sind immer noch nicht da. Vielleicht hat das Gesindel sie unterwegs in die Mangel genommen.

— Du bist also allein hier….und willst dich sonnen? — fragte ich in durchaus begreiflicher Verwunderung.

— Will ich. Was bleibt mir übrig.

— Das heißt… Sie bleiben so, in Ihrem… Nudistenaufzug? — erkundigte sich das Mädchen. Dieser »Nudistenaufzug« hatte es ihr wirklich angetan!

— Hm! Na klar!! — bestätigte er entschlossen und gab damit zu verstehen, dass die Frage unangebracht war. — Wenn die Schläger mich nicht noch heute umlegen. Haben mir versprochen, mir den Garaus zu machen. Aber ich habe ihnen was vorbereitet… Sollen sie nur kommen. — Er deutete auf den seltsamen »Ridikül«, den er bei sich hatte. — Ich habe mir eine Pistole machen lassen.

— Eine Pistole?!

— Ja, aus einer Startpistole umgebaut, für scharfe Munition. Bei einem Tüftler im Werk bestellt.

— Du willst dich mit Schüssen gegen sie wehren?

— Werde ich wohl müssen.

Ich reichte ihm eine halbe Schachtel Zigaretten, mehr hatte ich nicht. »Hier, sozusagen, ›Munitionsnachschub‹. Geht ja ganz schön nervös zu bei dir.« Er watete zu seiner Insel hinüber. Was für eine Gewissheit, im Recht zu sein, steckte in diesem Menschen? Ich wollte ihm nachrufen: »Hör mal, und eine Unterhose anziehen? Ist dir das etwa zu blöd, dich in Unterhosen zu sonnen?!« Aber ich schwieg. Das wäre, als wollte man Giordano Bruno aufhalten, der den Scheiterhaufen besteigt.

* * *

* * *

* * *

Meine Reisen an den Baikal lassen sich beim besten Willen nicht als »Gesundheitswanderungen« bezeichnen. Mag sein, dass andere erfrischt, gebräunt, um ein gesundes Maß schlanker von ihren Wanderungen zurückkommen. Wenn ich es, so Gott will, nach Hause schaffe, ist mein Gesicht rot, geschwollen, von einem wilden Bart überwuchert; ich bin überall von Mücken zerstochen; und mein Blick, wie viele bemerken, hat etwas halb Wahnsinniges. Gut, wenn keine sichtbaren, offenen, vereiterten Wunden da sind. Überhaupt ist das Einzige, was man nach einer solchen »Erholung« möchte — schlafen, schlafen, schlafen.

Für den nächsten Sommer arbeite ich wieder eine Route zu den Ufern des Baikal aus. Ein ganzes Jahr wartet man, bereitet sich vor, träumt davon. Und dann endlich das Packen. Plötzlich stellt sich heraus, dass man auf eine Art Faden gleichsam Perlen dessen zieht, was man schon kennt, was einem schon widerfahren ist. Merkmale, Zeichen, Ereignisse. Unbegreiflich, wie das geschieht, absichtlich oder unabsichtlich? Man gibt sich zum Beispiel sein Wort: Schluss jetzt, ich kaufe mir einen modernen, anatomischen, wasserdichten, energiesparenden Rucksack, dazu einen Kochkessel und eine Rolle für die Spinnrute. Doch Neues gibt es nach wie vor keines! Man schaut hin: derselbe Rucksack, derselbe Kessel, dieselbe Rolle. Und wieder genau soundsoviele Dosen Schmorfleisch, soundsoviele Zwiebeln, ein (dem Gewicht nach) soundso großes Stück Speck. All das sind markante Wegpunkte, jene Kerben an den Bäumen — Wegzeichen der Taiga —, denen man folgt, von einem zum anderen, um später genauso wieder zurückzukehren. Sich nicht zu verirren, nicht zu verschwinden in den endlosen Räumen aus Wäldern, Gebirgsausläufern, tiefen Flusstälern, die einen umgeben.

Sehr treffend schrieb Stanisław Lem in »Patrouille« aus den »Erzählungen des Piloten Pirx«: »Wenn einen anderthalb Billionen Kubikkilometer Leere umgeben, in der man nicht einmal eine Prise Zigarettenasche findet, wird der Wunsch, es möge wenigstens irgendetwas geschehen, und sei es eine schreckliche Katastrophe, zu einer regelrechten Manie. Auf seinen hundertzweiundsiebzig Patrouillenflügen durchlief der Pilot Pirx verschiedene Stadien: Er wurde schläfrig, verdüsterte sich, fühlte sich wie ein Greis, verfiel auf Schrullen, spielte beinahe mit dem Gedanken an irgendeinen, durchaus nicht stillen Wahnsinn und begann schließlich, fast wie in seinen Kadettenjahren, allerlei Geschichten zu erfinden, nicht selten so verwickelt, dass selbst ein ganzer Flug nicht ausreichte, sie zu Ende zu bringen.«

Bekanntlich bemerkt der Pilot Pirx, während er in einem Gebiet des Kosmos patrouilliert, in dem zuvor mehrere Raumfahrer spurlos verschwunden sind, plötzlich ein rätselhaftes »Objekt« und beginnt es zu verfolgen. Die wahnsinnige Jagd führt dazu, dass Pirx, der die Kontrolle verloren hat und keinem ausgedachten, sondern einem durchaus wirklichen Wahnsinn nahe ist, beinahe in den kosmischen Abgründen verschwindet. Dieses »Objekt« erweist sich in Wahrheit als Lichtreflex, der infolge irgendwelcher technischen Besonderheiten über den Beobachtungsschirm spielt.

In einigen wilden Gegenden der Baikalregion, die wegen ihrer Unzugänglichkeit unberührt geblieben sind, erforsche ich sogenannte »Steinkreise«. Natürlich kann von irgendwelchen »Billionen Kubikkilometern Leere« keine Rede sein, denn die Welt der Taiga, der Berge und Flüsse — all dessen, was das gewaltigste Meer umgibt, das nicht umsonst das Heilige genannt wird — ist so dicht… wie eine Fischsuppe, die man zuweilen kocht — darin ragen die Schwänze der Omule oder Äschen senkrecht aus dem Kessel mit dem duftenden Sud. Aber trotzdem, weiß der Teufel, wie das geschieht?! Denn wenn man all die Schönheiten abschüttelt, die vielen Schichten zerreißt, die den innersten Kern umgeben, bleibt… Was bleibt? Ebenjener Lichtstrahl, Reflex, Sonnenfleck oder der »Wunsch, es möge wenigstens irgendetwas geschehen, und sei es eine schreckliche Katastrophe«, wie es bei dem wunderbaren Science-Fiction-Schriftsteller heißt.

Und dieses Leuchtkäferchen, aufgetaucht von wer weiß woher, kann einen locken, hinter sich herrufen, in eine solche Wildnis hineinziehen, dass… Wenn der Wald einen, so Gott will, aus seinen Klauen entlässt — wenn auch mit wildem rotem Gesicht, zerzaustem Bart, von Mücken zerstochen, mit unmenschlichem Blick —, bleiben auf dem Herzen Spuren-Narben zurück. Und im Traum, manchmal auch im Wachen, wird jenes Geheimnisvolle und Unerklärliche erscheinen, das man berührt, heimlich gesehen oder erlauscht hat, dort, in den Tiefen des Waldes, aus denen man diesmal lebend herausgekommen ist.

Bis heute kann ich mir eine Wanderung nicht erklären… oder richtiger, ein paar Tage auf jener Wanderung auf der Halbinsel Swjatoi Nos, als ich im stark versumpften Tal des Flüsschens Ongokonka umherirrte und versuchte, zum Swjatoi-Nos-Gebirge durchzukommen. Was führte mich damals in die Irre? Vielleicht hatte ich nach der Lektüre des Buches »Sei gegrüßt, Baikal!« des ausgezeichneten Baikalkenners und Vermittlers touristischer Routen W. P. Brjanski einfach geglaubt, es gebe dort überall ausgetretene Pfade, auf denen Gruppen wissbegieriger Wanderer munter dahinschritten. Ich hatte jedoch nicht berücksichtigt, dass all das — also die »Hunderte junger Leute mit Rucksäcken« und wie sie »das Ufer der Bargusinbucht über die Düne bezwingen« — mehr als ein Vierteljahrhundert zurücklag, als das Buch geschrieben wurde. Seither hatte der Wald jegliche Spuren verschlungen, und nicht bloß die der Touristen…

Am nördlichen Ende der Ongokonbucht lag in den Jahren vor der Revolution — und während der Herausbildung der Sowjetmacht — ein Dörfchen, das vom Fischfang und der Jagd lebte. Die Handlung der Romantrilogie »Podlemorje« des hervorragenden burjatischen Schriftstellers Michail Schigschitow spielt teilweise dort. Auf der topografischen Karte von 1943 ist es als »zerstörte Bauten« verzeichnet. Doch ich fand nicht einmal eine Wüstung dieses Dorfes. Der Wald hatte diese Wunde an seinem Leib mit lichtem Gehölz geheilt, mit Zweigen zugewebt, mit Gräsern umschlungen.

Meine Tagebucheinträge über jene Wanderung hätten mit dem Satz abbrechen können: »Leb wohl, Baikal! Und überhaupt, Gottes Welt.«

Dort war nichts… Hier und da fanden sich an den gewaltigen Stämmen der Kiefern und Zirbelkiefern vernarbte Wunden von Wegkerben, an denen entlang, von einer zur anderen, der Pfad — vielleicht zu irgendwelchen sagenhaften Zeiten — zum Gebirgskamm, zum Pass geführt hatte. Doch wenn sich die alten Kerben überhaupt noch erkennen ließen, dann in irgendeiner unmenschlichen Höhe, über zwei Meter hoch. Waren die kühnen Pioniere, die den Weg gebahnt hatten, etwa wirkliche Riesen gewesen? Nein… Seit die Kerben geschlagen worden waren, hatten die Bäume zugelegt, waren in die Höhe gewachsen. Wenn doch wenigstens irgendeine Erinnerung an das Dörfchen geblieben wäre, und der Pfad zum Oberlauf war für mich geradezu lebensnotwendig! Als ich weder das eine noch das andere fand, erlitt ich einen regelrechten geografischen Schock. An einem konkreten geografischen Punkt verspürte ich Entsetzen darüber, überhaupt hierhergeraten zu sein. Doch wohin zurückweichen… Die Dämmerung verdichtete sich, die Windstöße waren mit Feuchtigkeit gesättigt, was schlechtes Wetter ankündigte. Unbekannte Wesen auf weichen Regenpfoten erfüllten alles ringsum mit Rascheln und Bewegung, als liefen sie von Ort zu Ort… (Versteckten sie sich vor mir? Versuchten sie, mich in irgendein unbegreifliches Spiel zu verwickeln?) Als hätte sich die riesige Funkstation des Waldes eingeschaltet, ihren Betrieb aufgenommen. Ich befand mich inmitten ungewohnten Rauschens, in das ich angestrengt hineinlauschte und das Unbekannte auszumachen versuchte, das mich, wie es schien, bedrohte.

…Am Morgen erwachte ich vom Regen, der beharrlich auf das Zeltdach trommelte. Nichts Gutes, den ganzen Tag unter einer eiskalten Dusche durchs Dickicht zu streifen. Doch auch bis zum Abend verzog sich die graue Wolkendecke nicht, der Regen setzte für die ganze Nacht ein. Ich lag inmitten des Regenwaldes unter silbrigen Tropfinfusionen, die ätzendes Gift einflößten, den Körper lähmten, das Hirn mit der Schwermut über die Grenzenlosigkeit des Waldes vergifteten. Der Schlüssel zu dieser Schwermut — das Klopfen der trommelnden Tropfen — ist irgendwo im fernsten, fernsten Gedächtnis aufgezeichnet. In diese Fernen treibt ein kleines Rettungsfloß hinaus: eine Wandermatte aus Schaumstoff, ein Schlafsack. Und nun sinkt man im Bathyskaph des Zeltes in jene Tiefen hinab, wo das Bewusstsein des Waldes — und das eigene — eins und untrennbar sind. Wie es am Anfang war… Der wahnsinnige Funker des Regens trommelt auf dem Zeltstoff immer wieder dieselben aufdringlichen Morsezeichen. Die Temperatur fällt, Kondenswassertropfen schwellen an der Innenseite direkt vor der Nase an, denn die »Decke« im Zelt vom Typ »Höhle« liegt niedrig. Man verfolgt die Geburt dieser großen Antiminuten, von denen jede (daran besteht dort, in den Tiefen des Regenwaldes, keinerlei Zweifel) eine echte, lebendige, vollwertige Minute auffressen, verschlingen wird. Ein gefährlicher Zustand! Der Druck in den Tiefen kann den Bathyskaph ohne Weiteres zerquetschen… Und man löst sich im Wald auf, wird selbst zum Wald.

Die umgestürzten Stämme, die das Flüsschen versperrten, waren morsch, von Rentierflechten, Preiselbeerkraut, Sumpfporst durchwachsen. Windbruch versperrte den Weg, auf der Suche nach einem Umweg entfernte ich mich vom Fluss, stieß auf Wildwechsel, die kurz Hoffnung weckten, aber sofort wieder im dichten Gestrüpp des undurchdringlichen Unterholzes verschwanden. Sollte ich die Geröllhalden am Fuß des Gebirgskamms nicht erreichen? Der Felsgrat schien bald ganz nah, bald entfernte er sich nach irgendwelchen außerordentlichen Gesetzen der Perspektive; davon, ihn zu erreichen, brauchte man gar nicht zu träumen. Horden irgendwelcher besonders hartnäckigen Mücken ließen einen nicht zu Atem kommen. Dann geriet ich in einen Sumpf, in schwankende Grasbülten, das Flussbett verlor sich in diesen Öden, aus denen eisiger Schweiß sickerte. In einem gespenstischen Trugnebel drehte sich die grüne Schallplatte mit der Aufnahme des Waldes eintönig im Kreis… Ich war irgendwo in den Rillen dieser Platte hängen geblieben, in einer vierteljahrhunderttiefen Zeitlücke.

Aber wenn man der Sache wirklich auf den Grund ging?

Die »zerstörten Bauten« des Dorfes waren doch infolge der Inbetriebnahme des Irkutsker Wasserkraftwerks 1958 unter Wasser geraten, als man den Pegel des Baikal künstlich um mehr als einen Meter anhob. Die Jagdpfade waren nach der Gründung des Nationalparks (1986) und dem Jagdverbot auf seinem Gebiet aufgegeben worden. Das Wetter am Baikal ist überhaupt schwer vorherzusagen, und auf der Halbinsel — die Warmfront aus der flacheren und deshalb gut erwärmten Tschiwyrkuibucht, die eisigen Winde vom Bargusingebirge, der mächtige Atem des nördlichen Baikal und die Luftmassen von den Meeresweiten auf der Irkutsker Seite — prallt alles über dem Swjatoi-Nos-Gebirge in wahrhaften »atmosphärischen Mysterien« aufeinander! Warum waren mir diese einfachen Erklärungen nicht eingefallen? Wieso hatte ich angefangen, mystische Schrecknisse aufzutürmen?! »Der Wald hatte die Spuren des Menschen verschlungen«, irgendwelche »unbekannten Wesen auf weichen Regenpfoten«….Aber wie dem auch sei, sämtliche Pläne gingen zum Teufel, ich musste zurück. Und gleich darauf, frühmorgens, kaum war ich erwacht — ein gewaltiges strahlendes Gewölbe, die kristallenen Gemächer des Baikal.

Vor mir lagen noch einige herrliche Tage, wunderbare Orte, an denen ich schon gute Angelgründe erprobt hatte.

Auf dem Pfad von der Smeinaja-Bucht, schon hinter der Krestowskaja-Bucht, sah ich unten am Ufer Wanderer gehen, während ich mich oben am Steilhang befand, auf dem Pfad, der die Hänge erklimmt, in den Wald flieht, landeinwärts vom Ufer, und dabei die vorspringenden Kaps abschneidet. Ein älterer Mann und eine ältere Frau kamen mir wie Ausländer vor… Man sah eben, dass die Leute nicht von uns waren. (Ich dachte noch, es seien die ersten »Erdlinge«, denen ich nach meinem Flug in die Abgründe des Regenwaldes begegnete.)

Etwa zwei Stunden später stieg auch ich auf diesem Pfad zum Ufer hinunter — kam zu einer behaglichen kleinen Bucht, wo ich Rast machte. Ich kochte Buchweizengrütze, gab Schmorfleisch dazu, aß zu Mittag und begann Tee zu trinken. Da kam gerade diese ältere ausländische Dame vorbei, sie hatte einen sehr teuren Fotoapparat mit einem mächtigen Objektiv. Ich lud sie zu einer Tasse Tee ein, doch sie sagte, sie brauche »viele viele Foto«. Wir wechselten ein paar Worte, das Übliche, russisch-englisch. Ich riet ihr, gleich auf dem Pfad hinaufzusteigen, es sei nur ein kurzer Anstieg, und die besten Aufnahmen ließen sich von dort oben machen. Sie bedankte sich und ging weiter.

Nach einer Weile stapfte ihr Begleiter heran. Auch ihn begrüßte ich, lud ihn zum Ausruhen ein, hier sei auch Tee, bitte sehr… Es war ein schwedisches Ehepaar. Der Mann war wohl über sechzig; klein von Wuchs, irgendwie ganz und gar »fest zusammengezimmert«. Das Gesicht leicht gebräunt, auf dem Kopf ein silberner Bürstenschnitt, um den Hals eine karierte »Arafatka« gewickelt. Ausgezeichnet ausgerüstet: Rucksack, Windjacke, Schuhe, ein Messer in einer Scheide am Gürtel, Fernglas, irgendeine ausgeklügelte Uhr — alles von bekannten Firmen, die Ausrüstung für Wanderer entwickeln —, aber keine protzigen Sachen, nicht frisch aus dem Laden, sondern schon gut erprobt, vom Geist des Wanderns durchdrungen. Wir kamen ins Gespräch, er verstand und sprach genug Russisch, dass man sich unterhalten konnte. Ich fragte ihn, wo er die Sprache gelernt habe? — Er antwortete, das hänge mit seinem Dienst zusammen. (Nicht ganz klar: vielleicht Dienst beim Geheimdienst? Aber nachzuhaken wäre unangebracht gewesen.)

