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Nachdem ich von der »Ecke« aus zwölf Kilometer auf der Straße nach Monachowo marschiert war, blieb ich plötzlich stehen, als wäre ich gegen ein unsichtbares Hindernis gelaufen.

Der Waldweg erklomm sonnenbeschienene Bodenwellen, tauchte ins schattige Zwielicht der Senken und teilte wie ein Reißverschluss den nach den Regenfällen feucht rauschenden Wald. Das Blau des Himmels öffnete sich in seiner ganzen Weite über den wie geschnitzt wirkenden, gezackten Kronen, die allmählich auseinandertraten … Und es schien, als gäbe es sonst nichts auf der Welt. Nur den Weg, den Wald, den Himmel.

Und die Mücken.

Bis Monachowo waren es noch etwa acht Kilometer.

Dieser Weg zog sich auf seltsame Weise in die Länge, als wäre er aus Gummi. Ich geriet aus meinem Zeitplan, und die Kräfte gingen mir auch aus. Die Müdigkeit nach der mehrtägigen Wanderung machte sich bemerkbar. Und auf diesem Weg durfte man nicht gehen — man musste rennen! Trotz des schweren Rucksacks, ohne auszuruhen oder stehen zu bleiben. Er durchquert die sumpfige Landenge der Halbinsel Swjatoi Nos am Baikal (im Grunde von der »Ecke« der Bargusin-Bucht bis zur »Ecke« der Tschiwyrkui-Bucht). Für mich nannte ich ihn die »Straße des Todes«. Das lag einzig und allein an den Mücken.

Und nun war ich doch stehen geblieben … betrachtete verwundert das, was meine Aufmerksamkeit erregt hatte. Im Straßengraben, zwischen den Büschen.

Ein überwuchertes, windschiefes Grabgitter mit einer verrosteten, einst mit Silberbronze gestrichenen kleinen Pyramide. Kein Kreuzchen, kein Sternchen, keinerlei Spur … Was für ein armer Teufel hatte hier seine letzte Ruhestätte gefunden? Das Friedhofsmotiv (eingegeben zur gedämpften Begleitung der eintönig sirrenden Blutsauger) machte einen nicht gerade zuversichtlicher. Aus meinen Augen liefen Tränen.

Allerdings nicht, weil ich über die Vergänglichkeit des Irdischen nachdachte. Ein einsamer Wanderer, der steinige Hochländer durchquert, durch wilde Talschluchten und undurchdringliches Dickicht streift, hat keine Zeit, darüber nachzudenken. Obwohl, es kommt vor … Du schindest dich den ganzen Tag halb zu Tode, schlürfst einen Becher eiskaltes Wasser aus, in dem du einen Brühwürfel verrührt hast, und träumst davon, in deinen durchnässten Schlafsack zu kriechen. Und aus irgendeinem Grund schleichen sie sich gerade in diesem Zeitraum ein (zwischen dem »Abendessen« und dem »Bett«). Die Gedanken an die Vergänglichkeit.

Nein, nein … Über meine Stirn rann Schweiß. Vermischt mit dem giftigen Mückenmittel, mit dem ich mich ständig einsprühen musste, wurde der Schweiß zu Säure, die Augen und Haut zerfraß. Das chemische Zeug aus der schon erprobten Sprühdose hatte früher geradezu »flügelumwerfend« gewirkt. Die hiesigen »fliegenden Piranhas« dagegen (ich vermute, eine besondere, der Wissenschaft unbekannte Ordnung, die sich über dieser Straße vermehrt hatte) beeindruckte es nur die ersten zehn Minuten. Nach den Regenfällen flammte die Hitze auf. Eine graue Mückenwolke, durchschossen von Bremsen und Hornissen (eine unbeschreibliche Widerwärtigkeit!), wogte über mir.

»Wie konnte ihm das bloß passieren …«, grübelte ich unterdessen vor der traurigen Ruhestätte. »Bestimmt ein Fahrer, der sich im Suff zu Tode gefahren hat. Denn hier ist das, wie überall auf den schlechten Straßen Russlands, der nationale Extremsport. Sich besaufen und ›nachlegen‹. Losrasen, um Wodka zu holen, ganz egal wohin. Doch dann holt seinerseits der unhörbar raschelnde Tod den Flüchtenden ein. Berührt leicht seine Schulter. Stößt ihm gegen den Arm. Der Wagen fliegt die Böschung hinunter.« Im blendenden Flimmern des wütenden Tages narrte dieses Bild mein überreiztes Bewusstsein.

