… Weiß schäumend donnert der Fluss über Steine. Der alte Reitpfad steigt auf und fällt bis ans Wasser. Ringsum tobt der transbaikalische Herbst.
Ebereschen hängen über dem Weg, reife dunkelkirschrote Preiselbeeren bilden einen Teppich. Zapfen an elastischen Zwergkiefern erinnern an Weihnachtsschmuck. Der Tuldun biegt scharf vor dem großen Strom. Den Bogen abschneidend führt der Pfad zum Übergang.
Rucksäcke ab, Furt erkundet. Der Stärkste und Erfahrenste geht zuerst. Gennadi Pawlow tritt mit Sicherungsseil hinter sich in die Strömung, tastet mit dem Fuß und nähert sich dem mindestens vierzig Meter entfernten Ufer.
In der Mitte stolpert er offenbar und schwankt. Der Strom scheint ihn umwerfen zu wollen. Diesmal geht es gut. Nach endlosen Minuten steht er im Flachen. Wir atmen auf.
Wie eine klingende Bogensehne spannt sich das Seil: Ein Geländer ist da. Gennadi Koslowski aus Krasnogorsk bei Moskau folgt. Nun ist Zeit, meine Begleiter vorzustellen.
Koslowski war öfter in Burjatien. Zusammen erkundeten wir Swjatoi Nos, das wilde Bargusingebirge und das Vulkan-Tal im Ostsajan. Er ist der Älteste und Verlässlichste. Wiktor Koslow folgt, am Seil eingeklinkt.
Wiktor geht sonst zuletzt, überladen mit Kameratechnik. Dafür bringt er Ausstellungsbilder mit. Vor dem nächsten Begleiter die Sicherungsverantwortliche: Irina Gofyngo.
Sie knüpft sicher, die Kameradensicherheit hängt daran. Auch Gitarre spielt sie ausgezeichnet und schreibt viele Wanderlieder. An Rastplätzen hören wir gern zu. Ihre knotenden Finger scheinen mir kunstvoll Saiten zu zupfen.
Hier entstand ihr Lied „Muja-Land“. Nacheinander queren die Begleiter gesichert. Nadeschda Wenediktowa und Tamara Kokorina sind der Kern. Hunderte schwere Kilometer: frieren unter Sajanpässen, Septemberregen im Bargusin, Sommerschnee auf Gletschern des Topografengipfels.
Dazu zwei Tatjanas!!! Petrowa und Schidiljowa. Doch zurück zum Fluss: Ich bleibe allein.
Jetzt ich. Das am Stein befestigte Ende lösen, Brustgurt binden, hinein. Die Wassermasse lastet schwer. Vom Gegenufer werde ich gesichert.
Bald sammeln wir uns auf steiniger Untiefe und ordnen die Rucksäcke. Oberhalb des Hangs eine andere Welt! Vorher weiche Taigasümpfe, hier weite Wiesen, helle Birken, Blumen, Heuduft… So begegneten wir der lange erträumten Vielversprechenden Kiesbank.
Erste Goldsucher waren wohl mit ihren Lederbeuteln zufrieden und nannten die gütige Bank dankbar und hoffnungsvoll. Alte Leute sagten aber: „Vielversprechend, wenig gebend“. Die Sucher zogen längst in Baunts Wälder, um ihre Beutel zu füllen. Unterhalb des Tuldun liegt wohl eine der schönsten Witimstellen.
Ein breiter Flussquerschnitt, eigenartige Hänge, eine riesige Kies- und Blockbank weit im Bett: Sie rahmt den Bogen mit Wellen der Tuldun-Stromschnelle. Vor uns der Witim, Vorbild für Schischkows „Düsteren Strom“. Vor Abreise notierte ich: „Weit, wild, majestätisch war das Bild. Die gleitende Wassermasse schloss sich auf einer Seite an felsiges Waldufer, auf der anderen an den blauen Horizont.
Abends wanderten fern Nebel. Im Morgenrot zogen tiefe Wolken. Mit der Sonne begann stets leichter Wind. Die Kräuselungen glühten…“
Ist das nicht der Witim, wie ich ihn von der Vielversprechenden Bank sah? Jahre vergehen; Erinnerung bewahrt Übergang, Heuduft und glückliche Wandertage im Herbst 1989.

@nevsky_alexander
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