Wie ich vermutet hatte, waren sie auf einem Boot des Reiseunternehmens, das ihre Reise organisiert hatte, bei den heißen Quellen in der Smeinaja-Bucht gewesen (der beliebtesten Sehenswürdigkeit hier). Dann hatte man sie weitergebracht und in der Krestowskaja-Bucht abgesetzt, von dort gingen sie zu Fuß. Wir tauschten Eindrücke aus, sprachen über das Wetter, das Angeln, das Baden in den heißen Quellen. Der Schwede holte eine Karte hervor, einen gewöhnlichen Wanderatlas des Schutzgebiets, und bat mich zu erklären, ob sie den Gipfel Widowaja besteigen könnten: Sie hätten gehört, von dort eröffne sich ein atemberaubendes Panorama… Oh, auf die Widowaja müsst ihr unbedingt! Ich begann die Schönheiten und die Schwierigkeiten zu schildern, die sie erwarteten, wie man dorthin gelangte und wie viel Zeit es brauchte. Der Schwede stellte vernünftige Fragen und verstand sich auch aufs Kartenlesen.

Er wollte schon weitergehen, warf sich den Rucksack auf die Schultern. Danke, und so weiter. Aus heiterem Himmel fragte ich plötzlich: — Sag mal, hast du überhaupt in der Armee gedient?

Warum mir diese Armee in den Kopf kam, verstehe ich nicht.

Er überlegte, hatte die Frage nicht erwartet, suchte nach Worten: — Oh, ja. Habe gedient. Natürlich.

Da ging es, wie man so sagt, mit mir durch. — Was für eine Armee soll das denn bei dir gewesen sein? Die schwedische oder was?!

— Ja, die schwedische. Die Streitkräfte. Försvarsmakten.

Ich weiß selber, dass es die Streitkräfte sind! Aus irgendeinem Grund machte mich das furchtbar wütend.

— Ha, das soll eine Armee sein! An einem Tag fährt man mit dem Auto durch deine ganze Armee! Bei uns dagegen ist eine Armee noch eine Armee… ohoho! — Ich breitete die Arme weit aus, um ihn davon zu überzeugen, dass sich unsere Armee mit ihrer gar nicht vergleichen ließ, dagegen konnte man ihre schlicht in die Tonne treten. — Bei uns ratterst und ratterst du eine ganze Woche mit dem Zug bis an die äußersten Ränder. Oder zehn Stunden mit dem Flugzeug von einem Ende zum anderen, na? Wie ist das?! Mir hat Marschall Gretschko höchstpersönlich den Entlassungsbefehl unterschrieben!!

Das war mir gegen meinen Willen herausgerutscht, einfach so ein Versprecher! Vielleicht, weil ich Buchweizen, Gretschka, in mich hineingeschaufelt hatte… Hatte die Buchweizengrütze mit Schmorfleisch aus dem Armeekochgeschirr Assoziationen mit allem Militärischen geweckt? Oder hatte sich Andrei Antonowitsch Gretschko, Verteidigungsminister der UdSSR von 1967 bis 1976, seit frühester Kindheit fest eingeprägt, aus den Zeiten der TASS-Radiomeldungen über die Konfrontation des aggressiven NATO-Blocks mit den Mitgliedstaaten der Warschauer Vertragsorganisation? Natürlich gab in meinen Armeejahren Dmitri Fjodorowitsch Ustinow die Befehle. Darunter den über die Entlassung der Wehrpflichtigen 1982, der mich persönlich betraf. Danke ihm dafür, ewiges Gedenken.

— Ah, Grechko, en rysk kosmonaut! — rief mein Gesprächspartner aus, und sein Blick wurde warm.

Sogar unsere Kosmonauten kennt er! Ich musste es erklären:

— Nein, nicht der Kosmonaut Georgi Gretschko… Der Verteidigungsminister. Aber das ist unwichtig. Du kannst dir gar nicht vorstellen, was es heißt, bei uns in der Armee zu dienen! — Ich fiel erneut über den Schweden her. Sein Gesicht drückte deutliche Verwunderung aus. Aber das stachelte mich nur noch an. — Als ich meinen Dienst schob, schickte man uns nach Kasachstan in die Ernteschlacht… Zur Unterstützung bei der Getreideernte, so nannte man das. Unsere Einheit war eine Kadereinheit, im Ernstfall wird sie mit Reservisten aufgefüllt. Mit Männern der Reserve also. »Partisanen«, verstehst du?

— Ah, ryska partisaner!

— Ja, »Partisanen«, das ist nur so im übertragenen Sinn… Folklore. Und der Himmel in Kasachstan, weißt du, wie der ist? Ein unermesslicher Himmel, hoch, riesig, über die ganze Weite. Und was für Räume! Nicht umsonst liegt unser Kosmodrom in Kasachstan, Baikonur, der erste Weltraumhafen des Universums. Dort landete mitten in der Steppe die Rückkehrkapsel der Kosmonautin Sawizkaja, und unser Zug kam als Erster mit dem Lastwagen angefahren. Und da kommen schon Hubschrauber… Über Lautsprecher brüllen sie, niemand solle näher kommen! Aber von wegen… Wir rissen den Fallschirm in Entlassungssouvenirs auseinander, und einer bekam sogar ihre Hausschuhe ab. Auf diese Kapsel — sie war ganz verkohlt, von den Feuerströmen beim Eintritt in die Atmosphäre verbrannt — kratzte jeder, der eine mit einem Nagel, der andere mit sonst was, seinen Namen, seinen Heimatort und »DMB Jahr soundso«. Und abends in der Sendung »Zeit« zeigten sie alles ganz anders. Die Hubschrauber kreisen so schön, Techniker und Ärzte laufen geschmeidig mit ihren Köfferchen zu der Kugel. Sawizkaja steigt munter heraus, in einer blauen Trainingsjacke (wie bei der Nationalmannschaft der UdSSR), wie Zar Gwidon aus dem Fass. Und direkt auf den Vorsitzenden der Staatskommission zu. Und der schreitet so würdevoll über den roten Teppich. Das haben sie doch alles vorher bei »Mosfilm« im Atelier gedreht, ist doch klar!

Aus dem Wortschwall, den ich über ihn hereinbrechen ließ, hielt der Schwede die wichtigsten sogenannten »kulturwissenschaftlichen Marker« fest: Kasachstan — Baikonur — Sawizkaja — »Mosfilm«.

Er sagte, er habe Kasachstan gesehen, es sei ein riesiges Land. Baikonur sei ein großer humanitärer und technischer Durchbruch in der Geschichte der Menschheit. Swetlana Sawizkaja sei die erste schöne russische Frau, die in den freien Weltraum ausgestiegen sei. »Mosfilm« sei »Iwan der Schreckliche« von Eisenstein und »Die Kraniche ziehen« von Kolotosow.

Da war ich ja an einen richtigen Enzyklopädisten geraten! Oder hatte er sich an BBC-Dokumentarfilmen sattgesehen?

— Wo willst du denn Kasachstan gesehen haben… Im Fernsehen etwa?! Du hättest in den Achtzigern selbst dorthin geraten sollen! Straßen gibt es dort keine, nur Richtungen. Als wäre ein wahnsinniger Bombenwerferengel darüber hinweggeflogen… Überall die schwarzen Gerippe umgestürzter, zerschmetterter, ausgebrannter Wagen. Im Alkoholrausch schliefen die »Kapitäne der Getreideexpresse« am Steuer ein, überschlugen sich im Graben, rammten alles, was ihnen entgegen- und querkam. Vielleicht führten unsichtbare Wächter an den Wurzeln der Gräser — aufgestörte Schatten der Nomaden — sie in der Abenddämmerung in die Irre. Die umliegenden Hügel und Höhenrücken tauchten wie die Rücken urzeitlicher Fische aus langen, gewundenen Nebelstreifen auf. Man sah sie förmlich: Gleich würden wilde Reiter auf wütenden Pferden auf den zerklüfteten Grat hinaussprengen! Die Tanks der Tankwagen flammten unter abgeschossenen Blitzpfeilen auf, entfalteten sich zu schwarzen Rosen mit hässlich ausgezackten Blütenblättern aus verdrehtem Metall.

Die Einheimischen fingen Partisanen mit einem besonderen Köder. Mit einem leeren Eimer, den sie vor dem Dorfhaus stehen ließen. Der Lastwagen fuhr auf den Hof (und das war ein richtiges Bai-Gehöft — ganz anders, als man es aus Russland kennt), das Getreide wurde in eine vorbereitete Grube geschüttet. Als Futter für Vieh und Geflügel, für Selbstgebrannten. Mit »flüssiger Währung«, einem vollen Eimer, bezahlte man den Fahrer. Manche von ihnen trafen anscheinend auch noch Absprachen über das dortige Drogenzeug.

Manchmal jagten zwei Tankwagen einander durch die Steppe! Als rolle jemand sie wie Kugeln über einen endlosen Billardtisch… Und plötzlich steuerten sie aufeinander zu, frontal, zum Rammstoß. Von den zu Asche verbrannten Rennfahrern blieben nur die Stahleinlagen der Schulterstücke und die selbstgemachten Absatzeisen.

Ich diente im Stab des diensthabenden Einsatzoffiziers, wir mussten zu jedem Unfall hinausfahren. Wir kamen in einem verstaubten und glühend heißen Einsatz-GAZ angefahren. Verirrten uns, gerieten in solche Steppenwildnis, dass man die Welt nicht mehr sah! Die Feuerwalze vom Epizentrum der Explosion hatte konzentrische Kreise ausgebrannt, sie liefen gleichsam auf die Mitte einer Zielscheibe zu, auf die verbogenen Skelette zweier Tankwagen-Brontosaurier, die in einer einäschernden Umarmung ineinander verkeilt waren. Wir stülpten uns die Fratzen der Gasmasken über, kleideten uns in die klobigen Rüstungen der Chemikalienschutzanzüge, wateten durch dieses weiche Aschemeer, in dem keine Schritte zu hören waren. An ebenjener Stelle, wo die Plasmasubstanz die Seelen eingesogen hatte, klaffte Leere, wie auch im von dicht gebündelten Treffern durchschlagenen »Schwarzen« der Zielscheibe. Nicht einmal ein leichter Windhauch gelangte dorthin, seine Flügel waren zuvor ausgedörrt und versengt. Wir sammelten in eine Zinkkiste, was übrig war. Aus irgendeinem Grund waren es immer die Einlagen der Schulterstücke und die Absatzeisen.

— Stopp-stopp-stopp. — Der Schwede sah mich aufmerksam und kalt an. Als hätte er mich mit einem in seinen Schädel eingebauten Röntgengerät (so schien es mir) »durchleuchtet«. — Warte! — unterbrach er mich…

ich weiß, was dir damals passiert ist…

Die Steppe wölbte sich damals sanft als konvexe Linse empor, und es schien, als liege jemand darunter und sehe von unten die Sohlen eurer Überschuhe, die ihr auszuziehen vergaßt. Ihr stiegt in neblige Senken hinab, angefüllt mit tintiger Dämmerung. Aufgescheuchte Enten flogen euch entgegen, schüttelten silbrige Fäden von den Schwingen. Zwei kleine Seen schimmerten wie die mondweißen Hornhautflecken eines Blinden. Ihr warft euch in das reglose Glas, drehtet euch in den an der Haut festgeklebten Gummianzügen im Kreis, die Arme kreuzförmig ausgebreitet. Und sogar die Zinkkiste schwamm nebenher. Die Knäufe der Atemschutzgeräte, die geriffelten Rüssel der Schläuche waren auf die tief herabgesunkenen Sternenlämpchen gerichtet. Ein winziges Sternchen einer Raumstation durchquerte die runden Augenhöhlen der Gasmasken. Und der Kosmonaut darauf fing mit einem besonderen Hörrohr, einer streng geheimen Erfindung der Militärfachleute, das leise Plätschern der irdischen Seen ein, irgendein seltsames Klappern metallener Gegenstände… Das waren die neben euch schwimmenden Zinkkisten, die klapperten, mit einer Handvoll Asche verbrannter Partisanen-Fahrer, mit den Stahleinlagen der Schulterstücke und den Absatzeisen der Stiefel.

— Ja… — flüsterte ich beinahe. — Woher weißt du das? — Mir stockte der Atem, ich konnte kaum ein Wort hervorbringen.

— Nun… Ich habe dich einfach gesehen.

— Du? hast mich gesehen?! Was redest du denn da, Gott verzeih mir!!

Jedenfalls sagte er, er sei jener Kosmonaut gewesen, der auf einer Raumstation über die endlosen Weiten Kasachstans hinwegflog. Mit einem besonderen Gerät habe er alles beobachtet, was auf unserem Gebiet geschah. Aber was für »Raumstationen« sollte es in Schweden geben? — Ich war außer mir vor Empörung. Er sagte, das sei ein streng geheimes Projekt, in Schweden gebe es schon seit sehr langer Zeit Aufklärungsfluggeräte. Und niemand sei verpflichtet, mir als einfachem Bürger von allen Neuerungen auf dem Gebiet der Rüstung zu berichten. Und außerdem, sagte dieser Schwede, sei unser Dichter Tolja Poperetschny sein Freund gewesen, seinerzeit hätten sie zusammen nicht wenig schwedischen »Absolut« getrunken. Und damals habe er ihm den Gedanken eingegeben (also dieser Schwede habe ihn eingegeben), dass »Kosmonauten von etwas sehr Vertrautem träumen, etwas wahrhaft Irdischem«. Und Poperetschny habe das großartig in dem Lied »Und uns träumt nicht vom Dröhnen des Kosmodroms, noch von diesem eisigen Blau…« wiedergegeben. Die Gruppe »Semljane« habe es gesungen. Ein echter Hit aller Zeiten und Völker!

…Sollte der Teufel diesen Schweden holen! Er griff sich den Rucksack und stapfte mit seinen bezahnten Bergstiefeln den Pfad hinauf. Gute Reise! Aus irgendeinem Grund war ich sehr verstört, machte mir Gedanken, hatte ein bedrückendes Gefühl, als wäre etwas Fremdes von außen in mein Leben eingedrungen, hätte sich daran festgesaugt und betrachtete nun auch noch mein Innerstes, womöglich durch irgendein Teleskoprohr. Alles fiel mir aus den Händen, mit dem Angeln war es nichts, und die Erholung missriet auch. Gegen Abend ging ich über den Berg in die benachbarte Fischersiedlung, nach Katun. Dort kaufte ich bei einem der Einheimischen, auch irgendwie ganz partisanenmäßig, unter der Hand, eine Flasche Wodka. Ich kehrte zu meinem Biwak zurück und trank diese Flasche; dazu bereitete ich »Pionier«-Schaschlik zu: auf ein geschnitztes Stöckchen gespießte, gebratene Scheiben der restlichen Dauerwurst, Zwiebelringe, Speckscheiben, Brotstückchen. Am nächsten Morgen trank ich fünf Becher Tee, aufgekocht mit Baikalwasser. Ein Sturm begann, dabei schien die Sonne, der starke Wind blies mir allen Unsinn aus dem Kopf.

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In früheren Zeiten war das Werk »PolimerDetal« am Rand von Sozgorod im Moskauer Umland sehr reich. In seinem Inneren brodelten Polymerseen auf, aus ihnen flossen Ströme von Linoleum und PVC-Fliesen, die die Baustellen der Volkswirtschaft versorgten. Das Werk ließ ein Wohnviertel, einen Kindergarten, eine Schule, eine Poliklinik, ein Kaufhaus, ein Stadion, ein Schwimmbad, den Kulturpalast »PolimerDetal« bauen. Überall verlegte man Linoleum, alles bedeckte man mit PVC-Fliesen mit Elementen der nationalen Ornamente der Bruderrepubliken. Doch die Stürme der beginnenden Perestroika zerzausten das Flaggschiff der Chemie- und Bauindustrie, warfen es auf die Felszähne am Ufer des freien (von allen Gesetzen freien) Marktes. Heute fault sein verrostetes Gerippe vor sich hin, die riesigen Werkhallen sind zu Absetzbecken für chinesische Massenware geworden, kleine Firmen, die sich dort eingemietet haben, nagen dem Riesen das Letzte ab, was ihm geblieben ist.

Das Wohnviertel mit seiner gesamten Infrastruktur wechselte wie bei langwierigen Kämpfen von Hand zu Hand. Kinder, die im Sandkasten spielten, Schüler, die ein Diktat schrieben, Patienten, die ihren Blutdruck maßen, Käufer, die Schlange standen, Fußballer, die liefen, Schwimmer, die sich wie Delfine tummelten — sie alle wurden mit einem Federstrich von einem Eigentum ins andere überführt. Ein Leichtathlet konnte zu einem 500-Meter-Lauf auf der Bahn eines Stadions starten, das einem Clan gehörte, und im Ziel auf dem Besitz einer verfeindeten Gruppierung ankommen.

Den Kulturpalast »PolimerDetal« übergab man Sozgorod und benannte ihn in »Impuls« um. Der Kulturherd glomm kaum noch, bewahrte aber sein Flämmchen in der Nacht der 90er… Wer sich nicht alles an ihm vergriff! Großhändler und chinesische Händler träumten davon, einen Markt einzurichten, Geschäftsleute wollten ein Bürozentrum haben, Betrüger drängten mit Casinoplänen heran, und selbst eine satanistische Sekte wollte sich einnisten… Alle bissen sich an seinem unsichtbaren, unterirdischen Teil die Zähne aus. Denn es ist ein »Objekt mit doppelter Zweckbestimmung«. In seinem Fundament liegt ein Luftschutzbunker, der seine Labyrinthwindungen wie eine Betonrose entfaltet. Das Katastrophenschutzministerium, das dafür zuständig ist, stellt Geld für sein Objekt bereit, und die Verwaltung von Sozgorod muss es instand halten (der Bunker ist für die Führungsspitze bestimmt, im Ernstfall rettet sie sich dorthin und richtet eine Kommandozentrale ein).