Doch da ergab sich eine Mitfahrgelegenheit …

Und was für eine!

Hinter mir raschelte etwas Grausilbernes … (Eine übergigantische Mückenwolke? Eine mutierte Hornisse?! Gleich wirft sie mich um!) Ein Jeep!! Auf unglaubliche Weise hatte er sich zu einer festen Masse verdichtet, materialisiert … Oder flackerte mir ein trügerischer Schleier vor den Augen? Leuchtende Punkte? Ätzende Säure, die in Tropfen an meinen Wimpern hing? Nein, er war vollkommen real. Matt. Und mit Silberbronze gestrichen. Der Vergleich drängte sich unwillkürlich auf, sobald ich den Blick von der kleinen Pyramide am Straßenrand abgewandt hatte.

Das vorbeigeraschelte Phantom bremste, sank federnd in die Stoßdämpfer, blinkte mir einladend zu. Der Wagen verblüffte durch eine irgendwie … hier unangebrachte Sauberkeit. »Ist der etwa über den Pfützen und dem Schlamm geschwebt? Oder haben sie ihn gerade erst mit Autoshampoo gewaschen?«, schoss es mir kurz durch den Kopf, als ich mit schaukelndem Rucksack auf den Jeep zulief, der hier in der Wildnis so seltsam erschienen war. Der Fahrer mit Baseballkappe und Sonnenbrille beugte sich über den Sitz und stieß die Tür auf. Ich bot an, den Rucksack in den Kofferraum zu werfen, aber der kräftige, braun gebrannte Bursche winkte nur ab … Ach was, sollte das heißen, schmeiß ihn rein, mach dir keinen Kopf!

Ich richtete mich mit meinem Rucksack auf dem Rücksitz ein und nannte meinen Namen, und er brummte etwas zur Antwort … Die Tür, die in diesem Augenblick leise ins Schloss fiel, schien seinen Namen abzuschneiden. Also, er fahre gerade nach Monachowo, dort machten seine Freunde Urlaub. Und dich nehme ich locker mit, wozu die Füße wund laufen! Der Geländewagen (richtiger wäre: »Über-dem-Gelände-Wagen«) begann förmlich zu schweben … Mit gezügelter Kraft bewältigte er die Steigungen, zeichnete geschmeidig die Kurven nach und durchpflügte bedächtig, mit seinen vier angetriebenen Rädern den Grund prüfend, die grünlichen Pfützen, fast ohne Spritzer aufzuwirbeln. Den harmonischen Klang des Orchesters dirigierend, spielte dieser Maestro des unwegsamen Waldgeländes leicht mit den Fingern am Lenkrad. Am rechten Ringfinger glänzte ein massiver Ring, von den goldenen und kristallenen Facetten der Uhr, die sein Handgelenk schmückte, huschten Sonnenreflexe in alle Richtungen.

Mein unförmiger Rucksack kam mir plötzlich vor wie so ein »Neffchen« vom Dorf, das seiner hauptstädtischen Verwandtschaft unverhofft auf den Kopf gefallen war. Der samtige Bezug der Sitze verzog sich sogar angewidert unter seinem Gewicht … (Und er war ja über und über befleckt, als wäre eine Karte der zurückgelegten Routen auf ihn projiziert: das Grün der Wälder, braune Hochebenen, Flussadern. Verdreckt, von Zweigen zerpeitscht, an Lagerfeuern versengt. Bis obenhin mit allem Nötigen vollgestopft. Mit Zelt, Schlafsack und zusammengerollter Isomatte bepackt; alles feucht, nach Rauch riechend. Dazu noch in einem Leinenbeutel flache, scheibenförmige Kiesel vom Baikal festgezurrt, von erstaunlicher Färbung … Dem Herzschlag der Brandung, aufgezeichnet in ihrem steinernen Gedächtnis, kann man an Winterabenden lauschen. Und die in einer Hülle steckende Antenne der Angelrute ragt heraus. Und wunderliches Treibholz, Fetzen aus den Träumen des alten Baikal, von Wind und Meer ausgezehrt — oben festgebunden).

Die künstliche Kühle hatte etwas Grabeskaltes, der Ionisator verströmte ein süßliches Blumenparfüm, die Musik aus versteckten Lautsprechern sägte dumpf und eintönig vor sich hin, dem Flimmern der Instrumente im Armaturenbrett und des Navigationsbildschirms war nicht zu entkommen. Diese ganze Kiste war mit Elektronik vollgestopft, von Strahlung durchdrungen … als hätte man mich in eine Mikrowelle gesteckt! Hinter einer irgendwie besonderen Kopfstütze war nur der oberste Teil der Baseballkappe des Fahrers zu sehen, und der Rückspiegel — seltsam! — spiegelte sein Gesicht nicht wider.

