Unsere Familie lebte lange in Tangi, einem kleinen Fischer- und Holzfällerdorf am stürmischen Tatarensund. Ich war zwölf bis vierzehn, im Alter der Romantiker und Abenteurer: Alles wollte ich selbst sehen, besser noch anfassen. Wir folgten der Brandungslinie auf festem Sand, hart wie Asphalt. Vor uns stand ein mächtiger Fels am Kapende.
Ein chaotischer Steinrücken zog sich hinaus; bei Ebbe konnte man darauf vom Ufer fortgehen. Zwischen den Felsen lagen tiefe geheimnisvolle Spalten und Grotten. Auf flachen Platten wiegten sich dünne gelbbraune Algen wie Federgras. In Pfützen sah man Seeigel im rauen grauen Panzer, eine leuchtend rote Seeschlange, eine Wasserschlange…
So lernten wir Meer und Bewohner lieben. Einmal ging ich nordwärts am Ufer. Das Nachbardorf Choe, über eine Holzbrücke quere ich den Fluss; Autos fahren hier nicht. Die Flut beginnt, am nächsten Kap Uandi komme ich unten nicht vorbei. Ich muss hinauf und über den Berg herum.
Mittags erreichte ich das niwchische Dorf Trambaus. Ein Fluss war nicht zu durchwaten; ich rief um Hilfe. Bald legte ein Boot an, ein Bewohner setzte mich wortlos über, und ich ging weiter. Abends kam ich zur Wjachtu-Bucht, wo Großvater wartete.
Wir tranken Kräutertee. Stolz war ich auf rund fünfzig Tageskilometer. Hier würde ich den ganzen Sommer bis zur Schule bleiben. Die Wjachtu-Bucht erinnere ich gut.
Ein niedriger Dünenrücken mit Krähenbeeren und kriechender Sachalin-Wildrose trennte sie vom Ufer. Ein enger Hals verband sie mit dem Meer. Alle sechs Stunden strömte bei Flut das Wasser hinein und füllte sie randvoll. Die Tiefe nahm sichtbar zu; man bekam Angst. Das Südufer war niedrig und teils sumpfig, das Nordufer hoch und steil.
Dort lag ein Dorf mit Laden, Post und Sanitätsstelle. Mehrmals im Sommer schickte Großvater mich mit einem Erwachsenen hin. Wir fuhren im Boot über die Bucht. Wenige Tage vor Schulbeginn kehrte ich heim.
An der Schulbank waren meine Gedanken weit fort. Die Schule lag am Dorfrand auf dem Sand direkt am Meer. Bei Herbststürmen schlugen Wellen fast an die Fenster. Auch bei der Fischereisaison halfen wir: Jeden Morgen kamen Schiffe mit heringsvollen Netzen zurück und riefen uns.
Die ganze Schule lief zum Kai und löste Fische aus den Netzen. Das war unser Beitrag. Zurück an der Schulbank ließ das Meer uns noch lange nicht los. Wellen standen vor Augen, Wind und Möwenrufe klangen in den Ohren.
Diese Meeressymphonie begleitet mich wohl mein ganzes Leben. Ich bin dem Meer dankbar, dass es uns das Leben lehrte.

@nevsky_alexander
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