Dieses geheime Wurzelsystem kenne ich von Wladimir Nikolajewitsch. Er arbeitete seit dem Eröffnungstag als Dekorationsmaler im Palast. Als ich als zweiter Künstler im »Impuls« anfing, arbeiteten wir zusammen. Ich muss sagen, Wladimir Nikolajewitsch hat dieselbe »doppelte Zweckbestimmung«.

…Früher gab es im Werk »PolimerDetal«, in der Abteilung für technische Ästhetik, an die 30 Künstler. Sie rissen einander die Arbeit aus den Händen — zumal sie, wenn sie die Gestaltung für den Palast machten, nach gesonderten Arbeitsaufträgen bezahlt wurden. Wladimir Nikolajewitsch blieb nur, Plakate für die laufenden Veranstaltungen zu malen und mit schönen Buchstaben Glückwünsche für die Kulturmitarbeiter zu Feiertagen und Jubiläen zu schreiben. So widmete er 40 Jahre seiner Arbeitszeit mit wenigen Ausnahmen dem Schaffen eigener Bilder. Jeden Tag malte er mindestens eine Studie! Sein Schaffen insgesamt ist nicht eindeutig zu beurteilen… Er konnte auch einen in schneeweißer Pracht funkelnden Mittag im Moskauer Umland in eine wundersame ukrainische Nacht verwandeln. Er arbeitete in einer dicken, dichten, sogenannten pastosen Technik und sparte nie mit Farbe. Seine Bilder erinnern manchmal an die Marsoberfläche, manchmal an die Wellen violetter außerirdischer Ozeane. Oder ein kosmisches Fliederwüten stürzt auf den Betrachter herab, der dem Bild nahe gekommen ist!

Wladimir Nikolajewitschs Kindheit verging in einer Bergarbeitersiedlung im Gebiet des Donbass. Welche Träume trugen ihn auf fantastische Reisen, was für Nachklänge seltsamer Landschaften riefen aus den verborgenen Winkeln der Seele ein Echo hervor, antworteten mit einem weit ausschwingenden Lied? Wenn er etwa 300 Bilder im Jahr malte und ein Bild durchschnittlich einen Quadratmeter maß, dann macht das in 40 Jahren 12 Tausend Quadratmeter Malerei! All das — und dazu Rahmen, Leinwände, Farbvorräte — muss irgendwo aufbewahrt werden. Und Wladimir Nikolajewitsch nahm den gesamten Luftschutzbunker in Beschlag. Man kann ihn praktisch nicht mehr betreten. Geschweige denn, dass irgendjemand darin Rettung finden könnte!

Zur Arbeit kam der begeisterte Künstler als Allererster; zur Mittagspause, für etwa vier Stunden, zog er — mit einem vielgeprüften Rucksack, mit einer Staffelei — durch die Umgebung. Seine Pinsel, seine Farben sind Angelgerät, sind Köder. Und schon bringt er ein frisches Quadrat Wald, Luft, Blau, Schnee mit. Oder eine blühende Wiese, Wassergekräusel. Und dieser Tag ist von ihm gefangen, festgehalten. Im Atelier stellt er eine andere Studie auf, vom Vortag, oder ein Bild, an dem er arbeitet — und schläft friedlich im Sitzen auf einem Stuhl ein. Groß, schwer. Plötzlich wacht er auf, blickt scharf hin… Greift zum Malmesser, zum Pinsel! Bessert etwas aus, fügt etwas hinzu, verändert das Weltbild. Und versinkt wieder in farbigen Träumen.

In den Urlaub fuhr er für etwa zwei Monate. Mit seiner Frau bereiste er den Goldenen Ring, auf Ausflugsschiffen die Flüsse Russlands. In den letzten Jahren aber fuhren sie ans Schwarze Meer, in eine Ferienanlage bei Loo (unweit von Sotschi). Und auch darüber besitzt er — Tag für Tag gemalt — ein »Tagebuch der Natur«.

Als ich zum ersten Mal das Atelier betrat, wurde ich von Licht erhellt, von Dunkelheit niedergedrückt… Als wäre ich auf dem Grund einer wilden Taigaschlucht gelandet! Felsstufen aus Bildern und Skizzen ragten auf, die unglaublichsten Dinge und Gegenstände türmten sich. Überall glänzende Pflanzenblätter, die gleichsam eine »Waldkrone« bildeten; alles von biegsamen Zweigen umrankt, ringsum gemusterte Blätter, Arme voll Trockenblumen, Kompositionen aus bizarren Baumwurzeln; in diesem Dickicht konnte man sich nur auf Pfaden bewegen.

Die Auseinandersetzung mit der Katastrophenschutzbehörde, die ihn mit drohenden Verfügungen aus dem Luftschutzbunker zu vertreiben versuchte, zog sich endlos hin. Doch Wladimir Nikolajewitsch nahm alles gelassen. Dabei war er kein verbohrter Einzelfanatiker… Er nahm am Leben der örtlichen Künstler teil, wurde häufig zu Ausstellungen eingeladen, saß in Wettbewerbsjurys, in Ausschüssen zur Vergabe von Preisen an Talente aus dem Moskauer Umland. Von Zeit zu Zeit wurden seine Bilder verkauft. Vom Erlös kaufte er Farben. Manche Leinwände verpackte er, schleppte sie in den Luftschutzbunker, andere brachte er an die Oberfläche, trug sie irgendwohin, brachte sie zurück. Der ständige Wechsel der Landschaften im Atelier — bald von Winterkälte umweht, bald von üppiger Blüte erfasst, bald von herbstlichem Verwelken durchdrungen — zeugte vom lebensstiftenden Kreislauf der Bilder in der Natur.

Manchmal besuchte mich Marina im Palast, im Atelier. Wir besprachen die Bilder meines Kollegen, besonders die »Schwarzmeerperiode«. Uns schien, in ihnen sei von allem zu viel. Ein öliger gelber Rundling schwamm in einem rübenroten Meer, von Grün strotzende Berge waren in Scheiben geschnitten, Felsaufschlüsse mit rosa Adern sahen aus wie Speck.

Als wir einmal auf den Sommerurlaub zu sprechen kamen, wollten wir ganz selbstverständlich genau dorthin… An diese Ufer, unter diese Sonne, mitten in dieses Grün. Ich fragte Wladimir Nikolajewitsch, er lächelte seinen Erinnerungen zu: »In der Ferienanlage bei Loo werdet ihr wie in Abrahams Schoß leben. Ich gebe euch die Telefonnummer von jemandem, an den ihr euch wenden könnt.«

Auf wundersame Weise den Packtrubel, die Bahnhöfe, die Züge überspringend — als wären wir in seine Bilder hineingetaucht. Alles war uns vertraut, alles erkannten wir wieder. Wir befanden uns tief in den Schluchten, wo es würzig und erregend nach Geburt und Tod roch. Die Luft war dick von Ausdünstungen, alles gesättigt mit dem Widerhall von Verfolgungsjagden, Röcheln, wütendem Stöhnen, Liebesqual, dem Lebenskampf unbekannter Wesen. Die Bewegung der Erdströme floss durch die Wurzeln, die stellenweise freilagen und riesigen Tatzen glichen, mit denen die Baumriesen über den dicken Teppich aus gefallenem Laub, dichtem, verfilztem Gras und dornigem Gesträuch schritten.

Wir suchten einen Wasserfall in den Schluchten, die zu den Oberläufen der Flüsse Detljaschka, Beranda und Buu führten. Doch in diesem Dreieck verschwinden sämtliche Erinnerungen… Keiner der Bewohner von Werchnjaja Detljaschka, Werchnjaja Beranda, Werchneje Buu — denen wir mit unseren Fragen zusetzten — hatte den Wasserfall mit eigenen Augen gesehen.

»Na ja, mein Bruder war wohl als Junge mal dort«, sagte man uns.

Oder: »Oh, mein Großvater hat davon erzählt, so eine Schönheit!«

Oder auch: »Nein, da kommt ihr nicht durch, dort ist alles zugewachsen.«

Einmal begegneten wir einem Großvater mit seiner Enkelin, Brombeersammlern. Der wortkarge Indianerhäuptling wies den Hang hinauf. Aber wo sollten wir hin, dort war doch undurchdringliches Dickicht? Tatsächlich aber fand sich eine stark zugewachsene Schneise. Wir stiegen zum Kamm hinauf, folgten ihm um einen Bergkessel herum und stiegen den Hang hinunter… Immer tiefer tauchten wir in das Herz irgendwelcher unbekannten Zeiten ein. Das feste Erdreich bäumte sich auf, Stämme neigten sich, glänzende Farnzungen flossen wie noch nicht erkaltete Lava. Der gegenüberliegende Hang rückte näher, die Himmelslücke verengte sich, die Kronen schlossen sich. Und eine Art Schwindel, als würden wir in den Trichter eines »Zeit-Wolfs« hineingezogen. Die Sehnen der Sekunden knirschten, die Chitinhüllen der Minuten knackten, der Panzer der Tage wurde zermahlen, sie sonderten den Saft des noch nicht eingetretenen Jahres ab. Als würde etwas, abgesondert vom Geschehen »ringsum« und »oben« — zugleich aber magnetisch angezogen, durch Farbenvielfalt und Vielstimmigkeit vervielfacht — den Leib einer Schlange sättigen, mit Ereignissen verdichten, die den Hang herabkroch und uns in ihre Bewegung hineinzog. Es war schwer, die reglose Luft zu atmen, den dicht zusammengepressten Abgrund der Zeiten, klebriger Schweiß bedeckte die Körper. Wir sprangen über Steine, kletterten über gestürzte Stämme oder krochen darunter hindurch. Viele waren abgebrochen, andere wie glatt abgesplittert, vom Blitzschlag verkohlt. Vorübergezogene Stürme hatten Verhaue aufgetürmt. Felszähne mit rosa und violetten Adern, auf die steilen Stirnen der Steine, die den Weg versperrten, war dick Moos geklebt, bald in ganz dunkelgrünen, bald rötlichen, bald türkisfarbenen Flecken. Die Marsoberfläche der Felsblöcke wirkte schwarz, porös, wie Asphalt, doch trat man darauf, federte sie weich und nässte. Insektensummen, Rascheln und Seufzen, das Zittern des Laubs von einem vorübergeflogenen, erstarrten Windhauch… Silbernes Gekräusel auf den Stromschnellen, Wasser»fenster« — Vertiefungen, Schalen, von granitenen »Rippen« eingefasst — hatten die Welt der Schlucht in ihre Spiegelungen aufgenommen. (Im geologischen Nachschlagewerk steht, dass die Ablagerungen des terrigenen Flyschs — das sind geschichtete Massen von Sandsteinen und Tonsteinen, aus denen die meisten Gesteine dieser Gegend bestehen — im Paläogen entstanden sind, das vor 30 Millionen Jahren endete. Wenn man die Schlucht in Gedanken »durchsägt«, ließen sich dann Jahresringe erkennen… 30 Millionen Jahresringe?)

Und plötzlich standen wir direkt über dem Wasserfall!

Bächlein mit glänzenden Reflexen, als wären es schwarzsilberne Filmstreifen, die die uralte Geschichte dieser Gegend festgehalten hatten, rollten sich ab und beschleunigten ihren Lauf. Der Strom stürzte von der Felskante, zerschellte an Felsstufen, fiel in Kaskaden hinab. Unten kochte unter den Wasserstrahlen ein Tosbecken, das einen kleinen See bildete. Erinnert man sich an die »Mythen« der Völker von Werchnjaja Detljaschka, Werchnjaja Beranda, Werchneje Buu, könnte man sich den See als Auge eines Drachen vorstellen, der seine Ringe aus Geröllhalden und Felsaufschlüssen geschlungen hat. Er bewacht die Tiefen der Schlucht, frisst demjenigen die Erinnerung auf, der in sein Auge blickt, über dem sich ein Regenbogenschleier aus Spritzern bricht. Betörend waren der vielstimmige Gesang des Wassers, das Aneinanderschlagen steinerner Stirnen, mit dem die Felsblöcke — seit nunmehr 30 Millionen Jahren, vermutlich? — miteinander darüber streiten, wer von ihnen geologisch früher geformt wurde.

Ja, unser Fund reicht natürlich bei Weitem nicht an die größten Wasserfälle heran, die ich etwa auf den Seiten von »National Geographic« bewundert hatte. (Die Arbeit eines Fotografen ist mir im Gedächtnis geblieben: Unter der Schirmherrschaft der Zeitschrift brach eine Expedition zu einer Insel in Neuseeland auf, zu einem im Dschungel verlorenen erloschenen Vulkan; von einer Hochebene stürzt ein Wasserfall in seinen Schlund. Aus einem schwebenden Hubschrauber wurde der Fotograf an einem Seil in den Abgrund hinabgelassen, er baumelte beinahe unter den herabstürzenden Fluten. Aber was für überwältigende Aufnahmen!)

Dafür ist das unser Wasserfall! Wir traten vom Rand zurück und führten wilde Tänze auf. Die Freude der Entdeckung erfüllte uns bis zum Überlaufen! Wir bespritzten uns, warfen uns in die steinernen Schalen, tauchten mit dem Kopf unter. Erklärten Felsen, Tälern, Bergpässen, reißenden Flüssen und Tosbecken unsere Liebe. Wir schrien durch den ganzen Wald, schworen, niemals die heilige Mission treuer Diener des Apollonkults zu vergessen! Die Neuheit der Orte, die Freude des Gelingens! Das unerschöpfliche Streben, in die Ferne vorzudringen, ferne Ufer mit unbekannter Bevölkerung in die Umlaufbahn der hellenischen Welt hineinzuziehen!!

Marina vertiefte sich in ihre »Poetischen Beobachtungen« und beschrieb die gesehenen furchtbaren und schönen Antlitze der Natur. Mit der Kamera im Etui am Gürtel kehrte ich zur Felskante zurück. Von oben bot sich ein Blick in einen tiefen Kessel… Die Wipfel von Pappeln, Ulmen und Eichen schwankten; zu Füßen der Waldpatriarchen schäumte die Brandung des Unterholzes auf, dunkle Inseln von Buchsbaumdickicht hoben sich ab. Vielleicht war dieser ganze Abgrund der Zeiten (nun, keine 30 Millionen Jahre, sondern bloß 2–3 Millionen, vom Beginn des gegenwärtigen Quartärs an gerechnet)… hier abgeladen worden… Zur Aufbewahrung übergeben?

Nach links oben führte ein steiler steiniger Hang, der an einer Felsstirn endete. Darüber zitterte mit ihren Kronen eine leierförmig gegabelte Ulme, sie erregte meine Aufmerksamkeit. Von unten war nicht zu erkennen, wie sich die Wurzeln festgekrallt hatten. Es schien, als rage der S-förmig gebogene Stamm ohne Stütze empor, ganz von selbst. Von der Gabelung aus waren zwei »Arme« erhoben — gefleckt wie in Tarnkleidung. Ja, ein stolzer Baum. Das »botanische« Dasein im Gedränge seinesgleichen verachtend, hatte er sich ins Freie gekämpft. Allen Winden, herabstürzenden Regengüssen und Blitzen ausgeliefert. Aber gerade dadurch fiel er auf! Ich beschloss, ich könnte die Felsstirn erklimmen, einen Satz machen — und in der Gabelung landen. Von dort würde ich einzigartige Fotos aufnehmen… Was war dagegen schon der berühmte Fotograf von »National Geographic«! (Insgeheim ließen mir seine Lorbeeren keine Ruhe.)

Doch es gelang mir nicht, den Hang bis zum Scheitel der Felsstirn hinaufzukommen. Brombeergestrüpp, stachelige Ranken wilden Weins hatten sich zu einer undurchdringlichen, elastischen Wand verflochten — sie schleuderte einen zurück! Vom mittleren Teil der Stirn aus gelangte ich über die Absätze schließlich doch an eine Stelle gegenüber dem Baum, allerdings unterhalb der Gabelung. Ich stemmte den Fuß gegen den Stamm, versuchte ihn zum Schwanken zu bringen und seine Stabilität zu prüfen. Ziemlich fest. Ich machte einen weiten Schritt in den aufsteigenden Bogen des Stammes… Und schon war ich in der Höhe. Der Baum begann zu vibrieren, sackte sogar ab. Erdklumpen lösten sich von den Wurzeln, von oben rieselten Schuppen, Blättchen wirbelten. Ich war schweißüberströmt, mein Herz schlug schneller. Auch vor Angst war mir übel. Hier runterzuknallen… wäre wohl ziemlich heftig… Aber daran sollte man nicht denken.

Da entgehen mir großartige Aufnahmen! Ich muss in die Gabelung hinauf, sie ist genau über mir. Von dort ist auch die Aussicht besser, und ich kann mich gegen die Stämme stemmen, wie soll ich sonst fotografieren?

Mit erhobenen Armen tastete ich dort in der Astmulde nach einem Halt. Die Stämme waren breit, nicht zu umfassen. Irgendwelche morschen Würzelchen kamen mir unter die Finger, das Moos riss unter der Hand aus, die Grashalme waren unzuverlässig. Mit dem rechten Fuß, der Kante des Turnschuhs, stemmte ich mich gegen einen Rindenvorsprung. Riss den Körper hoch, spreizte die Ellbogen, wälzte mich auf den Bauch. Richtete mich irgendwie auf. Von der Felsstirn — vom Festland, vom Großen Land — trennten mich anderthalb Meter Leere. Wie sollte ich die überwinden, wenn ich zurückmusste… Auf den abschüssigen Felsbrocken springen? Na gut, wenn ich hier hochgekommen bin, komme ich irgendwie auch zurück.

