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In diesem Stream sammle ich bereits veröffentlichte Erzählungen und Gedichte meines talentierten Vaters, des Science-Fiction-Autors Yuri Nevsky


Der Stream von Yuri Nevsky

Zeit, schwarze Ringe zu kaufen

Hörst du? Siehst du? Wieder umschlingen die Armreifen des endlosen Winters die Handgelenke, bereifte Nachtringe schmücken die Finger, das Kreuz schwarzer Straßen liegt auf der Brust mit der gedrehten Schnur blau schwermütiger Tage. Kaum blinzeln die dunklen Fichtenwimpern ihr Schneemehl ab, atmen Kiefern wie Saiten — Zigeunernadeln im rohen Leinwandhimmel —, schon zerstreut der Schneefegwind Lauf und Schnauben seiner zottelbeinigen Pferdchen …

Am Perlmuttsaum des Waldaugapfels lebe ich, die Seele mit silbernen Fäden aus offenbar Gottes Bart verspannt. Werchnjaja Berjosowka liegt unter mir — das schmale Talmesser in einer mit Glanzperlen bestickten Schneescheide. Dort sind alle Bewohner: eine Handvoll Lichter, das Adermuster erkälteter Flüsschen, gläserne Straßenröhrchen, durch die unser geschätzter Ortsbus als warme Quecksilbersäule kriecht. Und dort? Wo sind Kolyma, Magadan, Tschukotka, Kurilen? Ich bin hier und erreiche selbst mit ausgestreckten Händen nicht den gezackten Uralrand, den Watteschnee Mittelrusslands, Kirchlein und Ebenen …

Wölfe, die keine sind: Verwilderte Stadthunde verwischen ihre Spur, umlegen die Mandeln der Siedlungsränder mit Entzündung und zerreißen mit nachtragend räuberischen Fängen die Arterien verspäteter Leben, die Spitzen begangener Pfade, die Erinnerung selbst an menschlichen Wankelmut. Deserteure oder entflohene Häftlinge wohnen in Datschen, leer wie ein Julimittagsecho, wärmen Hände an selbstgebauten Heizern. Die Hunde verschonen sie aus beruflicher Höflichkeit. Man findet sie erfroren oder vom Strom getötet; sie ersticken an Abgasen oder vergiften sich, wenn sie die Sommervorräte umsichtiger Datschenbesitzer verschlingen: Himbeermarmelade und Pilze.

Ich wohne auf der Regierungsdatscha, heize Öfen, schalte ständig Strom ein. Frost hat das Haus ausgehöhlt, einen riesigen rosa Geist; auch die Öfen sind falsch gesetzt, alte Meister fehlen. Nur zwei Handbücher, „Betrieb von Heizsystemen“ und „Das amerikanische Landhaus“ auf Englisch, verkürzen die Abende mit Buchstabenläufen. Aber Brot wird nicht hart, Wasser verdirbt nicht, keine fremden elektromagnetischen Felder — Gnade!..

Wisst ihr, wie man Holz spaltet? Erst schält man sich als träger Schaffellklotz in den Frost und hackt stumpf auf grinsende Scheite … Dann treibt Wut das gemächliche Herzschaukeln an — zum Teufel mit dem Pelz! Im Pullover zerteilt sich das zappelige senfgelbe Harzholz leichter. Der Pulli klebt wie Pflaster am Rücken; mit Hemdbrust und dem ganzen Gewicht der Körper-Schlagmaschine tauchst du vom Hang hinter dem Silberfisch des Axtnackens her, verlängerst Bogen, Halbkreis, Halbflug des feinsten singenden Stahlklangs … Warum ich ausgerechnet im Winter Holz spalte? Misswirtschaft, klar. Im Herbst einen Lastwagen gebracht, irgendwo abgeladen, das war’s.