Wie oft hatten mich schon die verschiedensten Menschen mitgenommen, das Nötigste mit mir geteilt (Dank sei ihnen!). Die Menschen, denen ich begegnete, mochten im Alltag alles Mögliche sein, doch auf Waldwegen, aufgenommen in die ewige Bruderschaft der Wandernden und Reisenden, interessierten sich diese neu bekehrten »Brüder« immer für einen erfahrenen Wanderer. Wo warst du, was hast du gesehen, hält die Hitze noch lange an, dreht die Gewitterfront vielleicht ab, wie stehen die Aussichten beim Angeln und … begegnet man Bären? Und auch jetzt, um ein Gespräch anzuknüpfen, äußerte ich mich über das Wetter und das Angeln, was könnte aktueller sein? Ich sagte, dass ich nach Monachowo weiter nach Katun gehe und dann zur Bucht Okunewaja, wo ich im vergangenen Sommer gewesen war und wo es mir sehr gefallen hatte. Tja, Bären! Ja … Ich hatte selbst welche getroffen! Ich schilderte anschaulich, was ich im vergangenen Sommer gesehen hatte. Gott sei Dank war ich damals nicht allein. Ein paar Jungs hatten mich in einem ganz einfachen UAZ mitgenommen … Und plötzlich! Auf die Straße!! Trat vor uns ein ausgewachsener Meister Petz und blieb stehen!!! Er »deckte« einen anderen, kleineren Artgenossen, der hinter seinem Rücken ins Dickicht floh. Und dieser hier, so ein Riesenvieh, ein schwarzer Koloss! Ein richtiger Pate, die Krallen aufgefächert. Und als würde er »die Hände in die Hüften stemmen«, »winkte« er uns gewissermaßen zu sich. Als hätte er hier ein »Treffen« zur Abrechnung verabredet. Na, Brüderchen, angekommen? Raus mit euch, wir müssen reden! Ohne natürlich auf die »Brüderchen« zu warten, denen nun sowohl Mama als auch Papa einfielen (oder entfallen waren?), zog der Zottelbär gemächlich in die Taiga ab. Aber wozu redete ich mir eigentlich den Mund fusselig?

Mein schweigsamer Begleiter (dem unbegangene Pfade, Angeln und Bären offenbar gleichgültig waren) dürfte wohl … etwas über dreißig gewesen sein. »Ich bin ja gut fünfzehn Jahre älter als er!«, schmunzelte ich in mich hinein. Aber was gab es da zu schmunzeln? Der Spiegel zeigte meine langen Haare, die unter dem albernen zerknitterten Sonnenhut hervorquollen, die stacheligen Bartstoppeln, das ausgebleichte T-Shirt. Die Spuren der Schlachten mit dem geflügelten Heer (graue Schweißränder, zerkratzte rote Stellen auf den eingefallenen Wangen und Wangenknochen) machten mich nicht gerade respektabler. Um den Hals eine Schnur mit einem besprochenen Amulett, am Handgelenk ein abgewetzter Kompass, der schon meinem Vater gedient hatte. Ein richtiger Bücherwurm! Als Kind (da braucht man keine Wahrsagerin!) war ich ein eifriger Leser von Jules Verne, Fenimore Cooper und Jack London gewesen. Und der berühmte französische Arzt und Reisende Alain Bombard? (Schon in seinen späten Jahren, mit 72, überquerte er den Pazifik in einem aufblasbaren Rettungsboot). Mit seinem Buch »Freiwilliger Schiffbrüchiger« unter dem Kopfkissen schlief ich ein und wachte wieder auf.

Der Bursche am Steuer fragte gleichgültig, mit einer ebenso gleichmäßigen Stimme wie das Brummen des Motors, warum ich allein umherstreife. Das sei doch … wahrscheinlich langweilig? Und überhaupt, ein bisschen unheimlich. Gefährlich, oder?

— Na ja, gefährlich … — Solche Fragen bringen mich immer aus dem Konzept. — Nehmen wir einen Löwendompteur. Für den ist es auch gefährlich, zu den Bestien in den Käfig zu gehen, das weiß er. Und Angst hat er auch. Da könnte er sie doch einfach mit Betäubungsschüssen lahmlegen. Und dann in aller Ruhe hineingehen.