Ohne unnötige Bewegungen holte ich die Kamera aus dem Etui und machte sie bereit. Im Kopf ließ ich wunderbare Kompositionen durchlaufen. Jetzt fotografiere ich so, und so, und auch noch so!

Aber was war das?! Vor mir, auf der grauen Haut des Stammes, sah ich etwas, das mich erschütterte.

Es waren unvergessliche Worte.

Tief, sehr deutlich waren sie von einer Hand, die nicht gezittert hatte, in die Rinde geschnitten. Weder die Zeit noch die Heilkraft hatten sie auslöschen, ins Holzfleisch hineinziehen, blass und bedeutungslos machen können. Für denjenigen, der sie gezogen hatte, war es kein flüchtiger Entschluss gewesen. Ein Schneidwerkzeug aus gutem Werkzeugstahl mit dem richtigen Schliff war zum Einsatz gekommen. In der Schriftkomposition, in der Form der Buchstaben spürte man einen professionellen Stil.

Danila, ich liebe dich. Katja.

Das las ich in schwindelerregender Höhe auf einem zitternden Baumstamm, der sich langsam aus seiner steinernen Heimat riss und allmählich in den Abgrund rutschte.

Donnerwetter… Wie weit hatte man Katja getrieben? Man musste nicht nur eine romantische Natur sein, sondern sich im Gelände orientieren können, wenigstens eine minimale Kletterausbildung absolviert haben, bei Kunststücken die Präzision eines Stuntmans und die Fertigkeiten eines Trapezkünstlers besitzen. Das Werkzeug im Voraus vorbereiten, die Schriftkomposition durchdenken.

Aber wer soll sie hier sehen, diese Inschrift? An wen richtet sie sich?!

Und wenn diese Worte die letzten gewesen wären, bevor… Ich blickte vorsichtig hinunter. War mir etwa schwindlig geworden? Ich spürte irgendeine Bewegung. Die Schluchtenschlange fletschte ihre moosbewachsenen Zähne, schlang ihre in Grüntönen gescheckten Ringe, umfasste den Raum, presste ihn mit ihrem Schwanz aus Geröllhalden, Windbruch und Steinhaufen zusammen. Bedeckte das Seeauge mit einem Regenbogenhof, blendete dann wieder mit dem Glanz des Wassers, wenn Wirbel die Spritzer davontrugen.

Aber was gehen mich Katja und Danila an? Das ist im Grunde ihre persönliche Angelegenheit.

Sollen sie ihre Wege und Straßen gehen. Schön, wenn ihre Schicksale verbunden sind, wenn lange Jahre vor ihnen liegen, die sie gemeinsam verbringen werden.

Mir blieben Augenblicke, um die uralte Schlucht ins Bild zu bannen, das Schillern wirbelnder Wasser und Zeiten. Sind nicht diese aufgetürmten grauen Dominoblöcke, die Riesen nach beendetem Spiel wahllos hingeworfen haben, die grünen Hände und Arme der Zweige, die geschmeidigen Pflanzenkörper, die Stämme mit dem verschlüsselten Code des Erdenlebens… und die Felsen und die Täler und die Bergpässe und die reißenden Flüsse… seit meiner Geburt auf mich projiziert, auf mich gerichtet, wie eine Schar vorüberziehender Luftspiegelungen aus Bergtempeln und Waldschlössern? Warum liebe ich Pfade, die in eine erstarrte Schachkomposition aus wunderlichen Figuren führen, aufgestellt auf den dunkelgrünen, goldockerfarbenen, schneeweißen Feldern der Jahreszeiten, warum will mein Herz aus der Brust springen, über sämtliche Gebirgskämme fliegen, wenn ich, mit letzter Kraft auf einen Gipfel geklettert, an die furchtbare Größe erstarrter Wogen denke, die sich einst in Träumen aufgetürmt hatten?! Was für ein seltsames Flechtwerk zurückgelegter Straßen und Pfade hat mich in den Palast »Impuls« geführt? Ich lernte Wladimir Nikolajewitsch kennen, die Welt in seiner Seele, die er

mit den schneeglitzernden Weiten des Moskauer Umlands,

und der wundervollen ukrainischen Nacht,

und den Marslandschaften,

und den Wellen außerirdischer Ozeane,

und dem kosmischen Toben des Flieders

so großzügig, ohne an Farben zu sparen, auf seinen Leinwänden ausgeschüttet hatte.

Und an welchen wilden Übergängen des Lebens sind Marina und ich einander begegnet? Aber nein, wir konnten einander doch gar nicht verfehlen… Jahre vor unserer Begegnung, als uns mehrere tausend Kilometer trennten — war mein erstes Buch, so hatte es sich ergeben, in der Druckerei von Marinas Heimatstadt gedruckt worden, in Dserschinsk (Gebiet Nischni Nowgorod). Marina arbeitete in der Bibliothek, lief viele Male am Tag an dem Regal vorbei, in dem unter den Neuerscheinungen auch mein Opus stand… Mit einem, wie anzumerken ist, albernen und prätentiösen Titel. »Man muss ein vollendeter Idiot und Trottel sein, um ein Buch so zu nennen«, dachte meine künftige Auserwählte. Und natürlich las sie es nicht, nahm es nicht einmal in die Hand.

Jetzt sitzt sie an den dahinschießenden Strömen und schreibt Gedichte. Und bemerkt ringsum so gar nichts… Dabei sind da die Stimmen der Schlucht, das Dröhnen des fallenden Wassers, das Schlagen der steinernen Stirnen. Man kann sie mit Rufen nicht erreichen, sich nicht mit ihr beraten. (Sie nicht um Hilfe rufen, falls etwas ist.)

Wie soll ich ein »Antwortmemorandum« verfassen, Katja und Danila unsere Antwort geben?

Was soll ich einritzen, damit es bleibt… nun, nicht gleich für Jahrhunderte? Gut, wenigstens für Jahre. (Wieder diese Prätention, ich werde sie einfach nicht los.) Ich habe ein hervorragendes Expeditionsmesser mit einem Werkzeugsatz. Ich muss etwas Einfaches vermitteln, den Nachkommen Verständliches.

Marina, ich liebe dich.

Aber ich kann doch auch ohne den Baikal nicht leben! Ja, wenn ich erwähne, dass ich den größten Süßwassersee des Planeten liebe, dann wird das grundsolide, irgendwie ernsthaft, nachDENKLICH.

Aber warum liebe ich den Baikal? In Wirklichkeit liebt doch er mich! Wozu seine Schönheit, die von geheimen Vorzeichen flimmernden Wellen, wenn die Sonnenuntergänge lodern wie eine Offenbarung, die sich als blutender Purpur aus höheren Sphären ergossen hat? Das muss doch — ich selbst sehen! Und meine Nichtigkeit spüren, und erstarren vor der Großzügigkeit, die eine barmherzige Hand ausgestreut hat, und mich auf eine Stufe stellen mit den sich türmenden Wogen, den riesenhaften Gebirgskämmen, den Sonnenuntergängen über dem halben Himmel. Ich trage diese Gaben und versuche, sie, soweit es möglich ist, in die Zukunft weiterzugeben.

Aber was für ein Pathos, was für eine Geschwollenheit!

Dabei hänge ich auf einem Baum, der jeden Moment abreißen kann. Also, das Messer! Ich klappte die Klinge aus, plante die Inschrift, schätzte die Höhe der Buchstaben ab… Die Spitze ist in die Rinde getrieben.

Meine Hand wird von einer federnden Kraft zurückgeschleudert!

Von oben rieselte Holzabfall, irgendein Staub wirbelte. Es wehte der mittägliche Feldgeruch von Leinöl zum Malen heran, die Kiefernkraft des Terpentins, der Zypressenduft des Lacks. Das labile Gleichgewicht der Umgebung wurde plötzlich erschüttert… Es war ein Räuspern!

Der erwachte Riese erprobte seine Stimme. Oh, das ist ja Wladimir Nikolajewitsch in unserem Atelier!

— Äh… wer wurschtelt denn da herum? Warum machst du meine Bilder kaputt?!

— A-a-ah! — schrie ich aus Leibeskräften. — Wladimir Nikolajewitsch! Ich bin es, Ihr Künstler. Ich habe große Probleme, helfen Sie!

— Ich will nichts von irgendwelchen Problemen hören, — brummte es finster von oben. — Wie oft habe ich dir das beigebracht! Kannst du nicht sagen, also… so und so, du hast eine Gelegenheit bekommen, deine allerbesten Eigenschaften zu zeigen?

Jetzt soll ich auch noch einen Knicks machen! Aber ich werde dem Meister wohl nach dem Mund reden müssen: — Wladimir Nikolajewitsch, WIR BEIDE haben eine großartige Gelegenheit bekommen, UNSERE allerbesten Eigenschaften zu zeigen. Ich hänge in irgendeinem Ihrer Bilder aus der »Schwarzmeerperiode« fest. Hier ist ein Baum, der rutscht ab, gleich stürzt er in den Wasserfall!

— Und warum bist du da hochgeklettert? Wer hat dich darum gebeten?! Stochert auch noch mit dem Messer herum.

Wir unterhielten uns wie in irgendeinem »Rohr«. (»Rohr« nennt man auch ein Mobiltelefon, aber mit unserer Verständigung hatte das nichts zu tun. Als kulturgeschichtlichen Hintergrund könnte man die sogenannte »Communication Tube« bezeichnen — ein Bild, das Solowjow in »Assa« verwendete.)

— Aber Sie haben uns doch selbst in die Ferienanlage geschickt. Haben gesagt, wir würden hier wie in Abrahams Schoß leben!

— Hm, na… Welches Bild ist es denn?

— Na, eine Schlucht, Steine, unten ein kleiner See. Nein, schön ist alles, natürlich. Und die Komposition ist genau abgestimmt, und die Farbgebung gesättigt. Es hat Atmosphäre, die Stimmung des Künstlers ist vermittelt. Die Höhe hier ist übrigens auch beträchtlich. Lange halte ich nicht mehr durch!

— Aber ich muss es erst finden, die Farben auswählen. Bleib da sitzen, zappel nicht herum. Und komm bloß nicht auf die Idee, mit dem Messer herumzuwerkeln, du schneidest die Leinwand durch!

Sitzen oder nicht sitzen, mir entgehen herrliche Ausblicke! Vorsichtig stellte ich die Kamera ein, schaltete auf Automatik, fotografierte in Serien. Fing die entgleitenden Augenblicke ein, war auf dem Gipfel… oder, richtiger, auf dem Baum des Glücks? Ich zitterte vor Entsetzen. Beeilte mich, bis zum letzten Tropfen das Empfinden des Augenblicks aufzusaugen, das schwankende Gefühl der Schönheit.

Doch nun kamen die Zweckmäßigkeit, die Kraft der Vereinigung, die die auseinanderkriechenden Fragmente zusammenzog. Sie gewannen Sinn, innere Haltung, Überzeugung. Der Künstler nahm Pinsel, Palette, Malmesser in die Hand. Die Welt hörte auf, in den Abgrund, dem Wahnsinn entgegenzurutschen. Würde ich tatsächlich über die malerischen Schlieren des Leinöls, den Kiefernhauch des Terpentins, den Duft des Zypressenlacks — einen Schritt tun? Das Große Land gewinnen, das Festland? So war es. Dank sei Wladimir Nikolajewitsch, er hatte die Mission des Künstlers erfüllt. Und wieder versank er, wie er es immer getan hatte, in farbige Träume und schlummerte friedlich ein.

Marina hatte sich auf einen gestürzten Stamm gesetzt — ganz wie Arsenjew, der Erforscher der Region Primorje — und beugte sich über ihr »Poetisches Tagebuch«. Wo streift ihr Dersu Usala umher, was ist mit ihm? (Diese Szene: wie selbstvergessen sie schrieb — und Arsenjew unterbrach unter keinen Umständen sein Tagebuch — erinnerte an Okino Kurosawas Filmepos »Dersu Usala«, 1985.)

— Wo warst du? — Sie kehrte aus ihrer »poetischen Ferne« zurück. — Ich wollte dich schon suchen gehen.

Sehr erfreulich. Dabei hatte ich mit den Stimmen gesprochen, die uns im Universum verbinden.

— Habe dort alles fotografiert. Was für Aufnahmen ich geschossen habe!

— Ich habe mir Sorgen gemacht. Du warst irgendwo verschollen.

— Na ja, ich habe mir einen ausgezeichneten Titel für meinen neuen Roman ausgedacht.

— Oh, natürlich! Du hast dir schon einmal… einen Titel für dein erstes Buch ausgedacht…

Na und, schließlich hat er, der Titel, uns zueinandergezogen, uns im Universum verbunden.

— Also, ich habe mir gedacht… »Die Unterwäsche der Helden«. Wie findest du das?

— Überwältigend! Das gesamte lesende Publikum wird losstürzen und dein Werk aufkaufen!

— Was denkst du denn? Weißt du überhaupt, wo die Kosmonauten — und im Grunde sind sie doch Helden — ihre schmutzige Wäsche lassen?! Waschen sie sie etwa dort, in der Schwerelosigkeit? Auf der Raumstation, wenn sie ein halbes Jahr, manchmal ein ganzes Jahr fliegen?! Nein! Sie werfen sie über den Weiten des Atlantischen Ozeans ab.

— Darüber habe ich noch nie nachgedacht.

— Siehst du! Und zum Beispiel irgendwelche jungen romantischen Herzen… na, sagen wir, Katja und Danila, fahren auf einem Atlantikliner…

— Wer sind Katja und Danila?

— Unwichtig, du kennst sie nicht. Sie fahren dahin und sehen einen Stern über den Himmel streifen. Wünschen sich etwas. Sie glauben, dass sich in ihrem Leben die unglaublichsten Träume erfüllen werden. Dabei ist das, der aufgeflammte Stern — in Wirklichkeit ein Container mit schmutziger Wäsche. Er verglüht in den dichten Schichten der Atmosphäre, von ihm bleibt eine zauberhaft funkelnde, erlöschende Spur. Jetzt klar?

— …?

— Gut. Dann habe ich noch einen anderen Titel.

— _?!

— »Banderas’ Stiefeletten«. Na, passt das?

* * *

»Irgendwie bist du seltsam. Nicht wie die anderen«, sagte meine Literaturlehrerin zu mir auf dem Gipfel eines Hügels in der Gegend Mogojta. Unter der unübersehbaren, zitternden, türkis durchscheinenden Kuppel des burjatischen, von der Sonne durchglühten Himmels wurde einem schwindlig. Der Wind fiel in Böen ein, zerzauste die Federgras-Mähnen, die aus dem Tal heraufliefen — es erstreckte sich in flirrender Hitze, im Dunst bräunlichen Staubs, und wenn die Böe nachließ, ging das Wogen weiter — das Rascheln der Gräser und das Zirpen der Heuschrecken —, als dränge eine zurücklaufende Welle fort. Oder es schien, als kämen dieses Rascheln und Glänzen von der unerbittlichen Kreisbewegung einer durchsichtigen Schlange, die die Hitze gläserner Schuppen ausströmte und bräunliche Magnetbandringe wand, in denen Spiegelbilder dahinglitten, bald die Knie der Lehrerin, von einem ungeöffneten Buch geheimnisvoll zusammengehalten — wie bei der jungen Warlei in »Wij«, als Choma zum ersten Mal anstelle der schrecklichen Hexe das ins Gras gefallene Fräulein sieht —, bald die roten Flecken auf ihren Wangenknochen, bald die schelmischen Fünkchen, die unter ihren Wimpern aufblitzten. Mit langsamen Bewegungen, die den Atem der Steppe wiederholten — sowohl den einfallenden Wind als auch die strömende Stille —, schloss sie einen Knopf ihres karierten Hemdes an der Brust, zupfte den Rock zurecht, strich die Strähnen ihres aufgelösten Haars zurück.

…An jenem Junitag lagen wir auf dem Hügel. Wir — das war unser kleiner Trupp, eine Auswahl aus den parallelen neunten Klassen. Von hier, von der beherrschenden Anhöhe, konnten wir die groß angelegte Schlacht bequem verfolgen, die sich im Tal entfaltete. Dort fand der militärsportliche Staffellauf »Orljonok« statt. Die Mannschaften der Schulen unseres Ulan-Ude — und natürlich auch die Mannschaft unserer Schule — traten gegeneinander an. Das Ganze leiteten echte Militärs aus Einheiten, die Patenschaften für die Schulen übernommen hatten. Die Jungen setzten eine Kalaschnikow zusammen und zerlegten sie, schossen mit dem Kleinkalibergewehr, warfen Granaten, überwanden die Hindernisbahn, rannten in unvorstellbaren wattierten Kitteln (wie die Basmatschen aus »Weiße Sonne der Wüste«) querfeldein, auf der Flucht vor gut abgerichteten Grenzschäferhunden.