Früher kam die Regierung Wodka trinken und anderes Notwendiges erledigen; alles lief. Ein Badehaus haben sie hingestellt — eine Pracht! Heute sind andere Zeiten, und es ziemt sich wohl nicht mehr. Der Balkenpalast erkaltet wild, ich mit ihm, für anderthalb Heizer- und Wächterlöhne, natürlich nicht aus gutem Leben. Abends bist du zerschunden, selbst Papa Carlo könnte einpacken! Auf allen vieren ins Stübchen oben, wo ich wohne, nur ins Gräbchen schützenden Schlafs zusammensacken … Immerhin erstickt man nicht: Unter dem Boden des unsinnigen Hauses zieht es überall, bläst alles hinaus. Morgen früh wieder, ordentlich, so lebe ich …

Alles ist groß, riesig: Filzstiefel, Fäustlinge, Axt, Schaffellmantel, die Große Suppe, Schicksal, Entfernungen, Winter — Herr, nur bis zum Frühling durchhalten! Manchmal schläft man nach einem zermürbenden Tag ein und vergisst selbst den kleinsten Türhaken. In der Ecke erstarrt Fett auf dem Lauf des Kleinkalibergewehrs, aus der Sonderabteilung gegen Seelenpfand: „Ach, die Partisanen treiben Unfug …“ Böse sind sie nicht, die Männer, bis zu den Augen von wildem ungewaschenem Haar überwuchert, in am Feuer angesengten Wattjacken. Doch alle haben PPSh Modell 43, schnellfeuernde MG-4, Berdan-Gewehre.

Haben sie genug vom Wald, kommen sie an die Bargusin-Straße, schießen auf Reifen vorbeifahrender Wagen, halten Taxis an und zapfen Benzin für Signalfeuer ab. Fahrgästen tun sie nichts, schenken einen Zedernzapfen oder eine zusammengesetzte kleine Zigarettenspitze und lassen sie gehen. Sie brennen unbekannte Signalfeuer, räumen alte Holzabfuhrwege für einmotorige Flugzeuge oder Segler frei.

Herzufliegen ist schwer: Im vorletzten Herbst krachte ihr Flugzeug in eine Krähenhochzeit, eine schwarze über dem Wald wimmelnde Horde, stürzte ab und brannte. Angeblich mit frei konvertierbarer Währung aus Indochina. Die Lokalzeitung schimpfte, und sie bekamen ordentlich ihr Fett weg! Aber gegen Krähen hilft nichts. Der Flughafen ist wegen ihrer Luftpiraterie wochenlang zu. Einen einsamen Motorradfahrer deckt dichtes kochendes Dunkel zu — und weg ist er.

Motorradfahrer fahren deshalb erst los, wenn sie über hundert sind. Platz machen sie höchstens einem Panzer oder dem Herrn der Straße: Vor drei Jahren fuhr ein Betrunkener in eine Haltestelle, erfasste Kinder und andere Leute, nun rast seine Seele auf einer abgeblätterten grünen Ural immer weiter. Ein Taxi nimmt selbst leer niemanden mit, zu unheimlich! Ein Privatfahrer schon: Fünfzig, her damit …

Einmal nahmen mich zwei bewusstlos Betrunkene im gestohlenen Auto mit. Einer erklärte dem anderen mit Taubstummengesten den Weg und was er vorn sah. In solchem Hinterweltsnest wagte ich sogar Wechselgeld zu verlangen; ich hatte nur einen Hunderter. Von solcher Gemeinheit wurden sie etwas nüchtern, kratzten das Wechselgeld aber zusammen. Einmal hielt ich bei Strelka einen riesigen Holzlaster an: Außerirdische in roten Flanellhemden! Alles war anders: Worte, Gesten, Dinge, Geruch, Geschäfte und Probleme, die mich nichts angingen …

Die Straße kosmischer Verwandlungen sog uns ein mit Sternenwirbeln, schillernden Falten des stromlinienförmigen Nachtmantels, Abgründen schwarzer Bäume, felsigen Wolkenblöcken. So beschleunigen sie Holzlaster auf der Bargusin-Straße und schicken sie in den Nulltransport. Sie stehlen alte Straßenbahnen, Pferde von der Rennbahn, verkaufen sie dort an kosmische Antiquitätenhändler oder ans Museum. Wohl prestigeträchtig.