— Der Dompteur wird dafür bezahlt, entgegnete mein Gegenüber.

— Es gab da diese berühmte amerikanische Werbung, die hat dort sämtliche Wettbewerbe gewonnen. »Wenn Sie Ihren Hund schlecht füttern, wird er griesgrämig.« Also, wenn man seine Angst nicht überwindet, wird man auch griesgrämig!

Und der Fahrer verstummte griesgrämig.

Gleich darauf fuhren wir nach Monachowo hinein. Alles geschah mit einer geradezu krampfhaften Schnelligkeit: Er bremste, ich kletterte mit meinem Rucksack hinaus … Die raschelnde Wolke löste sich mit dem bläulichen Abgasrauch in der Luft auf.

Die tief in die Taigahänge eingeschnittene Bucht von Monachowo ist vor den Winden geschützt und von einem Sandstrand gesäumt. Ein Gedränge von Autos, alles mit Zelten zugestellt. Motorjachten und kleine Motorboote, Kindergeschrei, dröhnende Musik. Kurzum, Trubel. Ich schulterte den Rucksack und zog weiter die Straße entlang, die die versumpfte Niederung hinter dem Strand umgeht. Man kann nicht sagen, dass ich mich nicht freute. (So geschickt war ich über diese acht Kilometer »hinweggeschlüpft«, sonst hätten sie sich noch zu sechzehn gedehnt!) Aber zugleich war es, als hätte man mir auf diesem Weg eine Aufgabe gestellt — und ich hätte die Seiten überblättert und gleich bei der Lösung nachgesehen.

Dabei hätte ich mich ausruhen sollen, ein Plätzchen am Ufer suchen. In die Kühle der Wellen tauchen, den Schweiß und das giftige Zeug von mir abwaschen. Tee kochen, die schlimmste Sonnenglut abwarten. Aber ich beeilte mich, noch bei Tageslicht nach Okunewaja zu kommen. Dort würde ich es mir dann ausgiebig gut gehen lassen. Lager, Baden, Angeln. Träume!

Am Ende der Bucht ragt ein hoher Steilhang auf. Hier beginnt der Pfad zum nördlichen Kopf der Halbinsel, über Katun und Kurbulik bis nach Krestowskaja. Wegen der Hitze ist der Aufstieg beschwerlich. Vom Gipfel über dem Abgrund eröffnete sich das Panorama des fernen Bargusin-Gebirges, unübersehbare Weiten, die Weite des Wassers. Ein herabgestürzter steinerner Kosmos, der sich in Blöcken und Felsen in die Erde gebohrt hatte. Taigawelten, unübersehbar ausgebreitet … Als reichte Der, in dessen Händen das Reich Gottes liegt, dir allein, aus höchster Gnade! — den Unerschöpflichen Kelch, bis an den Rand des Horizonts mit blauem Dunst gefüllt. Und du trinkst daraus, bis dir schwindlig wird … schluckst den Wind, bemerkst plötzlich ein winziges Motorboot, das wie ein Wasserläufer weiße Schaumbartfäden hinter sich ausgebreitet hat und wer weiß wohin eilt. Die Küste ist von Buchten zerschnitten. Weiter vorn, hinter zwei steilen, vorspringenden Felsriegeln, liegt Katun.

Aufmerksam betrachtete ich durchs Fernglas die ferne, mächtige, steinige Stirn des Felsriegels. An seinem Fuß kräuselte sich Grün, und eine fast weiße, einem sandigen Halbmond ähnelnde kleine Landzunge ragte hervor. Möwen spazierten darauf umher (offenbar war das ihr Luftwaffenstützpunkt). Von oben konnte man sehen, wie der reinste Sand des flachen Ufers allmählich im Wasser verschwand, in einem Farbsaum von Weißgelb bis Smaragdgrün (der weiter draußen in Violett überging). Sogleich entstand das Bild einer paradiesischen, unbewohnten »kleinen Insel« im Ozean. Unwirklich hochglänzend, fotografisch, wie in der Werbung. Wenn ich doch dorthin gelangen könnte … aber wie? Den näheren Felsriegel überwinden (über ihn laufen gestrichelte Pfadlinien auseinander), dort über jene … und jene steinigen »Wangen« und Geröllhalden bis ganz zum Wasser hinuntersteigen; aber wie kommt man um jenen Felsen herum? Er fällt senkrecht ab, reicht in die Tiefe. Wie herrlich wäre es, dort auf der im Grunde eigenen »Insel« ein Zelt aufzuschlagen … Der Musik der Wellen lauschen, die Möwen kennenlernen. Das wäre doch fantastisch! Aber schon der nähere Felsriegel ist schwierig genug. Und erst der fernere! Man verliert nur Zeit. Na gut, wenn sich eine Möglichkeit ergibt, erkunde ich es.