Hoch oben kreiste knatternd ein Doppeldecker des Fliegerklubs und setzte die schrägen Striche der Fallschirmspringer in die himmlischen Schreibübungen. Sie öffneten sogleich Löwenzahnhalbkugeln über sich, wurden hinter eine ferne Hügelkette getragen, wo man sich ein Paradies für Fallschirmspringer vorstellte, wo weiche Felder wie Flaum die Landung der kühnen Luftfahrer abfederten. Aus der Ferne drangen die Tonfolgen irgendeines Liedes herüber — es wurde aus einem Militärtransporter übertragen —, das Knacken der Gewehr»Sonnenblumenkerne«, ein rollendes »Hur-ra-a!«, wenn die Mannschaften in geschlossenen Reihen zum Nahkampf aufeinander losgingen, und das Bellen durchgedrehter Hunde. Wir spitzten die Ohren, fürchteten, den Gesang des Signalhorns zu verpassen. Ein eigens mitten im Geschehen zurückgelassener Hornist übermittelte uns verschlüsselte Nachrichten, indem er die ersten Takte bekannter Beatles-Melodien spielte. Und unser Trupp schmolz allmählich dahin…

Von Zeit zu Zeit sprang einer der Jungen oder eines der Mädchen auf und rannte mit fliegenden Füßen hinunter, um jemanden abzulösen, der auf den Etappen gehetzt und erschöpft worden war. Die laufende Gestalt tauchte in das Kräutergewirr, bis sie verschwand, als wäre sie von einem silbernen Trichter verschluckt, in den Schlund des rufenden Horns hineingezogen worden. (Man muss sagen, darin bestand die von unserem Wehrkundelehrer ersonnene »Kriegslist«. Teilnehmer, die im Kampf ihre ganze Kraft verausgabt hatten, wurden durch frische Läufer und Werfer aus unserem bis dahin versteckten, in Reserve gehaltenen Trupp ersetzt.)

Bis wir allein mit der Lehrerin zurückblieben…

Geblieben ist das Empfinden dieser sonnenwarmen Hügel… und ihres heißen, unter leichter Kleidung erregenden Körpers; des vom Steppenwind leicht bitteren Geruchs ihrer Haut. Schließlich hatte ich sie unter mich gedrückt — sie, die sich wehrte und doch unwillkürlich nachgab, sich an mich schmiegte —, um sie vor der nahenden (richtiger: der fliegenden) Gefahr zu retten. Geradewegs auf uns zu fiel unter der kreisenden, radförmigen Fallschirmkuppel mit türkisfarbenen Keilen, unter furchtbarem Pfeifen und Fluchen, wie ein vom Himmel gestürzter Engel ein Fallschirmspringer! Auf den geriffelten Sohlen seiner Stiefel glänzten die Dreizacke der Beschläge, Gurte kreuzten seinen Körper, er trug einen schwarzen höckerigen Helm und eine übergestülpte, das halbe Gesicht verdeckende, purpurrot reflektierende »Konserven«-Brille. Der Luftfahrer zuckte wie eine Marionette an seinen Leinen, versuchte etwas zu regulieren… Und ich?! In diesem Augenblick warf ich mich auf sie, bedeckte sie mit meinem Körper. (Unerträglich war die anschwellende Lawine seines Gebrülls, der aus tiefstem Innern ausgestoßenen schrecklichen Flüche; und die durfte man meiner Meinung nach nicht an das zarte Gehör der Literaturlehrerin gelangen lassen.)

Doch der unglückliche Fallschirmspringer wurde zur Seite gezogen, auf den Hang, wo er weich aufstieß und sich überschlug, von der ungebändigten, riesigen, zerknüllten Seidenblume des Fallschirms mitgerissen.

— …Irgendwie bist du seltsam, — sagte die Lehrerin. — Denk bloß an deinen Aufsatz! Was, vergessen?!

Nein, natürlich hatte ich ihn nicht vergessen. Es ging um den »Abschlussaufsatz«, der den gewichtigen Vermerk »ministeriell« trug (angeblich prüfte eine Kommission »aus dem Ministerium« die Werke der Schüler). Aber wozu an den Flug meiner schöpferischen Fantasie erinnern?

— Ich musste ihn für dich neu schreiben. — Sie seufzte tief. — Ihr habt ein freies Thema bekommen. Zum Beispiel: Welche Eigenschaften können wir heute anhand literarischer Werke von den Komsomolhelden übernehmen?

»Na, das ist ja ein freies Thema! Ein anderes gab es doch gar nicht«, dachte ich bei mir.

— Und du betrachtest das Lied

»Adlerjunges, Adlerjunges, flieg höher als die Sonne«

unter dem Gesichtspunkt der darin verschlüsselten Anklänge an biblische Ereignisse. Du nimmst die tatsächlich rätselhafte Zeile im Text als Grundlage: »Zu Hilfe eilen die Komsomol-Adlerjungen, und das Leben wird zu mir zurückkehren.«

Ja, wer konnte wissen, dass das Leben nach dem Tod zu Ihm zurückkehren würde, Seine Auferstehung voraussehen?

Und die Anhöhe bei dir, von der »eine donnernde Granate die Soldaten hinwegfegte«,

das ist Golgatha,

und »für immer verstummten die fröhlichen Burschen« -

das sind die Apostel, die verleugnet haben,

und »flieg in die Staniza, erzähl es meiner Mutter« -

das bedeutet, sag der Gottesmutter, dass ich gekreuzigt werde,

und »den Sohn führte man zur Erschießung« -

das ist der Menschensohn, der nach Golgatha geführt wird.

— Aber natürlich, — fiel ich ein. — Und in den Worten »Die Adlermacht hat Millionen Adlerjunge, und auf sie ist das Land stolz« steckt der Gedanke, dass

die Kirche eine gewaltige Zahl von Anhängern hat

und heldenhaften Glaubensstreitern, durch die sie wächst,

aber wo ist mein Adler, der sich zur Sonne erhebt — ist das nicht das Zeichen der Himmelfahrt?

»Der Adler«, schrieb ich novellistisch, »ist ein Symbol der Seele, die Gott sucht. Diese Deutung beruht auf der frühen Vorstellung, der Adler erneuere angeblich, anders als andere Vögel, regelmäßig sein Gefieder und gewinne seine Jugend zurück, indem er nahe der Sonne fliegt und ins Wasser taucht.«

— Erinner dich auch an die Stelle, — lächelte die Lehrerin, — wo du das Beispiel der im Text erwähnten Granate anführst — des Sprenggeschosses, selbstverständlich. Im übertragenen Sinn aber erörterst du die Frucht des Granatapfelbaums als »traditionelles Symbol der Auferstehung, das auf Christus als Erlöser der Welt verweist. Der Granatapfel gilt als Symbol des Lebens. Der Legende nach wurde Noahs Arche von einem Granatapfel erleuchtet. Der Granatapfel stammt aus Asien, er ist eine der allerersten Früchte, die der Mensch verzehrte. Es gibt die Auffassung, dass der Fortsatz an der Spitze des Granatapfels das Vorbild für die Königskrone wurde.

— Ja, aber… — wunderte ich mich.

— Was hast du denn gedacht? — kam mir die Lehrerin zuvor. — Ich musste deinen »Aufsatz« umschreiben und durch ein ganz gewöhnliches Muster ersetzen, eines, wie es im Lehrplan steht. Du ahnst ja nicht, was hätte passieren können! — Ihre Augen mit dem bläulichen Widerschein der Aja-Ganga-Blüten wurden rund. — Man hätte dich mit dem dreckigen Besen aus dem Komsomol gefegt! Da haben wir ja einen schönen »Schriftsteller«, — fügte sie spöttisch hinzu. — Vergiss nicht, wir schreiben

neunzehnhundertneunundsiebzig,

der Komsomol steht in der Blüte seiner gewaltigen Kräfte! Die Zeit einer so »seltsamen« und »unverdaulichen« Generation, wie ihr Neuntklässler es seid, ist noch nicht gekommen. Ihr steht an der Schwelle der Entdeckungen, die euch bevorstehen, — schloss meine Mentorin mit einem gewissen Pathos.

— Was wissen Sie denn von meiner Generation?! — rief ich hitzig. — Wie können Sie urteilen? Als der eiserne Klang eines Kratzens am Boden des beinahe übergekochten Atomkessels am 30. Oktober 1962 um 3 Uhr morgens Washingtoner Zeit die Stille der Welt zerriss! Das geschah in etwa 12 Metern Tiefe im Karibischen Meer, 300 Meilen nordöstlich der Caicos-Passage. Die Rahmenantenne, die über dem Turm des sowjetischen U-Boots »B***« aufragte, zerkratzte den Bauch eines amerikanischen Zerstörers, als das Boot abtauchte. Der Amerikaner mahlte mit seinen Schrauben buchstäblich nur wenige Meter darüber hinweg.

…Ich meinte die Ereignisse, die gewissermaßen den Höhepunkt der Kubakrise markiert hatten. »B***« und drei weitere sowjetische U-Boote, als Vorhut an die Küste Kubas entsandt, waren in die 500-Meilen-Zone der amerikanischen Seeblockade geraten, die Präsident Kennedy verkündet hatte, um »die Stationierung ballistischer Raketen auf Kuba zu stoppen«, wie er in seiner Ansprache an die Nation am 22. Oktober erklärte. Darauf ließ Chruschtschow ausrichten, sollte auch nur ein sowjetisches Schiff von den Amerikanern angehalten und durchsucht werden, würde dies als Verletzung internationaler Abkommen und als Aggressionsakt betrachtet. In einem solchen Fall, drohte der sowjetische Führer, werde er seinen U-Boot-Männern den Befehl erteilen, amerikanische Schiffe zu versenken.

Fast die gesamte atlantische Such- und Angriffsgruppe der US-Marine war in diesem Gebiet zusammengezogen worden. Insbesondere kreisten über »B***« drei Zerstörer, gedeckt von einem Flugzeugträger, dessen Flugzeug alle 15 Minuten im Tiefflug über das Boot flog; außerdem durchpflügten Hubschrauber den Raum, ausgerüstet mit ins Meer absenkbaren und geschleppten Sonargeräten.

Die Brigade aus vier sowjetischen U-Booten operierte getrennt, es gab keine Verbindung zwischen ihnen. Wegen der äußersten Geheimhaltung der Operation fand praktisch kein Funkverkehr mit dem Hauptstab der Marine statt. Zuletzt hatte der Stab am 24. Oktober eine von den Amerikanern verbreitete (und von unserem Nachrichtendienst abgefangene) Warnung übermittelt, in der es hieß, die Schiffe des U-Boot-Abwehrriegels der US-Marine würden Unterwasser-Signalladungen abwerfen, um die sowjetischen Boote zum Auftauchen und zur Identifizierung zu zwingen, wobei sie mit Kurs Ost auftauchen müssten, um damit zu bestätigen, dass sie das Signal verstanden hatten.

An Bord von »B***« war als Bewaffnung ein Torpedo mit einem Atomsprengkopf von 15 Kilotonnen taktischer Sprengkraft installiert. Vollauf genug, um bei einer Unterwasser- oder auch Überwasserexplosion alles Leben im Umkreis von 10 Meilen zu vernichten. Dem Kommandanten war die gesamte Verantwortung für den Einsatz dieses »speziellen Gefechtselements« auferlegt worden.

Die Verantwortung für den Beginn eines Weltkriegs.

— ich bin im März 1963 geboren, — beendete ich meinen historischen Exkurs. — Und war demnach auf dem Höhepunkt der Kubakrise im Oktober 1962 ein fünfmonatiger Fötus, zappelte im mütterlichen Fruchtwasser — das im Grunde eins ist mit dem Weltmeer. Das unheilvolle Kratzen der Antenne am Boden des Zerstörers hätte der letzte Widerhall in der planetarischen Sphäre meines fünfmonatigen Daseins sein können. Im metaphysischen Sinn aber hat dieser Kratzer eine bleibende Spur in das Schicksal meiner Generation gefurcht, die die Verantwortung für die Geschicke der Welt besonders tragisch empfindet — als etwas ganz Persönliches, in Fleisch und Blut Übergegangenes.

— Oh! Deine Lippen haben die Form eines »Amorbogens«… — sagte sie leise verlegen, mit tiefem Atemholen. — Wie viele Weiber werden sich nach ihnen verzehren!

— »Die Zigeunerhochzeit kommt auch ohne Marzipan aus!« — rief ich schon im Laufen, als hätte ich diesen Satz — im übertragenen Sinn — aus den Räumen geschöpft, in die mich der Wind trieb, der mir in den Rücken stieß, unmittelbar aber — aus dem Buch des wunderbaren weißrussischen Schriftstellers Wladimir Korotkewitsch »Die wilde Jagd des Königs Stach« (danach wurde ein großartiger Film gedreht, der meine Fantasie erschütterte). In der Ferne sang das Horn… Fast hätte ich das Signal zu meinem Eintritt in die Umlaufbahn des »Orljonok« verschlafen, war bei all den unangebrachten Gefühlen ganz rührselig geworden!

Und die »wilde Jagd« der Winde, das unruhige Lied des Federgrases, der darüber aufgewirbelte Staub — all das holte mich ein, durchbohrte mich wie ein Nomadenpfeil, abgeschossen aus unbekannter Ferne, und füllte die Brust und das Herz schlug im Rhythmus der Jagd. Ich flog den Hügel hinab, rollte über eine Geländewelle, über die nächste — durchschnitt das Schilfdickicht —, kämpfte mich dann durch Gesträuch, durch Espenunterholz. An bestimmten Orientierungspunkten musste ich genau die Richtung halten, um mich am richtigen Ort und zur rechten Zeit in die Staffelstrecke einzuschalten — den Läufer unserer Mannschaft auf der letzten, entscheidenden Etappe abzulösen.

Doch die Arme eines kleinen Flusses schienen sich vor mir aufzuflechten… Ich stürzte durch eine Furt im einen Flussbett, dann im anderen. Mich verfolgte der verzweifelte Gedanke, ich könnte irgendwo vom Weg abgekommen sein, den Abschnitt verpasst haben, auf dem ich meinen Kameraden ablösen sollte. Doch alles traf in einem einzigen Augenblick zusammen! Lärm und Krachen schwollen an, als brächen rechts und links von mir ungeheure Einhörner durchs Dickicht. Ich begriff, was das war: Auch die Wehrkundelehrer der anderen Schulen, unserer Gegner, hatten sich dieselbe Taktik zu eigen gemacht! Noch drei Jungen liefen auf den Weg hinaus, der sich durch den Birkenwald wand; wir griffen uns die auftauchenden »eigenen« Spitzenläufer — rissen ihnen die Startnummern von der Brust, nahmen ihnen die Staffelstäbe ab —, das waren Übungsgranaten, Attrappen echter Granaten. Der Junge aus unserer Mannschaft rief mir hinterher, wie weit wir zurücklagen. Nur ich konnte die Lage retten — ich musste die und die und die Schule überholen…

Mit aller Kraft lief ich, zog beharrlich am grauen Faden des Weges die Rücken der vor mir Laufenden heran: Überholte einen Gegner nach dem anderen! Das Herz hämmerte gegen die Brust….und das davon herrührende Klingeln in den Ohren hallte durch die ganze Welt… Aber was sah ich? Alles verschmolz zu einer vorbeikriechenden Schlange aus buntem Laub, Bäumen, irgendwelchen endlosen Sträuchern. Und dann verschwanden alle Geräusche, selbst das Herz, das in der Brust drosch, schien zu verstummen; eine seltsame »Schwerelosigkeit« trat ein. Der Weg verengte sich zu einer glänzenden »Röhre«, an ihren Wänden glitten verzerrte Gesichter entlang, die lautlos die Münder aufrissen… Ich lief auf eine breite Lichtung hinaus, wo der Staffellauf endete, vor mir pulsierte das leuchtend rote Zielband.

Ein flammendes Meer brach über mich herein, umschloss mich und wirbelte mich herum. Lärm, Schreie, Stimmen — der Ton voll aufgedreht! Die Jungen warfen mich hoch und schüttelten mich, doch meine Finger waren verkrampft, nicht einmal die gerippte Granate ließ sich mir abnehmen. Der Augenblick meines Ruhms und Triumphs ebbte ab, die zurücklaufende Welle trug alle ins Meer anderer Ereignisse fort.

Eine entsetzliche Kraft krümmte mich zusammen, warf mich auf die Knie. Es stellte sich heraus, dass ich mich ganz in der Nähe eines militärischen Funkwagens befand, der riesige Lautsprecher ausgefahren hatte, aus denen irgendein Lied dröhnte. Allmählich verzog sich der Schleier, die Wirk lichkeit ringsum kehrte zurück. Durch eine böse Ironie des Schicksals schrie sich gerade Alexander Gradski die Kehle aus dem Leib, brüllte mit unmenschlicher Stimme:

»Die erste Halbzeit haben wir schon gespielt,

doch nur eines haben wir begreifen können…«.

Was für eine »erste Halbzeit«? Was »haben wir schon gespielt«? Ich persönlich hatte noch gar nichts beGREIFEN können.

Wie jung wir waren, wie jung wir waren, wie jung wir!

Die Lautsprecher platzten aus allen Nähten, wälzten untragbar schwere Wortsteine heran.

Ich fiel auf den Rücken. Die von den Könnern des Flugzeugwerks gedrehte Granate — sozusagen in einer Art »Souvenirausführung«! — rollte beiseite.

Der türkisfarbene Himmel Burjatiens stürzte über mich herab.

Das ist doch die Farbe des Fahrradrahmens meines »Orljonok«!

…Auf dieser zuverlässigen Maschine spulte ich Kilometer auf der Bargusiner Landstraße ab, kurvte über Waldpfade, erklomm steile Berghänge, stürzte die bis zu kahlen Stellen verwitterten Hänge des Ulan-Burgassy-Gebirges hinab — der steinerne, mit Taigadickicht bewachsene Leib dieses Drachen umschloss das Tal, in dem mein Ulan-Ude still unter einer Decke aus Pappelflaum schlief. Vom wilden Gerüttel schlugen die Zähne Morsezeichen, die Finger am Lenker verkrampften sich. Doch mein »Orljonok« war auch eine Art »Amphibienfahrzeug«: Auf ihm schlitzte ich die Wasseradern der Selenga auf, die die Insel Komsomolski durchzogen, und warf dabei gläsern schillernde Flossen und Schweife aus Spritzern auf wie ein Märchenfisch, der sich in einem stillen Flussarm tummelte. Trat mit aller Kraft in die Pedale… Das Wasser verschluckte den Lenker, reichte mir bis zur Brust, die Räder versanken im schlammigen Grund. Ich führte, schob die Maschine unter Wasser voran und rollte sie heraus — funkelndes Chrom, sonnige Speichen, türkisfarbener Rahmen! — unter dem begeisterten Beifall der Datschen- und Schaschlikurlauber, die mit ihren »Schiguli« und »Moskwitsch« vor den Wasserhindernissen kapituliert hatten und am anderen Ufer geblieben waren. Auf den entlegenen Inseln angekommen, schwamm ich, bis ich fror, sonnte mich bis zu einem himbeerroten Glühen, fast wie bei einer glühenden Ofenklappe. Entzündete Feuer und stellte mir vor, ein Indianerkrieger zu sein — »Tecumseh«, »Osceola«, »Winnetou« —, nachdem ich mir als Kind die berühmten Filme (des Filmstudios DEFA, DDR) mit Gojko Mitić in der Hauptrolle angesehen hatte.