Am besten kommt man also im Schützenpanzer mit Soldaten, wie ich bei der unvergesslichen Allunionsvolkszählung. Man dringt in solche Wildnis und bleibt unversehrt. In den abgenutzten Zähnen wackeliger Hütten blättern meine treuen Urgroßmütter den Kalender des vergilbten Jahrhunderts zu Ende. UrZeit säuert in gespreizten Bottichen, UrVater lacht matt aus schwarzen Löchern, gewebt aus Kasimir Malewitschs dynamischen Linien. Die letzte daguerreotypische Erinnerung der Zarenfamilie hält die armselig verfallenen Löschblattwände gegen unerbittlichen Atomzerfall zusammen.

Bei der zweiten oder dritten Alten entdeckt man dann einen japanischen Kühlschrank mit Software im Winkel, einen tragbaren Autoklavkessel, im Vorraum lautlose Motorroller, Videokameras, Nachtsichtgeräte. Hier lagern wohl mit der Druschba-Kettensäge zerteilte Leichen, für Zauberhandwerk, Wahrsagerei, Gestaltwechsel.

Jetzt verstehe ich die verdächtig sportlichen jungen Männer in Mitternachtsbussen, alle mit ungeheuer großen Containertaschen, und die häufigen Zeitungs- und Fernsehmeldungen über hier und da verschwundene Mädchen und Frauen. Doch das Schneefegen strickt den grauen Winterpullover, meine missratenen Öfen heizen nach der heiligen Schrift „Betrieb von Heizsystemen“, und die knarrende Brunnenwinde wickelt die Eisenkette der Zeichen und Ereignisse auf. Sie fördert mir gelöstes Feuer mit eisigen Sternen- und Reptilientrümmern aus dem Erdinnersten.

Steif stehen die gestärkten, gebläuten Nächte. Man sieht lautlos dichte Stopfnähte durch den schwankenden Stoff ziehen: Koreanische Fallschirmjäger sinken wie Christbaumschmuck in die weichen Brüste schneebedeckter Täler zu dringenden Aufklärungsgeschäften. Im Winter arbeitslose Waldaufseher schießen mit Nagant-Revolvern auf sie im Flug, wenn sie ihnen, vorher im Taigawindbruch versteckt, auflauern können. Sonst fahren sie morgens Bus, frostversengte Gesichter, müde, doch glücklich, in fremdartig solider Kleidung. Für Fahrkarten fehlt den Armen Geld; sie tauschen bei Fahrgästen bunt ausländische Zigarettenpackungen, Strumpfhosen, Kosmetik oder bei Kindern Kaugummi.

Mein Haus steht auf einer Anhöhe, in der Mulde zwischen zwei Hügeln. Von oben sieht man die Häuser jenseits der Straße, viele im Winter leer, nur im Sommer bewohnt. Die Gegend heißt Internat, weil dahinter, jenseits des ausgefrorenen Flüsschens, tatsächlich ein Internat ist. Gegenüber wohnt Marja Iwanowna, deren Brunnen das köstlichste Erdenwasser gibt. Sie haben den fröhlichen Hund Timka, die äußerst fruchtbare Katze Mur, zusätzlich einen Schäferhund, Großvater Arkadi und zwei Motorräder. Gegenüber lebt eine undurchsichtige Familie, wohl im Schwarzbrennen oder zumindest in der Computervirenzucht tätig. Was soll man sagen?

Links lebt Fürstin Olga in einem ordentlichen Haus, fest wie ein kleiner Milchling im Moos. Sie hat zwei Kinder, eines im Kindergarten, eines in der Schule. Sie hält das Leben ihrer alten Mutter warm. Im Sommer wuselt die noch durch Hof und Haushalt, im Winter zeigt sie keine Nasenspitze, wohl zu beschwerlich.