Ich holte die Kamera heraus und machte ein paar Aufnahmen. Trank die halbe Plastikflasche Wasser aus, die mir noch geblieben war, aß eine Handvoll zusammengeklebter getrockneter Aprikosen auf, die ich ganz unten in einer Rucksacktasche gefunden hatte, dazu Schokoladenbruch mit Zwiebackkrümeln. Die französische Filmschauspielerin Fanny Ardant (sie hat ständig irgendwelche Probleme mit Übergewicht) wäre vor Neid auf meine Diät geplatzt.

Der gut ausgetretene Pfad führte in den Wald und umging die steilen Abhänge oben entlang. Nach etwa anderthalb Kilometern bemerkte ich eine Abzweigung. Ein weniger begangener Pfad führte den Hang einer Talschlucht hinunter … Offenbar würde er zum ersten Felsriegel führen? Und damit ergäbe sich eine Chance, zum zweiten zu gelangen? Und dort würde sich womöglich ein Abstieg (oder ein Zugang von der Seite) zu der kleinen Landzunge auftun, die ich mir ausgesucht hatte. Mit diesem Entschluss bog ich in das tiefe Dämmerlicht ab, in das die Mittagssonne nicht vordrang. Mischwald; Windbruch. Das Vogelgeschrei verstummte bald, bald flammte es wieder auf. Die Mücken verhielten sich »organisierter«. Offenbar gab eine »Gruppierung«, nachdem sie auf die Anti-Mücken-Aura gestoßen war, die mich umgab — und eine Weile böse und machtlos gesummt hatte —, mich »von Flügel zu Flügel« an die nächste »Gruppierung« weiter, die sich sogleich in einen nutzlosen Angriff stürzte. Zweige, Blätter, Baumrinde und sonstiger Waldabfall auf dem Pfad waren zu Mulm zerrieben und zerstampft. Man könnte annehmen, dass hier Kühe entlanggingen. Aber was sollten das für Partisanenkühe sein … Woher? Nach seinem tiefsten Punkt schwang sich der Pfad wieder steil nach oben. Das Dickicht lichtete sich, blieb zurück. Vor mir erhob sich ein kuppelförmiger, mit Sträuchern und Gras bewachsener Hang. Er sah aus wie die steile Flanke eines kupfernen Kessels riesenhafter Nomaden, noch nicht abgekühlt vom glühend heißen Pilaw (meine Assoziationen waren gastronomischer Natur, schließlich hatte ich schon früh am Morgen eine Tasse Suppe und Tee mit Zwieback gefrühstückt) — umgestürzt und für immer hier liegen gelassen. Granitblöcke, zu geschichteten »Stapeln« verwittert, steckten in einiger Entfernung voneinander im Boden; man konnte sie auf dem unscheinbar, wie ausgewischt gewordenen Pfädchen umgehen. Ich verwarf die albernen Fantasien von Kühen und dachte, dies sei wohl ein Ziegenpfad. Aber … was für Ziegen? Hausziegen? Wilde? Auch das war irgendwie Unsinn. Der Hang wurde aschgrau, zu Staub verbrannt, von den Winden bis auf steinige kahle Stellen blank geleckt. An den Füßen trug ich Sportsandalen, deren spezielle Riemen das Sprunggelenk fixieren. Doch am Steilhang knickte die Sohle schräg weg, kleine Steine und Sand drängten sich unter den Fuß. Für extremen Bergsport war das eindeutig ungeeignet. Im Rucksack hatte ich natürlich ausgezeichnete Allzweckstiefel mit Profilsohlen. Anhalten, Schuhe wechseln, Zeit verlieren … Da wäre es schon besser (und auch richtiger!), umzukehren. Aber zurückzugehen, durch die Tiefen des Waldes, kam mir plötzlich unerträglich vor. Und es ging immer steiler hinauf, ich musste regelrecht hochklettern, sodass sich mir nicht nur vor Hunger der Magen zusammenzog … Ein unangenehmer kalter Hauch von Gefahr stellte sich ein. Der Rucksack war bis über Kopfhöhe beladen, der Schwerpunkt zu den Schultern verlagert (so geht es sich auf ebenem Weg leichter) — aber wie ein Bergbock herumspringen konnte man damit nicht mehr! Mal »pickte« man mit der Nase nach vorn, mal zog es einen nach hinten, man konnte sich kaum halten. Unten türmten sich Steine. Ihre zerzackten Kanten leckten irgendwie allzu fleischlüstern an den weißen Zungen der sich brechenden Wellen. Der verdammte Pfad verjüngte sich zu einem Faden. Von wegen Ziegen … Den hatten offenbar lebensmüde Ziesel ausgetreten! Der Faden löste sich in kurze, sinnlose Abschnitte auf, die nirgendwohin führten, ausliefen, verschwanden. Weiter kam man nur, wenn man auf eine »höhere Ebene« kletterte — auf die nächste gewundene, schmale Terrasse hinüberkroch. Aber auch die endete an einem weiteren Granitknick, man musste einen Umweg suchen oder sich geradewegs durchzwängen. Sträucher und Gras rissen samt Wurzeln aus, wenn man sich daran festklammerte. Der Halt für den Fuß kippte entweder zusammen mit einem Stein weg oder bröckelte mit Erdklumpen ab. Warum war ich hier bloß hinaufgeklettert, um was für eines sagenhaften »Paradieses« willen?! Wäre ich im Schatten des Waldpfads geblieben, würde ich jetzt nach Katun hinuntersteigen. Stattdessen hing ich nun an einer felsigen »Mähne« fest und suchte auch nur den kleinsten »Griff«, um sie zu überwinden. Zurück!