Ich weiß nicht, warum mir niemand diese Granate abnahm, die bei unserem Lauf der »Staffelstab« gewesen war? Hatten unsere Kommandeure sie vergessen, oder hatte ich sie absichtlich verborgen, bei mir versteckt? Ich wollte einfach, dass sie mir zur Erinnerung blieb… Schließlich sah sie ganz »wie eine echte« aus. Und lag dann lange auf der Datscha, im Schuppen, irgendwo auf einem Regal, zwischen den gewöhnlichen Garten- und Datschensachen.

Doch gerade das führte zu tragischen Folgen.

Dort, im Schuppen auf der Datscha, ließ ich auch mein herrliches Fahrrad, meinen »Orljonok«, für eine Nacht stehen, wie ich dachte. Doch ich konnte es nicht gleich abholen, irgendetwas kam dazwischen. Eines Nachts versuchte jemand, in unser Haus einzudringen — versuchte auf alle möglichen Arten, das Schloss abzuschlagen, doch es gelang nicht. Den Schuppen aufzubrechen war dagegen ein Leichtes… Und das Fahrrad wurde geklaut! Mein Kummer war grenzenlos.

Doch so ging diese Geschichte aus…

Ein örtlicher Drogenabhängiger hatte die Datscha ausrauben wollen, und er hatte das Fahrrad mitgenommen. Aus irgendeinem Grund hatte er auch die »Staffelgranate« vom Regal eingesteckt. Auf meinem »Orljonok« machte er sich auf, irgendwo in den Tugnui-Steppen, im Muchorschibirski-Bezirk, seine geheimen Hanfpflanzungen zu besuchen. Doch dort lag die Miliz im Hinterhalt. Wer weiß, für wen sich dieser Bursche hielt, welche Bilder im Rauch des Vergessens aufstiegen, der offenbar seinen ungestümen Kopf erfüllte. Auf den Befehl der Milizionäre, stehen zu bleiben, riss er die Granatenattrappe hervor… Die einer echten sehr ähnlich sah. Und

ein Schuss kracht, die Kugel fliegt,

mein Freundchen tot im Unkraut liegt.

Ich meine meinen zweirädrigen Freund. Seine Spur verlor sich irgendwo inmitten der unübersehbaren burjatischen Steppen. Die herrlichen Reflektoren pickten die Krähen heraus, der von Regen gewaschene Rahmen rostete durch, im geplatzten Schlauch siedelte sich eine Schlange an. In den stillen Senken, wo vom Himmel — ins versengte Gras — und zurück — langsam, mit einem seltsamen Rascheln und Zirpen (als sortiere sie die an den Wurzeln verstreuten Uhrenzahnräder, irgendwelche allerfeinsten Mechanismen der Zeit) eine durchsichtige Schlange hinüberkriecht und in der Hitze gläserner Schuppen bräunliche Ringe windet.

* * *

Mitten im Sommer reisen Marina und ich durch die grenzenlose Oka-Aue und beobachten die Spuren des einst hier gelegenen Paradiesgartens, den die uralte Oka, der Ozean, umschloss. Doch dann wirft der August seinen goldenen Blinker aus… Die Eisenbahnangelschnur der Transsib summt, wickelt sich auf die Spinnrolle, zieht mich wie eine gefangene Äsche in mein heimatliches Ulan-Ude. Wieder einmal breche ich zu einer einsamen Wanderung an die Ufer des Baikal auf, auf der Suche nach geheimnisvollen »Uhrensteinen«. Mein Vater und seine Freunde, erfahrene Wanderveteranen, überprüfen meine Ausrüstung, geben mir so etwas wie »Weisungen für den Jäger, der den Wald betritt« — aus dem schöpferisch umgedeuteten, den örtlichen Verhältnissen angepassten Erbe Nikolai Roerichs. Gemeinsam mit ihnen trinke ich den Tee meiner Heimat und Erinnerungen an die Kindheit, als ich Listen der für eine Reise nötigen Dinge zusammenstellte: »Messer, Streichhölzer, Taschenlampe, Tee, Zwieback«, Karten irgendeiner unbekannten Gegend zeichnete. (Ein wirres Durcheinander von Farbflecken, gewundenen Linien — das sind sumpfige Niederungen, vielleibige Gebirgsausläufer, reißende Flüsse. Sie umgaben das Zauberland, das in meiner Vorstellung bestand und in das ich unbedingt gelangen wollte.) Meine Väter und Kommandeure, Anhänger des organisierten Wanderns, haben am eigenen Leib erfahren, dass die rauen Baikalelemente selbst auf einer bis ins Kleinste geplanten und nach Stunden eingeteilten Route eine solche pampero bereithalten, nach der man nur noch den höheren Mächten und dem Rettungsdienst danken kann, wenn es gelingt, ohne Zwischenfälle aus dem »unbesiedelten Gebiet« herauszukommen. (Pampero bedeutet auf Spanisch »Wind aus der Pampa«. Das ist eine unter Wanderern gebräuchliche — ausgerechnet in Burjatien, warum auch immer — gefühlsbetonte Beschreibung entsetzlicher Naturzustände, die mit einer Fortsetzung der Wanderung — oder gar mit dem Leben — unvereinbar sind.) Deshalb stehen sie meinem Herumstreunen irgendwo auf der Suche nach, wie sie sagen, »grünen Männchen« skeptisch gegenüber. Das könnte mich zu weit führen!

Aber was soll man mit mir machen? In den Köpfen geborener Reisender ist eine besondere Navigation angelegt, gleichsam ein Blick aus der Vogelperspektive… Das ist die Erinnerung an Luftwege, deren gestrichelte Linien vor Urzeiten über urwüchsige Weiten gezogen wurden, in die als Erste jene kamen, von denen das Geschlecht der Wanderer abstammt. Deshalb sagt man ja, »eine Karte lesen können« — das heißt, räumliches Vorstellungsvermögen besitzen.

Der Bus startet um sieben Uhr morgens. Um sechs stehe ich auf der Schwelle unserer Wohnung, der Rucksack ist bis über meinen Kopf beladen. Mein Vater stößt mich an die Schulter: »Los!« Ich stürze mich als Fallschirmspringer hinaus, fliege über die Weiten Burjatiens. Ja, ich habe diese Gegend auf Satellitenkarten studiert und noch früher auf gewöhnlichen geografischen Karten, auf Wanderskizzen. Doch es gibt einen mythologischen Urgrund, einen hinter der sichtbaren Landschaft verborgenen Subtext… (wie Marina in einem Gedicht schreibt, so scheint durchs Wasser im Sonnenglanz der goldene Grund hindurch)… Deshalb sind die im Verborgenen bewahrten Wölbungen der Höhenzüge wiederzuerkennen, der grüne Dunst der Kuppen, die bernsteinfarbenen Medaillons der Seen, die Malachitadern der Flüsse. Die Winde wirbeln mich herum, ich bin ins kochende Wasser des Baikal geworfen! Die Rolle meiner Spinnangel knattert, die Schnur ist gespannt, silberne Blitze der aus der Tiefe gerissenen Äschen zeichnen augenblickliche Zeichen. Was für ein Code einstigen unermesslichen Glücks ist darin verschlüsselt? Von einem Zeichen zum anderen, von Feuer zu Feuer, welches Land sucht der Reisende, welchen Eingang in ein geheimes Tal? Warum flammt, sobald man ein Feuer entzündet hat, nach einer Weile plötzlich im Schwarz der umgebenden Nacht ein ferner Feuerpunkt auf, flackert am anderen Ufer… Vielleicht reicht diese Feuerkette ununterbrochen bis zu jenem Feuer, das der erste Wanderer entzündete? Der kannte jenes Land, wo wachsame Hirsche aus dem Dickicht an die Flussufer treten, die Seen voller Fische sind, auf dem Gefieder eines breitflügeligen Vogels, der über dem Wasserspiegel schwebt, goLD UND bLAU spielen.

Ich aber ziehe den Faden meiner Route auf die Hänge der Gebirgsketten, auf die weiten ebenen Flächen der Hochplateaus. Wenn die Berechnungen stimmen, alles glücklich zusammenkommt — dann habe ich vielleicht das Glück, »Uhrensteine« zu finden. In diesen von unbekannten Zeitmessern geschaffenen Anlagen (megalithischen Typs) waren die aufgestellten Steine meiner Ansicht nach ebenso wie in einem heute üblichen Uhrwerk — in einer Armbanduhr zum Beispiel — dazu bestimmt, den zerstörerischen Gang der Zeiten auf sich zu nehmen, die Genauigkeit und Gleichmäßigkeit des Zeitschritts zu gewährleisten. Heute sind die »Uhrensteine« fast abgerieben, von Wind und Erosion zerstört, in einen Schlaf ohne Erwachen versunken. In die Erde eingewachsen, von Gräsern umwunden, im Unterholz verborgen. Und die heutigen Zeiten kann man, das muss man sagen, nicht stabil nennen.

Ich fotografiere die Funde von den umliegenden Erhebungen aus, klettere auf hohe Bäume, baue aus Stangen ein riesiges Dreibeinstativ oder verwende auch einen Heliumballon und eine automatische Kamera. Dann bearbeite ich den ganzen Winter, bis zum Beginn der nächsten Saison, das gesammelte Material. Mit der riesigen Menge werde ich nicht fertig, es fehlt mir an Kenntnissen, die Leute vom Klub »Geopoisk« in Nowosibirsk, mit denen ich korrespondiere, helfen mir. In den natürlich nur angedeuteten geometrischen Figuren aus meinen Steinen lässt sich eine entfernte Ähnlichkeit mit chinesischen Schriftzeichen erkennen. Das ist eine der Theorien, nach der die Zeichen »rju«, »dschia«, »Schen«, »jo«, »jün«, »dschi«, »mu«, »feng«, »tian«, »guo« — jene, die ich entschlüsseln konnte — mit einem bestimmten Gesichtsausdruck und bestimmten Frisuren der mehr als achttausend Krieger der sogenannten Terrakotta-Armee bei den Ausgrabungen nahe Suan zusammenhängen.

Unsere Reisen wie auch meine Forschungen erfordern fantastische Ausgaben! Wo findet man zusätzliche Arbeit, die man aus der Ferne erledigen kann und dabei ordentlich verdient?

Einen Winter lang, der mir endlos vorkam, musste ich Frauenromane redigieren.

Ihr Strom in den Verlag, in dem unsere »Schnapsglasgenossin« und »Pralinengenossin« vom Literaturinstitut eine Stelle gefunden hatte, war unerschöpflich. Sobald einer Bewohnerin irgendeines Medweschjegonsk, Lissjenorsk oder Bobrowosaprudinsk der glückliche Gedanke kam, der Welt von ihren Erlebnissen zu berichten, flog der Engel des indischen Kinos zu ihr und goss einen Löffel »Zauberrausch« (oder »Hexentrank«) in ihr »Originalrezept«. Und schon — war der »Roman« fertig. Darin landet eine arme und unscheinbare (das ist am Anfang, näher zur Mitte verwandelt sie sich in ein »zartes blondes Geschöpf«) wissenschaftliche Mitarbeiterin (Ärztin, Ermittlerin) »durch den Willen des Schicksals«: a) in Moskau; b) in einem »kleinen gemütlichen Städtchen, irgendwo an der Küste verloren«. Ihr widerfahren unglaubliche Dinge, deren Ursache ein »großer, breitschultriger Blonder mit blauen Augen« ist, der »mit sicherem Schritt auf einen schwarzen ›Bentley‹ zugeht«. (Wenn sich die »Küstenvariante« abspielt, geht dieser Typ »am Sandstrand im Spitzenschaum der Brandung«, lächelt »über irgendetwas«, in seinen »großen blauen Augen spiegelt sich der Himmel«.) Manchmal allerdings fällt der verhängnisvolle Held mit »willensstarkem Kinn und Adlerblick« selbst plötzlich wie Schnee vom Himmel in ein unbedeutendes Forschungsinstitut, eine gottverlassene Poliklinik, ein heruntergekommenes Bezirksrevier. Er überprüft sofort »in der Datenbank« die mit der Mafia verwachsenen örtlichen Beamten, fegt sie aus dem Weg. Vereitelt böse Machenschaften, entwirrt Intrigen. Nachdem sie in den »finsteren Tiefen« ihrer »zerbrechlichen Psyche« »unmenschliche Qualen« erlitten hat, entschließt sich die Heldin endlich, sich ihm hinzugeben. »Vor Leidenschaft brennend fällt sie in seine Arme.«

Es wäre schön, wenn sie danach einschliefen, Kinder bekämen, vernünftig würden. Von wegen! Im nächsten Manuskript stößt derselbe »breitschultrige« Gollem auf tönernen Füßen (oder vielleicht der Lehmkerl, wenn man sich an russische Märchen hält) »zufällig« mit der Heldin in einem »luxuriösen Büro« zusammen. Oder »zu seinen Füßen plätscherte das Meer«, »der Wind liebkoste seine goldenen Locken«.

»Er ist herrlich gebaut, wie Apollon, dachte sie und spielte gedankenverloren mit einer Strähne ihres blonden Haars. Ihr Busen hob und senkte sich stürmisch.«

»Und die Jahre jagen wie ein Ross.«

»Zeit, du böser Henker!«

In diesen aus weiblichen Vorstellungen »im Allgemeinen« von allem Möglichen zusammengeklebten Texten versuchte ich nichts zu ändern, sei es das Rezept für »Caesar«-Salat oder der Aufbau des Universums. Doch diese Figur, die stets »ein undeutliches Gefühl von etwas Freudigem hinterlässt«, wo kam sie her? War sie etwa schon »in einem ausgezeichnet sitzenden Anzug, der alle männlichen Wölbungen seiner muskulösen Gestalt betonte« geboren worden, saß sofort am Tisch eines »schicken Büros«, eines »schicken Restaurants«, am Steuer eines »schicken ausländischen Wagens«? Wie sollte man sie ohne Vergangenheit in die Welt entlassen, ohne Schicksal, ohne Mama und Papa schließlich? Ich musste reale Züge hinzufügen, Begebenheiten aus ihrem Leben erfinden, Eltern, Kindheitseindrücke, Freunde vom Hof erwähnen. Willentlich oder unwillentlich übertrug ich meine persönlichen Eigenschaften auf sie, stattete sie mit meiner Geschichte aus.

Und der Winter dauerte und dauerte. Aus irgendeinem Grund war ich ständig krank. Die von meinen erfahrenen Wanderern erteilten Gebote, die ich befolgte: den ganzen Winter Fahrrad fahren, Gymnastik im Garten, Abkochungen heilsamer Kräuter —, alles erwies sich als machtlos gegen eine plötzliche Erkältung, eine besonders heimtückische Grippe, hartnäckige Wehwehchen. Immer wieder saß ich zu Hause und nahm folglich noch mehr Lektoratsarbeit an, worüber ich mich anfangs sogar freute. Doch umso schneller verließen mich die Abwehrkräfte, meine Immunität »löste sich vollständig auf«, offenbar in den kalten »blauen Augen« der tönernen Götzen, denen ich mein Leben, meine Vergangenheit, mein Schicksal hingab. Die mehr als achttausend Terrakottakrieger, über die ich nachdachte — mit ihnen war Kaiser Qin Shihuangdi (210–209 v. Chr.) zur Reise ins Jenseits aufgebrochen (das waren Bogenschützen, Fußsoldaten und Reiter, jeder hatte seine einzigartigen Besonderheiten und einen besonderen Gesichtsausdruck) —, verwandelten sich auf seltsame Weise bei einer krankhaften »Schmelztemperatur«… Wurden plötzlich zu glasurglänzenden, bunt bemalten Schönlingen! Groß und schlank, breitschultrig, goldlockig, blauäugig. Sie marschierten durch meinen Fieberwahn, bereit, mich einzukreisen und zu zermalmen, in den Staub zu treten.

Ich zerschlug ihnen die Köpfe mit einem Hammer, jagte sie durch das Dickicht der Sinnlosigkeit, über Seiten und Absätze, mit dem Lektorenbleistift, den ich mir als Machete oder gar als Kettensäge vorstellte. Strich erbarmungslos, riss das Unkraut mit der Wurzel aus, hieb ganze Stücke heraus.

Aber welche Tragweite hatte es, dass ich in zehn Manuskripten Korrekturen vorgenommen hatte? Dieser Prachtkerl hat neun bis hundert Leben, er eroberte weiter Frauenherzen, lächelte »breit und offen« von bunten Umschlägen in überfüllten Vorortzügen des Moskauer Umlands, in vollgestopften Metrowagen. Mädchen und Frauen gaben sich ihm hin, vergaßen sich in seinen illusorischen und erdachten Umarmungen.

Sollen diese Büchlein doch sein, wenn sie jemandem auch nur ein kleines Glücksgefühl geben! Aber wenn diese Lektüre zur Grundlage wird, wenn sie einen überschwemmt — besonders von den Fernsehschirmen her?! Mit Vorstellungen von allem Möglichen »im Allgemeinen« (außer natürlich vom konkreten eigenen Vorteil) stiehlt ein General Millionen aus der Staatskasse. Jagt er sich, entlarvt und entehrt, eine Kugel aus seiner Dienstpistole in die Stirn, solange man sie ihm noch nicht abgenommen hat? Nein! »Grinst verschmitzt unter dem Schnurrbart«… »Nun, Sie verstehen doch. Durch den Willen des Schicksals bin ich in Moskau gelandet. Mir sind unglaubliche Dinge widerfahren!«

Ich wurde davon nur krank, außerstande, irgendetwas zu ändern. Dann ergab sich eine schwere Arbeit für mich — Ausstellungen gestalten und aufbauen, die Bezahlung war gut. Da war keine Zeit mehr, herumzuliegen und zu Hause herumzusitzen.