Fürstin Olga trägt Nunchakus in der Handtasche: rätselhafte Stöcke, von warmen Jahrhundertpalmen poliert, wie zwei Schicksale am Ende mit einer Rohledersehne verbunden, uralte Waffe wandernder tibetischer Mönche. Sie führt sie nach dem geheimen Muster eines halb verblassten Schriftzeichentattoos, vermutlich meisterhaft. Wenn wir traurigen Bewohner Werchnjaja Berjosowkas uns gegenseitig in den geliebten Bus helfen, sehe ich neue finstere Männer: mit gebundenem Kiefer, verrutschter Nase oder dem gefrorenen Dinosaurier eines bandagierten Arms in der Schlinge. Ich kenne die kostbaren Hände dahinter.

Die Fürstin ignoriert den Bus und geht zur Stadtlinie zu Fuß. Darin findet sie wohl reine Freude, während wir mit verhedderten Biofeldern die Brustkörbe plattdrücken und am Restalkohol der gestrigen lokalen Lieferung an die Dorfbude ersticken.

Fürstin Olga blickt in den stark gebrühten blauen Himmelstee, kaum geweißt mit kalter Milch des jungen Tages aus dem Nachtkühlschrank. Nackt tritt sie in den Schnee — zwei Eimer verstreutes Mondsilber sollen sie übergießen! Der Eimer steigt wie ein schwerer Zug, hinter der Hebelbewegung der Arme fließen die braunen nackten Kiesel des Muskelatlas. Ein Augenblick: Das fröstelnde Gewicht des Himmels, aller weiten Schneeflächen und gelöster Zucker lächelnder Sterne vibriert wie ein Seiltänzer. Dann steigt sie auf, senkrecht gegossen in die Säule zerbrochener Kristallmantelfalten, die um den Körper als Diamant- und Sprühnebel aufkochen!

Ich sehe sie aus nächster Nähe, gehe gerade zwischen Zäunen zum Verteiler, den verhassten Strom einschalten. Sie bemerkt nichts von unserer Welt … O Hosianna! Halleluja! Göttin Kali! Rakete im Feuer wirbelnder Sterne und Reptilien, noch solch ein von Jahrhunderten dunkel polierter Nunchakustab! Ausguck am Wikingerbootbug, Osterinselwache, Marsmenschen-Kinderzeichnungen, Nixenzauber aus Polesien, Cronopien und Esperanzen, Pappelglaube der Altgläubigen … Alles scheppert von rituell hinabgeworfenen Blecheimern, während ich, über Hirn und Pelzschöße stolpernd, zur rettenden Dickstirnigkeit der Regierungsarche renne.

So war es zuerst und später; ich gewöhnte mich an Internats seltsame Sitten. Türhaken zu, Schluss mit der Nachlässigkeit beim Kleinkaliber: dicker Glanz schweizerischer Gillette-Schmiere, Lauf magnetisiert, Visierung von Kennern düsterer Tötungskunst gerichtet, Geschossspitzen mit Wildererkreuzen für verborgene Sprengwirkung angesägt. Mein Auge traf den kugelig schwarzen Zielkreis im Flimmern der Ohrhöhlen jener Stadtwölfe, Waldhunde, die räuberisch meine Besitzgrenzen umstellten. Mein Gewehrchen tickte wachsam, zerteilte Teufelsschatten, die grauen Schaum blutigen Schnees aufrissen.

Dezember und Januar schlichen vorbei, Deserteure und Überläufer; Schneefegwind und eisbildender Frost, der umgebende Kosmos, heizten die trüben Öfen.

Im Dunkeln kam sie in einem Pelzchen, Hasenpfoten am Monogramm des Nachthemds — völlig entstellt vor Angst! Sie brauchte Medikamente, viele, Fiebersenker, Verbandszeug. Ich kramte in Vorräten, man weiß ja nie wofür in unserem finsteren Reich, gab alles Vorhandene. Im Haus sah man stotternde Bewegung, es wehte unbestimmter Angstgeruch herüber.

Am nächsten Tag war ich in der Stadt, kaufte erhältliche Arzneien, das Nachtgespenst im Sinn. Abends klapperte ich an ihrem Gartentor, trat einen heranrollenden Kläffer weg und ging in den Vorraum: feuchter Pferdeatem nahbei, frostiges Klacken versetzter Hufeisen, unausrottbarer Soldatenquartiergeruch.