Und plötzlich fielen ein paar Sekunden aus, wurden aus meinem Leben gelöscht.

Meine Finger verwandelten sich in Krallen. So geschieht es, wenn man in zwanzig Metern Höhe hängt. Ich krallte mich fest (und hätte mich auch mit meinen zu Fangzähnen gewordenen Zähnen hineingebissen, wäre da etwas gewesen), versuchte mich zu halten. Der klobige Rucksack — ich musste mich nur ein wenig zurücklehnen — würde sofort das Übergewicht bekommen und mich nach hinten kippen! Die Sohle der linken Sandale war fast senkrecht weggeknickt, nur ihre Spitze (und die angespannten Zehen) hielten fast das gesamte Körpergewicht, das sich auf sie konzentrierte. Der rechte Fuß, mit der Innenkante zum Hang, fand kaum Platz auf einem schmalen, bröckelnden Absatz. Hinter mir erstreckte sich im bläulichen Dunst der erbarmungslos brennenden Sonne die Tschiwyrkui-Bucht. Und wenn die Möwen auch umherflatterten und immer kläglicher und ängstlicher schrien — was gingen mich jetzt noch Möwen an …

Aber wie war ich vom unteren Pfädchen auf dem Felsabsatz hierher »versetzt« worden (fast einen Meter höher!) und an diesen verdammten »toten Punkt« geraten?! Etwas hatte mir gegen den Hinterkopf geschlagen … ein Sonnenstich? Nein, doch nicht … Hatte ich nicht etwas Raschelndes hinter meiner Schulter gespürt? Hatte mich das nicht gestoßen?

Und wie hatte ich dort vor dem traurigen Zeichen aufgeschnitten, das mir zur Warnung gegeben worden war. Was scherte mich die Vergänglichkeit des Irdischen! Und nun hatte man einen Boten nach mir geschickt, in einem mit Silberbronze gestrichenen »Fortbewegungsmittel«. Er konnte ja schlecht im Leichenwagen vorfahren! (Oder war das die Seele jenes armen Teufels, unstet und ruhelos? Raste sie noch immer über der Straße dahin und narrte einsame Wanderer?) Und ich hatte eine Vorahnung gehabt. Die Kälte eines aufklaffenden Grabes, der erstickende Blumenduft, der jenseitige Minimalismus der Musikstücke, das infernalische Flimmern des Navigationsgeräts, mit dem auch meine in diesem Moment allzu selbstsicheren Gedanken geortet worden waren.

Der leere Spiegel, gläserne Reflexe in der undurchdringlichen Brille, der schräge Schatten des langen schnabelförmigen Kappenschirms.

Einen Boten der Finsternis dürfte irgendwelches Wetter-Natur-Gerede kaum interessieren. (Dabei hätte mich das stutzig machen müssen!) Aber als hätte ich mich an der Chemie berauscht (zusammen mit den »geliebten« Mücken), surrte ich ihm die Ohren voll! Verriet meine Route. Erzählte, was ich aus dem Leben der Waldriesen gesehen hatte. Alles, was mit ihnen zusammenhängt, hat eine sakrale Bedeutung.