Bis zum Sommer hatten wir Geld für Reisen. Doch Marina hatte erst im August Urlaub. Wie wir beschlossen hatten, fuhr ich im Juli an den Baikal, ging meine Route ab. Bei jeder Wanderung ist schwer zu sagen, ob sie gelungen ist oder nicht. Einiges gelingt wie geplant, anderes muss man unterwegs den Umständen entsprechend ändern.

Dann kehrte ich nach Moskau zurück. Der August loderte mit aller Macht, wir fuhren nach Dserschinsk an der Oka, Marinas Heimatstadt. Und wieder — unser Weg an die Ufer der Kljasma. In der Gegend von Seima, wo sich die Kljasma vor ihrer Mündung in die Oka in zahlreiche Arme aufflicht, in einem Dorf, dessen Häuser so weiträumig und ungeordnet über die Ufer verstreut sind, dass die Bewohner selbst, die am einen Ende und die am anderen — es unterschiedlich nennen, lebt ein alter Bekannter von uns, ein örtlicher Fischer, Lao-Tse. Er hat eine Fischerhütte, verloren im Weidendschungel an einem der Flussarme, und gibt uns ein Schlauchboot. Nicht irgendeinen unlenkbaren Gummiring, sondern ein fünf Meter langes Kanu einer amerikanischen Firma.

Ein Jahr hatten wir ihn nicht gesehen, wie viel Wasser war die Kljasma hinabgeflossen! Über dem kleinen Feuer hängt wie eh und je ein Kessel, darin beginnt »Tee« zu kochen. Natürlich sind geheimnisvolle Wurzeln der Seima hineingeworfen, ihre duftenden und berauschenden Kräuter… Doch aus irgendeinem Grund schien es, als würden darin die Schicksale der Welt gekocht. Trauer und Wut, Gut und Böse. Nach einem Wissen, das nur ihm eigen ist, gibt der Alte das eine wie das andere hinzu, von allem gleich viel.

Er fragte, ob ich die Übungen gut gelernt hätte, an denen wir beim letzten Mal gearbeitet hatten? Das sind einfache Vorbeugen, Rückbeugen, Kniebeugen. Doch man muss sie konzentriert und jeden Tag ausführen, damit sowohl die Atmung als auch die Abfolge stimmen, wenn eine Welle von Schwingungen und Spannungen durch die Muskeln läuft. Und womit konnte ich prahlen? Es ist doch immer so — die Umstände, kein Geld, diese oder jene Arbeit…

Der alte Fischer sagte, ich müsse mir mehr »Knochenauswüchse abschlagen«. Im Laufe des Jahres seien sie mir gewachsen wie irgendeinem »australischen Gürteltier«.

Na ja, gewachsen! Gut, wenn wenigstens die Hälfte dieser »verhornten Stacheln« (unsichtbar für den gewöhnlichen, uneingeweihten Blick) — von den Baikalregen aufgeweicht worden war, wie ich hoffte; sie waren unter der wütenden Sonne auf den glühenden steinigen Schutthalden, die von den Pässen herabflossen, ausgetrocknet und abgefallen; abgerissen im undurchdringlichen Dickicht der Zwergzirbeln, durch das ich mich gekämpft hatte, weil ich keinen Umweg fand. Und auch die Nächte auf der nackten Erde (was zählen da Schaumstoffmatte und Schlafsack), der heiße Schweiß kilometerlanger Gewaltmärsche mit einem Rucksack von der üblichen Schwere (also untragbar). Das Eisbad des Baikal, der Rauch der Feuer.

Abends saßen wir am Feuer, Lao-Tse bewirtete uns mit Fisch vom Rost. In dieser Gegend, so heißt es in wissenschaftlichen Quellen, im sogenannten »ethnogenetischen Kessel von Seima«, vermischten sich in alten Zeiten, im siebzehnten bis sechzehnten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung — die verschiedensten Kulturen »mythischer Völker des Atlantis von Seima«. Hier wurden viele uralte befestigte Siedlungen und Gräberfelder entdeckt, die seit Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts und während der Sowjetzeit von Archäologen erforscht wurden, jetzt aber ist alles aufgegeben. Doch worin liegt der wesentliche Ursprung dieser Orte, wo befinden sich die verborgenen Wohnstätten des Geistes der Kosmistenkrieger? Dieser Stamm tauchte an den Ufern der Oka, die in seiner Weltanschauung der Ozean war, aus unbekannter Richtung auf… Die Wissenschaftler zerbrechen sich über das Rätsel seiner Herkunft den Kopf, doch eine vernünftige Theorie gibt es nicht. Woher kamen die Kosmistenkrieger?

»…Sie durchbohrten mit Blitzen vom Himmel diese Sanddünen und Überschwemmungswiesen«, sagte uns der Alte Säugling (wenn man Lao-Tse aus dem Chinesischen übersetzt). »Die Ankömmlinge hatten sechs Finger«, fuhr er fort. »An der rechten und an der linken Hand war der ›sechste Finger‹ ein ›Schreibgerät‹ — dasselbe wie ein ›Füllfederhalter‹ in unserem Verständnis. Und so, mit beiden Händen gleichzeitig, schrieben sie alle Bücher. Alle — vom Anfang bis zum künftigen Ende der Menschheit. Damals floss auch die Zeit gemächlich wie dieser Fluss, zog sich lange hin, der Tag hatte 36 Stunden, nach heutigem Maß gerechnet. Dann wurde der gesamte Wissensbestand in einem Informationsfeld, einer denkenden Substanz, angesammelt.«

»In was für einem Informationsfeld… Was für eine Substanz?«, fragte ich.

Der Alte holte ein dickes Heft aus seinem Sack und schrieb etwas hinein. Er faltete sorgfältig eine Seite, schnitt sie mit dem Messer ab, reichte sie mir. »Hier. Das erklärt vielleicht etwas.«

Aber wem und was sollte dieses »Fachchinesisch« erklären?! Die Seite war mit Schriftzeichen übersät. Wie sehr ich auch die Stirn runzelte und den »Sinologen« mimte, nicht einmal die mir (sehr entfernt) vertrauten Zeichen »rju«, »dschia«, »schen«, »jo«, »jün«, »dschi«, »mu«, »feng«, »tian«, »guo« konnte ich im Reigen der Zeichen entdecken, die im wechselnden Flackern des Feuers zu tanzen schienen. Na gut. Wenigstens irgendeine Theorie über die Kosmisten würde mir bleiben.

»Und welche Bedeutung hatte das, wie entwickelte sich alles?«, fragte ich aufgeregt.

Der Fischer stocherte in der Glut, schob sie unter den Rost zusammen, damit die Flanken der goldenen Fische bräunten. Wir tranken mit ihm Wodka aus Plastikbechern, während Marina an ihrem Rotwein nippte.

»Alles, was heute geschrieben wird, ist eine metaphysische Projektion von Texten, die es irgendwann schon einmal gegeben hat«, erklärte er. »Durch das ontologische Gedächtnis, durch die Vorstellungskraft, durch mehr oder weniger aufgefangene Energien und Schwingungen werden die Texte aufs Neue hervorgebracht.«

»Und die Bibel, haben sie die auch geschrieben?«

»Nein. Die Bibel ist eine selbstorganisierte Energiequelle, die das Licht des entfalteten Geistes darstellt, der durch die innere Informationshülle des Schöpfers oder den Eintrittspunkt in die neu erschaffene Welt gegangen ist. Dieses Licht, von der äußeren Informationshülle reflektiert und nun eine Art Wissen um das Gesetz der Welterschaffung unter Wahrung des Ähnlichkeitsprinzips der eingefalteten und entfalteten Informationshüllen darstellend, wurde zurück in den Entfaltungspunkt (oder nunmehr den Montagepunkt) des Schöpfers reflektiert.«

Wie verkopft das alles war! Aus der regelrechten Vorlesung, die er uns hielt, folgte, soweit wir verstanden, dass alle großen Kunstwerke bereits geschaffen waren, übrig blieb jene wenig bedeutende »Schwebemasse«, die jetzt noch zu Ende geschrieben wird. Das bestätigt die eschatologische Lehre vom Ende der Zeiten. Und nach Ansicht vieler Lehrer, die der Menschheit ihre geistigen Erkenntnisse hinterließen, ist das Ende schon nahe. Die Frage ist, wann der allerletzte Text geschrieben — das heißt wiedererschaffen — sein wird.

Am frühen Morgen legten wir auf dem silbern schimmernden Fluss in unserem roten Kanu von der Station unseres tiefsinnigen Freundes ab. Die Strömung zog uns in den brodelnden Kosmos des Kessels von Seima, durchsichtige Fäden zogen uns an, wir wurden in einen Kokon eingesponnen aus dem Zittern gläserner Libellenflügel, die augenblickliche Buntglasfenster aufleuchten ließen, aus vorbeihuschenden Schwalben, die schnelle Linien in die Luft zeichneten. In den Flussarmen, die sich endlos verzweigten, die Inseln umflossen, sich zu Seen und Altarmen ausbreiteten, standen auf dem Grund die Kosmistenkrieger, Wächter des verschwundenen Atlantis. Im grünlichen Dämmer der Tiefen wogten ihre langen offenen Grashaare. Smaragdgrüne und graue — die der Männer, rote und goldene — die der kosmischen Frauen. Manche Krieger, Gefallene — schwarze Stämme, vielarmiges Wurzelholz —, hatten sich in den Sand gebohrt.

In den Leitungen, die von schiefen Telegrafenmasten tief über dem Wasser durchhingen, hielt das Summen an — die Rücklaufspur drohender Depeschen, die aus dem einstigen »Zentrum« an ehemalige Direktoren in die Lethe versunkener Kolchosen geschickt worden waren. Aus den klaffenden Öffnungen der Fischerhütten, die wie Nester an die Steilufer geklebt waren, blies der Wind das klagende Heulen der haufenweise aufgetürmten Wodkaflaschen… ein Totenlied für jene, die das Gebräu ertränkt hatte… (Denn nicht selten begegnete man schiefen, mal aus Rohren geschweißten, mal aus Brettern zusammengenagelten kleinen Pyramiden mit einem Sternchen, geneigten Kreuzen.) Die Häuschen der Fährstellen waren niedergebrannt wie bei einem Rückzug; von den Brücken blieben nur Pfeiler, die wie das versteinerte Gebiss eines Drachen emporragten… der offenbar über dieses verstoßene Land geflogen war und es entvölkert hatte.

Man hätte sich beim Umherirren in den Fluss-, Wiesen- und Sumpfweiten verlieren können… Wenn nicht die vom Alten gegebenen Wegmarken gewesen wären, mit Strichen, schnell wie ein Schwalbenflug, auf einer selbstgezeichneten Skizze vermerkt. Von dem auf dem Grund dunkelnden versunkenen Lastkahn aus steuerten wir weiter, in Erwartung eines verschlammten Lastwagens. Dann einer auf der Seite liegenden, in zwei zigarrenförmige Hälften zerbrochenen »Raketa«. Das Messing eines mitten in den Fluss geworfenen Pionierhorns glänzte, blasse Lichtreflexe spielten auf den Gipsfiguren von Mädchen, ohne Arme und ohne Ruder, die aus den verschlungenen Dickichten hervortraten.

Der Tag zog sich endlos hin. Wohl 30 Stunden waren vergangen… Die Sonne begann sich erst zum Horizont zu neigen. Marina legte sich auf den Bug des Kanus, bedeckte die Schultern mit einem Indianertuch, damit die Sonne nicht brannte, und machte mit ausgebreiteten Armen Ruderschläge, als schlüge sie mit Flügeln… Unser Boot verwandelte sich in einen Vogel! Ich lenkte die Bewegung, indem ich das Paddel rechts und links eintauchte (auf Indianerart, wie ich natürlich glaubte). Die Schatten wuchsen, sättigten sich mit der schneidenden Feuchtigkeit, die vom Wasser herüberwehte. Der Fluss stieg in den Himmel auf… Mit flimmerndem Gekräusel, der gemusterten Haut der Weltschlange, der Ahnin kosmogonischer und solarer Mythen, die den Himmelskreis umfasst, alle Flüsse vereint.

— Soll ich dir eine Geschichte erzählen? — fragte ich. — Na, über einen Wanderer…

— Was denn noch für eine Geschichte? — erwiderte Marina. — Wieder ist »ein Wanderer« an den Baikal gefahren, ja? Ihm ist etwas Unglaubliches widerfahren!

— Ja. Aber das war doch… Na, einfach ein Wanderer. Egal.

— Ach, mein Herz sagt mir schon, das alles hat kein gutes Ende genommen! Na, erzähl.

— Ja, der Wanderer stieg auf ein Hochplateau des Swjatoi-Nos-Gebirges, auf der Halbinsel Swjatoi Nos. Doch die Route in diesem Gebiet konnte er nicht bewältigen. Es blieb ihm, ans Ufer der Tschiwyrkuibucht hinabzusteigen, zum nördlichen Kopfende zu gehen. Der Reisende hatte es eilig und sorgte sich, ob er rechtzeitig ankommen würde, ob der Aufstieg im nördlichen Teil des Gebirges gelingen würde? Erst bei Dunkelheit kam er in eine Bucht, schlug sein Zelt auf. Dieser Ort war weitläufig: Die Gebirgskette öffnete sich zu einem stark versumpften Tal, bewachsen mit Schilf, Strauchwerk, Zwergbirken — im Dickicht verlor sich das gewundene Flussbett. Ein weiter Bogen aus Sanddüne mit Kiefernwald trennte als Barriere die sumpfige Niederung ab und senkte sich sanft zur Uferlinie in einem ebenen, grauen, aschfarben angehauchten Strand. Hier gab es oft viele Urlauber, solche, die mit Motorbooten hergebracht wurden oder eigene Boote hatten, sie lagerten hier und fuhren zum Angeln in die Bucht hinaus. Doch in den letzten vier Tagen war das Wetter unbeständig gewesen, ab Mittag kam Wind auf, zog Wolken heran, gegen Abend nieselte es. Auf der Sandnehrung war es fast leer, nur in der Ferne brannte ein Feuer, Stimmen waren zu hören — nur eine einzige Gruppe hatte sich niedergelassen, vielleicht gab es weiter hinten noch andere Lagerplätze.

Vom Tag völlig erschöpft, versank der Fußwanderer, kaum in den Schlafsack gekrochen, wie eine Axt in den schwarzen Tiefen des Schlafs. Oder er träumte, er schlüge sich durch schwarzes Dickicht, schwinge die Axt, schlage Zweige und Stängel ab, die ihn zu erwürgen drohten… Erwachte für einen Augenblick, spürte das Plätschern der Wellen, das Rauschen der Kiefernkronen. Und irgendeine unerbittliche Bewegung der Nacht, den Strom der Sterne, durch die halb geöffnete Zeltbahn sichtbar. Das alles ist sehr beunruhigend, wenn man unter freiem Himmel übernachtet. Der Himmel öffnet sich immer weiter, als zöge jemand den Schieber eines »Reißverschlusses«.

Die ersten Strahlen hinter dem fernen Zug des Bargusingebirges streckten lange Tasten goldener, zitronengelber, gelber, ockerfarbener Schattierungen aus. Der Wind vom Swjatoi-Nos-Gebirge, aus dem Tal zwischen den Ausläufern, lief als leichtes Vorspiel vorüber. Und die wachsende Orgelgewalt, der Atem der Bucht, der Baikalweiten vom Norden her. Der Gesamtklang des Himmelsblaus, das am Horizont in den Wasserbogen überging. Dunkles Grün in der Ferne — am Ufer gläserne Durchsichtigkeit, die den Widerschein des Sandgrundes brach, hier rötlich, dort grau, ascheähnlich. Nebeldunst wand sich zu Zöpfen, verflocht sich mit dem tiefen Schatten unter den Kiefern.

Dieser Zustand, wenn die Zeit ihren Schritt noch nicht begonnen hat, dauert einen kurzen Augenblick, die Uhrensteine im Inneren des Reisenden — und in der umgebenden Welt — befinden sich im Gleichgewicht. In diesen Augenblicken gibt es kein Grübeln und Zweifeln, keine Angst vor dem Eisbad — er stürzte sich sofort splitternackt in die Tschiwyrkuibucht! Zerschlug das Sonnenaufleuchten, das gotische Buntglasfenster. Purpur und Gold, das Zittern des Mantels der Unterwassergräser. Er schwamm über die chaotische Palette von Farbflecken, über Sandkämme, stellte sich vor, unter ihm lägen Gebirgsausläufer, sumpfige Niederungen, gewundene Flüsse. Das erinnerte an geologische Karten, auf denen Gesteine der Jura- und Kreidezeit, mesozoische Intrusionen, paläogene und neogene Schichten, quartäre Böden verzeichnet sind… Der Wanderer zog sich die Tschiwyrkuibucht an. Die ganze Wölbung der Sajan-Baikal-Aufwölbung, die Gebirgsumrahmung des Baikal. Den Himmel, den Kiefernwald, die Düne, den Strand. Ja, er war wie neugeboren! Kam ans Ufer, stampfte mit dem Fuß auf und prüfte die Festigkeit der tektonischen Baikalplattform. (Nach manchen Quellen entfernen sich die Baikalufer mit einer Geschwindigkeit von 2 Zentimetern im Jahr voneinander. Er bemerkte das zum Glück nicht.) Hackte mit der Axt, zertrennte Äste, warf sie ins rauchende Feuerchen. Als es aufflammte, leckte das Feuer mit seinen Flammen am schwarzen Kessel mit dem Teewasser.