Niemand in der Stube. Gewaltige Speisen dampfen auf dem gelb geschabten Tisch: Pastetenstapel unter der Herzlichkeit eines Sticktuchs, Gusseisentopf wohl mit Schtschi, tiefgefrorener Kohl mit purpurnen Preiselbeertropfen und grünen Kundschaftern knackiger Gurken im hölzernen Einbaum … Wozu diese Heimsuchung?

Zögernd rief ich die Bewohner in den verdächtig bröckelnden Fenster- und Winkeldämmer, schob einen chinesischen Schirm mit still lächelnden Pfauen beiseite und trat dahinter. Ein kleines Zimmer, dort sah ich ihn: wie schlafend, zu einem irren Leidenszeichen geöffnet, längs und quer durchschossen, den schweren Schienenstrang eines verbundenen Arms angelegt.

Die andere, bläulich und geschmeidig, zupfte auf der afrikanischen Zottigkeit der Decke am versiegelten Mauser-Umschlag. ACH, SIE SIND ES, WLADIMIR OSKAROWITSCH?! Der winterliche Mörder Ostsibiriens, mein alter Bekannter aus Wereiskis Kindheitsillustrationen zu „Der stille Don“, aus Jogansons „Verhör der Kommunisten“ …

Wie sollte ich das tierische Kardiogramm dieser Hände an der Oszillografenspitze einer Kavallerielanze vergessen, die das dünne Bäumchen meiner Wirbelsäule durchstrich? Mich, den gehetzten Wolf von neunzehnhundertachtzehn, im von Blut und tödlich gegorenem Wein geschwollenen, idiotisch hüpfenden Mantel inmitten der zottigen Felder aller Bürgerkriege?..

Ich erkannte alles sofort: Silber am Kosakensattel mit abgewetztem Sitz, Sporenflechtwerk an handschuhartig zerknüllten Stiefeln, Bananenbündel von Granaten, Kreuzung eiserner Patronenschienen, Mondsichel des Säbels mit gedrehter Bannerfaustriemenschlinge und natürlich die Schurkenuniform voller Kreuze und Aufnäher, nun müde auf Plastikbügeln gekreuzigt …

Sein Kopf steckt zwischen den Kniescheiben von Stereokopfhörern, die Drahtschlange läuft durch Glasfäden des Barts zu den Fahrradspulen des Tonbands. Das Gesicht, eine kupferne Buddhamaske, ist von blauen Augenentladungen durchbohrt. Er sieht mich, verbiegt rostiges Blech jenseitiger Worte, knetet die schwere Mauserbirne! Die Hörer brechen auseinander, rutschen vom zerrten Kopf, und über das ganze Afrika der Decke und Lärchenbohlen rollen Kupferrädchen von „… Gott, schütze den Zaren“.

Ich reiße mich aus dem niederträchtigen Versteck, zerreiße das blaue Netz der Träume und Zweifel. Fürstin Olga springt zurück, tritt mit einem Kübel ein, ganz blau vom Frost. Ich schlage die Arzneihandvoll mit Kainsmal auf die gelbe Platte, breche durch alle Türdickichte und gehe, ja gehe, mit dem stickigen Schal aus Dunkel und Schneesturm um den Hals in mein sterbliches Tal von Strom und Alarm. Der Wind kratzt mit Eisenstriegel Bürgerkriegstränen aus mir, ungeweint wegen jenes verfluchten Untergangs …

Gut! Ich zünde Trockenalkohol an, schlitze finnische Pfannkuchenkonserven auf, stochere mit dem Bajonett im duftenden Frost schwarzer Kaviarblöcke aus Regierungskellern! Ich heize das Badehaus, den goldenen Kern, rufe Wandersfrauen, Pilgerinnen, Pionierleiterinnen, Unterhalterinnen, Hexen. Die Nacht soll im blauen Feuer ihrer Röcke, Halstücher, Sackhüpfsäcke aufsteigen! Zerbröckle, mein Kummer, im Klappern ihrer Absätze, Turnschuhe, Hufchen!