Die Krallenfinger rutschten ab auf der Suche nach einer zuverlässigeren Ritze, einem Büschchen, einem Grashalm. Um zurückzukommen (darauf hoffte ich noch), musste ich das Gewicht auf das rechte Bein verlagern, darauf in die Hocke gehen und mit dem linken nach irgendeinem Vorsprung dort … (im Nichts, schien mir; im Abgrund) tasten. Es nach vorn versuchen? Aber dann würde ich, irgendwie seitlich vorrückend, auf der felsigen »Stirn« landen. Dort hängen bleiben, flach an den Fels gepresst, ohne jeden Halt? Und was lag vor mir? Eines war klar. Weiter würde es nur schlimmer werden.

Halt, halt. Die Hauptsache war, nicht vorzeitig vor Angst zu sterben. Wie hieß das bei Alain Bombard … Moment, aus dem Gedächtnis … Tausende Schiffbrüchige starben keineswegs deshalb, weil ihnen Wasser und Nahrung fehlten. Über dem Abgrund auf gleichgültigen Wellen schaukelnd, unter den klagenden Schreien der Möwen, starben sie vor Angst!

Ich hatte ja beinahe Schiffbruch erlitten.

Aber … das war doch irgendwie Quatsch. Ein Bote der Finsternis!

Was hatte ich mir da eigentlich zusammengereimt? Millionen ganz normaler Jungs fahren in schicken Karren herum. Und einer von ihnen hatte einen einsamen Kumpel an der Straße mitgenommen. Und dem kam weiß Gott was für ein Unsinn in den Schädel. Zu viel Sonne abbekommen. Was für ein Spuk denn? Geradezu eine Geschichte von Stephen King, dem »König des Horrors«. Zu viel gelesen.

Die Welt ist doch gerade dazu eingerichtet, dass normale Jungs schicke Karren fahren und Lust haben, sich immer noch aufgemotztere, schickere zu kaufen. Dafür schuften die Jungs, um sich schicke Karren leisten zu können. Andere haben es allerdings besser getroffen. Auf verschiedene Weise nehmen sie den schuftenden Jungs die Hälfte ab und kaufen sich selbst schicke Karren. Die einen und die anderen schießen von Zeit zu Zeit aufeinander. Alles normal. Manch einer mag die Klimaautomatik, den Blumenionisator, die sägende Musik und die per Knopfdruck verstellbare Kopfstütze … Was ist schon dabei, sich an seine persönliche Mikrowelle zu gewöhnen, bevor die Zivilisation (dem Klimawandel nach zu urteilen, läuft es darauf hinaus) im globalen Backofen durchgebacken wird? Ich habe ja keine Karre, bin ewig »ohne Pferd«, deshalb bin ich neidisch. Ein ganzes Jahr spare ich darauf, zwei Wochen lang Mücken zu füttern, Tütensuppen zu fressen, bitteren Tee mit Zwiebackkrümeln hinterherzutrinken und vor Kälte zu zittern, wenn ich für die Nacht in meinen durchnässten Schlafsack krieche. Wofür? Um einen Schluck Wind aus dem Kelch von Gottes Welt zu trinken? Wenigstens einen Schluck. Ein Schlückchen.

Ja, ja, ja! Das habe ich nicht getan, jenes versäumt, das Dritte nicht erreicht … das Fünfte … das Zehnte! Nichtgroßgezogennichtgepflanztnichtgebaut. Gleich fange ich noch an, meine Seele nach außen zu stülpen!

Aber was war das?

Das war doch, wie heißt es … Ich hatte immer keine Zeit gehabt, darüber nachzudenken … Eine ganze Armee von Psychologen lebt doch davon … Genau, eine Krise! Ich stecke in einer Krise!! Weiß nicht, was ich tun soll, wohin ich mich bewegen soll, kann weder Hand noch Fuß rühren. Hinter mir wer weiß was, unter mir der Abgrund, vor mir eine steinerne »Stirn«. Womöglich die sogenannte »Midlife-Crisis«? Und wenn das so war, dann bedeutete es … Die seltsame Erkenntnis durchzuckte mich Gott sei Dank nicht wie ein Blitz oder ein Stromschlag (sonst wäre ich prompt abgestürzt; auf den Steinen da unten gäbe es nicht einmal Platz für eine kleine Pyramide mit Grabgitter). Die Erkenntnis blühte als farbiger Schein auf — von leuchtendem Gelb über Smaragdgrün bis hin zu einem Violett, das in die Tiefe führte.