Auf dem Sandstreifen direkt am Wasser ging jemand… Na, irgendein Kerl. Mit seinen eigenen Dingen beschäftigt, achtete der Wanderer nicht darauf. Bereitete Frühstück zu, rollte das Zelt zusammen, packte seine Sachen. Doch etwas hatte sich unmerklich verändert. Als er den »Reißverschluss« am Rucksack zuzischen ließ… öffnete sich irgendein »Verschluss«, ließ Unruhe herein… Nein, nichts Besonderes. Vielleicht dieser Kerl? Er ging einfach spazieren, gemächlich und entspannt. Der Reisende sah genauer hin. Er ging ja »am Sandstrand im Spitzenschaum der Brandung«! Und tatsächlich, er »lächelte über irgendetwas«. Seine Augen waren, soweit man erkennen konnte, wirklich »groß und blau«… »Spiegelte« sich etwa der Himmel darin? Dazu »liebkoste der Wind seine goldenen Locken«!

»Das kann nicht sein, das ist irgendein Lektoratsfehler!« Den Wanderer wehte die Finsternis des Winters an… Krankheit, Verzweiflung. Er hätte doch nicht denken können! Oder genauer, er hatte geglaubt, all das, was in Frauenromanen beschrieben wurde, seien unerfüllte Frauenträume »von einer starken männlichen Schulter« (und unbedingt musste diese Schulter einem »Blonden mit blauen Augen« gehören, dazu märchenhaft reich, Direktor einer internationalen Holding, darunter ging es keinesfalls). Wirklich… und »die Jahre jagen wie ein Ross«? Und die Zeit — ein »böser Henker«? Vielleicht war einer der Krieger Kaiser Qin Shihuangdis aus dem Jenseits entkommen, hatte sich in einen Schönling verwandelt? Unglaubhaft hochglänzend, mit Glasur übergossen, bunt bemalt. Aber solche gibt es in der Natur nicht, das ist einfach ein wandelndes literarisches Klischee! Also war es irgendwo übersehen, nicht zu Ende korrigiert worden?!

Na gut, soll er dort spazieren gehen, im »besiedelten Gebiet«. Wo ein General schon kein General mehr ist. Ein Patriarch — kein Patriarch. Ein Präsident — kein Präsident. Aber er hatte es bis zum Baikal geschafft, so würde er alles auffressen, was der Fußwanderer besaß. Die Baikalgranite, Granodiorite, Diabase, Porphyrite, Porphyre. Was bliebe dann, das Wichtigste im Leben… Wenn das Messer stumpf würde, die Streichhölzer feucht, das Glühwürmchen der Taschenlampe stürbe, der Tee zu Staub zerfiele, der Zwieback verschimmelte?

Der Kerl ging vorbei, blickte durch den Wanderer hindurch. Auf den »schön gezeichneten Lippen« des Ankömmlings spielte ein Lächeln der Geistlosigkeit. Das Blau der »großen Augen« schimmerte leer. Der Wanderer zog die Axt aus dem Hackklotz. Die Welt ist noch fest, die Axt schwer. Das warme Holz des bequemen Griffs, der Glanz der geschärften Schneide. Gott sei Dank keine Vorstellung »im Allgemeinen« von irgendeiner Axt.

Er holte diese Figur ein und redigierte sie.

— …So eine »Pampera« war das, — beendete ich seufzend meine Erzählung. Sie hatte viele Dimensionen: die Strömung aller Windungen, Verbindungsarme, Nebenarme der kosmischen Aue; die Bewegung geheimnisvoller Fische in der Tiefe; den gemessenen Schritt der einer neuen Zeitrechnung nach dem Ende der Zeiten entgegengehenden Unterwasserkrieger mit smaragdgrünem und grauem — ihrer Frauen mit rotem und goldenem — offenem Haar. Die Vielstimmigkeit des vom Boot durchschnittenen Wassers, das Platschen des Paddels — und das Fallen der von der Sonne durchleuchteten, rotweinähnlichen Tropfen, das Streifen der Schwalben, die graue Masse der Mücken, die in Kugeln vom Ufer heranrollte, uns als summende Wolke bedeckte, doch vom Wind fortgetragen wurde, als vom Atem des Flusskönigs. Der Fluss atmete, seine Muskeln spannten sich, auf ihnen lief ein Zittern in Wellen auf und nieder. Wie viele gespiegelte Sterne, verglühte Sonnenuntergänge, verrauschte Regen, eisige Erstarrung und wildes Hochwasser trug er! Das Hufgetrappel berittener Trupps, die sich auf der Flucht vor Verfolgern in seine Fluten stürzten; die dunklen Heuschreckenschwärme fremder Eroberer, die ihn durchwateten; die Schreie der Krieger im Kampfeseifer, das Klirren der Schwerter, das Stöhnen der Sterbenden. Die heranrückende Finsternis der Geschichte aus den Schwärze ausströmenden Dickichten, die durchgehenden Löcher der Zeiten aus den sich öffnenden Flussarmen. Man konnte sich vorstellen, wie die langen Streifen auf dem Wasser, blutig gefärbt vom Sonnenuntergang der Vergangenheit, des Gewesenen — in die Oka, in die Wolga, in den Weltozean fließen.

»Aber wo sind in diesen Strömen die sogenannten Muster des Kommenden?«, fragte ich mich. »Denn ausgehend von den Postulaten der sich heute entwickelnden postnichtklassischen Wissenschaft… (und dazu gehören die Unumkehrbarkeit evolutionärer Prozesse, der Bifurkationscharakter der Evolution, die Dynamik der Struktur sich selbst entwickelnder Systeme, ein neues Verständnis der Zukunft)… existieren diese Muster bereits heute. Die Zukunft beeinflusst den gegenwärtigen Prozess. Und diese strömenden Wasser. In welche Zukunft fahren wir auf diesem Fluss? Zum Himmel aufsteigend, der Milchstraße folgend… Kehren wir wieder zu den Quellen zurück?«

Meine Überlegungen wurden von einer Frage Marinas unterbrochen:

— Und was war mit diesem Wanderer… Wie hat er das überstanden?

— Na, er hat es eben überstanden. Das ist nicht das Entscheidende! Er muss ja weitergehen, weiß der Teufel wohin, den nördlichen Teil des Gebirges hinaufklettern. In die Wildnis, in die Einöde. Und wenn dort etwas passiert — keine lebende Seele wird ihn retten, ihm helfen. Er kann nur auf sich selbst hoffen.

— Aber wozu überall herumstreunen? Wie oft man dich gewarnt hat, und ich habe dich doch gebeten… Ich kann nicht mehr! — rief Marina aufgebracht.

— Nein, natürlich nicht herumstreunen… Das sind Forschungen auf wissenschaftlicher Grundlage. Na gut, vergessen wir’s. Aber die »Erscheinung«, der er begegnete, könnte irgendein Zeichen gewesen sein. Eine Warnung. Der Weg ist versperrt, es wird kein Glück geben, kehr um!

— Dann wäre er doch umgekehrt! Muss man das Schicksal unbedingt herausfordern?!

— Das ist das Schlimmste! Nicht herausfordern, sondern alles Entsetzliche, was passieren kann, im Kopf durchkauen. Er begann, an den Tod zu denken. Und wäre beinahe Woody Allen geworden!

— Mein Gott! Was hat Woody Allen damit zu tun?!

— Als ich in die Vielfalt der Flussströmungen blickte, erinnerte ich mich daran, dass Che Guevara seinerzeit, noch ein völlig unbekannter Student, auf dem großen Amazonas reiste. Und ihn sogar durchschwamm! Erinnerst du dich, das wird in »Die Reise des jungen Che« von Regisseur Walter Salles geschildert, dem Film von 2004?

— Na, meinetwegen. Was ist denn da der Zusammenhang?

— Beachte, Woody Allen macht in »Match Point«, 2005, eine Fußnote. Chris und seine Frau Chloe gehen mit Freunden ins Kino, ausgerechnet in diese »Reise …«. Ray Bradbury hat unterdessen einmal gesagt: »Wenn die Menschen Tag und Nacht an den Tod dächten, würden sie zu Woody Allens werden.« Und dieser Wanderer … Er begann an allem zu zweifeln! War der Weg richtig gewählt, würden die Kräfte reichen, musste man überhaupt dorthin gehen? Das ist doch — das Ende! Die Gedanken des Wanderers überhitzen sich, der »Wärmetod« tritt ein. (Ich meinte den Begriff »Wärmetod des Universums« als Endzustand jedes geschlossenen thermodynamischen Systems. Diese Schlussfolgerung formulierte Rudolf Clausius 1865 auf Grundlage des zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik. Dem zweiten Hauptsatz zufolge strebt jedes physikalische System, das mit anderen Systemen keine Energie austauscht, dem wahrscheinlichsten Gleichgewichtszustand mit maximaler Entropie zu.)

— Der Fußgänger war zermürbt, — fuhr ich fort. Ich machte ein paar Paddelschläge, damit wir nicht ans Ufer getrieben wurden. — Alles schien anders als zuvor. Der Rucksack war verkehrt, der Wind beunruhigend. Der Tee schmeckte irgendwie nach Moder, der Zwieback war wohl verschimmelt. Er lief umher, packte den Rucksack um, band die Schnürsenkel seiner Stiefel neu. Fing an, das Messer zu schärfen, betrachtete zum hundertsten Mal die Karte. Und da plötzlich …

— Was heißt hier noch »plötzlich«? Was ist denn jetzt schon wieder passiert?!

Marina machte eine heftige Bewegung, als sie sich umdrehte.

— Oho … Bring unser Boot nicht zum Schaukeln! Alles in Ordnung. — Ich glich die bedenklich wirkende Schräglage rechtzeitig aus. — Nichts Besonderes. Irgendwo hoch am Himmel flog ein unbekannter Vogel mit breiten Schwingen vorüber. Es war ein Gefühl … Einer gemeinsamen Bewegung, eines Fluges, einer Richtung. Er strebte dem nördlichen Teil des Gebirgszuges zu. Und ließ eine Feder fallen. Langsam kreisend sank die Feder ganz in der Nähe nieder. Mit goldenem Schimmer, auf der Unterseite blau. Der Wanderer packte rasch zusammen, lud sich den Rucksack auf, steckte das geladene »Jägersignal« griffbereit in die Tasche. Na, um die Bärchen zu erschrecken, das eine oder andere, falls sie ihm auf dem Pfad begegneten …

— Ich hab’s doch gewusst! Die Bären dort fassen sich doch bei den Tatzen und tanzen einen Reigen um die Vollidioten, die sich allein dorthin verirrt haben!!

…Ach, mit den Zottelpelzen hatte ich wohl etwas dick aufgetragen! Warum musste ich auch dieses »Jägersignal« erwähnen? (Das ist eine kompakte Signalpistole, die einem »schießenden Füllfederhalter« ähnelt.) Einmal zeigte ich im Gespräch mit einem bekannten Baikalforscher, der viel über die Natur der Baikalregion geschrieben hatte (eine seiner Monografien beginnt mit den Worten: »Herrn der Taiga nennt man den Braunbären …«), meine »Spionagewaffe«. Der erfahrene Naturforscher, der dem Tier mehr als einmal begegnet war — von Angesicht zu Schnauze, buchstäblich —, versicherte mir allen Ernstes, dass der Bär bei einem Schuss daraus Reißaus nehmen würde. Das — sind 51 Prozent. Und die übrigen 49? Unter Stress würde er natürlich losstürmen … Aber geradewegs auf die Gefahrenquelle zu!

— Nein, was für Bären? Wenn es dort welche gibt, haben sie sich längst an gesunden und nahrhaften Köcherfliegen satt gefressen — am Ufer, auf den Steinen. Um diese Zeit ziehen sie die grasbewachsenen Berghänge hinauf und stellen ihre Ernährung auf Dolden- und Hülsenblütler um. Vom Menschen wollen sie nun wirklich nichts wissen. Noch dazu ist er mit Hornwucherungen und Kalkstacheln überwachsen. Das ist doch ein wandelndes Periodensystem von Mendelejew! Trinkt gechlortes Wasser, verschlingt chemische Erzeugnisse … Zusatzstoffe, Pestizide, Nitrate. Wo gibt es die heutzutage nicht! Atmet abgasverseuchte Luft, ist durchtränkt von den tödlichen Strahlen der Computer, aller möglichen elektronischen Geräte. Deshalb zieht er ja in die Wildnis, ins Dickicht, wenigstens für eine oder zwei Wochen, um sich an Taiga und Nebeln sattzuatmen, sich an Quellwasser sattzutrinken.

Der Wanderer pfiff auf all seine Sorgen und Zweifel, schob die lähmende Angst beiseite. Er begab sich auf den Pfad — anfangs ist er am Ufer noch zu erkennen, dann verliert er sich an Steilhängen und Abbrüchen — und stapfte zum nördlichen Kopfende. Er sagte »Fram!«, was auf Norwegisch »Vorwärts!« bedeutet. (So heißt der berühmte Segelmotorschoner, der eigens für die Polarforschung entworfen und gebaut wurde. Auf ihm driftete die Expedition unter Fridtjof Nansen — übrigens gab seine Frau Eva dem Schiff seinen Namen — von 1893 bis 1896 im arktischen Eis. Damals brach der mutige Norweger mit seinem Gefährten Johanson zu einer Schlittenreise zum Nordpol auf, die an Kühnheit und schwersten Prüfungen beispiellos war. Sie konnten die verbliebenen 400 Kilometer nicht zurücklegen und überwinterten auf Franz-Josef-Land. Nach Nansens Rückkehr segelte Roald Amundsen auf der »Fram« in die Antarktis und wurde zum Entdecker des Südpols.)

…Er stieg eine Talmulde hinauf, kletterte auf einen Bergkamm, erstürmte einen Hang. Erreichte die Hochebene, suchte das vorgesehene Gebiet ab. Manche Vermutungen bestätigten sich, andere musste er aufgeben. Und der höchste Punkt des Glücks — das ist, sich an dem geografischen Punkt wiederzufinden, den man auf der Karte angepeilt hat. An dem Punkt, der in der Vorstellung existierte, dem man zustrebte und dabei sowohl die physische Entfernung als auch das metaphysische Grauen überwand. (Denn er sah und wusste nicht, um es mit Nikolai Roerich zu sagen, »…wer die Steinkreise am Waldrand gelegt hat? …und wen das Zeichen an der hohen Kiefer warnt? …wer die Schlucht, in die du geblickt hast, mit Schädeln gefüllt hat?«) Vorahnungen, die Erwartung von etwas Schrecklichem, das »geschehen könnte« oder »plötzlich passiert« … All das schrumpfte zusammen, versiegte, verkroch sich wie eine Schnecke in ihr turbospiralförmiges Gehäuse.

Im Augenblick des Gleichgewichts, der eingetretenen Harmonie, wenn ein Weg vollendet ist — vor Beginn eines neuen —, verspürte der Wanderer eine ungewöhnliche Leichtigkeit. Aufschwung, Begeisterung! Wie in der Kindheit, als es schien, man müsse sich nur abstoßen — und schon würde man losfliegen, sich in die Höhe erheben, in den tiefen Himmel eintauchen. Dieses Glück — ein Planet aus glühenden Steinen, sonnengewärmten Gräsern. Vom Moos braune Geröllfelder, dunkle Horste von Krummholzkiefern. Der Atem der heißen Erde, der uralte Kehlgesang des Windes, gestimmt auf schwingenden Äderchen, die den Träumen der Heuschrecken entnommen sind. Im Osten zeichnen die gezackten kahlen Gipfel des Bargusingebirges den Horizont nach. Unermessliche Weite erhob sich über der Tschiwyrkuibucht, die Wasserweite des Baikal breitete sich aus. Drohend lagerte der steinerne Kosmos, herabgestürzt, mit Blöcken und Felsen in die Erde gerammt. Mit den schwarzen Windungen der Talmulden ist die Decke des Taigamantels bestickt.

Vielleicht erlebte er einen Zustand der Levitation. In dem kurzen Augenblick, der als wunderbare Erinnerung an Flug, Zauber, Schwerelosigkeit blieb, — prägte sich ein Bild ein, eine Ansicht von oben. Doch diese Vision wechselte jäh, als wäre ein Stein in einen Teich geworfen worden … Kreise der Unruhe, der Gefahr breiteten sich aus.

Der schwarzbraune Leib eines Bären! Etwa dreißig Meter entfernt, am Hang.

Der Herr der Taiga … (man kann nicht sagen, ob »friedlich« oder nicht, wer weiß schon, was in seinem Schädel vorgeht?) … Jedenfalls fraß er am Hang Doldenblütler (oder Hülsenblütler, unbekannt).

Wie verhielt sich der Wanderer?

Er wusste, dass das Tier irgendwo in der Nähe war — und war folglich wachsam. Er hatte das »Jägersignal« bereitgemacht, hielt einige »Sternchen«-Raketen griffbereit — seine Kampfbereitschaft war auf höchstem Stand. Er war streng — und hätte sich im Fall einer Bedrohung zur Wehr setzen können. Zugleich aber hoffte er aufrichtig, sich freundlich zeigen zu können, wenn der Zottelpelz in seiner Mulde weitergraste oder, am allerbesten, ruhig irgendwohin weiter wegzog. Und so saß er in undurchdringlicher Ruhe auf dem Hügel und dachte nach.

Bekanntlich sagte Lao-Tse seinerzeit: »Die Vollkommenheit des Kriegers liegt in der Wachsamkeit, der ständigen Kampfbereitschaft, in der Strenge, in der Aufrichtigkeit, in der undurchdringlichen RUHE.«

Quelle: »Baikal«, 2014, Nr. 5–6, S. 41–82. Novelle. Der Text wurde anhand eines Scans der Zeitschriftenveröffentlichung aufbereitet.