Ich renne zum Tanz ins Erholungsheim „Lehrer“, gebe Wintores und Mützchen ab, nehme einem versehrten Afghanistankriegsveteranen das Beuteakkordeon und spiele zum Staunen Led Zeppelins „Stairway to Heaven“ — die sollen tanzen! Ich scheuche Partisanen von der Bargusin-Straße in wilde Täler, sperre außerirdische Willkür, zerschieße Stromleitungsisolatoren und trenne die Trauerbewohner von „Italienisch, vierzehntes Lernjahr“. Bürgerkontrolle in Bussen, alle fahrscheinlosen Saboteure hinaus: Nicht überall herumschleichen!..

Ich öffne die Armreifen des endlosen Winters, versenke bereifte Nachtringe im Erdinnern von Marja Iwanownas Brunnen, zerreiße die gedrehte Schnur blauer Trübsalstage mit schwarzem Straßenkreuz und Unentrinnbarkeit des ewigen Kreises. Leb wohl, Heizsaison! Ich rechne mit dir ab, Fürstin Winter! Sollten mir deine Kinder Dezember und Januar, deine alte Mutter Herbst leidtun? Ich richte den magnetisierten Lauf durchs halb offene Oberlicht meiner Stube oben …

Als Anbetung der Weisen im Schneefall: Hier deine Eimer schweren Ionenwassers, hier die falben Morgendekorationen … So zog mein eiserner Kornsoldat durch die Täler ihrer Beine, steinige Kniehänge, Hüften weit wie das Frühlingslied eines Pferdehirten, das lockige Geheimnis des verborgenen Hanfdreiecks zur braunen Bauchschräge, zur Partisanenflugplatzmulde zwischen zwei gedachten spitzen Fujiyamas, wo das silberne einmotorige Kreuz…chen… abhebt …

O Frau! Du bist mein Werchnjaja Berjosowka! Von Strelkas Fingerspitzen bis zu den Achselhöhlen der Kulakowski-Datschen und des Pionierlagers Saljut liebe ich dich, sehe teleskopisch nah jedes helle Federgrashärchen, die vulkanischen Gänsehautknötchen, selbst wenn Diamantenregen alles verdunkelt! Ich begriff den symmetrischen Weg: die LINIE, der GOLDENE SCHNITT DES WINTERS, das WELTZEICHEN YIN-YANG. Ja und nein, gerade und ungerade, Eis und Flamme, männlich und weiblich, himmlisch und irdisch …

So erstarrte die Welt am Gewicht meines Fingers, bewahrte die elastische Explosivität des Abzugssprinters. Ich dachte: Ein Augenblick gleich der Ewigkeit, Sekunde der Jahrhunderte, Atem eines gelebten Lebens. Mögen Hunde bellen, Busse ohne Fahrplan fahren und an Haltestellen alle Trauerbewohner zueinanderstreben: flüchtige Marsmenschen, jenseitige Häftlinge, muntere orientierungskundige Alte und finstere Skiwanderhexer …

Möge im September Tee mit Himbeermarmelade nicht kalt werden, mögen Pilze und Eingelegtes im Rosenklang der Epiphanie nicht säuern, warme Häuschen, Tänze im Erholungs- und Kulturhaus, Beuteakkordeon und liebe Unterhalterinnen nicht erlöschen. Dezember werde Januar, dann Februar und endlich März … Ich gehe! Alte Kohle sieben, unerträgliche Klötze spalten, klar, Misswirtschaft, die dummen, ungebrauchten Hausöfen heizen. Sonst entsteht im Universum ein kleines Loch, und hineingesogen fließt alles Einzige, Unglückliche, Böse, Meine …

Dorthin galoppiert der unheilvolle Stereoherrscher des gläsernen Sibiriens auf apokalyptischem Sarg hinter zwei regelbrechenden Pferden, gerade und ungerade, johlt und lässt mit frisch geflickter Hand die Peitsche verdrehter Schicksale kreischen. Fürstin Olga marschiert stumm alte Nunchakus schwenkend zur Endstation des Untergrundbusses. Die alte Herbst schleicht in jodverschmierter Tauchermaske auf lautlosem Nachtvideofahrrad mit Software-Druschba-Kettensäge unterm Arm. Dezember und Januar huschen als Waisenkinder in schneeweißen YAMAHA-Wattjacken, abgenommen elektrogetöteten Deserteuren, die ihren ewigen „Ein Herz und eine Krone“-Ferientag feiern.