Ich war ja am Hang meiner späten Jahre gelandet!

Selbstverständlich! Was gab es da zu zweifeln? Der Hang der Jahre, genau der!

O mein Gott … Ich hätte doch nie gedacht, dass das so kommen würde, ganz plötzlich! Wie hatte das geschehen können? Dieser Hang, dachte ich doch … lag noch weit entfernt. Irgendwann erst! Der unsäglich schwere Rucksack, der auf die Schultern drückt, mich hinunterzieht … das ist offenbar die Last des gelebten Lebens. Meine Lebenserfahrung, Begegnungen und Abschiede, Triumph und Verzweiflung. (Dabei habe ich doch nichts Wertvolleres). Aber es gibt doch gewisse allgemein anerkannte Normen! Der eine lernt in seinen späten Jahren Altchinesisch, der andere (wie zum Beispiel Sergei Michalkow) legt sich Nachwuchs zu. Diese Möglichkeit habe ich natürlich nicht. Alain Bombard zeigte sich dieser Hang in Gestalt des Pazifischen Ozeans. Paul Bragg, der Urheber der berühmten Fastenmethode, fuhr in seinen späten Jahren sogar noch auf dem Hang herum … richtiger gesagt, er surfte auf den Wellen des Ozeans, als er 86 war. Eine Welle erwischte ihn dann auch, er ertrank. Seltsam! Was geschieht am Hang der Jahre? Beginnt das Individuum nach unten »abzurutschen«? Oder steigt es im Gegenteil auf? Für mich ist das sehr wichtig. Denn manche ehrwürdigen Patriarchen beginnen ihre Memoiren ja mit: »Und nun, vom Gipfel meines Alters aus …« Oder: »Auf dem Gipfel meiner Jahre angelangt …« Folglich gibt es einen gewissen Gipfel, und dieser Hang führt zu ihm hinauf?

Und was sah Lew Tolstoi, als er auf diesem Gipfel stand?

Und Iwan Bunin? Niemanden gebe es, sagt er, unter dem Mond, nur mich und Gott. (In dem berühmten Gedicht »Eisige Nacht, Mistral«, das er mit 82 Jahren schrieb).

Darüber ließ sich natürlich nachdenken … Aber es war doch absurd … Die angespannten Muskeln wurden taub, ich verlor die letzten Kräfte. Die Sohlen zerkrümelten den armseligen Absatz, Erde und kleine Steinchen rieselten herab, als befände sich unter mir genau jener enge Hals, in dem die Sandkörnchen-Sekündchen verschwinden … die Zeit meines Lebens! Ich musste dringend etwas unternehmen!

Ob ich nun nachdachte oder nicht! Es blieb der verrückteste und verzweifeltste, zugleich aber einzige Ausweg.

Und da kletterte ich mit aller Kraft nach oben, begann, geradewegs in den Himmel hinaufzukraxeln.

Männer! Verzweifelt niemals! Selbst wenn ihr in einer beschissenen Lage steckt oder in einer Krise oder am Hang eurer späten Jahre … Keine Panik! Die Hauptsache ist, zu handeln. Wenn auch sehr langsam, aber unablässig, mit einem vorwärtsgerichteten Vektor, und sei es Zentimeter um Zentimeter, sich aus der Scheiße herauszuarbeiten. Ich bin diesen Hang schließlich hinaufgekommen, eine ganze Stunde bin ich geklettert. Und dann saß ich da, ruhte mich aus und spuckte nur noch hinunter. Und von dort erkannte ich den zweiten Hang … den fernen Felsriegel … Donnerwetter, den konnte man wirklich unmöglich überwinden! Ohne Kletterausrüstung ging da nichts. Aber mir fiel etwas Besseres ein. Ich habe einen Freund, der fliegt mit dem Gleitschirm und hat versprochen, es mir beizubringen. Also, nächstes Jahr …

Kurzum, Männer! Wenn ihr mit dem Jeep unterwegs seid oder mit einem leistungsstarken Motorboot dahinjagt und einen einsamen Fußgänger mit Rucksack seht oder einen Wanderer, der an einem Felsen hängt, oder wenn da so etwas durch den Himmel fliegt oder jemand mitten im Meer herumstrampelt … Haltet an und fragt: »Wie geht’s, Kumpel?« Und helft, wenn Hilfe nötig ist. Das werde wahrscheinlich ganz bestimmt ich sein.

Quelle: »Baikal«, 2009, Nr. 2, S. 82–88. Der Text wurde nach einem Scan der Zeitschriftenveröffentlichung erstellt.