So war es: Er galoppierte vorbei, in Weltrevolutionsglut und Fetzen zertrampelter Bataillone, sprang als Teufel aus der Tabakdose von Olgas Haus. Ich schleppte durchs Schneefeld meines Biofelds das Einkaufsnetz mit Kefir, er sprang als schwarzes Pferd um mich, klirrte mit Zäumen, Hufen, Lesginkas, Zähnen, Pelzmützen, Kreuzen und Säbeln, schoss aus allen Mausern wahllos ins Gotteslicht.

„He, du!“, rief ich seinem schwarzgeflügelten Lauf zu. „Schluss mit dem Theater, komm heute, wir heizen das Badehaus. Wasser schleppen, Holz spaltet sich zu zweit besser …“ „In Ooordnung!“, kochte er auf seiner schwarzen Pfanne kreiselnd, bäumte das Pferd als bestätigendes Ausrufezeichen und rollte Billardkugeln geschickten Galopps die Gasse seines weißgardistischen Bedarfs hinab.

Er kam tatsächlich abends, halb betrunken, heiter und wütend. Wollte Kater Mitka zerhacken, besann sich aber. Verstreute Faltenpelze, Granaten, Pelzmützen, spaltete einen Holzberg, zerbrach meine zwei „unhandlichen“ Äxte und mischte militärisch-sexuelle Folklore mit Wladimir-Solowjow-Zitaten. Wir spannten das Pferd vor den Schlitten und füllten rasch alle Gefäße am strengen Erdenbrunnen Marja Iwanownas. Das Badehaus summte wie eine Windrose, Dampf irrte und stolperte durch die Reliktwäldchen unserer Köpfe.

Ich schrubbte ihn mit der Kreissäge eines Pferdestriegels, einst bei der Ersten Reiterarmee erbeutet, wusch den Goldsand natürlicher Hautbräune. Ich ritt mit Bataillonen grüner Badezweige und sämtlichen Reserveregimentern gebrühten Siedewassers über ihn. Er wiederum würgte mich, alle Heiligen und Apostel nennend, mit dem Bügeleisen seiner Schwarzhunderthände. Nur einmal, darauf wartete ich, stolperte sein Herz beim tierischen Erinnern an das verhärtete Purpur des schrägen Risses, der meteoritenartig meinen Rücken umgepflügt hatte.

„Wer hat dir denn das so … verpasst?“, fragte er schwer, sich erinnernd. „Ja … war mal was“, antwortete ich und antwortete nichts, flach dampfend wie frisch verlegter Asphalt.

Dankbar schwiegen wir beide über die zottigen Felder aller Bürger- und vielleicht Sternenkriege. Wir saßen am äußersten Rand von Russlands brottragendem Tisch bei der kleinen Internatsration, die uns zugefallen war. Der Kater reiner Nacht floss als kosmische Offenbarung, fern schossen noch Waldaufseher, irgendwelche Fallschirmjäger quietschten hauchdünn.

Ich zündete Trockenalkohol an und lehrte ihn mechanische Pfannkuchen aus finnischen Dosen essen. Er stellte eine Viertel-Eimer-Flasche Selbstgebrannten hin, verteilte alles in 76 facettierte Schnapsgläser und kippte eines nach dem anderen, ich ließ jedes zweite aus. Olga setzte sich daneben, auf Frauenart freudig bekümmert. Mit verschlungenen Ärmeln rosa Stickhemden und wild ungemähten Stirnlocken sangen wir, wie Helden besonders beweglicher Truppen, ursprüngliche Kosakenlieder.

Fürstin Winter deckte uns Zerknüllte, Besorgte mit eisernem Zeitalter und Bärenfell einfacher Taten zu und ging mit glitschigem Maßband die Entfernungen zu warmen, zotteligen Menschenherzchen messen.

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